Samstag, 21. Mai 2016

Vielen Dank...

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

eigentlich wollte ich mich bei Euch allen persönlich für die lieben Kommentare bedanken. Bei den beiden ersten ist es mir auch gelungen - aber seitdem streikt die Technik, und ich schaffe es nicht, meine Antworten zu veröffentlichen.

Deshalb bedanke ich mich auf diese Weise bei Regina, Irmi und Eva.

Und Dir, liebe Lore, wünsche ich, dass Du bald wieder gesund bist - ich vermisse Deine schönen Geschichten...

Ich wünsche Euch allen ein schönes, sonniges und erholsames Wochenende!

Eure Geschichten-Erzählerin

 

Mittwoch, 18. Mai 2016

Muttertag

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

Der Muttertag ist zwar inzwischen schon wieder Vergangenheit - aber die Geschichten drehen sich heute trotzdem um diesen Feiertag. Von vielen Müttern wird er geliebt und ausgiebig gefeiert. Andere haben dazu ein eher gespaltenes Verhältnis und finden das ganze Drumherum eher lästig. Weil sie der Meinung sind, dass dieses Fest nur dem  Kommerz dient. Es stimmt ja auch. Kinder, die sich das ganze Jahr liebevoll um ihre Mutter kümmern, brauchen so einen Extra-Tag nicht. Und die anderen beruhigen nur ihr schlechtes Gewissen, wenn sie einmal im Jahr pflichtschuldigst bei ihrer Mutter aufmarschieren...   
Und dann gibt es auch noch diejenigen, die ihn überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen - so wie ich...  
Die Reizwörter,  die dieses Mal in der Geschichte unterzubringen waren, lauten: 



Muttertag - Maiglöckchen - freuen - ärgern- armselig




Sie ist lange nicht hier gewesen - zu lange, denkt Marion reumütig, als sie am Grab ihrer Eltern steht. An Allerheiligen hat sie zuletzt den Friedhof besucht. Mehr als sechs Monate ist das jetzt her. Weder an Weihnachten noch am Todestag ihrer Mutter im Februar war sie hier… Sicher, die weite Fahrt, das unsichere Wetter… Und wenn sie ehrlich ist - was haben ihre Eltern noch davon, wenn sie hier steht? Und trotzdem… 

Gedankenverloren zupft Marion ein paar Grashalme aus der Erde. Das Grab ist gepflegt - dafür sorgt eine ortsansässige Gärtnerei, die Marion damit beauftragt hat. Regelmäßig wird es frisch bepflanzt, gegossen, Unkraut entfernt. In einer kleinen Vase, die jemand in den Boden zwischen die Stiefmütterchen gesteckt hat, steht ein Strauß mit frischen Maiglöckchen. Wer die wohl hierhergestellt hat? Sollte eine ihrer Schwestern hier gewesen sein? 

Aber das ist eher unwahrscheinlich. Sonja ist vor zwei Jahren nach Österreich gezogen und betreibt dort mit ihrem Mann eine kleine Frühstückspension. Iris, die Jüngste, steckt augenblicklich in Singapur. Ihr Lebensgefährte ist von seiner Firma für mehrere Monate dorthin geschickt worden, um einen Brückenbau zu beaufsichtigen. Kaum anzunehmen, dass eine der beiden extra hierher gekommen ist, um am Muttertag ein Blumensträußchen aufs Grab zu stellen… Und wenn doch, wären sicher keine der beiden Schwestern wieder abgereist, ohne sich zumindest bei Marion zu melden! Merkwürdig. Aber vielleicht ist ja jemand von Mamas Bekannten hier gewesen. Im Ort leben noch einige, die sich an sie erinnern können…   

Warum Marion sich ausgerechnet DIESEN Tag ausgesucht hat, um hierher zu fahren, kann sie sich selbst nicht erklären. Schließlich hat ihre Mutter diesen Feiertag nie gemocht. Naja - oder jedenfalls so getan, korrigiert Marion sich selbst. Wie oft hat sie ihre Mutter angerufen, um sich dann immer die gleiche Tirade anhören zu müssen: 

„Ich könnte mich maßlos ärgern!“ pflegte Mama zu schimpfen. „Das ganze Jahr denkt niemand an mich, und dann am Muttertag kriegt ihr es alle notwendig. DAS könntet ihr euch auch sparen!“ Aber WEHE, man hätte diesen Ehrentag „vergessen“ und sich nicht bei Mama gemeldet! 

Dabei waren ihre Vorwürfe keineswegs gerechtfertigt. Alle drei Töchter hatten regelmäßig bei Mama angerufen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Doch Mama war im Alter verbittert geworden. Irgendwie konnte Marion ihre Mutter sogar verstehen. 
Ihr Leben war nicht einfach gewesen. Die Kriegsjahre. Die Flucht auf einem Pferdefuhrwerk aus ihrer ostpreußischen Heimat.  Die Familie wurde während der Flucht auseinander gerissen. Zwei ihrer Schwestern kamen auf dem Flüchtlingstreck ums Leben, ihr jüngster Bruder fiel im Polenfeldzug. Lange Jahre hatte sie keinerlei Kontakt zum Rest der Familie, schlug sich alleine im Westen durch. 


Dann lernte sie ihren Mann kennen, glaubte, endlich wieder eine Heimat gefunden zu haben. Doch Marions Vater, im Krieg schwer verwundet, hatte sein ganzes Leben mit den Folgen seiner Verletzung zu kämpfen. Traumatisiert wie er war, trank er oft mehr, als ihm gut tat. Irgendwann konnte Marions Mutter die Alkoholsucht ihres Mannes nicht mehr ertragen und reichte die Scheidung ein. 

Sie hatte alle Mühe, sich und die drei Töchter durchzubringen. Unterhalt bekam sie nicht. Sie ging sie bei anderen Leuten putzen, um ein bisschen Geld zu verdienen und pachtete einen Schrebergarten, in dem sie Gemüse und Obst anbaute, um ihre Kinder einigermaßen ernähren zu können. 

Friederike Hartmann hatte immer von einer großen Familie und vielen Enkelkindern geträumt. Doch auch dieser Wunsch war ihr versagt geblieben. Weder Marion noch ihre Schwestern hatten Kinder. 

Und trotzdem - so armselig hätte Mamas Lebensabend nicht verlaufen müssen! Marion, Sonja und Iris hatten sich alle Mühe gegeben, die Mutter aus ihrer Lethargie zu reißen. Sie hatten sie immer wieder eingeladen. Zu Ostern, an Weihnachten, zu Geburtstagsfeiern. Marion und ihr Mann hatten sie sogar hin und wieder mit in den Urlaub genommen. Doch Mama war irgendwie die Fähigkeit abhanden gekommen, sich zu freuen. Sie kritisierte an allem herum. Es war nahezu unmöglich, ihr etwas recht zu machen.  

So oft Marion und ihr Mann zu Besuch kamen - es war nie oft genug. Kamen sie eine Viertelstunde zu spät, weil sie irgendwo im Stau hängen geblieben waren, gab es Stress. Kamen sie zehn Minuten zu früh, war es auch nicht richtig. Rief Marion an, passte es nie, weil Mama gerade aufgestanden war, ins Bett wollte, im Fernsehen eine „wichtige“ Musiksendung kam, oder gerade das Essen auf dem Tisch stand. Egal, was Marion anstellte - die Kritik blieb nie aus. Sie hätte irgendwann angefangen, an sich zu zweifeln - hätten ihre Schwestern nicht die gleichen Probleme gehabt. 

Einen Tag nach ihrem fünfundachtzigsten Geburtstag stürzte Mama in ihrem Bad über den lappigen Badezimmerteppich, den Marion schon vor Jahren hatte entsorgen wollen, weil sie so einen Unfall befürchtete. Doch alleine dieses Ansinnen zog eine monatelange Funkstille nach sich. Der Teppich blieb. 

Mama erlitt einen Oberschenkelhalsbruch, von dem sie sich trotz ihres hohen Alters erstaunlich gut erholte. Aber sie konnte danach nicht mehr alleine bleiben und musste in ein Seniorenheim umziehen. 

Noch heute erinnert sich Marion mit Grauen an diese Zeit. Sie hatte Mama in einem Wohnstift ganz in ihrer Nähe untergebracht und besuchte sie, so oft sie konnte. Doch diese Besuche endeten fast jedes Mal mit einem Fiasko.  

Mama beklagte sich stets und ständig. Über die Pflegekräfte,  die von ihr - welcher Frevel - verlangten, schon morgens in die Badewanne zu steigen, wo sie doch sonst IMMER am Samstagabend… Und dann das Essen. Immer die gleiche Wurst. Ständig derselbe Käse. Dreimal in der Woche Nudeln. Und dann auch immer diese blöden  Bandnudeln! Wo es doch Makkaroni, Spaghetti, Fusili und Hörnchennudeln gab! Kalt war das Zeug auch ständig, und so matschig, wie durchs Sieb passiert…  Und dann - MARMELADENBROT zum ABENDESSEN! Was für eine Zumutung! 

Alle Versuche Marions, ihrer Schwestern und der Pflegekräfte, Mama dazu zu bewegen, ihr Essen doch im Speisesaal einzunehmen (dort wären die Mahlzeiten wenigstens warm gewesen), verliefen im Sande.  Es war einfach zum Verzweifeln! 

Irgendwann wurden die Besuche bei Mama weniger. Marion kämpfte mir ihrem schlechten Gewissen. Aber sie  hatte nicht die Nerven, sich die Wehklagen ihrer Mutter ständig anzuhören. Zumal ihre Ehe auch anfing, darunter zu leiden. Oft genug kam sie frustriert und verärgert aus dem Altenheim nach Hause und lud ihren Ärger bei ihrem Mann ab. Ihre Schwestern hatten es da einfacher - die waren ja weit weg.  Wenn ihnen das Genörgel zu viel wurde,  legten sie einfach den Telefonhörer auf… 

Fast vier Jahre ging das so. Dann, eines Abends im Februar, fand eine Schwester, die das leergegessene Geschirr vom Abendessen hinausbringen wollte, Mama tot im Bett vor. Sie war friedlich eingeschlafen. Einfach so. 

Die Trauerfeier fand im engsten Familienkreis statt. Nur Marion, ihre beiden Schwestern und die Partner der drei  waren anwesend. Mama hatte es so gewollt, und ihre Töchter hatten ihren Wunsch erfüllt. Niemand weinte an der Beerdigung. Die Erleichterung darüber, dass Mama nun hoffentlich ihren Frieden gefunden hatte, überwog die Trauer.

Drei Jahre ist das mittlerweile her.  Und nun steht Marion hier am Grab. Ausgerechnet am Muttertag…  


© Christine Rieger / 2016








Und hier könnt Ihr lesen, was meinen Kolleginnen
Regina   
Lore   
Martina   
zu diesen Reizwörtern eingefallen ist... 

Viel Spaß beim Lesen! 
Eure Geschichten-Erzählerin

Sonntag, 15. Mai 2016

Termin-Verschiebung

Liebe Freunde meines Lesebuchs, 
 
Zuerst einmal möchte ich mich für die lieben Kommentare und Gratulationen zu meinem 14.000er-Jubiläum herzlich bedanken! Ich habe Euer Händeklatschen bis in mein Urlaubsdomizil gehört!  
 
Nachdem der  Reizwortgeschichten-Tag in diesem Monat ausgerechnet auf den Pfingstsonntag fällt, haben wir beschlossen, ausnahmsweise unsere Geschichten
 
am Mittwoch, den 18. Mai  
 
zu veröffentlichen. 
 
Ein Teil der Autorinnen ist nämlich gerade im Urlaub, und wir vermuten, dass auch viele unserer Leserinnen und Leser die Pfingstfeiertage für eine Kurzreise nutzen werden. 
 
Ich wünsche Euch, den Leserinnen und Lesern, und natürlich  allen meinen Mitautorinnen schöne, erholsame Feiertage. 
 
Die nächste "gemeinsame" Kurzgeschichte gibt es dann wieder wie gewohnt am 
 
am Mittwoch, den 15. Juni 2016!
 
 
 
Liebe Grüße
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
 

Montag, 9. Mai 2016

Jubiläum

Liebe Freunde meines Lesebuchs, 
 
gerade habe ich mit großer Freude festgestellt, dass mein "Lesebuch"
 
 
14.000 - mal 
 
angeklickt wurde!
 
Auch wenn das kein "rundes" Jubiläum ist - ich freue mich riesig darüber und danke Euch allen ganz herzlich für Eure Treue.
 
Ich freue mich über Eure Besuche und jeden einzelnen Kommentar. Sie sind für mich in etwa gleichbedeutend mit dem Applaus für die Schauspieler auf der Bühne! 
 
Bitte seht es mir nach, wenn ich nicht immer dazu komme, sie alle zu beantworten.
 
 
Ganze herzliche Grüße
von Eurer
 Geschichten-Erzählerin





Irgend etwas fehlt!

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
mit meinem heutigen Post muss ich mich leider für eine Weile von Euch verabschieden. Aber keine Sorge - ich bin nicht krank. Nur - mein Terminkalender ist zur Zeit so voll. dass ich es nicht schaffe, mich so regelmäßig um mein "Lesebuch" zu kümmern, wie Ihr das von mir gewohnt seid.
 
Ich werde im Mai und Juni nur sporadisch Beiträge hier einstellen können - wenn überhaupt.  
 
Bei den Reizwort-Geschichten am 15. Mai und am 15. Juni bin ich aber auf alle Fälle dabei!
 
Ich wünsche Euch nun eine schöne Zeit und hoffe, Ihr werdet mir trotzdem treu bleiben.
 
Und jetzt viel Spaß beim Lesen meiner sonntäglichen Erinnerungen! 
 
Viele Grüße
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
 


Irgend etwas fehlt …
 
Mein Blick fällt über den gedeckten Frühstückstisch. Eigentlich ist doch alles da - Kaffee, frische Brötchen, (die mein Mann schon im Morgengrauen beim Bäcker geholt hat), Butter, Wurst, Käse, Marmelade, gekochtes Ei und Orangensaft. Nichts fehlt. Oder doch?  
 
Ich schneide ein Brötchen auf - sogar an ein scharfes Messer hat mein Mann gedacht - belege es dick mit Wurst und Käse, schenke mir Kaffee ein und beginne zu kauen. Und es fehlt DOCH etwas! Schlagartig fällt es mir ein. DIE ZEITUNG!  Und dann im nächsten Augenblick - ach so, ja, die haben wir ja abbestellt. Aus Kostengründen. Ist ja auch eine Unverschämtheit, was die heutzutage für ein Abonnement verlangen! Und dann - braucht man die denn wirklich noch? 
 
Nun ja, die Montagsausgabe ganz bestimmt nicht. Von vorn bis hinten voller Sport. Fußball von der 1.  über die 2. Bundesliga und die Regionalliga bis hinunter zur - wie heißt eigentlich die unterste Stufe? Ach ja - die "Pampers-Liga". Die ganz kleinen, die zwar noch nicht richtig laufen können, aber immerhin schon nach einem Ball treten...   Das mag ja interessant sein für alle, die sich für Fußball interessieren - aber mir ist es herzlich egal, ob dieser Spitzenspieler von Bayern München sich die große Zehe gebrochen hat - oder ob dem Allerkleinsten beim Tritt nach dem Ball das Windelhöschen heruntergerutscht ist... 
 
 
Im Sommer ist es dann wahlweise Radrennen, Formel 1, Leichtathletik, Sommer-Olympiade, Reitsport, Rallye Paris-Dakar (wieso heißt die eigentlich noch so? Die findet doch mittlerweile sonst wo statt ???) Nee - also, die Montagsausgabe braucht man wirklich nicht. Jedenfalls nicht, wenn man mit Sport nicht viel am Hut hat. So wie ich eben! 
 
Dienstags sind es Kunst und Kultur, die das Blatt bevölkern. Naja, was man halt so darunter versteht.  Bücher - ja, die lese ich ganz gerne. Musik - kommt immer darauf an, welche. Viele von den modernen Stücken hören sich an wie die Verdauungsgeräusche von Elefanten. Und die Kunst? Ob man wohl die lila Plastik-Igel ohne Stacheln, auf dem Marktplatz aufgestellt und mit rot-weiß gestreiftem Plastikband begrenzt, so bezeichnen kann? Die Pappel-Allee, auf der man die Baumstämme mit Verbandmull umwickelt hat?  Oder - das Neueste: Mit "Kleidern" aus kunterbunter Wolle bestrickte Bänke, Laternenpfähle, Fahrräder, Verkehrsschilder? Von den Bildern, bei denen man nicht weiß, wo oben und unten ist, mal ganz zu schweigen ... Nein, von solcher Art "Kunst" bin ich nicht begeistert. Auch wenn man mich jetzt einen Banausen nennt! 
 
Was hat die Zeitung sonst noch so zu bieten? Politik und Wirtschaft, ach ja. Auch nicht gerade erfreuliche Themen in der letzten Zeit. Das meiste weiß man ja sowieso schon aus dem Radio, vom Fernsehen und nicht zuletzt aus dem Internet. Also - eigentlich ist die Zeitung inzwischen vollkommen überflüssig. Oder doch nicht? 
 
Irgendwie fehlt sie mir doch, so beim morgendlichen Frühstück. Ich bin überhaupt nicht mehr informiert, was in der Welt der Schönen und Reichen vor sich geht.. Wer von all den Prinzen und Prinzessinnen und Möchtegern-Promis eine neue Liebe hat - oder die alte Liebe an seinen besten Freund verloren. Oder weitergereicht. Je nachdem, ob der Freund noch ein Freund ist oder nicht...
 
Manchmal kann man ja zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wenn einem die Freundin zunehmend mit ihrer Kaufsucht auf die Nerven geht, und der Freund einem seit Jahren Geld schuldet, zum Beispiel. Dann kann ER ab sofort für die Ausgaben der alten Liebe aufkommen. WENN er kann. Finanziell gesehen, meine ich. 
 
Um in dieser Hinsicht auf dem Laufenden zu sein, könnte ich natürlich auch wöchentlich zum Arzt gehen - da liegen ja immer die einschlägigen Informationen herum. Aber soooo krank bin ich dann doch wieder nicht! 
 
Und trotzdem - ich MUSS etwas tun. So ganz ohne Zeitung geht es doch nicht. Mir fehlt das Rascheln der Blätter beim Frühstück, und die Tatsache, dass mein Mann mir immer aus der Zeitung vorliest (auch wenn ich selber lesen kann). Ich muss UNBEDINGT wieder die Zeitung abonnieren! 
 
Aber nur ein Teil-Abo. Wegen der Unkosten. Am besten die Mittwochs- und die Samstags-Ausgabe. Da stehen nämlich die meisten Traueranzeigen drin!
 
 
© Christine Rieger
 
 

 

 
 
 
 
 
 


Sonntag, 1. Mai 2016

Der Paradiesbaum

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

leider müsst Ihr auch in dieser Woche mit einer älteren Geschichte vorlieb nehmen. Ich habe mir eine fette Erkältung eingefangen. Wen wundert's - bei dem dauernden Mistwetter... 

Mir fehlt ganz einfach die Energie, meine Erinnerungen auszukramen und niederzuschreiben.

Deshalb präsentiere ich Euch heute das Märchen vom "Paradiesbaum" und wünsche Euch viel Spaß beim Lesen.
 

Eure Geschichten-Erzählerin
 



Der Paradiesbaum 

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Seit zwei Tagen lag die Schwangere in den Wehen. Doch das Kind wollte nicht kommen, und die Frau wurde schwächer und schwächer. Ihr Gewand war schweißnass. Sie stöhnte vor Schmerzen.

„Muss meine Mama sterben?“ Die großen dunklen Augen des Mädchens richteten sich angstvoll auf ihre Großmutter. “Ja, mein Kind. Ich kann ihr nicht mehr helfen. Meine Mittel sind erschöpft“ antwortete die Kräuterheilerin. „Ja, wenn ich die Zauberworte für den Paradiesbaum wüsste ...“

„Der Paradiesbaum? Was ist das?“ fragte das Mädchen, das den wunderschönen Namen „Malaika“ trug. Malaika bedeutet „Engel“, und die Kleine wurde ihrem Namen gerecht.

„Er steht seit Menschengedenken auf einer Lichtung inmitten des Regenwaldes. Niemand weiß, wie alt er ist, Die Menschen nennen ihn so, weil er der einzige Baum weit und breit ist, der Äpfel trägt. Die Legende erzählt. dass der Baum aus einem Kern entstanden ist, der Adam heruntergefallen ist, als er in den Apfel der Versuchung im Paradies gebissen hat..."

„Aber du hast von Zauberworten gesprochen!“ warf das Mädchen ein.

„Dieser Baum birgt ein Geheimnis“ antwortete die Kräuterfrau. „Meine Urgroßmutter hat mir erzählt. dass es früher drei Weise gab, von denen jeder einen Teil des Zauberwortes kannte. Wenn diese Männer alle zum Paradiesbaum gingen und ihren Teil des Zauberwortes in der richtigen Reihenfolge nannten, erfüllte der Baum jeden Wunsch, der ihm vorgetragen wurde.“

„Auch böse Wünsche?“ wollte Malaika wissen. „Auch die. Aber die Weisen sorgten dafür, dass dem Baum nur die guten Wünsche vorgetragen wurden. Menschen mit bösen Gedanken, die anderen schaden wollten, wiesen sie ab.“

„Und dieser Baum hätte meine Mama gesund gemacht?“ fragte das Mädchen. „Ganz bestimmt. Aber die Zauberworte sind verloren gegangen. Sie wurden von Generation zu Generation weitergegeben - immer an Menschen, die klug und guten Willens waren. Doch dann starb einer der Männer bei einem Unwetter durch Blitzschlag, bevor er seinen Teil des Zauberwortes an einen Nachfolger weitergeben konnte. Die anderen beiden Worte waren nun wertlos. So hat der Baum seine Zauberkraft verloren.“

„Wo steht dieser Baum?“

„Ich weiß es nicht genau. Ich bin nie dort gewesen. Aber meine Urgroßmutter hat erzählt, man muss in die Richtung gehen, wo das Meer liegt. Also nach Süden.“ Die Kräuterfrau stand auf, um der Schwangeren mit einem feuchten Tuch den Schweiß vom Gesicht zu wischen. Mehr konnte sie nicht für sie tun. Es gab zwar in der Mission einen Arzt - aber die war drei Tagesreisen entfernt. Bis der Arzt hier sein konnte, war es zu spät.

„Ich will, dass meine Mama lebt. Und ihr Baby! Ich werde den Baum suchen!“ Entschlossen stand die Zehnjährige auf und ging zum Eingang der runden Hütte. „Kind, bleib hier!“ Die Großmutter fasste die Kleine am Arm und versuchte, sie festzuhalten. „Niemand weiß genau, wo der Baum steht. Und selbst wenn du ihn findest - er wird dir Deinen Wunsch nicht erfüllen. Du kennst die Zauberworte nicht…“

„Das ist mir egal. Ich versuche es trotzdem“. Malaika nahm ihr Schultertuch von einem Haken neben der Tür, steckte ein Brot und ein Stück gebratenes Fleisch in ein Stoffbeutelchen und schob den Vorhang beiseite, der den Eingang verdeckte. „Ich werde den Baum finden“ sagte sie trotzig. „Und er wird meine Mama gesund machen!“ Im nächsten Augenblick war sie verschwunden.

Seufzend wandte sich die Großmutter wieder der Schwangeren zu. Wenn Malaika sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war nichts zu machen. Sie musste sie gehen lassen.

Die Sonne ging gerade über dem Horizont auf, als Malaika sich auf den Weg machte. Sie war ganz sicher, den Paradiesbaum zu finden. Sie musste nur fest daran glauben. Entschlossen kämpfte sie sich voran. Sorgfältig achtete sie auf ihren Weg, um nicht auf eine Schlange zu treten oder sich an hervorstehenden Wurzeln und scharfen Dornen zu verletzen. Bald hatte sie ihr heimisches Dorf hinter sich gelassen und überquerte eine Grasebene. Dahinter begann der tropische Regenwald, der sich bis zu der Bergkette erstreckte, die das Binnenland vom Meer trennte.

Malaika lief den ganzen Tag, machte nur Pause, um einen Bissen von ihrem Brot zu essen und ihren Durst mit Wasser aus einem kleinen Bach zu stillen, an dem sie vorüberkam. Die Nacht verbrachte sie auf einem Baum, um vor Raubtieren sicher zu sein. Schlafen konnte sie nicht. Die Angst um ihre Mutter hielt sie wach. Bei Sonnenaufgang setzte sie ihren Weg fort. Gegen Mittag war sie so müde, dass sie sich unter eine Kokospalme setzte, um ein Stündchen auszuruhen. Sie schlief ein.

Wie lange sie geschlafen hatte, wusste sie nicht. Doch als sie aufwachte, erschrak sie zutiefst. Neben der Kokospalme stand ein uralter Mann. Seine Haut war runzlig, Er trug weiter nichts als einen Lendenschurz. Seine Hand umfasste einen dicken, von der Rinde befreiten Ast, auf den er sich stützte. Malaika erhob sich und wich instinktiv einen Schritt zurück. „Wer bist du?“ fragte sie ängstlich. „Du musst dich nicht vor mir fürchten, Malaika. Ich tue dir nichts!“ Die Stimme des alten Mannes klang überraschend jung - gar nicht zittrig, wie man das von einem Greis erwartet.

„Du kennst mich?“

„Natürlich, mein Kind. Ich bin dein Urahn. Du bist hier, weil deine Mutter im Sterben liegt und suchst den Paradiesbaum. Habe ich recht?“ „Ja, das ist richtig“ antwortete Malaika scheu. „Kannst du mir sagen, wo ich ihn finde?“

„Ich weiß zwar, wo er steht - aber die Zauberworte, die dir helfen können, kenne ich auch nicht!“ antwortete der Alte. „Es ist nicht mehr weit von hier. Geh einfach am Ufer des Baches entlang, bis du zu zwei spitzen Felsen kommst. Sie stehen direkt am Ufer und sind einander zugeneigt, so dass sie ein Tor bilden. Hinter diesem Tor steht der Paradiesbaum. Aber halte dich vom Ufer fern - es wimmelt darin von Krokodilen!“ Im nächsten Augenblick war der Alte verschwunden.

Malaika rieb sich die Augen, nicht sicher, ob sie diese Begegnung nur geträumt, oder ob sie wirklich stattgefunden hatte. Aber sie hatte keine Wahl. Sie musste es versuchen. Sie hob ihr schon sehr leicht gewordenes Bündel auf und machte sich wieder auf den Weg. Schon nach kurzer Zeit stieß sie auf die beiden spitzen Felsen, die der alte Mann ihr beschrieben hatte. Das Tor war mit Gestrüpp und dornigen Sträuchern zugewachsen, und sie hatte große Mühe, sich hindurchzuzwängen. Doch als sie es geschafft und den Durchgang passiert hatte, blieb ihr vor Erstaunen der Mund offen stehen.

Vor ihren Augen stand der größte Baum, den sie je gesehen hatte. Starke, weitverzweigte Äste, an denen Unmengen von roten Äpfeln hingen, warfen ihren Schatten auf die Lichtung. DER PARADIESBAUM! Sie hatte es geschafft! Aber was sollte sie nun tun? Sie kannte ja die Zauberworte nicht, mit denen sie den Baum dazu bringen konnte, ihr zu helfen…

Ratlos sah sie sich um. Auf einmal erhob sich ein Rauschen über ihr, aus dem eine Stimme sprach:

„Guten Tag, Malaika!“

Erschrocken fuhr sie zusammen. Wer hatte da gesprochen? Furchtsam ließ sie ihre Blicke schweifen. Aber da war niemand. Nur der große Apfelbaum.

„Ich bin es, Malaika. Der Paradiesbaum. Was für einen Wunsch hast du?“

Malaika fasste sich ein Herz. Was konnte ihr schon passieren? „Ich habe dich gesucht, weil meine Mama im Sterben liegt. Aber ich will nicht, dass sie stirbt. Ich brauche sie doch. Ich bin noch viel zu jung, um alleine zurechtzukommen. Ich wollte dich bitten, meine Mama wieder gesund zu machen. Aber ich … ich … ich weiß nicht die Zauberworte…“

Sie stockte, als der Baum anfing zu lachen.

„Kind, du bist so einen weiten Weg gegangen, um mich zu finden - ich werde dir auch ohne diese Zauberworte helfen. Du musst mir nur eines versprechen: Dass du niemals jemandem erzählst, dass und wo du mich gefunden hast. Nicht einmal deiner Großmutter, hörst du?“

„Aber wie soll ich ihr erklären…“ „Das musst du nicht. Deine Großmutter ist eine weise Frau. Sie wird auch so verstehen. So, und nun lauf zurück in dein Dorf. Nimm dir noch ein paar von meinen Äpfeln mit - sie sind süß und saftig und werden dich unterwegs stärken. Aber achte darauf, dass du alle aufgegessen hast, wenn du zu Hause ankommst. Es gibt hier nirgends einen zweiten Apfelbaum. Und wenn jemand die Äpfel sieht, weiß er sofort, wo du warst!“

 


Der Baum begann sich zu schütteln, als wäre ein starker Wind durch seine Zweige gefahren. Dabei rührte sich nirgendwo ein Lüftchen. Dicke rote Äpfel fielen Malaika vor die Füße. Sie sammelte auf, soviele sie tragen konnte, bedankte sich bei dem Paradiesbaum und machte sich auf den Heimweg.

Als sie am nächsten Abend kurz nach Sonnenuntergang ihr Dorf erreichte, war alles in heller Aufregung. Trommeln schlugen, der Duft von gebratenem Fleisch kitzelte ihre Nase, und die Dorfbewohner sangen und tanzten um ein großes Feuer.

Malaika trat näher. Neben dem Feuer, auf einem Baumstamm, den man mit Decken gepolstert hatte, saß ihre Mutter, in jedem Arm ein Neugeborenes. Sie war noch sehr schwach, aber sie lächelte Malaika entgegen. Daneben stand Malaikas Großmutter, die Kräuterheilerin.

„Deine Mutter wird leben!“ sagte sie. „Und deine beiden Schwestern auch. Es ist ein Wunder geschehen!“

Malaika sah ihrer Großmutter ins Gesicht. Sie wusste, dass sie weder lügen noch Ausreden erfinden musste. Die kluge alte Frau hatte verstanden.

„Komm, setz dich ans Feuer, Malaika“ sagte sie. „du musst sehr müde sein!“

Sie reichte ihrer Enkelin ein großes Stück gebratenes Fleisch und ein selbstgebackenes Maisbrot.

Das Freudenfest dauerte drei Tage.

Malaika hielt ihr Wort. Niemals erfuhr jemand, dass ihre Mutter und die beiden Neugeborenen dem Paradiesbaum ihr Leben verdankten.

 

© Christine Rieger / 2015