Samstag, 15. Juli 2017

Die doppelte Hose

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
es ist wieder Reizwortgeschichten-Tag. Und da in verschiedenen Bundesländern bereits die Sommerferien begonnen haben, geht es auch in meiner heutigen Geschichte noch einmal um Urlaub.
Allerdings - der Urlaub von Hartmut und Henrike ist bereits zu Ende. Am letzten Urlaubstag genießen die beiden noch einmal ihren Abendspaziergang - und erleben dabei eine faustdicke Überraschung ...
Aber lest selbst!
 
 
Und vergesst nicht, auch bei meinen Blogfreundinnen 
 
  Lore

vorbeizuschauen - vielleicht gibt es ja auch dort eine neue Geschichte!

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen und ein schönes Wochenende. 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
Die  Reizwörter zur heutigen Geschichte lauten:
 
Kneipe - Fest - glücklich - raten -folgen


Die doppelte Hose 
 

„Morgen um diese Zeit sind wir schon wieder zu Hause!" Mit einem abgrundtiefen Seufzer lässt Henrike sich auf die Parkbank fallen, streift die Riemchensandalen mit den viel zu hohen Hacken ab und stellt die nackten Füße ins Gras. „Am liebsten würde ich hier ewig sitzen bleiben!"
„Würdest du nicht! Spätestens in drei Stunden schreist du nach der nächsten Mahlzeit!", bemerkt ihr Gatte wenig galant.
„Ich glaube eher, umgekehrt wird ein Schuh draus!" kontert Henrike. „Du bist doch immer der erste an der Imbissbude, oder du hast ein Eis in der Hand, obwohl wir erst vom Essen aufgestanden sind! Und leider sieht man es dir kein bisschen an ..."
Sie kann sich eines leisen Neidgefühls nicht erwehren. Denn während Hartmut bei einer einzigen Mahlzeit Portionen verdrücken kann, die ihr den ganzen Tag reichen würden, ist er schlank wie eine Tanne, während sie selbst  ... nun ja, sie ist nicht gerade „fett" - aber ihr ausgeprägtes Hinterteil hat ihr schon in der Grundschule den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Pferd" eingetragen.  Darunter leidet sie noch heute, und jede Bemerkung hinsichtlich ihres Appetits nimmt sie übel. Doch heute Abend sieht sie ausnahmsweise darüber hinweg. Sie will sich und Hartmut nicht den letzten Urlaubstag mit einem handfesten Streit vermiesen.
Sie hatten es sich angewöhnt, nach dem Abendessen noch einen längeren Spaziergang zu machen. Nicht nur, um die Kalorien der täglichen  Fünf-Gänge-Menüs wenigstens ein kleines bisschen zu reduzieren.  Nein, es machte auch einfach Spaß, durch den  Ort zu spazieren und irgendwo auf einer Parkbank - mit einem Eis in der Hand - die Vorübergehenden zu beobachten. In südlichen Ländern konnte man die halbe Nacht über die Shopping-Meile ziehen, in irgendeiner Kneipe einen Cocktail oder einen Espresso zu sich nehmen und das Leben genießen ... Hier im Gebirge wurden die Gehsteige dagegen spätestens um elf hochgeklappt, und es kehrte Ruhe im Ort ein.
„Wieso machen wir das eigentlich zu Hause nie?", fragt Henrike plötzlich.
„Was?" Hartmut - abrupt aus der Beobachtung eines jungen Pärchens gerissen, das eng umschlungen ein üppiges Rosenbeet bewundert - sieht seine Frau fragend an.
„Einen Abendspaziergang machen", hilft Henrike ihrem Gatten auf die Sprünge.
„Weil wir zu bequem sind", antwortet Hartmut. Oder zu müde. Weil irgendwas Interessantes im Fernsehen kommt. Weil du endlos mit einer deiner Freundinnen telefonierst. Gründe dafür gibt es viele ..."
„Du hast Recht", seufzt Henrike.
Schau dir mal die beiden da an!“ Hartmut deutet auf das Pärchen, das immer noch völlig versunken vor der Rosenrabatte steht. „Die sehen so richtig glücklich aus!"
„So waren wir auch mal, erinnerst du dich? In unserem ersten gemeinsamen Urlaub am Gardasee? Lang, lang ist’s her ... Damals sind wir mit dem Schlauchboot so weit rausgefahren, dass die italienische Wasserwacht uns zurückholen musste, weil uns zum Paddeln die Kraft gefehlt hat!"
„Die haben wir ja auch für was anderes gebraucht!" Hartmut grinst anzüglich.
Das Pärchen ist inzwischen weitergegangen. Stattdessen prescht mit Karacho ein Feuerwehrauto die Straße entlang. Die Männer fahren ohne Blaulicht und Martinshorn, sind also nicht im Einsatz. Plötzlich tritt der Fahrer auf die Bremse und  hält unmittelbar neben dem Eiswagen, der  jeden Tag ab Mittag bis zehn Uhr abends an der Hauptstraße steht. Wie auf Kommando werden die Türen aufgerissen und eine Horde Feuerwehrmänner in Uniform entert die Eisbude, amüsiert beobachtet von Dutzenden Touristen, die an den Geschäften entlang flanieren.
„Das erinnert mich an einen Bericht in unserer Zeitung zu Hause, nach dem angeblich zwei Polizisten mit Blaulicht und Martinshorn durch die Stadt gedonnert sind, damit ihre Pizza nicht kalt wird!", lacht Henrike.
Nachdem die Feuerwehrmänner mit ihren Eistüten wieder in ihr Fahrzeug gestiegen sind, marschiert auch Hartmut an die Eisbude und kommt kurz danach mit zwei Eisbechern zurück. Einen davon reicht er Henrike.
„Zwei Kugeln Holundereis mit Sahne für die Dame!" sagt er galant.
„Na, hoffentlich bringe ich das noch irgendwo unter!", meint Henrike skeptisch. „Ich bin noch pappsatt vom Abendessen!"
„Och - das schmilzt doch beim Essen und rutscht irgendwo dazwischen!" Hartmut lacht verschmitzt und beginnt genüsslich zu löffeln.
Während die beiden ihr Eis schlecken, fällt ihnen auf, dass ein Großteil der Menschen, die bisher plan- und ziellos durch die Geschäftsstraßen geschlendert sind, plötzlich die Richtung ändern und zum Kurpark streben. Gleichzeitig ist von irgendwoher Livemusik zu hören.
Wie elektrisiert springt Henrike auf. „Das muss aus dem Kurpark kommen. Hast du es heute Morgen nicht gelesen? In dem Blättchen, das immer am Frühstückstisch liegt? Heute Abend feiern sie die Mittsommernacht - mit einem riesigen Sonnwendfeuer!"
„Und du denkst, die lassen dich da rein in deinem Papageien-Outfit?", fragt Hartmut mit einem zweifelnden Blick auf die knallbunte Sommerhose mit dem Dschungelmuster, die  seine Frau in den letzten Tagen mit Vorliebe getragen hat.
Das Fest findet im Freien statt!", belehrt Henrike ihren Gatten. „Oder denkst du, die zünden das Sonnwendfeuer im Kursaal an?  Im Übrigen - deine Gewandung ist auch nicht gerade für einen Besuch im Opernhaus geeignet!“
Das allerdings stimmt. Hartmut trägt eine dreiviertellange Hose in staubgrau. Dünner, schlabbriger Stoff, jede Menge vollgestopfte Taschen mit Reißverschluss, in denen er alles unterbringt, was er für eine 3-Tages-Tour benötigen könnte. Oberhalb der Knöchel sind einige Zentimeter Haut zu sehen, bevor das Ganze in graue Söckchen und Halbschuhe übergeht. Für eine Wanderung im Gebirge prima - aber als Abend-Outfit ... naja ...
„Die ist eben bequem!", verteidigt Hartmut seine  Lieblingshose. „Es ist die einzige, die ich noch anziehen kann, weil man den Schmutz nicht sieht ..."
„Siehste - aus dem gleichen Grund habe ich meine „Papageienhose" an. Da sieht man überhaupt keine Flecken!", triumphiert Henrike.
Also schön - sehen wir uns das Spektakel an!" Hartmut wirft die leeren Eisbecher in den nächsten Papierkorb, ehe sie dem Strom der Menschen folgen.
Am hinteren Ende des Kurparks - dort, wo die Wiesen und Äcker der ortsansässigen Bauern beginnen - ist ein riesengroßer Stapel aus Baumstämmen, abgesägten Ästen, Heckenschnitt und sonstigem Gartenabfall aufgetürmt. Offensichtlich wird das Sonnwendfeuer auch zur Vernichtung von Sperrmüll benutzt - an manchen Stellen lugen Bretter und kleinere Holzmöbel aus dem Haufen. Dahinter  - auf einem Wanderweg, der in Richtung Gebirge führt -  sind zwei Löschzüge der Feuerwehr postiert. Man kann schließlich nie wissen!
Der große, normalerweise leere Platz vor dem Kurhaus ist mit Unmengen von Biertischgarnituren bestückt, auf denen es sich die Besucher bequem gemacht haben. Die Terrasse des Kurhauses dient als Bühne. Hier residiert die Sechs-Mann-Band, deren Darbietung Henrike und Hartmut hierher gelockt hat.  Sogar eine provisorische Tanzfläche aus Holzbohlen ist vorhanden. Die ist aber momentan noch leer. Viele Besucher haben Teller mit Essen vor sich stehen und stärken sich, bevor sie sich ins Getümmel stürzen. Andere laufen umher auf der Suche nach einem freien Platz. Es ist ein Gewusel wie in einem Ameisenhaufen.
„Schau mal, da läuft deine Hose!", ruft Hartmut plötzlich und deutet auf die Menschenmenge vor ihnen.
Tatsächlich! Ein paar Meter entfernt kommt ihnen ein händchenhaltendes Paar  entgegen, dessen weiblicher Part genau die gleiche Hose mit dem wilden Dschungelmuster trägt wie Henrike.
Die fremde Frau hat offenbar Hartmuts Ausruf gehört. Irritiert bleibt sie stehen, schaut an sich herunter, dann zu Henrike - und fängt an zu lachen. Sekunden später stehen die beiden Frauen einander gegenüber.
„Ich werd‘ verrückt! Henrike starrt die andere völlig entgeistert an. „Das ist doch ... Dagmar! Bist du es wirklich - oder sehe ich einen Geist?"
„Henrike! Das kann doch nicht wahr sein!"
„Ihr kennt euch?", fragt Hartmut verdutzt.
„Oh ja. Seit mehr als vierzig Jahren! wir haben uns in der Handelsschule kennen gelernt - gleich am ersten Schultag.  Wir haben gemeinsam gebüffelt und uns zusammen durch die Mittlere Reife gehangelt. Unsere Klassenkameraden nannten uns damals „Siamesische Zwillinge", weil wir ständig aneinander hingen, uns die gleichen Klamotten kauften, und eine ohne die andere nicht denkbar war ..."
„Nach der Abschlussprüfung haben wir uns aus den Augen verloren", ergänzt  Dagmar. „Ich habe die Stadt verlassen und bin zu meinem damaligen Freund nach Berlin gezogen. Henrike ist geblieben ... Wir haben uns bei der 25-Jahr-Feier unserer Abschlussprüfung zum letzten Mal gesehen. Das müssen jetzt - warte mal - ja, neunzehn Jahre ist das her!"
 „Nicht zu fassen - ausgerechnet hier treffen wir uns so unvermutet wieder. Und die gleichen Klamotten tragen wir immer noch!" lacht Henrike. „Übrigens - darf ich dir meinen Mann Hartmut vorstellen?"
„Neiiiiiin!" Dagmars Schrei übertönt sogar die Rockmusik, die von der Bühne herunter dröhnt.
„Was ist?", fragt Henrike irritiert.
Henrike - das ist mein Mann. Und rate mal, wie er heißt!"
„Etwa auch - Hartmut?"
Die Freundin nickt wortlos.
„Das  muss aber unbedingt begossen werden!"
Die Freundinnen haken sich unter. Erstaunte Blicke folgen den beiden Frauen in ihren schreiend bunten Schlabberhosen, die zielstrebig eine noch nicht besetzte Bierbank ansteuern - im Schlepptau zwei fassungslose Ehemänner, die den gleichen Vornamen tragen.
„Bleibt ihr noch länger hier?", will Dagmar wissen, als alle Platz genommen haben.
„Leider nicht. Heute ist unser letzter Urlaubstag. Morgen früh reisen wir ab!", bedauert Henrike.
„Wir auch! Aber vorher feiern wir noch unsere Hosen", meint Dagmar.  „Ohne die wären wir vielleicht aneinander vorbeigelaufen!"
„Und wir tauschen unsere Adressen aus“, ergänzt Henrike. „Damit wir uns nicht wieder aus den Augen verlieren können!"

 
© Christine Rieger / 2017
 

 

 
 
 






 


 
 



 












 






 

Samstag, 1. Juli 2017

Endlich Urlaub ...


Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
heute ist der erste Juli - und damit nicht nur Reizwortgeschichten-Tag. Nein, heute fängt auch schon das zweite Halbjahr 2017 an!
 
Wo ist nur die Zeit geblieben? Die Sommer-Sonnenwende ist schon vorüber. Nur noch ein paar Wochen, und man wird schon deutlich merken, dass es am Abend früher dunkel wird ...
 
Aber - noch haben wir Sommer. Und damit Ferienzeit.
 
Mein Mann und ich haben unseren ersten Urlaub bereits hinter uns - und der hat mich zu meiner heutigen Reizwortgeschichte inspiriert. 
 
 
Dieses Mal standen folgende Reizwörter zur Verfügung:
 
Tour de France - Katzenpisse - ringen - passen - ungläubig




Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern und meinen Blog-Freundinnen ein erholsames Wochenende, einen schönen Sommer mit viel Sonnenschein - und natürlich viel Spaß beim Lesen!
 
Eure Geschichten-Erzählerin 

 Und hier geht es zu den Geschichten meiner Kolleginnen 
 
  Lore
 
 
 




Endlich Urlaub ...
„Kommst du morgen mit? Ich habe mir vorgenommen, mit dem Mountainbike aufs Oberjoch zu radeln!“ Jana legt ihr Besteck in den leergegessenen Teller zurück, wischt sich mit der Serviette sorgfältig den Mund ab, und sieht ihren Verlobten erwartungsvoll an.
„Nein!“ antwortet Lorenz einsilbig.
„Und warum nicht?“, will Jana wissen.
„Ich habe keine Lust!“
„Also, sehr gesprächig bist du ja gerade nicht!“, stellt Jana fest.
„Sei froh, dass ich nicht laut sage, was ich gerade denke!“ Lorenz steht auf, räumt das schmutzige Geschirr vom Tisch und stellt es in die Spüle. Wortlos nimmt er seine Regenjacke, die griffbereit an einem Haken neben der Türe hängt, und schlüpft in seine ausgelatschten Turnschuhe.
„Wo willst du hin?“ Alarmiert springt auch Jana auf.
„Ich muss an die frische Luft -  sonst ersticke ich noch!“
„Aber - es regnet in Strömen!“
„Immer noch besser als dieser widerliche Gestank hier drin!“
„Was ist denn heute bloß los mit dir? Du warst schon den ganzen Tag derart missgestimmt - du versaust uns noch den ganzen Urlaub ...“
„Wie bitte?“
Lorenz, bereits halb durch die Tür, dreht sich mit einem Ruck um. „Ich versaue uns den Urlaub?  - Sag mal, hast du sie eigentlich noch alle?“, schreit er Jana unvermittelt an. „Wer ist es denn, der hier einen auf „Action“ macht?  Seit einer Woche schleifst du mich jeden Tag auf einen anderen Berg. Aber nicht mit der Seilbahn - Neeeeein - das ist ja so unsportlich! Du rennst vorneweg, als bestünde deine komplette Ahnengalerie aus Gämsen und Bergziegen. Ich darf - den bleischweren Rucksack mit deinem Krempel auf dem Buckel  - hinter dir her hecheln, kriege kaum Luft, und wenn du dann mal geruhst, auf mich zu warten, habe ich nicht mal drei Minuten Zeit, um einen Schluck zu trinken! Oh nein - du drehst dich um und rennst weiter, ohne Rücksicht auf Verluste. Du hast dich ja inzwischen ausgeruht!“
Lorenz hat sich in Rage geredet.  „Beim Radfahren ist es  genau dasselbe“, räsoniert er weiter. „Du jagst davon, als ginge es um den Sieg bei der Tour de France, und  erwartest selbstverständlich, dass ich mithalten kann ...“
„Vielleicht hättest du dich zu Hause mal öfter aus dem Fernsehsessel bequemen sollen“, bemerkt Jana herablassend.  „Wie oft habe ich dich gebeten, mal mit zum Schwimmen oder zum Radfahren zu gehen. Aber du hast es ja vorgezogen, dir die Sportsendungen lieber im Fernsehen anzuschauen, und dich nebenbei mit Kartoffelchips vollzustopfen. Ist ja auch soooo viel bequemer!“
„Dafür hängst du ständig vor dem Computer und flirtest mit deinen  „Freunden“ in den sozialen Netzwerken!“ kontert Lorenz.
„Was soll ich denn sonst machen? Du redest ja höchstens mit mir, um mir zu erzählen, dass der Fußballverein xy schon wieder verloren hat, weil der Torwart ein Vollpfosten ist, der Schiedsrichter einen an der Waffel hat, oder weil die Spieler der gegnerischen Mannschaft neue Trikots tragen   - während dir nicht mal auffällt, wenn ich splitternackt durch die Wohnung laufe ... - aber das nur ganz nebenbei.“ Ungeduldig wirft Jana ihre dunklen Locken zurück, die ihr beim Reden in die Stirn gefallen sind.
„Was nun diese Reise anbelangt“, verteidigt sie sich, „waren wir uns doch einig, dass wir dieses Mal nicht wieder den ganzen Tag am Swimming-Pool herumhängen, Eis in uns hineinstopfen,  und hinterher jammern wollen, weil wir so viel zugenommen haben. Wir wollten zur Abwechslung mal einen Abenteuerurlaub erleben!“
DU warst dir einig!“ verbessert Lorenz eisig. „Ich bin ja nicht gefragt worden. Du hast kurzerhand diesen Urlaub gebucht, und fertig. So nach dem Motto „Vogel friss oder stirb“. Und ich war so dämlich, mitzufahren ...“
„Nun halt aber mal die Luft an! Du hast dich doch - wie üblich - um nichts gekümmert und es mir überlassen, eine Unterkunft zu suchen!“
 „Ich bin noch nicht fertig! Diese - ähm - „Behausung“, die sich großkotzig „Ferienwohnanlage“ nennt, ist nichts weiter als  ein  uralter Bauernhof, in dem man oberhalb der Tenne eine „Wohnung“ eingerichtet hat.  Ferienwohnung - Pfffffft!“  Lorenz spuckt das Wort geradezu aus.  „Bist du eigentlich hundertprozentig sicher, dass du nicht aus Versehen eine Katzenpension gebucht hast?“, fragt er verächtlich. „Ich meine ja nur - weil einem die Viecher nicht nur dauernd vor die Füße laufen, sondern vermutlich auch im Bett und auf den Sesseln herumfläzen. Überall kleben ellenlange Haare - und an meinen Klamotten mittlerweile auch. Außerdem stinkt die ganze Umgebung penetrant nach Katzenpisse! Er unterbricht seinen Wortschwall, um Atem zu holen.
„Das Bett stammt ganz offensichtlich noch aus der Zeit vor dem  ersten Weltkrieg“, schimpft er weiter, „und genauso alt sind vermutlich die Matratzen - besser gesagt, die Hängematten. Das sogenannte „Bad“ ist ein absoluter Witz - wenn jemand unter der Dusche steht, muss man die Türe offen lassen - und dann schwimmt jedes Mal das ganze Zimmer! Ganz abgesehen davon, dass von „Warmwasser“ noch niemand gehört zu haben scheint ...  - Vielleicht sollte ich ja noch dankbar sein, dass wir überhaupt eine Toilette haben, und nicht zur Verrichtung gewisser Bedürfnisse ein Plumpsklo mit Loch in der Mitte aufsuchen müssen! Am besten direkt neben dem Misthaufen - da fällt der Gestank nicht so auf ..."
„Bist du jetzt nicht bald mal fertig?", unterbricht Jana gereizt.
„Keineswegs!“ Lorenz steigert sich immer mehr in seinen Frust hinein. „Nachts kann ich nicht schlafen, weil unterm Dach die Mäuse und die Siebenschläfer und was weiß ich noch für Viehzeug haust, und die halbe Nacht herumkrakeelt. Jeden Tag finde ich irgendwo eine fette Spinne oder sonstiges ekelhaftes Viehzeug, das sich in diesem Gemäuer - wen wundert’s - pudelwohl fühlt. Und dann die Fliegen! Himmeldonnerwetter - ich komme mir vor wie ein Ochse im Stall. Nur hat der einen entscheidenden Vorteil:  er kann die Biester mit dem Schwanz wegwedeln ...“
Jana kämpft mit einem Lachanfall. Aber sie reißt sich eisern am Riemen. Nichts wäre schlimmer, als jetzt loszuwiehern!
„Schatz, nun sieh doch nicht alles gar so dramatisch!“, versucht sie ihren aufgebrachten Verlobten zu beruhigen. 
„Ich sehe es nicht dramatisch - es ist ein Drama!“, faucht Lorenz. „Anstatt in einem bequemen Liegestuhl am Meer zu entspannen - oder zumindest in einem anständigen Hotel am Swimmingpool -,  hocke ich hier in diesem fliegenverseuchten Loch. Früh um drei plärrt der Hahn auf dem Mist  und weckt mich auf - falls ich überhaupt mal eingeschlafen bin. Wir müssen das Frühstück selber machen und abends kochen - genau wie zu Hause. Dann hätte ich auch gleich dort bleiben können! Das wäre noch billiger als diese Absteige hier! - Aber ich habe jetzt endgültig die Nase voll!“
Er reißt sich die Regenjacke wieder von den Schultern,  schleudert die Turnschuhe neben das Bett und klettert auf den einzigen wackligen Stuhl, um seinen Koffer vom Schrank zu angeln.
 
„Was soll das denn jetzt werden?“, fragt Jana.
 
„Ich haue ab hier, und zwar auf der Stelle!“  Mit einem Ruck reißt Lorenz die Schranktüre auf und wirft alles, was ihm in die Finger fällt, in den Koffer hinein - Schuhe, Wäsche, Handtücher, T-Shirts, Jacken, Hosen. Oben drauf schmeißt er Duschgel, Shampoo, Zahncreme, Kamm - das ganze Sortiment aus dem Bad. Dass eine der Flaschen auslaufen und der Inhalt seine Klamotten versauen könnte, ist ihm egal. Er hat nur noch einen Wunsch: weg von hier, und das sofort!
 
Schweigend beobachtet  Jana das Treiben ihres Freundes. Was soll sie nun tun? Eingestehen, dass sie im Unrecht ist? Ihm vorschlagen, morgen in ein Hotel zu ziehen? Sie hätte wissen müssen, dass Lorenz diese Art von „Abenteuerurlaub“ keinen Spaß macht. Oder ihn abreisen lassen - einfach so?
 
Die Entscheidung wird ihr abgenommen.
 
„Den Autoschlüssel!“, verlangt Lorenz, als er endlich seinen Koffer geschlossen hat.
 
„Du willst mich wirklich hier sitzen lassen?", fragt Jana ungläubig. "Ohne Auto? Das könnte dir so passen!“ Nun wird auch sie wütend. „Wenn du schon abhauen willst, dann nimm gefälligst den Zug - sonst bin ich in dieser Einöde  vollkommen aufgeschmissen - hier fährt ja noch nicht mal ein Bus!“
 
„Dein Problem!“, antwortet Lorenz gleichgültig. „Erstens: du hast uns dieses Dilemma hier eingebrockt. Zweitens: es ist mein Auto, mit dem wir hier sind - schon vergessen? Weil deine Staatskutsche ja schließlich nur  zum ständigen Putzen und zum Angeben da ist - so was popliges wie Reisegepäck hat darin nichts verloren. Mal ganz abgesehen davon, dass dein Kofferraum ja schon mit zwei Plastiktüten restlos überfordert ist! - Also, was ist - rückst du nun den Autoschlüssel raus?“
 
Er hält auffordernd die Hand auf.
 
Jana ringt mit sich. Minutenlang. Doch dann gibt sie nach, holt den Autoschlüssel aus dem Nachttisch und lässt ihn in seine Hand fallen.
 
„Ich wünsche dir noch viel Spaß in deinen geliebten Bergen!“ Lorenz wirft sich den vollgestopften Rucksack über die Schulter, schnappt  sich den Koffer und stößt mit einem Fuß die Türe auf.
 
„Ach - und weil wir schon dabei sind“, wirft er über die Schulter zurück, „kann ich auch gleich Tabula rasa machen. Die Hochzeit im September kannst du dir in die Haare schmieren - ich betrachte unsere Verlobung als erledigt. Und meinen nächsten Urlaub verbringe ich irgendwo am Meer - aber bestimmt nicht mit dir!“
 
 
© Christine Rieger / 2017