Sonntag, 15. Januar 2017

Doppeltes Pech ...

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
es ist wieder so weit: Reizwortgeschichten-Tag!
 

Diesmal waren folgende Reizwörter zu "verarbeiten": Gipsbein - Kuchengabel - lauern - geistern - giftgrün
 
 
Der Winter, der  hierzulande in den letzten Tagen zur Hochform aufgelaufen ist, hat mich zu dieser Geschichte inspiriert.
 
Hannes und Heike sind zu einer Silvesterparty eingeladen. Doch auf dem Weg zur Feier passiert etwas, das ihnen den Jahreswechsel gründlich vermiest. Und die darauffolgenden Wochen sind auch nicht gerade eine Offenbarung.
 
Es kann eigentlich nur noch aufwärts gehen!
 
 
Lest bitte hier auch die Geschichten meiner Mit-Autorinnen
 
Lore   
Martina   
 

 
 
Doppeltes Pech
 

Missmutig starrt Hannes durch das große Glasfenster in den Garten. Seit heute Nacht fegt ein schwerer Wintersturm über das Land, der die Schneeflocken waagerecht vor sich hertreibt. Bäume und Sträucher biegen sich bis zum Boden. Die Schneedecke ist mittlerweile auf mehrere Zentimeter angewachsen, und es sieht nicht so aus, als würde der Orkan in absehbarer Zeit weiterziehen.  Also keine Chance, in den nächsten paar Stunden das Haus zu verlassen. 

Wenn bloß dieses verdammte Gipsbein nicht wäre! Dann  könnte er zumindest mit dem Auto zum Einkaufen fahren. Mit dem Geländewagen wäre das überhaupt kein Problem. Aber er kann sich nur mit Hilfe von zwei Krücken vorwärts bewegen - und auch das ist äußerst mühsam. Schwere Einkaufstaschen oder gar einen Kasten Wasser oder Bier schleppen - unmöglich! Ganz abgesehen davon, hat ihm der Arzt das Autofähren strikt verboten. 

Verdammt - dieses Jahr ist gerade mal zwei Wochen alt - aber so viele Pleiten, Pech und Pannen, wie  in diesen wenigen Tagen schon passiert sind - die reichen für drei komplette Jahre! 

Angefangen hat es am Silvesterabend. Hannes und Heike  sowie drei weitere Ehepaare waren bei Freunden eingeladen, die ein Haus mit Partykeller ihr eigen nannten. Allerdings wohnten die Gastgeber fast 80 km entfernt, und hatten ihren Gästen deshalb Übernachtungsmöglichkeiten in Aussicht gestellt. Nach einem gemeinsamen Brunch am Neujahrstag zur Vernichtung etwaiger Reste würden dann alle die Rückfahrt antreten. 

So weit, so gut. Aber es kam - wie so oft - alles anders. 

Hannes hatte versprochen, für die Party eine Ananasbowle anzusetzen, während Heike eine Schüssel Kartoffelsalat anrichtete. Nicht gewohnt, für so viele Leute zu kochen (sonst waren sie nur zu zweit), brauchte Heike wesentlich länger als sonst, bis alle Kartoffeln geschält und die sonstigen Zutaten vorbereitet waren. So kamen sie relativ spät von zu Hause los - und das war ihr Pech. 

Sie hatten gut die Hälfte der Fahrt geschafft, als es anfing zu nieseln. Auf dem gefrorenen Boden wurde der Regen natürlich  sofort zu Eis. Irgendwann ging der Regen in Schnee über. Dennoch  kamen sie - dank ihres allradgetriebenen Autos - gut voran, und erreichten mit nur einer Dreiviertelstunde Verspätung ihr Ziel. 

Doch beim Aussteigen aus dem Auto passierte es. Hannes zog es auf dem durch das Streusalz matschig gewordenen Schnee die Beine weg. Behindert durch den Behälter mit der Bowle und einen Handkoffer mit den Übernachtungsutensilien, konnte er sich nicht abfangen und fiel derart ungeschickt, dass nicht nur  das Bowlengefäß hinunter knallte, in tausend Scherben zersprang und der Inhalt über die halbe Straße verteilt wurde. Obendrein  brach er sich den linken  Knöchel. 

Das war es dann mit Silvester. Den Jahreswechsel verbrachte Hannes in der Notaufnahme des Krankenhauses, wobei ihm Heike Gesellschaft leistete. Die Lust aufs Feiern war ihr gründlich vergangen. Noch in der Nacht, nachdem Hannes im Krankenhaus verarztet und mit einem Gipsverband und Krücken versorgt worden war, hatten sie die Heimfahrt angetreten.  

Und nun hockte Hannes da. Zu allem Unglück hatte sich seine Frau  - drei Tage nach der denkwürdigen Silvesterfeier   - mit einer schweren Grippe, die einen Anruf beim ärztlichen Notdienst erforderlich machte, ins Bett gelegt. Vom Fieber und den verschriebenen Antibiotika stark geschwächt,  stand sie nur auf, wenn es sich zur Verrichtung bestimmter körperlicher Notwendigkeiten nicht vermeiden ließ. 

Lustlos stocherte Hannes mit einer Kuchengabel in der letzten noch übrig gebliebenen Dose mit Thunfisch herum. Das normale Besteck steckte längst in der Spülmaschine. Aber wie man die einschaltete, davon hatte Hannes nicht die geringste Ahnung. 

Überhaupt betrat er die Küche äußerst selten und höchst ungern. Seine „Kochkenntnisse“ beschränkten sich auf die Befüllung der Kaffeemaschine und das Öffnen von Dosen. Notfalls brachte er noch Spiegeleier und Bratkartoffeln zustande. Aber sämtliche in dieser Hinsicht erforderlichen Lebensmittel waren längst aufgegessen. 

Selbst die eingefrorenen Essensreste im Gefrierschrank, zum Teil mehrere Monate alt, waren seinem Hunger zum Opfer gefallen. Wasser trank er inzwischen aus der Leitung. Alle anderen Getränke standen im Keller - und die enge Treppe mit seinem Gipsbein zu bewältigen, war ihm entschieden zu mühsam. Zumal er ja - wegen der vermaledeiten Krücken - immer nur zwei, drei Flaschen gleichzeitig herauftragen konnte. 

Seinen Bruder oder Heikes Schwester anzurufen, kam ihm nicht in den Sinn. Mitmenschen, die sich nur dann meldeten, wenn sie Hilfe brauchten, fand er erbärmlich. Und zu denen wollte er keinesfalls gehören! 

Jetzt wäre ihm sogar der unverhoffte Besuch von Bea recht gewesen. Bea war die beste Freundin seiner Frau. Die beiden hatten zusammen die Handelsschule besucht, und kannten sich seit mehr als vierzig Jahren. 

Bea hieß eigentlich Begonia Poppy - was sie ihre Eltern bis heute nicht verziehen hatte. Diese Namen kannte außer ihr selbst niemand mehr, und sie benutzte sie auch nur dann, wenn es sich bei behördlichen Angelegenheiten nicht vermeiden ließ. Ihr Rufname war „Bea“. Den hatte sie auch in ihren Ausweis eintragen lassen, und jedermann kannte und nannte sie so. 

Bea war das, was Hannes bei sich als „Verrücktes Huhn“ zu bezeichnen pflegte. Obwohl  sie die Fünfzig schon eine ganze Weile überschritten hatte, lebte sie permanent auf der Überholspur. Es kam vor, dass es ihr mitten in der Nacht einfiel, zum Frühstücken nach München zu fahren. Dann setzte sie sich ins Auto und tat genau das. Ständig hortete sie Karten für Rockkonzerte, Musicals, Sportveranstaltungen  oder Theaterstücke. Ihre Haarfarbe wechselte ständig zwischen rot, schwarz, blond, braun - mal mit und mal ohne giftgrüne oder pinkfarbige Strähnchen. 

Selbst ihr Auto passte sich seiner Besitzerin an. Bea kutschierte mit einem uralten, in sattem gelb lackierten Kleinwagen herum, den  früher ihr Sohn gefahren, und bis zum vom TÜV gerade noch tolerierten Maß getunt hatte. Nichts erheiterte sie mehr, als wenn sie auf der Autobahn einem wesentlich größeren Fahrzeug zeigen konnte, was ihre kleine Konservendose unter der Motorhaube hatte. Die verdutzten Gesichter der so „Abgehängten“   fand sie göttlich. 

Dabei war Bea ein kleines, zierliches Persönchen. Ihre Klamotten konnte sie mühelos mit ihrer zwanzigjährigen Tochter tauschen - und umgekehrt. 

Sie war ein patenter Kerl, und immer zur Stelle, wenn irgendwo Hilfe gebraucht wurde.  

Allerdings  hatte sie  - jedenfalls in  Hannes‘ Augen - einen großen Fehler.  (Wenn man das überhaupt so bezeichnen kann). Nämlich die fatale Angewohnheit, mindestens einmal in der Woche ohne Vorwarnung bei Heike „aufzuschlagen“. Nach dem Motto „Ich war gerade in der Nähe, machst du mal Kaffee? Kuchen  (oder - je nach Tageszeit - auch mal frische Brötchen) habe ich mitgebracht!“ 

Dass sie nicht selten die so Überfallenen in ausgeleiertem Jogginganzug oder im Bademantel - ungeschminkt und zerzaust - antraf, und aus ihrer heiligen Ruhe aufscheuchte, schien sie nicht zu stören. Auch nicht, wenn sie erst einmal einen Stapel Zeitungen oder herumliegende Klamotten von der Eckbank räumen musste, bevor sie sich setzen konnte. 

Hannes störte es allerdings sehr wohl! Er hasste es wie die Pest, aus dem Nichts aus seiner häuslichen Bequemlichkeit gerissen zu werden und blabla machen zu müssen, während er viel lieber ein Fußballspiel oder einen Film im Fernsehen angeschaut hätte! 

Aber jetzt sehnte er sich direkt nach dem munteren Geplauder Beas. Heike hatte in den letzten Tagen kaum zehn Worte mit ihm gesprochen - aus dem einfachen Grund, weil sie stockheiser war. Telefonieren wollte er jedoch nicht. Denn das hätte zwangsläufig dazu geführt, dass er dem Angerufenen  ihre Pechsträhne hätte beichten müssen. Und da es fast nichts gab, was er mehr verabscheute, als Leute, die  sich endlos am Telefon über ihre diversen Leiden ausließen, hüllte er sich in Schweigen. 

Er fährt aus seinen Gedanken auf, als er draußen auf dem Gang ein Geräusch vernimmt. Offenbar ist Heike wieder mal auf dem Weg zur Toilette. Oder ihre Wasserflasche ist leer, und sie braucht eine neue ... - Er hätte schon längst mal wieder nach ihr sehen müssen, fällt ihm ein.  

Seufzend ergreift er seine Krücken, die griffbereit neben ihm am Couchtisch lehnen, wuchtet sich aus seinem Sessel und humpelte in den Flur.  

„Hallo, Schatz - brauchst du irgendwas? Oder weswegen geisterst du hier herum?“ fragt er mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. 

„Ich habe Hunger!“, krächzt Heike. „Und wie!“ 

„Na Gott sei Dank - das ist ein gutes Zeichen!“ Die Erleichterung in seiner Stimme ist deutlich zu hören. „Nur - zu essen ist leider gar nichts mehr da. Keine Wurst, kein Käse, kein Brot. Mineralwasser ist auch alle, und ...“ 

Ein Klingeln an der Türe unterbricht seine Aufzählung.  

„Bea. Das kann nur Bea sein!“ stellt Hannes fest. 

„Sie wird sich vom Silvesterurlaub zurückmelden wollen!“ vermutet Heike. „Machst du mal auf? Du bist wenigstens halbwegs angezogen!“ krächzt sie, unterbrochen durch einen Hustenanfall,  nach einem scheelen Blick auf ihre unzulängliche Bekleidung. 

Es ist tatsächlich Bea. Braungebrannt und im veilchenblauen Miniröckchen (vermutlich von ihrer Tochter gemopst), darüber eine flauschige Pelzjacke in schrillem Pink. Veilchenblaue Stiefeletten mit atemberaubend hohen Absätzen („wie sie damit bloß durch den Schnee gekommen ist“), denkt Hannes unwillkürlich). Die Haare (oder das, was davon unter der pinkfarbigen Strickmütze hervorschaut), sind genauso veilchenblau wie ihr Rock. Ausgeflippt, eigentlich viel zu jugendlich - aber es passt irgendwie zu diesem verrückten Huhn. Bea, wie sie leibt und lebt ... 

„Hallo, ihr Süßen, wie schön, euch endlich wiederzusehen! Ich habe euch schrecklich vermisst - in dem Hotel waren bloß lauter so Verrückte, die von früh bis spät über die Skipisten gejachtert sind, und am Abend bloß noch in der Hotelbar abhängen konnten. Zu was anderem waren die viel zu müde! -  Hannes, kannst du vielleicht mal Kaffee hinstellen?  Kuchen habe ich ... - aber - um Himmels Willen - was ist denn mit euch los?“ unterbricht sie sich selbst. 

Sie knipst die Deckenbeleuchtung im Flur an. Mit einem einzigen Blick erfasst sie die Situation.  

„Sieht aus, als wäre ich genau im richtigen Moment gekommen“ stellt sie nüchtern fest. „Du lieber Gott, - Heike,  sei mir nicht böse, aber du siehst aus, als hätte dich jemand ausgekotzt und vergessen, die Bescherung aufzuwischen! - Wie hast du das denn angestellt, du Unglücksrabe?“, fragt sie Hannes mit einem lauernden Blick auf die Krücken und den Gipsverband. „Fremd gegangen, und der Ehemann hat dich die Treppen runtergeschmissen?“ 

Sie wartet die Antwort gar nicht ab.  Ohne Umschweife marschiert sie in die Küche, stellt das mitgebrachte Kuchenpaket auf den Tisch und wirft als erstes die Kaffeemaschine an.  

„Setzt euch hin, ich mach das schon!“, kommandiert sie, als wäre sie hier zu Hause. Das Gebäck verteilt sie mangels sauberer Kuchenteller auf Untertassen - davon sind noch reichlich da, und auch Kuchengabeln finden sich noch. Für den Kaffee müssen die großen Becher vom letzten Weihnachtsmarkt herhalten. Das sind die einzigen, die noch nicht benutzt sind. 

Während der Kaffee durch die Maschine läuft, erfährt Bea endlich, was während ihrer Abwesenheit passiert ist. 

„Euch kann man wirklich nicht alleine lassen!“, stellt sie kopfschüttelnd fest. „Ihr seid mir vielleicht ein paar Glückskinder ... wenn das Jahr so weitergeht, wie es angefangen hat, dann gute Nacht!“  

Nachdem Bea zwei große Stücke Sahnetorte verdrückt hat (und dabei ist sie schlank wie eine Tanne!), scheucht sie die Freunde hinaus. 

„Hannes, schreib mir mal eine Liste, was hier alles fehlt - an Lebensmitteln, meine ich. - Oder besser, schreib auf, was noch da ist, das geht bestimmt schneller! - Nee, warte. Weißt du was, zieh dich an, und fahr einfach mit. Ich kenne mich in eurem Laden nicht aus, und bis ich da was finde ... - Und du, Heike,  ab mit dir ins Bad. Du musst endlich mal unter die Dusche! - Offensichtlich warst du da schon länger nicht mehr!“ fügt sie hinzu und rümpft theatralisch die Nase. 

„Aber ... ich ... kann nicht ... mein Kreislauf ... ich habe ...“ protestiert Heike. 

„Doch, du kannst. Und du musst - sonst verschimmelst du noch!“ Bea lässt sich nicht erweichen. „Du wirst schon nicht umfallen. Und wenn doch, dann rufe ich den Notarzt. Na los - mach schon!“   

Sie  schiebt die Freundin kurzerhand ins Bad, dreht die Heizung auf die höchste Stufe und verschwindet im Schlafzimmer, um die Betten frisch zu beziehen. Die schmutzige Wäsche wirft sie in den Flur - wenn Heike geduscht hat, kommt das Zeug gleich in die Waschmaschine. Als letztes wirft sie in der Küche die Spülmaschine an. 

„Ausräumen wirst du sie hoffentlich können!“ sagt sie zu Hannes, der sich in der Zwischenzeit einen Anorak über seine Jogginghose geworfen und seine Schuhe angezogen hat.  

Als Heike eine knappe halbe Stunde später - strahlend vor Sauberkeit und mit frisch gewaschenen Haaren - aus dem Bad kommt, fühlt sie sich um Längen besser. Das hätte sie längst machen sollen!“ 

„Können wir dich jetzt mal eine Stunde alleine lassen?“ fragt Bea. „Damit wieder was zu essen ins Haus kommt?“ 

„Natürlich. Ich komme schon zurecht“ gibt Heike zurück. „Aber - Hannes, pass um Himmels Willen auf bei diesem Wetter! Wenn du nochmal hinfällst und auch das andere Bein kaputt geht ...“ 

„Keine Angst!“ Bea grinst wie ein Honigkuchenpferd. „Wenn er ausrutscht, schmeiße ich ihn so in den Schnee, dass er sich den Hals bricht  - dann habe ich weniger Arbeit! - Bis dann, meine Liebe!“  

Sie drückt Hannes seine Krücken in die Hand  und nimmt die Schlüssel des Geländewagens vom Schlüsselbrett. Ihr eigenes Auto ist viel zu klein. Hannes ohne Gipsbein geht gerade noch hinein - aber mit käme er nie wieder heraus - es sei denn mit Hilfe der Feuerwehr.  

Die Türe klappt von außen zu. Kurze Zeit später sieht Heike ihren Mann auf den Beifahrersitz krabbeln. Bea fegt flüchtig den Schnee von der Windschutzscheibe,  schwingt sich ans Steuer, und mit dem ihr eigenen - einem Rennfahrer nicht unähnlichen - Fahrstil jagt das Auto vom Parkplatz, eine halbmeterhohe Schneewolke hinter sich lassend. 

 

© Christine Rieger / 2017


 
 
 

Sonntag, 1. Januar 2017

Das Jahr fängt ja gut an!

 
 
Liebe Freunde meines Lesebuchs,
auch wenn mein Mann und ich das vergangene Jahr ohne größere Probleme und Blessuren überstanden haben -  als „glücklich“ würde ich es nicht unbedingt bezeichnen! Schon wegen der vielen weltpolitischen Ereignisse nicht, die uns alle vermutlich auch im kommenden Jahr beeinflussen werden...
 
Aber - es ist ja nun vorüber, und das Jahr 2017 hat seinen Anfang genommen. Möge es für uns alle zu einem guten Jahr werden! Ich danke Euch, Ich danke Euch, meinen Leserinnen und Lesern, für Eure Treue, und Euch, liebe  Lore, Regina, Martina und Eva für die gemeinsamen Reizwortgeschichten - und für Eure Freundschaft, die  dadurch inzwischen entstanden ist. Mir machen die Geschichten immer noch Spaß - und ich hoffe, Euch auch!
 
 
Bleibt uns auch weiterhin gewogen... 
 
Auf ein gesundes, glückliches neues Jahr! 
 
Ganz herzliche Grüße
 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 


 
Aber nun zu meiner ersten Reizwort-Geschichte des Jahres 2017 - und zu denen meiner Kolleginnen 
 
Regina   
Lore   
Martina   

 

 
 Reizwörter:  Rasselbande - Knöpfe - bauen - vorstellen - blümerant 

Das Jahr fängt ja gut an!
 

Irgend etwas ist komisch, als Nina an diesem Morgen die Augen öffnet. Ein Sonnenstrahl scheint ihr mitten ins Gesicht. Das Bett nebenan ist leer. Sollte Steffen schon aufgestanden sein? Merkwürdig... Wie spät ist es überhaupt? 

Sie dreht den Kopf zum Nachttisch, um einen Blick auf den Wecker zu werfen, der dort eigentlich stehen müsste. Tut er aber nicht. Hm. Dass sie einen gehörigen Hang zur Unordnung hat, weiß Nina zwar - aber den Wecker hat sie doch noch nie... 

Von irgendwoher ertönt lautes Scheppern, dann  Kindergeschrei.  Eine Männerstimme durchdringt den Radau: 

„Donnerwetter noch mal, könnt ihr denn nicht ein bisschen leiser sein, ihr Rasselbande? Ich habe euch doch gesagt, Mami ist müde und will heute endlich mal ausschlafen. Warum zum Kuckuck müsst ihr bloß ständig so einen Krach machen?“ 

Seufzend windet Nina  sich aus ihrem dicken Federbett und hievt sich in die Höhe. Irgendwie ist ihr heute ziemlich blümerant zumute! Das Zimmer dreht sich um sie,  ihr Magen fühlt sich an, als hätte sie gestern Abend ein halbes Schwein vertilgt, und als sie versucht, einen Fuß auf den Boden zu setzen, schießt ein wütender Schmerz durch ihren linken Knöchel. 

„Aua, verdammt!“, flucht sie laut. Was in aller Welt hat sie denn gestern bloß getrieben? 

Die Schlafzimmertüre wird geöffnet, und ein zerzauster dunkler Lockenkopf hindurch gesteckt. 

„Guten Abend, Schatz“, sagt die dazugehörige Stimme süffisant. „Gerade wollte ich mal nachsehen, ob du überhaupt noch lebst... Willst du bis zur Tagesschau weiterschlafen? Oder soll ich dich erst vor der nächsten Silvesterparty aufwecken?“  

Ein bis über beide Ohren grinsender Ehemann schiebt sich durch den Türspalt. Die Schlafanzughose hängt fast an den Knien, das Oberteil ist mit Kaffee bekleckert, und in den Haaren hängt ein Klecks Marmelade. Unwillkürlich muss Nina lachen.  

Aber das ist keine gute Idee. Jetzt schießt der Schmerz, der eben noch in ihrem Fuß getobt hat, durch ihren Kopf, als hätte sie ein Projektil aus einem Bolzenschußapparat getroffen.   Aufstöhnend fällt sie in die Kissen zurück. Im selben Moment fällt ihr ein, weswegen sie heute so in den Seilen hängt: Die Silvesterparty gestern bei Silke und Frank!  

„Wie spät ist es denn überhaupt?“ erkundigt sie sich vorsichtig. 

„Kurz nach zwei!“ Steffen grinst noch breiter. „Soll ich Madame erst mal das Frühstück am Bett servieren -oder willst du gleich zu Abend essen?“ 

„Essen!“ Alleine bei dem Wort schlägt Ninas Magen Purzelbäume. „Ich will überhaupt nichts essen - ich brauche erst mal einen Schuck Wasser! Ich komme mir vor, als hätte ich einen Drei-Tages-Ritt durch die Wüste Gobi hinter mir!“ 

„Augenblick - kommt sofort, Mylady!“ Steffen eilt aus dem Zimmer und kommt wenige Minuten später mit einer Literflasche Mineralwasser zurück. Nina weist das angebotene Glas zurück und setzt kurzerhand die Flasche an den Mund. Als sie sie zurückgibt, ist sie zur Hälfte leer. 

„Was in aller Welt hat Frank denn bloß in die Bowle gekippt, dass mir irgendwo ein paar Meter Film fehlen und mir  so speiübel ist? Wieso tut mir der Fuß  weh? Wann sind wir überhaupt nach Hause gekommen - und vor allem - wie? Und was ist mit Paul, Tom und Jana? Ich habe sie vorhin schreien hören...“ 

„Nu mal langsam - nicht alles auf einmal!“ bremst Steffen den Redestrom seiner Frau. „Also - erstens:  Die Kinder sind im Wohnzimmer. Ich habe sie vor dem Fernseher geparkt, damit sie endlich mal Ruhe geben, und dich nicht stören. Heute Morgen haben sie nämlich versucht, mit deinen Garnrollen und deinen gesammelten Knöpfen das Empire State Building  nachzubauen - aber es ist nur der schiefe Turm von Pisa dabei rausgekommen. Das Geschrei, als die Konstruktion eingestürzt ist, haben wahrscheinlich die Nachbarn drei Häuser weiter noch gehört. („Bloß du nicht“, fügt er in Gedanken hinzu. Aber das sagt er lieber nicht laut).  

Zweitens: Nach Hause gekommen sind wir um halb sechs Uhr morgens. Mit einem Taxi.    Die Kinder musste ich alle drei ins Bett tragen - die haben während der ganzen Fahrt geschlafen. Bei dir war das allerdings etwas schwieriger. Bis ich dich endlich in der Wohnung hatte, war ich schweißgebadet - trotz sechs  Grad minus. Und wenn der Taxifahrer nicht freundlicherweise ...“ 

„Hör auf! Um Himmels Willen...“ 

„Darling - du hast gestern für Unterhaltung gesorgt! Und wie!“  Steffen weidet sich an dem peinlich berührten Gesicht seiner Frau. „Die Bowle war - drittens - eigentlich harmlos. Du hättest nur nicht zwischendrin mit Frank die Whiskyflasche leeren sollen!“ In der Erinnerung  lacht er jetzt übers ganze Gesicht „Dein verstauchter Fuß rührt daher, dass du versucht hast, auf der Bierbank einen Cancan hinzulegen. In Silkes Nachthemd, und mit ihren Stilettos an den Füßen. Aber irgendwie bist du daneben getreten und runtergefallen. Es ging so schnell - wir konnten dich leider nicht mehr auffangen...“ 

„Oh nein!“ Ninas Gesicht wird rot wie eine Tomate. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich so viel getrunken haben soll!“ 

„Hast du aber. Von deiner Tanzeinlage gibt es sogar Beweisfotos!“ 

„Ich .... das ist aber ... warum hast du mich denn nicht daran gehindert?“ 

„Ich habe es versucht“, verteidigt sich Steffen. „Aber du warst ja nicht zu bremsen! Nun reg dich doch nicht so auf“, versucht er seine Frau zu beruhigen. „Sowas passiert halt mal. Ich bin früher öfter  in meinem Bett oder sonstwo aufgewacht und weiß bis heute nicht, wie ich da hingekommen bin...“ 

„Aber damals warst du mit Sicherheit noch ein junges unreifes Kerlchen. Und ich? Ich bin eine verheiratete Frau, habe drei Kinder und benehme mich wie ... wie ...“ 

... „wie jemand, der einen über den Durst getrunken hat. Na und? Dir hat es Spaß gemacht, uns auch - also, wo liegt das Problem?“ 

„Du hast gut reden!“ Nina lässt sich nicht so einfach besänftigen. „Ich habe mich fürchterlich daneben benommen, und das ist mir mega-peinlich. Noch nie in meinem Leben ist mir der Film gerissen!“  

„Dann war es allerhöchste Zeit! Das muss man einfach mal mitgemacht haben - sonst kann man ja nicht mitreden! - So, und nun raus aus der Koje, und ab in die Dusche - ich mache dir inzwischen Kaffee, und dann geht es dir auch wieder besser!“ 

„Hoffentlich kommt Frank nicht auf die Idee,  die Fotos in irgendeinem seiner Sozialen Netzwerke zu posten! Oder auf seiner Homepage... - der stellt doch fast alles ins Netz. Angefangen von der Currywurst zum Mittagessen, über seinen Aufenthalt in der Badewanne, bis zum abgebrochenen Zehennagel...“  

„Wird er nicht!“, beruhigt Steffen seine Frau. „Dafür habe ich gesorgt!“ Er grinst  schon wieder wie ein Honigkuchenpferd. 

„Aber...“ 

„Ich habe die ganzen kompromittierenden Fotos von seiner Kamera und von seinem Handy gelöscht, bevor wir gefahren sind!“ erzählt Steffen belustigt. 

„Und das hat er nicht gemerkt?“ 

„Nö. Der war genauso blau wie du. Er konnte sich nicht mal verabschieden - er hing nämlich im Bad über der Toilettenschüssel!“ Steffen wiehert vor Schadenfreude. 

„Aber - Silke...“ 

„Silke hat mich sogar darum gebeten, die Bilder zu eliminieren. Sie hasst seinen Hang zur Selbstdarstellung wie die Pest - aber sie hat keine Ahnung von Technik. Sonst hätte sie den Kram schon selber gelöscht. Die verrät uns nicht - keine Angst!“ 

„Und du glaubst wirklich, Frank kann sich an  nichts erinnern?“ Nina ist noch immer nicht beruhigt. 

„Wohl kaum. Und wenn doch, wird es ihm ohne Weiteres einleuchten, dass er wegen seiner ... hm ... Unpässlichkeit... nicht mehr imstande war, seine Technik ordnungsgemäß zu bedienen!“ 

„Du hast aber doch gesagt, von meiner „Tanzeinlage“ gibt es Beweisfotos?“ 

„Die sind  auf meinem Handy. - Aber nun raus mit dir - sonst ist das neue Jahr schon wieder alt, bevor du noch gefrühstückt hast!  Die Kinder fragen sowieso schon dauernd, wann Mami endlich ausgeschlafen hat...“ Er drückt seiner Frau einen Kuss auf den Mund.  

„Ein gutes neues Jahr!“ wünscht er noch, bevor er in die Küche geht, um die Kaffeemaschine in Gang zu setzen. 

 

© Christine Rieger / 2016