Sonntag, 17. Juli 2016

Bergvagabunden

 
 
 
Liebe Freunde meines Lesebuchs, 
in dieser Woche geht es nun weiter mit den Geschichten aus meinem Leben. Ich möchte Euch einladen, mit mir auf Reisen zu gehen. Besser gesagt, die Erinnerung an meinen vorletzten Urlaub mit mir zu teilen…
 
Ich wünsche Euch viel Spaß dabei - und einen schönen Sonntag! 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 

 
 
 
 
Alle Fotos zu diesem Beitrag
© Christine Rieger
 
 
 
 
Bergvagabunden… 
 
 
 
 
 
Das Leben ist kein Wunschkonzert. Diese Erfahrung durfte ich wieder einmal machen,  als ich versuchte,  über meinen Geburtstag nach Oberstdorf zu flüchten.  Ausgerechnet in dieser einen Woche war in dem Hotel, das ich mir ausgeguckt hatte, kein einziges Zimmer mehr frei! Und das im Januar! Nicht zu fassen!
 
Aber man ist ja flexibel geworden. Erst recht jetzt, nachdem man bei keinem Chef mehr „Bitte Bitte“ machen muss, wenn man in Urlaub gehen will… Kurz entschlossen zogen wir unsere Reise um ein paar Wochen vor. Für meinen Geburtstag würde sich schon noch etwas finden.  Und wenn nicht - ab ins Thermalbad. Hauptsache weg vom Telefon!
 
Kurz und gut - wir fuhren also schon Ende Mai nach Oberstdorf.
 
Das Auto war beladen, als  hätten wir eine Vier-Wochen-Reise  durch die Wüste vor. Was - zugegeben - an  MIR lag. (Das Gepäck meines Mannes passt gewöhnlich in eine meiner Handtaschen…) Aber man braucht ja schließlich in einem Vier-Sterne-Hotel ein bisschen mehr zum Anziehen. Zumindest dann, wenn man weiblichen Geschlechts ist. Schließlich will man ja am Abend nicht in Trekkinghosen und mit Wanderstiefeln an den Füßen im Speisesaal aufmarschieren!
 
Badesachen braucht man auch, wenn das Thermalbad nur einen Katzensprung vom Hotel entfernt ist. Nicht zu vergessen jede Menge T-Shirts zum Wechseln, wenn man beim Wandern so schwitzt wie ich.  Naja - und auch die Reiseapotheke braucht ihren Platz. Daran merke ich immer, dass ich doch nicht mehr die Jüngste bin! Davon abgesehen - auch die Döschen mit dem Schminkzeug werden umfangreicher. Vor allem das Makeup zur Tarnung der Runen im Gesicht! 
Aber das nur so nebenbei. 
Unsere Reise begann schon damit, dass nach einer halben Stunde Fahrt die Autobahn wegen Brückenbauarbeiten komplett gesperrt war. Der Verkehr quälte sich millimeterweise durch einen Ort, dessen Straßen für solche Scherze  nicht unbedingt geeignet sind. Die armen Anwohner! Das war aber zum Glück das einzige Hindernis. Danach lief alles wie geschmiert. 
 
Gleich bei unserer Ankunft habe ich einen sehr bleibenden Eindruck beim Hotelpersonal hinterlassen. Danach kannten uns alle beim Namen.
 
Der Empfangschef bugsierte die Koffer auf einem Gepäckwagen in unser Zimmer. (Vermutlich hatte er Angst, sich beim Tragen einen Bandscheibenvorfall zuzuziehen). Während er unser Auto in die Tiefgarage fuhr, packte ich aus. Danach hatte ich das dringende Bedürfnis nach einer Dusche.  Die jedoch wurde mir beinahe zum Verhängnis! Wäre mein Mann nicht dabei gewesen, so würde ich vermutlich noch jetzt in der Kabine stehen.  Aber möglicherweise hätte mich ja das Zimmermädchen am nächsten Tag … Denn schließlich nimmt man ja nicht zwingend das Handy mit unter die Dusche!
 
Doch von Anfang an. Nachdem ich  mich von oben bis unten wieder sauber und frisch fühlte, wollte ich die Dusche verlassen. Aber - das ging nicht. Die Türe der Kabine ging nicht auf!  Egal, was ich versuchte - ziehen, schieben, drücken, rütteln - es war vergeblich.
 
Da stand ich also, splitterfasernackt und triefend. Langsam wurde mir kalt, denn das Fenster war gekippt.  Also rief ich um Hilfe. Mein Mann kam sofort herbeieilt. Doch obwohl er technisch überaus  begabt ist, schaffte auch er es nicht, mich zu befreien.  Was nun?
 
Gott sei Dank war die Kabine oben offen, und so  warf er mir erst einmal ein Badetuch herüber. Danach den Bademantel, den ich mit Rücksicht auf den geplanten Besuch im Thermalbad vorsichtshalber eingepackt hatte.  Während ich mich hineinwickelte, lief er zur Rezeption hinunter, um Hilfe zu holen. Wenig später kam er mit einer jungen Frau im Schlepptau zurück. Überraschenderweise hatte auch sie Mühe, die Türe zu öffnen. Aber sie schaffte es. Und erklärte uns dann den geheimnisvollen Mechanismus. Trotzdem - ich brauchte noch drei weitere Duschgänge, bis ich endlich kapiert hatte, wie ich ohne Hilfe aus diesem Häuschen wieder herauskam…
 
Ansonsten war der Urlaub ein Traum, wenn man von eineinhalb Tagen Dauerregen einmal absieht.
 
Doch wer Oberstdorf kennt, weiß, dass man dort auch im Regen keinerlei Langeweile hat. Zumal unser Hotel mitten am Marktplatz lag, gegenüber der Kirche.  Wir sind quasi durch die Hoteltüre direkt in die Fußgängerzone gepurzelt. Und da gibt es Geschäfte… eins neben dem anderen, mit allem, was das (Frauen)herz begehrt! Schuhe, Kleidung, Schmuck, Taschen, Koffer, Sportartikel. Die vor allen Dingen. Und Hüte! Das erste, was bei unserem Bummel durch den Ort an mir kleben blieb, war (notgedrungen) ein Regenschirm. Und das zweite war das da:
 
 

Schon vor der Mittagszeit betete ich darum (und erst recht mein Mann), der Regen möge bald nachlassen.  Andernfalls hätte ich nach unserer Rückkehr Konkurs anmelden müssen… Denn bei dem Hut blieb es nicht.
 
Ich kann mir nicht helfen - irgendwie muss ich Kleister an den Fingern haben. Ich kann mir noch so oft vornehmen, WIRKLICH NICHTS mehr zu kaufen - irgend etwas bleibt doch immer an meinen klebrigen Fingern hängen! Diesmal waren es neben dem Hut eine neue Hose, eine Fleeceweste und eine große Tüte Unterwäsche (wieso muss es auch ausgerechnet in Oberstdorf Outlet-Stores  sämtlicher gängigen Wäschefirmen geben?). Na ja - außerdem, der Handel muss doch schließlich unterstützt werden!
 
Nun gut. Nachdem das Wetter sich besserte, taten wir auch das, weswegen wir eigentlich hierher gekommen waren: Die Berge erobern. Allerdings nicht mehr wie früher, als wir stundenlang bergauf geklettert sind, um dann oben halbtot in irgendeiner Hütte auf die Bank zu plumpsen und nach Luft zu schnappen. Gut, ich gebe zu, dass nur ICH so unsportlich war. Mein  Mann muss wohl Gemsen in seiner Ahnengalerie haben, denn er geriet kaum außer Atem - und war selten so erledigt wie ich, wenn wir die Berge hinaufgekrabbelt sind.   Eigentlich kein Wunder. ER ist gertenschlank und sportlich - und ich - ach, Schwamm drüber.
 
Zum Glück ist auch mein Mann inzwischen ruhiger geworden. Und so ziehen wir es vor, die Berge mittels Kabinenbahn oder Gondel zu erobern. Man kann ja schließlich auch oben herumlaufen, wenn man will. Ganz abgesehen davon: Die freie Fahrt mit allen umliegenden Bergbahnen ) und da gibt es sieben oder acht),  war im Hotelpreis inbegriffen. Warum sollten wir das dann nicht ausnützen?
 
Mein schönstes Erlebnis in diesem Urlaub war die Fahrt aufs Nebelhorn - das seinem Namen diesmal gar keine Ehre machte. Allerdings - Ende Mai ein Meter Neuschnee - das ist auch nicht unbedingt normal!
 
 
 
Wir kamen deshalb auch nur bis zur Mittelstation. Der Berggipfel war unerreichbar - die Bahn dorthin fuhr nicht. Aber nicht nur wegen des Schnees, sondern auch, weil dort oben umgebaut wird.  Uns störte es nicht. Die Bergwelt ist schon auf 1.932 m sehr beeindruckend! Zumal bei so herrlich blauem Himmel, Sonnenschein und Bergen von Schnee…
 
 


 
Es gefiel uns dort oben so gut, dass wir drei Tage später noch einmal hinauf fuhren. Da war der Schnee aber schon sehr viel weniger geworden - das Thermometer zeigte beim Aussteigen aus der Kabinenbahn 15 Grad plus an. Im Tal unten war es dagegen so heiß, dass man in Sommerkleidung herumlaufen konnte, und die Eisdielen Rekordumsätze  verbuchten.
 
Als wir beim zweiten Besuch am Nebelhorn an der unteren Station auf die nächste Bahn warteten, die uns wieder ins Tal schaukeln sollte, konnten wir die Leute beobachten, die auf der anderen Seite auf die Bergfahrt warteten.
 
Uns fielen schier die Augen aus dem Kopf! Stand doch da unter anderem eine junge Frau mit Flipflops an den Füßen, im kurzen, ärmellosen Sommerkleidchen, eine schickes Handtäschchen im Geldbörsenformat schwenkend, um nach oben zu fahren. Tztztz … Nicht zu fassen! Die wird ein paar Hundert Höhenmeter weiter oben gar nicht mehr so glücklich ausgesehen haben!  Da fragt man sich schon, was in den Köpfen solcher Menschen vor sich geht.  Für solche leichtsinnigen Figuren dürfen Bergretter dann ihr Leben riskieren…
 
Eigentlich sollte ich ja gar nicht ablästern. Ich habe mir - neben der Aktion mit der Dusche - nämlich noch einen weiteren Klops geleistet. Ich kann es nur auf die Tatsache „Christine wird alt!“ schieben…
 
Auf der Kanzelwand - ein weiterer Berg in der Nähe von Oberstdorf, allerdings schon auf österreichischer Seite - habe ich es doch tatsächlich geschafft,  die Toilette zu verwechseln. Und es nicht mal zu bemerken…
 
Wenn ich eine Weile gelaufen bin, sind meine Klamotten so nassgeschwitzt, dass ich sie auswinden könnte. Nachdem es auf den Bergen oft windig ist, finde ich es ausgesprochen unangenehm, in  feuchten Sachen herumzusitzen.  Ich schleppe deshalb immer Wäsche und T-Shirts zum Wechseln im Rucksack mit. Ich suchte also die Toilette auf, um mich umzuziehen.
 
Nach getaner Tat ging ich ans Waschbecken, um mir die Hände zu waschen.  Ich dachte mir nichts dabei, als nebenan ein Junge stand. Allerhöchstens, dass er sich vielleicht ohne Mama nicht auf die Herrentoilette getraut hatte.
 
Doch als nahezu gleichzeitig  zwei Kabinentüren aufgingen und aus beiden Männer traten, fiel ich fast aufs Kreuz. War ich doch tatsächlich  im Männerklo gelandet. Gott, wie peinlich! Und was jetzt?
 
Aber ich bin ja zum Glück nicht auf den Mund gefallen.
 
„Hilf Himmel - ich glaube, JETZT werde ich alt!“ sagte ich mit einem Grinsen. „Wenn ich noch nicht mal mehr die Schilder von Männlein und Weiblein auseinander halten kann…“
 
Schallendes Gelächter. Die Situation war gerettet. Wie von Furien gehetzt raste ich aus dem Klo und flüchtete auf die Aussichtsterrasse, wo mein Mann, seelenruhig im Liegestuhl sitzend, ein belegtes Brötchen verdrückte…
 
© Christine Rieger

Freitag, 15. Juli 2016

Annas Entscheidung

Liebe Freunde meines Lesebuchs, 
nachdem ich in der letzten Zeit mehrmals hintereinander im Urlaub war, musste ich in Sachen Blog leider etwas kürzer treten. Die Zeit zwischen den Reisen war hauptsächlich dem Waschen, Bügeln und erneuten Kofferpacken vorbehalten. 
Aber nun ist erst mal Schluss mit lustig - ich bin wieder da. Und mein erster Beitrag ist - die neue Reizwort-Geschichte.


Diesmal waren folgende Reizwörter zu verarbeiten:  
Kuhglocken - Sicherheitsnadel - wählen - halten - hektisch  
Auch Anna fährt in den Urlaub. Zum ersten Mal allein, ohne ihren Mann. Wolfgang, mit dem sie seit 23 Jahren verheiratet ist,  zieht es vor, sein neues Pay-TV-Abo richtig auszukosten. Hätte er geahnt, dass seine Frau am Ende ihrer Reise… nein, das werde ich hier nicht verraten. Dann wäre er mit Sicherheit DOCH mit in die Wachau gefahren…
Ich wünsche Euch viel Spaß mit meiner Geschichte. Und natürlich mit denen meiner drei Kolleginnen
 
Eva   Lore   Martina   Regina
Eure Geschichten-Erzählerin

 

Alle Fotos zu diesem Beitrag
© Christine Rieger

Annas Entscheidung
Was für ein wunderschöner Ort! Anna bleibt so abrupt an dem steinernen Tor stehen, das den Eingang des Städtchens markiert, dass ein älterer Herr hinter ihr nicht mehr rechtzeitig bremsen kann und sie anrempelt. Er entschuldigt sich, aber Anna hört gar nicht zu. Hingerissen genießt sie den Anblick, der sich ihr bietet.

 
 
Eine schmale Gasse zieht sich - endlos, wie es scheint - von dem Torbogen, unter dem sie steht, durch den Ort. Rechts und links stehen dicht gedrängt Häuser mit steinernen Fassaden. So dicht, dass man das Gefühl hat, sie würden sich gegenseitig stützen und halten. Wahrscheinlich ist es auch so - einige davon wirken ziemlich baufällig.  Manche sind mit Efeu überwuchert, andere mit zahllosen Blumenkästen behängt, in denen Geranien, Petunien, Efeu, Weihrauch  und anderes Grünzeug meterlang herunterhängen.

Eines der Häuschen ist himmelblau angestrichen. Auf den wackligen Steinstufen stehen  zu beiden Seiten die absonderlichsten Gefäße mit Pflanzen. Blumentöpfe aus Keramik und Terrakotta. Plastikeimer in verschiedenen Größen und Farben. Ein Kochtopf aus verbeultem Blech. Sogar ein Nachtgeschirr mit blauer Bemalung dient als Pflanzgefäß. Neben der Treppe eine Holzbank mit verwitterter Lehne. Es wirkt bunt, fröhlich, malerisch. So wie der ganze Ort.

Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht ein Haus, das schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Die einstmals sonnengelbe Farbe ist an manchen Stellen abgebröckelt. Grob behauene Steine werden darunter sichtbar. Die Fensterläden hängen schief in den Angeln. Eins der Fenster ist zerbrochen. Es sieht aus, als hätte jemand einen Stein durch die Scheibe geworfen. In den Fugen zwischen den Treppenstufen wächst Moos. Das Erdgeschoss hat wohl einmal einen Laden beherbergt. Jetzt sind die Auslagen mit Brettern vernagelt.

Anna hat das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein. Langsam setzt sie sich in Bewegung, lässt sich vom Strom der Tagestouristen, die durch den Ort schlendern, mitziehen.  Ihr Blick fällt in Seitengässchen, die auf der einen Seite steil den Berg hinaufführen, auf der anderen Seite ebenso steil abwärts, bis sie irgendwann ganz unten an der  Uferpromenade enden. Ab und zu erhascht sie zwischen den Häusern einen Blick auf die Donau. Von hier oben sieht es aus, als würde der Fluss träge und behäbig sein Bett in Richtung Schwarzes Meer entlang kriechen. Doch der Eindruck täuscht. Die Strömung ist  tückisch und sehr schnell. Das allerdings merkt man nur, wenn man direkt am Ufer steht.
 
 
 
 

„Hier würde ich gerne leben“ denkt Anna sehnsüchtig. Sie hat das Gefühl, in einem der Bergdörfer in Italien zu stehen, die sie so liebt. Überall gibt es kleine Cafés, mit schmiedeeisernen Stühlen und wackligen Tischen vor der Tür. Hübsche Geschäfte mit einheimischen Spezialitäten, Handwerkskunst, edlem Schmuck. Dazwischen Weinlokale, in denen man die Erzeugnisse der umliegenden Weinberge nicht nur kosten, sondern auch - abgefüllt in Flaschen - mitnehmen kann. Und natürlich die unvermeidlichen Kitsch- und Andenkenläden für die Touristen.

Anna steuert  eins der kleinen Lokale an. Von außen ist es nichts weiter als ein gepflasterter Platz, nicht wesentlich größer als ein doppelter Carport. Ein weißes Stoffdach hält die Sonne ab. Tische und geflochtene Stühle aus Rattan laden zum Sitzen ein. Auf einer Schiefertafel stehen mit Kreide die Tagesempfehlungen: Schaschlik oder Currywurst mit Pommes. Italienischer Salat mit Putenstreifen. Brotzeitplatte. Palatschinken mit Marillenröster.  Komische Ausdrücke haben sie hier, denkt Anna kopfschüttelnd.
 
 

Nur einer der Tische ist besetzt. Die Mittagszeit ist längst vorüber, und die Kaffeegäste kommen erst später, wenn ihnen nach ihrer Besichtigungstour die Füße wehtun.

Der Kellner lässt sich Zeit. Merkwürdigerweise stört es Anna nicht. Zu Hause hätte sie sich längst aufgeregt, wenn sie so lange warten muss. Aber dieser Ort strahlt - trotz der vielen Touristen - etwas Beruhigendes aus. Was für ein Unterschied zu der hektischen  Großstadt, in der sie lebt!

Endlich taucht der Kellner aus dem Lokal auf, Er entschuldigt sich formvollendet.
„Es tut mir aufrichtig Leid, gnädige Frau, dass ich sie warten ließ - aber ich bin heute ganz alleine. Mein Kollege hat sich krank gemeldet, und jetzt muss ich  nicht nur bedienen, sondern auch die Getränke selber ausschenken… Nur kochen muss ich zum Glück nicht“ fügt er mit einem Grinsen hinzu. „Sonst gäbe es heute nur Bratkartoffeln…“

Anna bestellt den Palatschinken. Dazu einen Cappuccino mit Sahne. Mit einer tiefen Verbeugung zieht der Kellner ab, um die Bestellung an die Küche weiterzugeben.

„Zu schade, dass Wolfgang nicht mitgekommen ist“ geht es Anna durch den Kopf. „Aber - vielleicht ist es ja besser so!“

Anna und Wolfgang sind seit dreiundzwanzig  Jahren verheiratet. Noch zwei Jahre, und sie können Silberhochzeit feiern. Doch  inzwischen zweifelt Anna daran, dass sie es bis dahin schaffen werden… 

Sie haben sich auseinandergelebt in den letzten Jahren, gesteht sie sich ehrlich ein. Wie so viele langjährige Ehepaare, deren Interessen sich im Laufe der Zeit anders entwickelt haben. Wolfgang, früher aktiv und sportlich, hat sich zum Stubenhocker gemausert, sitzt lieber zu Hause vor dem Fernseher, als mit Anna abends auszugehen. Seit ihm seine Kinder aus erster Ehe zu Weihnachten ein Jahresabo eines Bezahlsenders geschenkt haben, ist er kaum noch zu bewegen, das Haus zu verlassen.  Vor Einladungen von Freunden  zu Grillpartys oder Geburtstagsfeiern drückt er sich mit fadenscheinigen Ausreden. 

Immer wieder versucht Anna, ihren Mann zu einer Urlaubsreise zu überreden. Oder zu einer Radtour. Doch Irgendwann gab sie entnervt auf. Sie arrangierte sich notgedrungen mit der Situation,  pflegte ihre eigenen Hobbys und ging statt mit Wolfgang mit Freundinnen aus. 

Eines Tages entdeckte  sie in der Tageszeitung das Inserat eines Hotels in der Wachau. Dort wollte sie schon immer einmal hin. Aber Wolfgang war nicht bereit, sich das Inserat auch nur anzusehen. Geschweige denn, sie zu begleiten.

Anna platzte der Kragen. Wortlos ging sie ans Telefon, reservierte ein Einzelzimmer für zwei Wochen und legte dann ihrem Gatten einen Zettel mit dem Reisetermin auf den Tisch,  bevor sie das Haus verließ, um mit einer Freundin zum Griechen zu gehen.

Wolfgang nahm die Tatsache, dass Anna beabsichtigte, alleine in den Urlaub zu fahren, kommentarlos hin. So, als sei des ihm vollkommen gleichgültig, was seine Frau trieb, solange er in Ruhe seine Fußballspiele anschauen konnte. Im Grunde genommen war es auch so.

Bis zu ihrer Abreise hoffte Anna, Wolfgang würde es sich noch überlegen und sie doch begleiten. Vergeblich. Als sie ihr Auto mit dem Gepäck beladen hatte und sich von ihm verabschiedete, wünschte er ihr einen schönen Urlaub und ging zurück ins Wohnzimmer zu irgendeinem megawichtigen C-Klassen-Fußballspiel…

„Das war es also dann mit unserer Ehe. Sobald ich zurück bin, gehe ich zum Anwalt und reiche die Scheidung ein!“ Anna konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen über die Wangen liefen, während sie den Wagen stadtauswärts Richtung Autobahn lenkte. Doch sie wischte sie energisch ab. Heulen konnte sie später.

Die ersten drei Tage verließ Anna ihr Hotelzimmer nur, um zu frühstücken und das Abendessen einzunehmen. Sie war es nicht gewohnt, alleine zu verreisen, niemanden zu haben, mit dem sie sich unterhalten konnte.

Am vierten Tag beschloss sie, aus ihrem Schneckenhaus herauszukriechen. Sie meldete sie sich für eine Omnibusfahrt nach Wien an. Der Ausflug machte ihr Spaß, und sie wurde mutiger.

 
 

Bei einer Bootsfahrt auf der Donau entdeckte sie dann den kleinen Ort, in dem sie heute saß. Er lag über dem Fluss, an einem Steilhang. Der blaue Kirchturm des Klosters, das Wahrzeichen des Städtchens, war weithin zu sehen. Ganz oben auf dem Berg thronte eine alte Burgruine.


 

Dazwischen Weinberge, die so steil waren, dass man sich automatisch fragte, wie in aller Welt die Weinbauern es fertig brachten, dort überhaupt zu arbeiten…
 
 

Sie wird aus ihren Gedanken gerissen, als der Kellner das Essen bringt. Der  Palatschinken, ein Pfannkuchen, gefüllt mir viel süßem Marillenröster (so heißt die Marmelade hier), gekrönt von einem Riesenberg Sahne, ist ein Gedicht. Süßspeisen - das können die Österreicher. Darin sind sie unschlagbar. Dazu der Cappuccino… Urlaub kann sooooo schön sein!

„Am liebsten würde ich für immer hierbleiben“ denkt Anna wieder. „Was erwartet mich zu Hause schon? Ein mürrischer Ehemann, dem sein Fußball über alles geht und der mich schon lange nicht mehr zur Kenntnis nimmt - es sei denn, er findet kein sauberes Hemd mehr im Schrank. Oder er stellt fest, dass das Bier mal wieder alle ist…  

Entschlossen kratzt Anna mit dem Kaffeelöffel das letzte Restchen der köstlichen Marmelade vom Teller.  Dann winkt sie den Kellner herbei. Doch als sie bezahlen will, stellt sie fest, dass ihr Geldbeutel nur zwei Euromünzen, eine Handvoll Cents und eine Sicherheitsnadel enthält. Mist! Sie hat vergessen, sich Geld aus dem Tresor zu nehmen! Was nun? Zum Glück akzeptiert der Kellner ihre Kreditkarte.  Sie steckt ihm die beiden Euromünzen als Trinkgeld zu und macht sich - tief in Gedanken - auf den Weg zurück zum Auto.

Nie mehr hätte Anna später erklären können, wieso sie sich plötzlich vor dem verfallenden gelben Haus mit den zugenagelten Schaufenstern wiederfand, das sie vom Eingang des Ortes gesehen hat.

Doch da steht sie nun. Und entdeckt etwas, das sie aus der Ferne nicht gesehen hat: An der Türe hängt ein Schild mit der Aufschrift „ZU VERKAUFEN“. Darunter eine Handynummer.

Das boshafte kleine Teufelchen in ihrem Kopf, das ihr eingeredet hat, sie könne doch einfach ihren Urlaub für immer verlängern, klopft ihr auf die Schulter.

„DAS ist es!“ flüstert es hinterhältig. „Vielleicht ist das ja Haus gar nicht so teuer - schließlich ist es ja schon ziemlich marode. Du müsstest es halt ein bisschen renovieren…“

„Quatsch!“ ruft Anna sich selbst zur Ordnung. „Du kannst nicht einfach alle Brücken hinter dir abreißen.   Von was willst du denn das Haus bezahlen? Und wovon willst du leben?“

Doch das Teufelchen gibt nicht auf. „Du hast doch das Erbe von deinen Eltern. Das wird zumindest für den Kaufpreis reichen. Den Laden unten könntest du vermieten - oder auch selber betreiben. Du hast doch schon immer von einem Second-Hand-Shop geträumt… Na los, ruf schon an!“

Warum eigentlich nicht? Fragen kostet schließlich nichts. Gerade will Anna die angegebene Nummer wählen, als aus dem Nachbarhaus ein junger Mann kommt. Offenbar hat er sie beobachtet.

„Guten Tag! Ich heiße Toni Binder. Sie interessieren sich für das Haus?“ fragt er höflich. „Gehört es ihnen?“ will Anna wissen. „Meiner Großmutter. Als mein Großvater starb, ist sie nach Linz gezogen. Seitdem steht es leer. Sie will es loswerden - es erinnert sie zu sehr an Opa…“

„Was soll es kosten?“  Achtundsiebzigtausend!“ Ein Spottpreis für ein Haus in dieser Lage. Allerdings - es muss vermutlich viel daran repariert werden…

Toni Binder scheint Gedanken lesen zu können. „Keine Sorge“ sagt er. “Von innen sieht es keineswegs so schlimm aus.   Heizung und Wasserrohre wurden erneuert, kurz bevor mein Großvater starb.  Das war vor zwei Jahren. Auch das Dach ist neu. Sie müssten nur die Fassade neu verputzen lassen, die  Fensterläden reparieren und die kaputte Scheibe ersetzen… Und saubermachen, natürlich.“

„Kann ich es mal von innen sehen?“ fragt  Anna. Sie schüttelt den Kopf über sich selbst. Was zum Teufel mache ich hier? Ich sollte schleunigst verschwinden, bevor ich einen Riesenfehler mache…

Der junge Mann verschwindet im Nebenhaus und kommt wenig später mit einem Schlüsselbund zurück. Als er die massive Holztür aufsperrt und einladend für Anna aufhält, scheppern plötzlich Kuhglocken. Entsetzt fährt Anna zurück.

Toni Binder wiehert. „Das ist bloß mein Handy“ sagt er trocken und drückt auf den Lichtschalter. „Sehen sie sich in aller Ruhe um, und wenn sie fertig sind, bringen sie mir einfach den Schlüssel in den Schmuckladen im Nebenhaus, ja?“ Im Hinausgehen hört sie ihn mit seinem Gesprächspartner auf Italienisch palavern.

Das Haus ist wirklich phantastisch für diesen Preis. Es ist in den Hang gebaut und erstreckt sich über drei Stockwerke. Die untere Etage wird von den Ladenräumen eingenommen. Im zweiten Stockwerk gibt es einen riesigen, überdachten Balkon, von dem aus man einen herrlichen Blick über den Ort, die Kirche mit dem himmelblauen Turm und den majestätisch dahinfließenden Strom hat. Nur - wo ist der Haken? Der Preis ist doch eigentlich unrealistisch! Selbst für das Doppelte wäre das Haus noch günstig…

„Ich werde dieses Haus kaufen“ sagt Anna entschlossen zu sich selbst. „Irgendwie werde ich es schaffen. Ich bin dreiundfünfzig. Noch nicht zu alt  für einen Neuanfang. Das ist DIE Chance! Den Laden unten werde ich einrichten - da kann ich meine ausrangierten Klamotten, Schuhe und Handtaschen verkaufen. Auch Geschirr und Haushaltsgegenstände, die ich nicht mehr benutze. Ein paar  Ansichtskarten dazu. Ein bisschen Nippes für die Touristen. Damit verdiene ich mit meinen Lebensunterhalt. Ja, hier werde ich glücklich sein!“

Sie nimmt sich vor, nachher vom Hotel aus ihre Freundin Corinna anzurufen. Corinnas Mann ist Bau-Sachverständiger und arbeitet als Schadensgutachter für eine große Versicherung. Sie wird ihn bitten, hierher zu kommen und das Haus mal in Augenschein zu nehmen. Und wenn er das o. k. gibt, wird sie es kaufen.

Sorgfältig schließt sie die Haustüre wieder hinter sich ab und geht zu dem Schmuckgeschäft im Nebenhaus. Gerade will sie eintreten, als ihr Handy anfängt zu klingeln. Wolfgang! Nanu? Der wird doch nicht plötzlich Sehnsucht nach ihr haben, nachdem er sich die ganze Woche noch nicht gemeldet hat?

„Hallo, Schatz“ hört sie seine Stimme. „Wie geht es dir? Wann kommst du zurück? Ich vermisse dich!“

„Schleimer“ denkt Anna angewidert. „Du rufst doch bloß an, weil der Kühlschrank leer ist - oder keine saubere Wäsche mehr im Schrank!“

„Ich habe die Absicht, noch eine Woche länger als geplant hier zu bleiben“ sagt sie in den Hörer.  „Vorausgesetzt, mein Zimmer ist noch nicht wieder vermietet. Ende des Monats komme ich auf jeden Fall. Aber nur, um meine Sachen zu holen. Ich werde mir hier ein Haus kaufen und für immer bleiben!“

Minutenlang ist es still im Hörer. Anna hört nur den Atem ihres Mannes.  Dann schreit er plötzlich los.

„Du willst - WAS ??? Dir ein Haus kaufen? Bist du jetzt vollkommen verrückt geworden?“

„Verrückt - vielleicht. Aber nicht schwerhörig. Du brauchst also nicht so zu schreien!“ Annas Stimme ist völlig ruhig.  „Ich finde, es ist an der Zeit, dass ich endlich auch einmal etwas Verrücktes mache - nachdem ich mein ganzes Leben lang immer brav, bieder und häuslich gewesen bin.  Ich habe nämlich keine Lust, den Rest meines Lebens neben dir auf dem Sofa  zu hocken und dir zuzuschauen, wie du auf der Fernbedienung deiner Glotzkiste herumhämmerst... Ich will leben, hörst du, LEBEN - bevor es zu spät ist!“

„Aber was soll ich denn machen?“ Wolfgangs Stimme klingt jetzt kläglich, fast schon weinerlich.  „Was wird dann aus mir?“

„Du kannst wählen“ antwortet Anna kalt. „Entweder lassen wir uns scheiden und du bleibst zu Hause in Deutschland. Oder du reißt dich am Riemen und kommst mit. Aber unter EINER Bedingung: Hier im Haus wird es weder Fernseher noch Pay-TV geben!“


© Christine Rieger / 2016