Freitag, 23. September 2016

Zu spät ...

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

heute möchte ich mich wieder einmal mit einer Geschichte zu Wort melden, die durchaus aus meinem eigenen Leben stammen könnte.

Man will verreisen, der Flieger wartet nicht - und dann geht alles drunter und drüber... Kennt Ihr das auch?

Dann lest diese Geschcihte - ihr werdet Euch wiedererkennen!


Übrigens: Es gibt etwas Neues in Sachen Reizwort-Geschichten!

Ab sofort werden wir alle zwei Wochen eine Reizwort-Geschichte veröffentlichen. Einmal am 1. des Monats- und einmal - wie bisher - am 15. Allerdings mit einer Einschränkung: Es kann vorkommen, dass sich nicht immer alle Autorinnen beteiligen. Also bitte nicht wundern, wenn Ihr den Link anklickt und kein neuer Beitrag erscheint!

Aber nun zu meiner angekündigten Geschichte "Zu spät!"
Ich wünsche Euch allen ein schönes Wochenende mit viel Sonnenschein.

Eure Geschichten-Erzählerin



"Schatz, ich kriege den Koffer nicht zu!" Tanjas Stimme klang panisch. In weniger als einer Stunde mussten sie zum Flughafen fahren. Und sie war noch lange nicht fertig! 

Christopher ließ sich nicht sehen. Typisch für ihn. Vermutlich war er damit beschäftigt, zum zwölften Mal zu kontrollieren. ob auch WIRKLICH alle Fenster geschlossen waren. Er musste den Hauptwasserhahn zudrehen und sämtliche Steckdosen sichern, denn es könnte ja sein, dass während ihres Urlaubs ein Gewitter kam, der Blitz einschlug und seine kostbaren technischen Spielzeuge Schaden nahmen.  Und nicht zu vergessen: Die Putzlappen im Bad wurden ordentlich zusammengelegt. Schließlich war es ja möglich, dass  der Flieger abstürzte oder gekidnappt wurde, und fremde Menschen mussten die Wohnung betreten... 

Wo zum Teufel war nur ihr zweiter Schuh? Sie hatte doch gestern alle beide zurechtgestellt, neben der Couch im Gästezimmer, auf der sie auch die Kleider zurechtgelegt hatte, die sie heute anziehen wollte. Doch die rechte Sandalette war verschwunden. Nur die linke stand noch da. Und dann - die Flugtickets Die hatte sie doch gestern extra in ihren Rucksack in die vordere Tasche gesteckt, damit sie nicht lange danach suchen musste. Ja, da waren sie noch. Wenigstens etwas!  

Sie kämpfte noch immer mit dem widerspenstigen Koffer. So viel hatte sie doch gar nicht eingepackt für die beiden Wochen! Schließlich gab sie es auf. Sollte  Chris sich doch darum kümmern. 

Sie kroch unter die Couch, um nach ihrem zweiten Schuh zu fahnden. Vergeblich. die weiße Sandalette war  und blieb verschwunden. Notgedrungen ging sie an ihren Schuhschrank, um Ersatz zu suchen. Doch der war leer. Alle Schuhe lagen in wildem Durcheinander auf dem Boden. Egal, welches Paar sie ins Auge fasste  - es war immer nur einer da. Aber sie konnte doch nicht mit zwei verschiedenen Schuhen ... 

"Menschenskind, Tanja, nun mach doch!" Christophers Stimme klang nervös. 

"Bitte mach meinen Koffer zu - ich finde keine Schuhe". "Du spinnst - hier liegen doch jede Menge rum. Zieh doch irgendwelche davon an!" 

"Würde ich ja gerne - wenn ich in diesem Sauhaufen endlich mal zwei gleich finden würde" antwortete Tanja wütend. "Hilf mir doch mal suchen". Doch auch Christopher fand keine zwei zusammenpassenden Schuhe. 

"Zieh einfach von mir welche an. Oder geh barfuß" sagte er schließlich. "Ist doch egal. In der Türkei ist es heiß, und Du kannst Dir doch dort welche kaufen. Auf jeden Fall müssen wir jetzt los. Beeil Dich!" 

Tanja blieb nichts anderes übrig, als barfuß loszuziehen. Christophers Schuhe waren ihr viel zu groß - er brauchte Größe 48. Noch ein paar Zentimeter mehr, und er könnte Geigenkästen an die Füße ziehen ... 

Das Taxi war zwar pünktlich. Aber kurz vor der Ausfahrt zum Flughafen blieben sie im Stau stecken. Heute ging aber auch wirklich ALLES schief! Christopher bezahlte den Fahrer, sie stiegen mitsamt ihrem Gepäck aus, kletterten über die Leitplanke und machten sich zu Fuß auf den Weg, ihre Koffer hinter sich herzerrend. Tanjas Koffer war immer noch offen. Christopher hatte ihn mit Spanngurten verzurrt, mit denen man normalerweise schweres Gepäck auf dem Autodach sicherte.  

Kurz vor dem Eingang zum Flughafen riss einer der Gurte. Auch der andere gab nach, Der Deckel klappte auf, und Tanjas Kleider, der Waschbeutel, Kosmetika, Unterwäsche, Schmuck, und was sich sonst noch alles im Koffer befand, quoll heraus und blockierte die Drehtür. Auch DAS noch! 

Nach längerem Kampf brachten sie es fertig, den ganzen Kram wieder in den Koffer zu stopfen und sich auf die Suche nach dem richtigen Abfertigungsschalter zu  machen. Doch als sie dort ankamen, war niemand vom Bodenpersonal zu sehen. Nur eine endlose Menschenschlange wartete vor dem Schalter. Nach längerer Zeit erschien endlich eine junge Frau in Uniform, nahm hinter der Barriere Platz und begann, die Reisenden abzufertigen. Eiern nach dem anderen erhielt seine Bordkarte und wurde in eine Schleuse geschickt, hinter der es anscheinend zum Gate ging. Komischerweise kamen manche der Passagiere durch einen Nebeneingang wieder ins Terminal und stellten sich erneut in die Schlange. Merkwürdig! 

Während sie warteten, suchte Tanja in ihrem Rucksack nach den Flugtickets. Doch sie fand sie nicht. Mit immer größer werdender Panik wühlte sie im Rucksack herum.  Schließlich kippte sie den ganzen Inhalt vor ihre Füße auf den Boden. Doch die Tickets waren weg.  

Christopher rastete aus. "Verdammt, Dir kann man doch gar nichts überlassen" schrie er wütend. "Warum hast Du die Dinger nicht MIR gegeben?" "Ich hatte sie vorhin noch, ich bin ganz sicher" verteidigte sich Tanja. "Dann wären sie ja da!" schrie er mit überschnappender Stimme.  

"Suchen Sie das da?" Eine Hand langte von  hinten über Tanjas Schulter und reichte ihnen einen weißen Umschlag. "Den habe ich gerade auf dem Boden gefunden" sagte eine männliche Stimme.

DIE TICKETS! 

Tanja wollte sich gerade bedanken, als der Flughafen-Lautsprecher über ihnen zum Leben erwachte.  

"Meine Damen und Herren“, verkündete eine weibliche Stimme, „soeben ist die Maschine nach Antalya gestartet..."  

Die Ansage wurde von einem grellen Klingelton untermalt, dem ein lautes Scheppern folgte. Urplötzlich wurde es eiskalt. Im nächsten Moment eine weitere Stimme, diesmal eine männliche: 

"Tanja, Schatz, aufstehen, sonst kommen wir zu spät! Der Flieger nach Antalya  wartet nicht...
 

© Christine Rieger

 



 

Donnerstag, 15. September 2016

Seebeben

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

es ist wieder Zeit für die nächste Reizwort-Geschichte. Die Reizwörter des Monats September sind:
 
Topf - Tränen - verirren - dunkelrot - mutig 

Meine Geschichte war diesmal wieder  eine ziemlich schwierige Geburt. Irgendwie meint es die Muse der Schreibkunst momentan nicht so gut mit mir! Die Gedanken und Ideen fließen zäh wie Kaugummi...

Jetzt bin ich - genau wie Ihr - sehr gespannt, was meine Kolleginnen


Eva   Lore   Martina   Regina 
 
aus dem vorhandenen "Material" gezaubert haben!
 


Viel Spaß beim Lesen! 

Eure Geschichten-Erzählerin

 
Seebeben 

Dass nichts mehr so sein würde, wie es war, wusste Christophoros, von seinen Freunden "Chris" genannt, seitdem er die Radioberichte von dem schweren Seebeben vor der Küste gehört und kurz danach die Bilder im Fernsehen gesehen hatte. Und dennoch -  als er aus dem klapprigen Fischerboot stieg und auf den Kai kletterte (oder das, was davon noch übrig war), kamen ihm vor Entsetzen  die Tränen.  Den Ort, den er vor einer Woche verlassen hatte, um mit zwei Freunden auf dem Peloponnes zu wandern, gab es nicht mehr. Die Natur hatte ganze Arbeit geleistet. 

Sofort nachdem er erfuhr, dass die Insel, auf der er geboren war und sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, am stärksten von den Folgen des Unglücks betroffen war, brach er seinen Urlaub ab und machte sich auf den Heimweg.  Stávros und Loukas, seine Freunde, sahen dazu keine Notwendigkeit. Ihre Familien lebten auf dem Festland und waren in Sicherheit. 

Zwei Tage hatte Christophoros gebraucht, um von seinem Urlaubsort hierher zu kommen.  Für eine Entfernung, die sonst in wenigen Stunden zu bewältigen war. Doch der Inselflughafen, auf dem sonst täglich mehrere Urlaubsflieger ihre Passagiere ausspuckten, existierte nicht mehr. Zwei der drei Fähren, die das Festland mit der Insel verbanden, waren während der Naturkatastrophe zerstört worden und gesunken. Die dritte, nur leicht beschädigt,  wurde vom Internationalen Roten Kreuz als Notlazarett benutzt. So war ihm - nach einer anstrengenden  Fahrt mit der wenig zuverlässigen Eisenbahn -  nur das altersschwache Fischerboot seines Onkels geblieben, der seit Jahren mit seiner Familie auf dem Festland lebte, um auf die Insel zu tuckern. 

Von der ehemaligen Kaimauer waren nur noch Fragmente übrig. Steine und Geröll lagen überall herum. In den Häuserruinen waren Rettungskräfte damit beschäftigt, die Trümmer beiseite zu räumen, teilweise mit bloßen Händen. Sie hofften noch immer, Verschüttete lebend bergen zu können. Weinende, verzweifelte Angehörige irrten umher, die nach Mitgliedern ihrer Familien suchten. Andere saßen am Boden, regungslos, wie versteinert. Sie hatten alle Hoffnung aufgegeben. 

Der Verkehr auf der Insel war nahezu zusammengebrochen. Nur eine einzige Straße war inzwischen soweit intakt, dass zumindest die Versorgung der Menschen - wenn auch notdürftig - sichergestellt war. Auf ihr bahnte sich ein LKW, beladen mit Wasserflaschen, den Weg nach Norden.  

Eingestürzte Häuser und Schutt säumten seinen Weg, und beim Gehen wirbelte Staub auf, der ihm fast die Sicht nahm. Obwohl Christophoros hier geboren war, hatte er Mühe, sich nicht zu verirren. 

Die Menschen, die zwischen den Ruinen umherliefen, hatten keinen Blick für ihn. Sie versuchten, aus dem Unglück zu retten, was noch zu retten war. Viel war es nicht.  

Von einem der eingestürzten Häuser war immerhin das Erdgeschoss noch stehen geblieben. Doch durch das Mauerwerk zog sich ein breiter Riss bis zum Boden. Über der zerbrochenen Türe stand noch ein Teil der Schrift -  "αρτοποιείο - Bäckerei".  Die drei letzten Buchstaben fehlten. Der Laden gehörte seinem Schwager, dem Mann seiner älteren Schwester.  

Neben der Treppe hatte jemand ein paar gerettete Gegenstände abgelegt. Eine Plastiktüte, die vermutlich ein paar Kleidungsstücke enthielt.  Ein verbeulter, staubiger Kochtopf. Ein Campingtisch aus Plastik. Zwei Korbstühle, einer davon ohne Lehne. In einem offenen Karton mehrere Fotoalben mit zerrissenen Einbänden und losen Fotos.  Zu sehen war niemand. 

Zögernd trat Christophoros näher. "Eleni? Leandros?" rief er, in der Hoffnung, jemand würde ihn hören. Und noch einmal: "Eleni? Leandros?" Aber niemand antwortete. Er wollte sich schon zum Gehen wenden, um sich auf den Weg zum Haus seiner Eltern zu machen, als plötzlich eine Gestalt aus dem Trümmern der zerstörten Bäckerei  auftauchte. Ein Mädchen, eher schon eine junge Frau, dreizehn  oder vierzehn Jahre alt. Ihr Kleid, früher wohl einmal  dunkelrot,  war von der Sonne ausgebleicht und an manchen Stellen zerrissen. Es war ihr zu groß und hing wie ein Sack von ihrem Körper. Ganz offensichtlich hatte es früher einmal jemand anderem gehört. Ein unordentlich geflochtener schwarzer Zopf baumelte  über ihrer linken Schulter. Das rechte Knie bedeckte ein einstmals weißer, inzwischen ziemlich schmuddeliger Verband.  

"Christophoros?" fragte das Mädchen schüchtern. "Onkel Chris - Bist Du es wirklich?" 

"Athina! Gott sei Dank!"   Athina war seine Nichte, die jüngste Tochter seiner Schwester Eleni und seines Schwagers Leandros, den Inhabern der Bäckerei. "Wo sind deine Eltern? Und deine Geschwister?" 

Das Mädchen  zögerte sekundenlang. Doch dann stürzte sie auf Chris zu, schlang die Arme um seine Hüften und schluchzte zum Gotterbarmen. Chris ließ sie weinen, strich ihr nur hin und wieder tröstend über die zerzausten Haare. Es dauerte lange, bis Athina sich so weit gefasst hatte, dass sie wieder Worte fand.  

"Mama und Papa" schluchzte sie ... " Papa ist tot. Er hat oben geschlafen, weil er doch immer mitten in der Nacht aufstehen muss. Das ganze Haus hat gewackelt, dann kam die Decke herunter und hat ihn erschlagen.   Georgios und Maria waren mit mir im Garten. Wir wollten Äpfel pflücken. Aber der Baum ist abgebrochen. Georgios ist runtergefallen und hat sich ein Bein gebrochen. Maria hat einen Ast auf den Kopf gekriegt. Sie hat sich nicht mehr gerührt". Wieder wurde ihr Bericht von heftigem Schluchzen unterbrochen. "Und deine Mama? wollte Chris wissen. "Wo ist sie?" 

"Ich weiß nicht". Athina stand auch jetzt, drei Tage nach dem Unglück, noch immer unter Schock.   "Irgendwann kamen Männer. Sie haben mein Knie verbunden. Maria und Georgios haben sie mitgenommen, wohin, haben sie mir nicht gesagt. Mama ... ich habe sie nicht mehr gesehen, und niemand hat mir gesagt, wo sie ist!" 

"Warum bist du nicht zu den Nachbarn gegangen? Oder zu meinen Eltern?" Du bist ganz schön mutig, hier alleine zu bleiben! 

"Die Nachbarn sind nicht da - die sind einen Tag vor dem Unglück zu ihrer Tochter nach Deutschland geflogen. Und ich konnte nicht weg. Irgend jemand musste doch aufpassen, dass nichts geklaut wird..." Wäre die Situation nicht so ernst gewesen - Chris hätte lauthals gelacht. Als gäbe es hier noch irgend etwas, das sich zu stehlen lohnte!   

"...und ... deine Mama und dein Papa..." fuhr Athina fort.  

Eine böse Ahnung ergriff Chris. Ein Gefühl,  als bekäme er im nächsten Moment keine Luft mehr.  Er packte seine Nichte bei den Schultern und schüttelte sie. "Athina" rief, ja schrie er. "Was ist mit meinen Eltern?" 

"Oma und Opa... Ich wollte ja zu ihnen. Aber als ich hinkam, war das ganze Haus kaputt, so wie unseres auch. Sie haben mich nicht hingelassen.  Ich bin auf dem Hügel stehen geblieben. Ich wollte warten, bis die Polizei und die Helfer weg waren... Da habe ich  gesehen, wie sie zwei Bündel weggetragen haben, die in Decken eingewickelt waren..." Wieder konnte Athina nicht weitersprechen. Aber es war auch nicht notwendig.  

Keiner von beiden hätte hinterher sagen können, wie lange sie stumm, fassungslos vor der Ruine der Bäckerei standen. Waren es Minuten oder Stunden?  

Christophoros war der erste, der sich wieder auf die Wirklichkeit besann. Er war jetzt - obwohl nicht viel älter als Athina - für seine Nichte verantwortlich. 

Wortlos bückte er sich, sammelte die wenigen Habseligkeiten ein, die Athina aus dem eingestürzten Haus gerettet hatte, und verstaute sie in der Plastiktüte bei den Kleidungsstücken. Die beiden Stühle und den Campingtisch ließ er an Ort und Stelle. Die konnten sie später immer noch holen.  

"Komm" sagte er zu seiner Nichte. "Wir gehen jetzt erst mal zum Haus von Oma und Opa und sehen nach, ob dort noch etwas zu retten ist. Und dann versuchen wir herauszufinden, wo deine Geschwister sind, und was aus deiner Mutter geworden ist. Danach sehen wir weiter!" 

Weder Chris noch Athina warfen einen Blick zurück, als sie die Stätte des Unglücks verließen, um einer ungewissen Zukunft entgegen zu gehen.
 
 

© Christine Rieger / 2016
 

Sonntag, 4. September 2016

Frauenprobleme

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

Hurra - ich lebe noch! **grins**

Heute habe ich mal wieder eine Geschichte für Euch, die ohne Weiteres aus meinem eigenen Leben stammen könnte. Es geht um die Probleme, die "Frau" hat, wenn eine Urlaubsreise ansteht...


Und noch etwas in eigener Sache:

In letzter Zeit mache ich mich ziemlich rar hier - aber das ist der Tatsache geschuldet, dass sich bei diesem herrlichen Sommerwetter die Lust in Grenzen hält, sich vor den PC zu setzen.
 
Ich lese zwar häufig die Beiträge in anderen Blogs mit - aber meistens unterwegs am Handy. Ich bitte um Verständnis dafür, dass  mir das Kommentieren bei den kleinen Tasten einfach zu mühselig ist.

Aber jetzt zu meiner Geschichte!
 
Ich wünsche Euch viel Spaß und einen schönen Sonntag!
 
Eure Geschichten-Erzählerin 



 
Frauenprobleme...
 

Also, eigentlich  verreise ich ja für mein Leben gern. Ich würde es noch viel öfter tun - wären da nicht die Reisevorbereitungen. Wenn ich ENDLICH im Auto sitze und mein Gepäck im Kofferraum verstaut ist, bin ich ein Nervenbündel! Aber  - von Anfang an. 

Nehmen wir - so als Beispiel - irgendeinen Urlaub im Gebirge.  

Ans Meer zu reisen, ist viel einfacher. Schon deshalb, weil es dort gewöhnlich warm ist. Außerdem ist das Gepäckvolumen, das die Fluggesellschaft bereit ist, kostenlos zu transportieren, gewöhnlich auf 20 kg beschränkt.  Dass mein Mann nicht einmal die Hälfte davon braucht, ist ein Riesenvorteil. Er übernimmt nämlich gerne meine überzähligen Handtücher, Badesachen, die gehäkelte Handtasche oder sonstigen Krimskrams, damit seine paar Hemden und die beiden Hosen nicht so unkontrolliert in seinem Köfferchen herumfliegen. Aber ich schweife ab. 

Wenn bei uns eine Reise ansteht, fange ich ungefähr zwei Wochen vorher an, erst mal alle einschlägigen Wetter-Websites zu besuchen. Schließlich muss ich ja wissen, ob es kalt oder warm wird, Regen oder gar Schnee angesagt ist. Dass  fünf Wetterberichte neun verschiedene Vorhersagen ausspucken, die sie auch noch alle paar Stunden ändern, macht die Sache nicht leichter. (Was habe ich eigentlich vor der Internet-Ära gemacht ???) 

Dann stehe ich vor meinem Kleiderschrank - und drehe das erste Mal am Rad. 

Für einen Urlaub im Gebirge muss - oder sollte man - robuste und möglichst wetterfeste Kleidung mitnehmen. Natürlich nicht die allerengste Jeans. Erfahrungsgemäß geht auch die allerweiteste am Ende des Urlaubs nicht mehr zu - den tollen Frühstücks- und Abend-Büffets im Hotel sei Dank. Hm. Da ist die Auswahl nicht allzu groß. Die Hosen kneifen schon jetzt fast alle. Bis auf die einstmals schwarze, jetzt reichlich verwaschene Jeans  mit den weiten Schlabberbeinen á la Hippie. Nee. In der sehe ich aus wie eine dieser grauen Restmülltonnen... Also doch die hellblaue. Wenn ich ein T-Shirt drüber trage, sieht man nicht, wenn ich den Reißverschluss offen lasse. Dann eine Dreiviertel-Jeans und die ganz kurze. Könnte ja auch heiß sein, und beim Wandern schwitzt man sowieso. Die T-Shirts sind kein Problem. Ich nehme den ganzen Stapel.  

Die Beute kommt ins Gästezimmer auf einen fahrbaren Kleiderständer. Dann geht es zurück an den Schrank. Die Sachen für tagsüber und den Abend müssen noch her. Schwierig. Im Vier-Sterne-Hotel kann man nicht einfach in ausgeleierten Jogginghosen oder der Wanderkluft im Speisesaal  einfallen. Obwohl - manche Gäste genieren sich kein bisschen, wenn die Schweißränder von der Tageswanderung bis zur Taille reichen und entsprechende "Düfte" absondern. ICH gehöre dazu jedenfalls nicht!   

Ich schwitze Blut, und das Rad in meinem Kopf dreht sich wie ein Brummkreisel. WAS zum Henker nehme ich bloß für abends mit? Das lange schwarze Schlauchkleid? Naja - die Stauungen am Mittleren Ring sind bei der Anprobe schon seeehr deutlich zu erkennen! Ach was - die lange Blazerjacke mit den silbernen Streifen drüber, oder den Schlauchpullover mit den überkreuzten Trägern... Und dann habe ich ja noch die durchsichtige schwarze Bluse mit dem gelben Blumenmuster  ... mehr als zwanzig Jahre alt, aber das steht ja nicht vorne drauf. Kommt mit. Drei  Abende gerettet.  

Beim Aufhängen der Sachen auf den besagten Kleiderständer im Gästezimmer kommen mir Zweifel.  Ich kann doch nicht JEDEN Abend im gleichen Kleid ... Der Schrank wird erneut inspiziert. Und dann gleich die "Tagesklamotten" ausgesucht. Man will ja mal was besichtigen, über die Shopping-Meile ziehen, ins Schwimmbad ...  

Hiiiiilfe - das hätte ich ja fast vergessen! Das Hotel hat ein Hallenbad! Also, fünf Badeanzüge, Handtücher, Badelatschen, den weißen Bademantel. Kommt alles in eine Sporttasche. Das ist einfach. 

Der Kleiderständer füllt sich zusehends. Alles, was nicht drauf passt, oder zusammengelegt ist, stapelt sich auf der Gästecouch. Hoffentlich kommt jetzt keiner von der Familie oder aus dem Freundeskreis auf die Idee, hier übernachten zu wollen!  

Dann kommen die Schuhe dran. Knöchelhohe Wanderstiefel. Turnschuhe. Weiße und schwarze Sandalen und dann auch noch die neuen, knallbunten. Nicht zu vergessen die schwarzen "Abendschuhe"  mit Absätzen. Laufen kann ich zwar damit nicht allzu weit, aber vom Zimmer bis in den Speisesaal wird's gehen.  

Die Badelatschen suche ich eine Dreiviertelstunde - bis mir einfällt, dass ich die ja längst in die Sporttasche zu den anderen Badesachen gestopft habe. 

Die Tage vergehen. Wie oft ich inzwischen umdisponiert habe, kann ich nicht mehr zählen. Es wird Zeit, dass der Tag der Abreise kommt! Lange  halten  meine Nerven diesen Stress nicht mehr aus! 

Aber zuerst kommt noch das Packen. Das mache ich immer einen Tag vorher.  

Der Stromzähler im Keller schlägt Rad - bis zur letzten Minute orgeln Waschmaschine und Trockner. Die Unterwäsche muss noch gewaschen werden - schließlich bin ich ja eine ganze Woche weg. Eine Horrorvorstellung,  im Hotel meine Unterwäsche waschen zu müssen! Mal einen BH oder ein Paar Socken - das geht gerade noch.   Mehr passt in die winzigen Näpfchen , die man im Hotel "Waschbecken" nennt, sowieso nicht rein. Die meisten sind nicht größer als ein Blumenuntersetzer oder eine Vogeltränke, und genau so flach.  Wenn man neben den Socken noch Wasser drin haben will, wird es schon eng.  Außerdem hat man hinterher meistens einen nassen Bauch, weil das Wasser sonstwo abläuft, nur nicht im Abfluss. Aber das nur nebenbei. 

Ich stehe gerade mitten im Chaos im Gästezimmer, umgeben von zwei Sporttaschen, einem mittelgroßen Überseekoffer, zwei Rucksäcken (Einer fürs Handgepäck und einer zum Wandern), und versuche, die aufgestapelten Klamotten in diesen Behältnissen unterzubringen. Zwischendrin  renne ich ins Bad, um das Reisewaschmittel zu holen. Dort fällt mir ein, dass ich ja auch noch mein Beauty-Case packen muss. Und die Reiseapotheke... 

Hiiilfe - ich dreh am Rad! 

Während ich ausrechne, wie viele von meinen Tabletten ich für eine Woche brauchen werde (plus die doppelte Menge für Notfälle),  kommt mein Mann ins Bad, in der Hand sein blaukariertes Lieblingshemd. (Und ich dachte, dieses fossile Teil wäre längst in der Altkleidersammlung gelandet!)   

"Kannst du mir das Hemd bitte noch waschen? Ich möchte es unbedingt mitnehmen!" 

 Auch DAS noch! 

Mein Gesicht muss Bände gesprochen haben! Wortlos geht mein Gatte wieder hinaus, kommt mit einer kurzen Hose und einem T-Shirt zurück  und wirft die Waschmaschine selber an. "Ist das Kurzprogramm  - das dauert nur eine halbe Stunde" meint er entschuldigend, bevor er endgültig den Rückzug antritt. 

Ich zähle erneut meine Tablettenration. Dass ich die wichtigste Sorte vergessen habe (und deshalb am dritten Urlaubstag mit einem Gichtanfall zum Arzt muss), bemerke ich erst nach dem fünf-Gänge-Menü am ersten Abend. 

Neun Uhr am Abend vor der Abreise. Das Rad meiner Hektik ist immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Haare tönen, Fingernägel lackieren, Spülmaschine nochmal laufen lassen. Lieblingshemd des Ehegatten bügeln. Personalausweis einpacken. Reserveschlüssel vom Auto suchen. Dann endlich duschen und ab ins Bett. Da ist es halb zwölf. 

Um vier stehe ich wieder auf (schlafen kann ich sowieso nicht) und mache Frühstück. Gegen sechs kommt mein Mann. ER hat mit dem Packen noch nicht mal angefangen! Nachdem er gemütlich gefrühstückt, Wurstbrote für die Fahrt zurechtgemacht, die Mülleimer nach draußen geschafft und gefühlte fünfundsechzig Blumenstöcke sowie die Geranien am Balkon gegossen hat, verschwindet er im Schlafzimmer. 

Es dauert keine Stunde, bis er mit einer Sporttasche, einem Rucksack und seinem Köfferchen (meine Handtaschen haben in etwa die gleiche Größe). wieder auftaucht "Wir können los" verkündet er freudestrahlend. "Ich muss nur noch den Hauptwasserhahn abdrehen!"  

Die Fahrt verläuft reibungslos. Staus gibt es nur auf der Gegenfahrbahn. Nach knapp vier Stunden sind wir am Ziel.  

Einchecken, Gepäck ausladen. Beim Transport zum Zimmer hilft uns der Jüngling von der Rezeption. Während mein Mann sich zwecks Entspannung ein bisschen hinlegt, packe ich aus. Ich hasse es, aus dem Koffer leben zu müssen! 

Schnell ist alles auf Bügel gehängt, die T-Shirts in den Schrankfächern. Dann hebe ich das darunter liegende Handtuch hoch - und mich trifft beinahe der Schlag.  

"NEIIIIIN !I!" 

Entsetzt fährt mein Mann im Bett hoch. Gerade war ein bisschen eingenickt.

"Um Himmels Willen - was ist denn passiert?" 

"Ich ... habe ... vergessen ... den Wäschetrockner auszuleeren. Ich habe ... überhaupt keine ... Unterwäsche dabei!"
 


 
© Christine Rieger / 2016