Samstag, 15. Juli 2017

Die doppelte Hose

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
es ist wieder Reizwortgeschichten-Tag. Und da in verschiedenen Bundesländern bereits die Sommerferien begonnen haben, geht es auch in meiner heutigen Geschichte noch einmal um Urlaub.
Allerdings - der Urlaub von Hartmut und Henrike ist bereits zu Ende. Am letzten Urlaubstag genießen die beiden noch einmal ihren Abendspaziergang - und erleben dabei eine faustdicke Überraschung ...
Aber lest selbst!
 
 
Und vergesst nicht, auch bei meinen Blogfreundinnen 
 
  Lore

vorbeizuschauen - vielleicht gibt es ja auch dort eine neue Geschichte!

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen und ein schönes Wochenende. 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
Die  Reizwörter zur heutigen Geschichte lauten:
 
Kneipe - Fest - glücklich - raten -folgen


Die doppelte Hose 
 

„Morgen um diese Zeit sind wir schon wieder zu Hause!" Mit einem abgrundtiefen Seufzer lässt Henrike sich auf die Parkbank fallen, streift die Riemchensandalen mit den viel zu hohen Hacken ab und stellt die nackten Füße ins Gras. „Am liebsten würde ich hier ewig sitzen bleiben!"
„Würdest du nicht! Spätestens in drei Stunden schreist du nach der nächsten Mahlzeit!", bemerkt ihr Gatte wenig galant.
„Ich glaube eher, umgekehrt wird ein Schuh draus!" kontert Henrike. „Du bist doch immer der erste an der Imbissbude, oder du hast ein Eis in der Hand, obwohl wir erst vom Essen aufgestanden sind! Und leider sieht man es dir kein bisschen an ..."
Sie kann sich eines leisen Neidgefühls nicht erwehren. Denn während Hartmut bei einer einzigen Mahlzeit Portionen verdrücken kann, die ihr den ganzen Tag reichen würden, ist er schlank wie eine Tanne, während sie selbst  ... nun ja, sie ist nicht gerade „fett" - aber ihr ausgeprägtes Hinterteil hat ihr schon in der Grundschule den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Pferd" eingetragen.  Darunter leidet sie noch heute, und jede Bemerkung hinsichtlich ihres Appetits nimmt sie übel. Doch heute Abend sieht sie ausnahmsweise darüber hinweg. Sie will sich und Hartmut nicht den letzten Urlaubstag mit einem handfesten Streit vermiesen.
Sie hatten es sich angewöhnt, nach dem Abendessen noch einen längeren Spaziergang zu machen. Nicht nur, um die Kalorien der täglichen  Fünf-Gänge-Menüs wenigstens ein kleines bisschen zu reduzieren.  Nein, es machte auch einfach Spaß, durch den  Ort zu spazieren und irgendwo auf einer Parkbank - mit einem Eis in der Hand - die Vorübergehenden zu beobachten. In südlichen Ländern konnte man die halbe Nacht über die Shopping-Meile ziehen, in irgendeiner Kneipe einen Cocktail oder einen Espresso zu sich nehmen und das Leben genießen ... Hier im Gebirge wurden die Gehsteige dagegen spätestens um elf hochgeklappt, und es kehrte Ruhe im Ort ein.
„Wieso machen wir das eigentlich zu Hause nie?", fragt Henrike plötzlich.
„Was?" Hartmut - abrupt aus der Beobachtung eines jungen Pärchens gerissen, das eng umschlungen ein üppiges Rosenbeet bewundert - sieht seine Frau fragend an.
„Einen Abendspaziergang machen", hilft Henrike ihrem Gatten auf die Sprünge.
„Weil wir zu bequem sind", antwortet Hartmut. Oder zu müde. Weil irgendwas Interessantes im Fernsehen kommt. Weil du endlos mit einer deiner Freundinnen telefonierst. Gründe dafür gibt es viele ..."
„Du hast Recht", seufzt Henrike.
Schau dir mal die beiden da an!“ Hartmut deutet auf das Pärchen, das immer noch völlig versunken vor der Rosenrabatte steht. „Die sehen so richtig glücklich aus!"
„So waren wir auch mal, erinnerst du dich? In unserem ersten gemeinsamen Urlaub am Gardasee? Lang, lang ist’s her ... Damals sind wir mit dem Schlauchboot so weit rausgefahren, dass die italienische Wasserwacht uns zurückholen musste, weil uns zum Paddeln die Kraft gefehlt hat!"
„Die haben wir ja auch für was anderes gebraucht!" Hartmut grinst anzüglich.
Das Pärchen ist inzwischen weitergegangen. Stattdessen prescht mit Karacho ein Feuerwehrauto die Straße entlang. Die Männer fahren ohne Blaulicht und Martinshorn, sind also nicht im Einsatz. Plötzlich tritt der Fahrer auf die Bremse und  hält unmittelbar neben dem Eiswagen, der  jeden Tag ab Mittag bis zehn Uhr abends an der Hauptstraße steht. Wie auf Kommando werden die Türen aufgerissen und eine Horde Feuerwehrmänner in Uniform entert die Eisbude, amüsiert beobachtet von Dutzenden Touristen, die an den Geschäften entlang flanieren.
„Das erinnert mich an einen Bericht in unserer Zeitung zu Hause, nach dem angeblich zwei Polizisten mit Blaulicht und Martinshorn durch die Stadt gedonnert sind, damit ihre Pizza nicht kalt wird!", lacht Henrike.
Nachdem die Feuerwehrmänner mit ihren Eistüten wieder in ihr Fahrzeug gestiegen sind, marschiert auch Hartmut an die Eisbude und kommt kurz danach mit zwei Eisbechern zurück. Einen davon reicht er Henrike.
„Zwei Kugeln Holundereis mit Sahne für die Dame!" sagt er galant.
„Na, hoffentlich bringe ich das noch irgendwo unter!", meint Henrike skeptisch. „Ich bin noch pappsatt vom Abendessen!"
„Och - das schmilzt doch beim Essen und rutscht irgendwo dazwischen!" Hartmut lacht verschmitzt und beginnt genüsslich zu löffeln.
Während die beiden ihr Eis schlecken, fällt ihnen auf, dass ein Großteil der Menschen, die bisher plan- und ziellos durch die Geschäftsstraßen geschlendert sind, plötzlich die Richtung ändern und zum Kurpark streben. Gleichzeitig ist von irgendwoher Livemusik zu hören.
Wie elektrisiert springt Henrike auf. „Das muss aus dem Kurpark kommen. Hast du es heute Morgen nicht gelesen? In dem Blättchen, das immer am Frühstückstisch liegt? Heute Abend feiern sie die Mittsommernacht - mit einem riesigen Sonnwendfeuer!"
„Und du denkst, die lassen dich da rein in deinem Papageien-Outfit?", fragt Hartmut mit einem zweifelnden Blick auf die knallbunte Sommerhose mit dem Dschungelmuster, die  seine Frau in den letzten Tagen mit Vorliebe getragen hat.
Das Fest findet im Freien statt!", belehrt Henrike ihren Gatten. „Oder denkst du, die zünden das Sonnwendfeuer im Kursaal an?  Im Übrigen - deine Gewandung ist auch nicht gerade für einen Besuch im Opernhaus geeignet!“
Das allerdings stimmt. Hartmut trägt eine dreiviertellange Hose in staubgrau. Dünner, schlabbriger Stoff, jede Menge vollgestopfte Taschen mit Reißverschluss, in denen er alles unterbringt, was er für eine 3-Tages-Tour benötigen könnte. Oberhalb der Knöchel sind einige Zentimeter Haut zu sehen, bevor das Ganze in graue Söckchen und Halbschuhe übergeht. Für eine Wanderung im Gebirge prima - aber als Abend-Outfit ... naja ...
„Die ist eben bequem!", verteidigt Hartmut seine  Lieblingshose. „Es ist die einzige, die ich noch anziehen kann, weil man den Schmutz nicht sieht ..."
„Siehste - aus dem gleichen Grund habe ich meine „Papageienhose" an. Da sieht man überhaupt keine Flecken!", triumphiert Henrike.
Also schön - sehen wir uns das Spektakel an!" Hartmut wirft die leeren Eisbecher in den nächsten Papierkorb, ehe sie dem Strom der Menschen folgen.
Am hinteren Ende des Kurparks - dort, wo die Wiesen und Äcker der ortsansässigen Bauern beginnen - ist ein riesengroßer Stapel aus Baumstämmen, abgesägten Ästen, Heckenschnitt und sonstigem Gartenabfall aufgetürmt. Offensichtlich wird das Sonnwendfeuer auch zur Vernichtung von Sperrmüll benutzt - an manchen Stellen lugen Bretter und kleinere Holzmöbel aus dem Haufen. Dahinter  - auf einem Wanderweg, der in Richtung Gebirge führt -  sind zwei Löschzüge der Feuerwehr postiert. Man kann schließlich nie wissen!
Der große, normalerweise leere Platz vor dem Kurhaus ist mit Unmengen von Biertischgarnituren bestückt, auf denen es sich die Besucher bequem gemacht haben. Die Terrasse des Kurhauses dient als Bühne. Hier residiert die Sechs-Mann-Band, deren Darbietung Henrike und Hartmut hierher gelockt hat.  Sogar eine provisorische Tanzfläche aus Holzbohlen ist vorhanden. Die ist aber momentan noch leer. Viele Besucher haben Teller mit Essen vor sich stehen und stärken sich, bevor sie sich ins Getümmel stürzen. Andere laufen umher auf der Suche nach einem freien Platz. Es ist ein Gewusel wie in einem Ameisenhaufen.
„Schau mal, da läuft deine Hose!", ruft Hartmut plötzlich und deutet auf die Menschenmenge vor ihnen.
Tatsächlich! Ein paar Meter entfernt kommt ihnen ein händchenhaltendes Paar  entgegen, dessen weiblicher Part genau die gleiche Hose mit dem wilden Dschungelmuster trägt wie Henrike.
Die fremde Frau hat offenbar Hartmuts Ausruf gehört. Irritiert bleibt sie stehen, schaut an sich herunter, dann zu Henrike - und fängt an zu lachen. Sekunden später stehen die beiden Frauen einander gegenüber.
„Ich werd‘ verrückt! Henrike starrt die andere völlig entgeistert an. „Das ist doch ... Dagmar! Bist du es wirklich - oder sehe ich einen Geist?"
„Henrike! Das kann doch nicht wahr sein!"
„Ihr kennt euch?", fragt Hartmut verdutzt.
„Oh ja. Seit mehr als vierzig Jahren! wir haben uns in der Handelsschule kennen gelernt - gleich am ersten Schultag.  Wir haben gemeinsam gebüffelt und uns zusammen durch die Mittlere Reife gehangelt. Unsere Klassenkameraden nannten uns damals „Siamesische Zwillinge", weil wir ständig aneinander hingen, uns die gleichen Klamotten kauften, und eine ohne die andere nicht denkbar war ..."
„Nach der Abschlussprüfung haben wir uns aus den Augen verloren", ergänzt  Dagmar. „Ich habe die Stadt verlassen und bin zu meinem damaligen Freund nach Berlin gezogen. Henrike ist geblieben ... Wir haben uns bei der 25-Jahr-Feier unserer Abschlussprüfung zum letzten Mal gesehen. Das müssen jetzt - warte mal - ja, neunzehn Jahre ist das her!"
 „Nicht zu fassen - ausgerechnet hier treffen wir uns so unvermutet wieder. Und die gleichen Klamotten tragen wir immer noch!" lacht Henrike. „Übrigens - darf ich dir meinen Mann Hartmut vorstellen?"
„Neiiiiiin!" Dagmars Schrei übertönt sogar die Rockmusik, die von der Bühne herunter dröhnt.
„Was ist?", fragt Henrike irritiert.
Henrike - das ist mein Mann. Und rate mal, wie er heißt!"
„Etwa auch - Hartmut?"
Die Freundin nickt wortlos.
„Das  muss aber unbedingt begossen werden!"
Die Freundinnen haken sich unter. Erstaunte Blicke folgen den beiden Frauen in ihren schreiend bunten Schlabberhosen, die zielstrebig eine noch nicht besetzte Bierbank ansteuern - im Schlepptau zwei fassungslose Ehemänner, die den gleichen Vornamen tragen.
„Bleibt ihr noch länger hier?", will Dagmar wissen, als alle Platz genommen haben.
„Leider nicht. Heute ist unser letzter Urlaubstag. Morgen früh reisen wir ab!", bedauert Henrike.
„Wir auch! Aber vorher feiern wir noch unsere Hosen", meint Dagmar.  „Ohne die wären wir vielleicht aneinander vorbeigelaufen!"
„Und wir tauschen unsere Adressen aus“, ergänzt Henrike. „Damit wir uns nicht wieder aus den Augen verlieren können!"

 
© Christine Rieger / 2017
 

 

 
 
 






 


 
 



 












 






 

Kommentare:

  1. Soooo ein Zufall! --- Großartig! Ich konnte mir die beiden in ihren Outfits soooo gut vorstellen und dass ein Eis immer noch irgendwie dazwischen rutscht, das kenne ich auch!! :-) Tolle Geschichte! Mit breitem Grinsen gelesen! :-) LG Martina

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  2. Hallo, Martina,
    das mit der Hose ist tatsächlich passiert - in unserem letzten Urlaub in Oberstdorf! Das andere ist natürlich erfunden.
    Ich hatte eine wildbunte, sehr auffällige Hose an, mein Mann und ich saßen vor unserem Hotel auf einer Parkbank - und da kam eine Frau vorbei, die exakt die gleiche Hose trug! Was DAS ein Gelächter!
    Wir haben sogar Fotos davon - aber da ich die Frau nicht kenne und auch nicht fragen kann, darf ich natürlich das entsprechende Foto nicht veröffentlichen.
    Das war der Aufhänger für diese Geschichte ...
    Liebe Grüße, und - danke fürs Lesen!
    Christine

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  3. Liebe Christine,
    das ist wieder eine sehr amüsante Geschichte, die mir richtig gut gefallen hat. super geschrieben, kurzweilig und lustig!
    Liebe Grüße
    Regina

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    1. Liebe Regina,
      dass ich über die "doppelte Hose" eine Geschichte schreiben MUSS, war mir in dem Augenblick klar, als ich diese Begebenheit erlebte. Die Reizwörter darin unterzubringen, war die eigentliche Herausforderung ...
      Aber ich freue mich, dass Dir das Ergebnis gefällt!
      Liebe Grüße
      Christine

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  4. Liebe Christine,
    auch ich habe Deine Geschichte mit einem Grinsen gelesen. Normalerweise ist es Frauen irgendwie peinlich, wenn ihnen jemand mit dem gleichen Outfit gegenübersteht. Aber in diesem Fall ist es einfach nur schön. Schön, dass sich die beiden Freundinnen wieder getroffen haben. Die Freude des Wiedersehens wird sogar durch das gleiche Outfit noch gesteigert und zeugt davon wie gut die beiden doch harmoniert haben und wahrscheinlich dies immer noch tun. Und der selbe Vorname, den die Ehemänner tragen ist dann noch das I-Tüpfelchen. Danke für diese sooo lebendige Geschichte.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid,
      mir ist das schon mehrfach passiert, dass mir eine andere Frau gegenüber stand, die zufällig das gleiche T-Shirt oder die gleiche Hose anhatte. Peinlich war mir das nie - im Gegenteil. Ich fand es immer lustig! Und seltsamerweise die anderen Frauen auch ...
      Ich freue mich, dass Dir meine Geschichte gefallen hast und bedanke mich herzlich für Deinen Besuch!
      Liebe Grüße
      Christine

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  5. Liebe Christine, was für ein toller Zufall. Hoffentlich verlieren die Zwei nicht mehr aus den Augen, das wäre doch schade. Liebe Grüße Eva

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    1. Hallo, Eva,
      nein - die beiden werden sich nicht mehr verlieren. Sie haben doch ihre Adressen ausgetauscht ...
      Liebe Grüße in den kühlen Norden ...
      Christine

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  6. Wieder mal so eine Christine Geschichte, wie ich sie liebe, langweilig wird es bei dir nie. Habe mich köstlich amüsiert und was für eine Idee mit den Hosen.
    Weißt wo ich besodners Laut gelacht habe: ...."oder du telefonierst wieder stundenlange mit deinen Freundinnen.LGLore

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    1. Liebe Lore,
      das war keine Idee, sondern ein Tatsachenbericht! Zumindest das mit den Hosen ist mir in unserem letzten Urlaub wirklich passiert ...
      Und das mit den stundenlangen Telefonaten habe ich extra Deinetwegen reingeschrieben! **laaaach**
      Liebe Grüße
      Christine

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