Montag, 15. Mai 2017

Muttertag mal anders ...


Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
gestern war bekanntlich Muttertag - einer von diesen Festtagen, die von manchen Müttern heiß geliebt, von anderen aber ebenso verabscheut werden.
 
Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Ich habe, wie Sarah, (eine der Protagonistinnen in meiner heutigen Geschichte), ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Feiertagen aller Art - sei es nun Weihnachten, Ostern, Mutter- oder Vatertag. Eben allen diesen erzwungenen Festen mit Familienstress und Geschenkezwang ... und ich versuche, dem möglichst großräumig aus dem Weg zu gehen!
 
Aber - sei's drum - das ist meine persönliche Meinung. Wer mag, darf sich ja gerne von seinen Lieben feiern und verwöhnen lassen!
 
In meiner heutigen Geschichte geht es - dank der vorgegebenen Reizwörter 
 
 
Flieder - Muttertag - spitzbübisch - mitteilsam - knurren
 
 
natürlich auch um den Muttertag.
 
Vier Freundinnen, die sich seit ihrer Einschulung kennen, und mit diesem Festtag so ihre eigenen Erfahrungen gemacht haben, beschließen, in diesem Jahr alles ganz anders zu machen ...
 
Aber lest selbst.
 
Viel Spaß - und bis zum nächsten Mal!
 
Eure Geschichten-Erzählerin  
 






Reizwortgeschichte 15.05.2017
 
Reizwörter: Flieder - Muttertag - spitzbübisch - mitteilsam - knurren
 
 
Muttertag mal anders ...
 
Sie waren das, was man „beste Freundinnen“ nennt. Seit dem Tag  ihrer Einschulung kannten sie sich  - Alina, Julia, Carolin und Jennifer. Gemeinsam hatten sie die Grundschule hinter sich gebracht, waren geschlossen auf die Realschule gewechselt, hatten zusammen gelernt und  sich durch die Abschlussprüfungen gekämpft. Doch dann trennten sich ihre Wege.

Carolin absolvierte eine Schneiderlehre und eröffnete danach einen Handarbeitsladen, in  dem sie alles verkaufte, was für die „Eigenproduktion“ von Kleidung notwendig war: Wolle, Stoffe, Nähgarn, Reißverschlüsse, Strick- und Häkelnadeln, Knöpfe, Borten, Spitzen,  und und und ... Sie veranstaltete regelmäßig Handarbeitskurse und stand ihren „Schülerinnen“ mit Rat und Tat zur Seite.

Julia heuerte bei der Polizei an und arbeitete mittlerweile bei der Drogenfahndung.

Alina durchlief eine Ausbildung bei der örtlichen Zeitung, leitete die Rubriken „Sport“ und „Lokales“, und hatte es inzwischen zur stellvertretenden Chefredakteurin gebracht. 

Nur Jennifer fiel aus dem üblichen Rahmen. Sie dümpelte mal hier, mal dort herum, versuchte es mit den verschiedensten Jobs (dank begüterter Eltern hatte sie es nicht nötig, unbedingt Geld  verdienen zu müssen), und war letzten Endes bei der Kunst hängen geblieben. Sie malte, töpferte, schrieb Theaterstücke und Filmdrehbücher, zeichnete Comics, stand gelegentlich selbst auf der Bühne, oder sie wirkte bei der Produktion von Hörbüchern mit - wie es sich eben gerade ergab. Und das alles mit mehr oder weniger regelmäßigem Einkommen, aber dafür sehr viel Freizeit.

Endlich hatten sie es wieder einmal geschafft, sich alle vier zu treffen - in ihrem Lieblings-Café in  einem sehr versteckten Winkel der Stadt. Das kannten die wenigsten - noch. Jennifer hatte es eines Tages bei ihren Streifzügen zufällig entdeckt, und dann ihre drei Freundinnen hierher gelotst. Seitdem trafen sie sich von Zeit zu Zeit hier. Der Kaffee schmeckte großartig (es gab in der ganzen Stadt keinen besseren, behauptete Jennifer), und die Torten waren ein Traum!

Die Verabredungen erfolgten über eines der sozialen Netzwerke, die in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Eine von ihnen schlug einen Termin vor, und wer von den anderen Zeit hatte, kam. Es klappte hervorragend!

Allerdings geschah es äußerst selten, dass alle vier gleichzeitig aufkreuzten. Job und Familie ließen ihnen nur wenig Zeit für das eigene Vergnügen.

Außer Jennifer waren alle verheiratet und hatten Kinder  -  Julia eins, Alina zwei, und Carolin sogar vier. Jennifer dagegen hatte á la carté gelebt und geliebt, und ihre Partner häufiger gewechselt als ihre Freundinnen die Unterwäsche. Kinder? Um Himmels willen - dafür hätte sie ja ihre Freiheit aufgeben müssen!

Nachdem die Freundinnen sich ausgiebig begrüßt und ihre Lieblings-Torten bestellt haben, werden die Neuigkeiten der vergangenen zwei Monate ausgetauscht. War ihr letztes Treffen tatsächlich schon soooo lange her?

Jennifer führt - wie so oft - das Wort. Sie ist ungeheuer mitteilsam und wird nicht müde, von ihren Aktivitäten, ihren zahllosen Bekannten und ihren eingebildeten Krankheiten zu erzählen.

Die anderen drei hören eine ganze Weile schweigend zu - aber schließlich ergreift Carolin das Wort.

„Was macht ihr in diesem Jahr am Muttertag?“ fragt sie in die Runde - nur, um endlich ein anderes Thema aufs Tapet zu bringen, und die detailgetreue Schilderung von Jennifers neulich absolvierter Magen- / Darmspiegelung abzuwürgen. Das ist  ja nun weiß Gott kein Thema für einen Kaffeeklatsch - schon gar nicht in aller Öffentlichkeit!

Irritiert unterbricht Jennifer ihren Monolog.

„Gar nichts“, knurrt sie, ungehalten über die Unterbrechung. „Ich habe keine Kinder - also, warum soll ich Muttertag feiern?“

„Aber du hast doch eine Mutter!“, sagt Alina.

„Die mag diesen blöden Feiertag überhaupt nicht - sie fährt jedes Jahr um diese Zeit mit Papa in irgendein Kurbad. Recht hat sie!“

„Ich hasse den Muttertag eigentlich auch!“, gesteht Carolin. „Jedes Jahr ist das ein grauenhafter Stress - jedenfalls für mich!“

„Wieso?“, will Julia neugierig wissen.

„Also, bei uns läuft dieser Tag gewöhnlich so ab: Morgens um sechs springen alle vier Kinder auf mein Bett, wecken mich mit nassen Küssen, klatschen mir einen Strauß Flieder  auf den Bauch, den sie im Garten abgerupft haben, und erwarten auch noch, dass ich mich darüber freue! Vor zwei Jahren durfte ich anschließend mehrere Krabbeltiere aus meinem Bett sammeln, die sich in dem Grünzeug eingenistet hatten!

Im vergangenen Jahr hat meine bessere Hälfte  bei dem Versuch, mir den Kaffee ans Bett zu bringen, nicht nur die halbe Küche verpladdert, weil er vergessen hat, die KAlina unter den Filter zu stellen. Nein - er hat es obendrein fertig gekriegt, mir den schäbigen Rest, den er retten konnte, übers Nachthemd und die Bettdecke zu kippen. Weil er die Tasse nicht abgestellt hat, bevor er versucht hat, mich zu küssen! Mein Ältester kam mit meinem „Frühstück“ angetrabt - zwei Scheiben verkokelter Toast auf einem uralten Schinkenbrett, fingerdick mit Butter beschmiert (vermutlich, damit man das Angebrannte nicht so sieht), und ein Ei, für das ich einen Waffenschein beantragen musste. Das Ding war so hart - wenn es runtergefallen wäre, hätte heute das Parkett ein Loch!“

Die drei Freundinnen wiehern los. Die Schilderung Carolins ist aber auch zu komisch!

„Jetzt wundert mich nicht, dass du zu diesem „Festtag“ ein sehr gespaltenes Verhältnis hast!“, meint Alina mitleidig, als sie endlich wieder Luft bekommt. „Ganz so schlimm ist es bei uns zum Glück nicht mehr - meine beiden Jungs sind ja nicht mehr ganz so klein. Aber dafür fallen uns jedes Jahr unsere Mütter und Väter ins Haus und erwarten, dem Feiertag entsprechend bekocht und verwöhnt zu werden ...“

„Ich habe eine Idee!“, unterbricht Jennifer plötzlich.

Drei Augenpaare sehen sie fragend an.

„Wir feiern in diesem Jahr Muttertag mal anders!“

„Und wie stellst du dir das vor?“, will Alina wissen.

„Wir treffen uns am Abend vorher bei mir. Wir gehen zusammen essen, und dann könnt ihr alle bei mir schlafen. Platz ist genügend - meine Eltern sind ja nicht da. Am Muttertag veranstalten wir einen ausgiebigen Brunch, und wenn das Wetter es zulässt, schippern wir danach mit einem der Ausflugsboote über den Bodensee - so weit wir eben kommen ...  Kaffee und Kuchen gibt es an Bord, auch kleine Snacks ... - na, was haltet ihr davon?“

„Wow! Was für ein toller Einfall! Ich bin dabei!  In diesem Jahr darf mein Mann sich mal um unsere Mütter und Väter kümmern!“, meint Alina mit einem spitzbübischen Grinsen.

Ich auch!“, verkündet Julia sofort.
„Also - ich weiß nicht ... was sollen wir denn unseren Männern sagen?“, fragt Carolin zögernd.

„Erzählt ihnen einfach, ich hätte euch eingeladen“, schlägt Jennifer vor. „Immerhin ist das nur ein kleines bisschen gelogen. - Zu vorgerückter Stunde könnt ihr natürlich  nicht mehr Auto fahren, weil wir uns einen angetüddelt haben - das muss ja nicht wirklich stimmen!“ Verschwörerisch zwinkert sie ihren Freundinnen zu.  „Und wenn ihr bei mir euren Rausch ausgeschlafen habt, kommt ihr nach Hause. Dass ihr dafür den ganzen Tag braucht, könnt ihr doch vorher nicht wissen!“

„Auf so einen Einfall kannst wirklich nur du kommen!“ In Alinas Stimme klingt Hochachtung mit. „Also, seid ihr alle dabei?“

„Hm ... also ich weiß nicht ...“ Carolin ist immer noch skeptisch. „Das gibt mir irgendwie das Gefühl, ich hätte meine Familie im Stich gelassen ...“

„Du musst ja nicht - deine Teilnahme ist freiwillig!“, erklärt Jennifer.  „Wenn du statt einem fröhlichen Mädels-Tag lieber wieder das ganze „Mami-ich-hab-dich-soooo-lieb-Getue mit Käfern im Bett und Kaffee auf dem Bauch über dich ergehen lassen willst ...“ 

Das gibt denn Ausschlag.

„Also gut - ich komme auch!“, sagt Carolin entschlossen.

„Super!“ Jennifer winkt die Kellnerin heran und bestellt vier Gläser Champagner.

„Stoßen wir an - auf unseren „alternativen Muttertag“, verkündet sie fröhlich, und hebt ihr Glas.
 
© Christine Rieger / 2017
 

 
Bitte seht doch auch bei meinen Kolleginnen nach  - vielleicht gibt es ja auch dort eine Reizwortgeschichte zu lesen! 



 

 

 

 
 

 

 
 



 
 
 

 

Kommentare:

  1. Liebe Christine,
    Du musst uns unbedingt noch die Gegenseite der Geschichte erzählen. Wie denkt die Familie darüber? Sind die Kinder enttäuscht, verwundert oder wird es einfach so hingenommen und alle sind glücklich?
    Wir waren ganz traditionell auch an diesem Muttertag in Hessen bei unseren beiden Müttern und haben ihnen alles Gute zum Muttertag gewünscht. Ich denke, bei den älteren Leutchen ist dieser Tag ganz wichtig, denn insgeheim warten sie doch auf ihre Kinder. Als wir mitten in der Nacht nach Hause kamen (wir hatten an diesem Wochenende wieder einmal eine Fahrt von 1200km auf uns genommen) wartete unser Sohn auf uns. :-)
    Ich grüße Dich herzlich
    Astrid

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    1. Liebe Astrid,
      es stimmt - viele ältere Frauen legen Wert auf den Muttertag - vielleicht, weil die Kinder weit weg wohnen und nicht immer zu Besuch kommen können. Oder weil es eben Tradition ist. Nur wenn die Erwartungen derart sind, dass es einer Beleidigung gleichkommt, an diesem Tag NICHT in Familie zu machen - dann stimmt irgendwas nicht.
      Ich finde, man kann jeden Tag zum "Muttertag" machen. Wenn man es denn will ...
      Liebe Grüße
      Christine

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  2. Liebe Christine, herrlich so ein Mädelstag. Ich finde, so wie Regina es macht, ist das toll. Sie, ihre Mutter und Schwester verreisen immer zu Muttertag. Und in Deiner Geschichte ist das auch der Fall.Und so etwas macht super Spaß . Wir haben den Muttertag immer bei meiner Mutter im Garten mit lecker Kuchen und Essen gefeiert, das wir ankarrten. Meine Schwiegermutter kam auch. Die Mütter freuten sich sehr darauf.. Liebe Grüße Eva

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    1. Liebe Eva,
      leider war das bei uns nie drin, dass wir mit beiden Müttern diesen Tag begangen hätten. Die Entfernung war einfach zu groß - und so kam immer nur eine zum Zug. Meistens meine Schwiegermutter - die wohnte ein paar Häuser weiter. Und da traf sich immer die ganze große Familie.
      Irgendwie war ich immer hin- und hergerissen - und deshalb mag ich dieses und andere Familienfeste nicht sonderlich ...
      Liebe Grüße
      Christine

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  3. So einen M#delstag lasse ich mir gefallen, liebe Christine.
    Ich habe auch ein gespaltenes Verhältnis zum Muttertag.
    Einen sonnigen Wochenanfang wünscht dir
    Irmi

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    1. Liebe Irmi,
      mir würde so ein Mädelstag auch gefallen. Aber leider sind meine Freundinnen dafür nicht zu haben. Die hängen alle am traditionellen Familienfest ...
      Aber was soll's - jeder soll das tun, was er (oder in diesem Fall SIE) am besten findet.
      Ich wünsche Dir noch eine schöne, sonnige Woche!
      Liebe Grüße
      Christine

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  4. Nee, nicht die Gegenseite der Geschichte möchte ich hören, wie Astrid sie vorschlägt!! Ich bestehe auf einer Fortsetzung dieser grandiosen Geschichte und zwar so: Wie läuft der Tag ab, gibt es 'Komplikationen'? - Also, so einfach kommst du uns nicht davon!! - Wir wollen einen Nachschlag - mit einer gehörigen Portion Humor - so, wie wir es von dir kennen! --- Danke für die Geschichte, die ich mit einem breiten Grinsen gelesen hab! LG Martina

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    1. Martina - Du bist ein Nimmersatt! **Seufz** ...
      Jetzt habe ich mich so ins Zug gelegt, überhaupt eine Geschichte auf die Reihe zu kriegen - und Du willst auch noch einen Nachschlag!
      Aber wenn, dann erst im nächsten Jahr - da kommt ja der Muttertag unweigerlich wieder! **grins**
      Liebe Grüße
      Christine

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  5. Grossartig, liebe Christine, eine ganz wunderbare Idee! Das ist doch mal ein Muttertag, an dem die Mütter wirklich ihren Spaß haben können! Ich hoffe, wir können ihre Erlebnisse hier mal nachlesen...
    Viele Grüße
    Marle

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    1. Hallo, Marle,
      im nächsten Jahr kommt ja wieder ein Muttertag - und wer weiß, vielleicht fällt mir bis dorthin eine Fortsetzung für diese Geschichte ein ...
      Ja, so ein Muttertag würde mir persönlich auch viel besser gefallen als das, was die "Tradition" vorgibt!
      Vielen Dank fürs Lesen, und herzliche Grüße
      Christine

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  6. Das sieht dir wieder ähnlich, hahaaaa! LGLore

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    1. Tja - so bin ich nu mal - immer für eine Überraschung gut ... **grins**

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