Mittwoch, 23. März 2016

Elke spielt Schicksal

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

in dieser Woche bin ich mal ein bisschen früher dran mit meinen Erinnerungen. Damit ich auch die Osterfeiertage in Ruhe genießen kann...


In meinem letzten Post habe ich ja schon angekündigt, dass ich Euch  erzählen will, wie ich meinen Mann kennen gelernt habe - und dass daran meine Freundin Elke nicht ganz unschuldig ist.

Natürlich ist "Elke"  nicht ihr richtiger Name. Genauso wenig, wie die Namen der anderen Personen, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen.

Mit Sicherheit hat Elke nicht im Traum an die Folgen gedacht, als sie mich dazu überredete, sie und zwei weitere Freundinnen zu einem Single-Treff zu begleiten. Doch - "was wäre, wenn" - ich mich geweigert hätte?

Das könnt Ihr in meinem heutigen Beitrag nachlesen... 

Ich wünsche Euch und Euren Familien ein schönes, gemütliches Osterfest - und viel Sonnenschein. Damit der Frühling seinen Namen endlich einmal verdient...

Eure Geschichten-Erzählerin




Elke spielt Schicksal … 

Was wäre wenn … ich an jenem Tag nicht auf meine Freundin Elke, sondern auf meine innere Stimme gehört hätte? Dann wären meine drei Freundinnen ohne mich zum „Single-Treff“ gefahren, und ich hätte höchstwahrscheinlich meinen Mann niemals kennen gelernt. 

Meine innere Stimme warnte mich laut und unmissverständlich. „Lass den Quatsch - was willst DU denn bei einem „Single-Treff“? Erstens:  du suchst keinen Mann. Zweitens - wer dort hingeht, kann nicht ganz dicht sein! Ganz abgesehen davon - deine Wohnung hätte - drittens - eine Reinigung dringend nötig!“ 

Doch Elke (das ist die Freundin, die ich im Wohnheim kennen gelernt habe) kann sehr überzeugend sein, wenn sie will. 

„Erstens: deine Wohnung kannst du immer noch putzen. Die kann gar nicht so dreckig sein - du  bist schließlich den ganzen Tag nicht daheim.  Zweitens: Das, was wir in letzter Zeit so an männlichen Singles auf dem Tanzparkett kennen gelernt haben, war nicht gerade eine Offenbarung! Drittens: Du gehst langsam auf die Dreißig zu - schon vergessen? Viertens: Vielleicht lernst du ja dort den Mann deines Lebens kennen - wer weiß das schon? Und fünftens: WER hat mir denn vor drei Tagen erst die Ohren vollgejammert, dass er immer nur die Handtaschen bewachen darf, wenn wir zusammen zum Tanzen gehen?“ 

Das gab den Ausschlag. Elke hatte ja Recht. Die Männer, die sich gewöhnlich an unserem Tisch einfanden, um eine Tanzpartnerin aufzufordern, hatten so gut wie nie MICH im Fokus.   Der Grund war mir ein Rätsel - aber vielleicht glotzte ich immer so verbiestert? Oder hatte ich einen so gierigen Blick, dass alle Männer sofort entsetzt das Weite suchten? 

Ich war zwar an sich ganz gern alleine, aber für den Rest meines Lebens - nein, DAS wollte ich dann doch nicht. Auch wenn das Thema „Heiraten“ zu diesem Zeitpunkt ganz unten auf meiner Wunschliste stand.  

So kam es, dass ich mich - wenn auch widerwillig - bereit erklärte, meine Freundinnen zu diesem ominösen „Single-Treff“  zu begleiten. Es handelte sich dabei um eine Kneipe, deren Wirt in jedem Wochenblättchen Werbung für seinen Single-Stammtisch machte. Vermutlich weniger wegen der Singles, sondern eher, um seinem Lokal wenigstens einmal in der Woche ein paar Gäste zu sichern. Diesen Verdacht behielt ich aber vorsichtshalber für mich.  

Wir waren zu viert. Elke, ihre Freundinnen Ruth und Simone, die sie irgendwo beim Tanzen kennen gelernt hatte, und ich. Allesamt Mitte bis Ende Zwanzig und derzeit „unbemannt“. 

Die auffallendste Erscheinung war Simone. Ein kleines, aber schon sehr rundliches Persönchen, in ein selbst gestricktes Kleid gewandet, das ihre wenig vorteilhafte Figur eher betonte als verhüllte. ,  „Schick in Strick“ sozusagen. Aber sie war ein lustiges Haus und sorgte immer für Unterhaltung. 

Etwas unschlüssig standen wir vor der Kneipe, die bezeichnenderweise den Namen „Rohr“ trug. Beim Eintreten sahen wir auch, warum. Sie WAR ein Rohr. Endlos lang, düster, rechts und links an den Wänden ein paar Tische, in der Mitte eine Bar, an der zwei Männer saßen, die uns beim Eintreten neugierig musterten. Das war’s. 

Am liebsten wäre ich auf der Stelle umgekehrt. Doch schon schoss der Wirt wie ein Torpedo auf uns zu und begrüßte uns überschwänglich. Auf Ruths Frage nach dem Single-Treff erzählte er uns, wir hätten leider einen ungünstigen Abend erwischt - der ganze Single-Stammtisch sei heute Morgen zu einem verlängerten Ski-Wochenende… Pffffft…  Ski-Wochenende. Im September!   

Sei‘s drum - die Flucht gelang mir nicht. Der Wirt nötigte uns kurzerhand an den Stammtisch gleich neben dem Eingang, den wir bisher noch gar nicht gesehen hatten, um dann die beiden Männer von der Theke zu uns an den Tisch zu schleifen. 

Da saßen wir nun. Vier Frauen, zwei Männer. Die Unterhaltung geriet erst einmal ziemlich schleppend.  Doch mit zunehmendem Alkoholkonsum (wir waren allesamt mit der Straßenbahn angerückt), hob sich die Stimmung. 

Was soll ich sagen? Es wurde ein ausgesprochen lustiger Abend. Mitternacht war lange vorüber, als wir uns endlich auf den Heimweg machten - nicht ohne uns für den nächsten Tag zu verabreden. zu einem Kneipenbummel in der Stadt. 

Das war der Anfang einer sehr langen Freundschaft. Einer der beiden Männer - nennen wir ihn Konrad - wurde für ein paar Monate mein fester Freund. Dann trennte ich mich von ihm - wegen Unvereinbarkeit der Lebensauffassung.  Das war noch vor Weihnachten. 

Im darauffolgenden Jahr klebten wir fast ständig aneinander. Kneipenbummel, Wochenendfahrten, Tagesausflüge in wechselnder Besetzung. Unsere Clique wurde größer und größer, denn jeder hatte natürlich wieder Bekannte, die er hin und wieder zu unseren Treffen mitbrachte. 

Dann kam das Jahr 1984. Eineinhalb Jahre nach jenem denkwürdigen Abend im „Schlauch“ waren vergangen.  

Im Januar feierte Gerhard, der zweite Mann, den wir in der Kneipe kennen gelernt hatten, seinen Geburtstag, und lud die gesamte Clique dazu ein. Wie viele Leute sich in seinem kleinen Appartement  gegenseitig auf die Füße traten, weiß ich heute nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass uns  unser Gastgeber auf dieser Feier seine neue Freundin vorstellte. Mittlerweile sind die beiden fast dreißig Jahre verheiratet. 

Und dann saß da noch ein Mann auf der blauen Schlafcouch, der nicht zu unserer Clique gehörte. Gerhard kannte ihn aus seinem Kegelverein. Er hieß Robert und sagte wenig. Wie sollte er auch? Wir redeten über unsere gemeinsamen Unternehmungen, über das, was wir in Zukunft noch alles planten. Irgendwie wirkte er wie ein Fremdkörper. Vermutlich fühlte er sich auch so. 

Ich erinnere mich noch, dass es im Laufe des Abends zu einem erbitterten Streit unserer Freundin Ruth mit ihrem damaligen Lebensgefährten kam. Aber das war nichts Besonderes. Die beiden stritten ständig - am liebsten vor größerem Publikum.  Aber das nur so nebenbei.   

Die Feier war lang und feucht-fröhlich. Damals, in unserer Sturm- und Drangzeit, floss der Alkohol reichlich bei solchen Feten. Was zur Folge hatte, dass ich mich nicht immer daran erinnern kann, wie ich nach Hause gekommen bin. 

In dieser Nacht weiß ich es aber noch ganz genau! 

Die meisten Gäste waren gegangen, nur Gerhard und seine Freundin, Robert und ich waren noch übrig. Ich gehörte immer zu den Letzten, die eine Party verließen. Schon deshalb, weil über diejenigen, die früher gingen, immer ausgiebig gelästert wurde. DAS sollte mir nicht passieren! 

Irgendwann gegen Morgen beschloss aber dann auch ich, endlich nach Hause zu fahren. Gerhard - genau wie seine Gäste nicht mehr allzu nüchtern - versuchte ständig, mich dazu zu überreden, Robert mit zu mir nach Hause zu nehmen. Was mir natürlich nicht im Traum einfiel - ich kannte ihn ja gar nicht. Für One-night-stands war ich nie zu haben - da war ich seeeehr altmodisch! Trotzdem - Robert und ich verließen gemeinsam die Party. 

Unten vor der Haustüre gab es eine Telefonzelle. Handys waren zu dieser Zeit noch nicht einmal in den Gedanken ihrer späteren Erfinder existent. Ich zwängte mich hinein und bestellte zwei Taxis. Ob das meinem Begleiter Recht war, fragte ich gar nicht. 

Sobald der erste Wagen vorfuhr, sprang ich auf die Straße, riss die Türe auf, nannte dem Fahrer meine Adresse - und weg war ich…  

Für mich war der Abend damit Vergangenheit. Nicht aber für den Herrn, den ich so eiskalt abgefertigt hatte! 

Zwei Wochen später klingelte das Telefon in meinem Appartement, das ich mittlerweile seit vielen Jahren bewohnte. (In dem Wohnheim lebte ich nur zwei Jahre, bevor ich auszog). 

Am Telefon war - der „verschmähte“ Robert. Er hatte sich von Gerhard meine Telefonnummer geben lassen - und wollte mich treffen. MICH!  

Zugegeben- ich fühlte mich geschmeichelt. Aber ich hatte Vorbehalte. Denn ich hatte von Elke, unserer „Nachrichtenzentrale“ erfahren, dass dieser Mann verheiratet war. Und damit für mich tabu. Er erzählte mir zwar, seine Frau sei ausgezogen und sie lebten in Trennung. Naja. Das behaupten viele, wenn der Tag lang ist!  

Ich traf mich trotzdem mit ihm. Tja - und das war der Anfang. Ein paar Monate später fuhren wir zum ersten Mal gemeinsam in den Urlaub. Kurz danach wurde er geschieden, und im darauffolgenden Jahr - genau ein Jahr, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, zog ich zu ihm. Mein Appartement behielt ich aber vorerst noch. Sicher ist sicher!  

Und das Ende vom Lied? 

Ende 1985 löste ich mein Appartement auf. Die Möbel kamen in unser Gästezimmer - da stehen sie noch heute.  Vier Jahre später im Sommer haben wir geheiratet. 

Nun kann man darüber streiten, wer sich den Verdienst an die Fahne heften kann, uns „verkuppelt“ zu haben.   

Und dennoch: Hätte Elke uns damals nicht allesamt zum Single-Treff geschleift,  hätten wir Gerhard nie kennen gelernt. Und ich nicht meinen Mann… 

Ganz nebenbei: Gerhard und seine Frau,  Elke und Ruth mit ihren Familien (ja, sie haben alle nacheinander geheiratet), gehören noch heute zu unserem Freundeskreis.  

Was aus Konrad  und der „bestrickten“ Simone geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis …  

 

© Christine Rieger / 2016

 

 

 

 

 


   

 

 

Sonntag, 20. März 2016

Christine wird flügge


Liebe Freunde meines Lesebuchs,  

heutzutage brennen ja viele junge Leute darauf, ihr Elternhaus zu verlassen, sobald  sie volljährig geworden sind. Sofern sie nicht gerade Studenten sind, die sich eine eigene Wohnung (noch) nicht leisten können.  Andere denken - so wie ich - nicht im Traum daran, von zu Hause auszuziehen. Warum auch? Billiger und bequemer lebt es sich schließlich nirgendwo… 

Aber - wie heißt doch gleich wieder dieser schöne Spruch, den ich neulich irgendwo im Internet gelesen habe:
 

 „Sobald Du anfängst, Pläne für Dein Leben zu schmieden, fällt irgendwo das Schicksal lachend vom Hocker…“ 

Wer immer diesen Spruch geprägt hat (leider ist er oder sie mir unbekannt), der hatte Recht. Und wie! 

So, und nun zu meiner heutigen Geschichte über meinen Auszug aus Ägypten - nein, Unsinn. Über meinen ersten Schritt in mein eigenes Leben…
 

Viel Spaß wünscht Euch 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
Laut meinem Kaufmannsgehilfenbrief hatte ich meine Lehre als Industriekaufmann mit Erfolg abgeschlossen (die Bezeichnung „Kauffrau“ wurde erst viel später erfunden).  Ich wurde von meiner Ausbildungsfirma übernommen und arbeitete dort in der Exportabteilung.
 
Eigentlich fühlte ich mich im „Hotel Mama“ wohl wie die Made im Speck und sah nicht den geringsten Anlass, von zu Hause auszuziehen. Immerhin bekam ich da reichlich und gut zu essen, meine Wäsche wurde gewaschen und gebügelt, und ich hatte meine vertraute Umgebung - wenn auch keine Freunde. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
 
Doch die Umstände wollten es leider anders.
 
Schon damals wurde allenthalben gemunkelt, die Firma, eine kleine Strickwarenfabrik, sei auf dem absteigenden Ast. In der Kleinstadt, in der ich mit meinen Eltern lebte, gab es so gut wie keine Möglichkeit, Arbeit zu finden. Sie lag im Grenzgebiet zur damaligen „Ostzone“.  Es gab zwei oder drei Banken, ein paar kleine Läden, einen „Supermarkt“, der diese Bezeichnung nach heutigen Maßstäben nicht im Entferntesten verdiente, und besagte Strickwarenfabrik.  Der nächstgrößere Ort, 7 km entfernt, war nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen - aber die grenzten an eine Katastrophe. Den Führerschein habe ich zwar mit 19 erworben - aber ein Auto lag weit außerhalb meiner finanziellen Möglichkeiten. Das konnte ich mir erst mit 25 leisten…
 
Hinzu kam, dass meine Mutter mir nahelegte, endlich flügge zu werden. Ich war wohl als Tochter nicht gerade eine Offenbarung. Und dann gab es auch noch zwei jüngere Geschwister, zu denen mein Verhältnis - sagen wir - nicht ungetrübt zu nennen war.
 
Kurz und gut - ich fing an, mich außerhalb der Stadt zu bewerben und auf Stellenangebote in übergeordneten Zeitungen zu schreiben. Mit Erfolg. In den siebziger Jahren  suchten noch relativ viele Firmen Personal, und ich fand nach kurzer Zeit einen Job in der Nähe meines heutigen Wohnortes, 150 km von meinem Heimatort entfernt.
 
Im Juni wurde ich zwanzig. Zwei Wochen später - am 1. Juli - begann meine Selbstständigkeit…
 
Da ich mich in meiner neuen Heimat überhaupt nicht auskannte, war ich sehr froh, dass mein damaliger Arbeitgeber für seine auswärtigen Mitarbeiterinnen ein Wohnheim mit möblierten Zimmern unterhielt.  Die Kämmerchen waren winzig, jedenfalls nach heutigen Maßstäben.   Sie ähnelten den Räumlichkeiten, die man aus sehr günstigen Seniorenheimen kennt.
 
Man muss sie sich ungefähr so vorstellen: Ein winziger Eingangsbereich mit einem eingebauten Kleiderschrank auf der einen Seite, gegenüber eine „Einbauküche“ mit zwei Kochplatten, Spüle und Kühlschrank, darüber ein Hängeschrank. Daneben ein Waschbecken mit Spiegel und einer Ablage für Zahnputzglas, Zahnpasta, Gesichtscreme. Mehr hatte man damals  ohnehin nicht.  
 
Das eigentliche „Zimmer“ war nichts anderes als ein Schlauch mit zwei Betten hintereinander. Gegenüber standen ein Mini-Tisch und zwei Stühle. Das war’s. Alles in allem hatten diese Räume höchstens 20 qm und wurden  von jeweils zwei Frauen bewohnt!
 
Foto: © Christine Rieger
 
In weiser Voraussicht hatte ich mich dafür entschieden, so ein Zimmer für mich alleine zu mieten - was natürlich bedeutete, dass ich auch die Miete (damals DM 120,--) alleine zu tragen hatte. Und das bei einem Bruttogehalt von DM 1.000,00. Aber das war es mir wert - auch wenn am Monatsende das Geld oft so knapp war, dass ich, um einkaufen zu gehen, einen Fußmarsch von 4 km einfach auf mich nahm. Um das Fahrgeld für die Straßenbahn zu sparen - und weil ich auf meine Einkäufe von meinem Arbeitgeber Firmenrabatt bekam…
 
Man darf nicht vergessen, dass ich in der ersten Zeit meines Auszugs jede Woche mit der Bahn zu meinen Eltern fuhr - die Fahrkarten musste ich ja auch bezahlen.  Aber was sollte ich machen? Ich kannte in der fremden Stadt  ja niemanden, und ich fühlte mich auch anfangs  überhaupt nicht wohl. Immerhin war ich in einer Kleinstadt aufgewachsen. Also ein richtiges Landei. Die Großstadt mit ihrer Hektik und ihrem Lärm ängstigte mich zu Tode. Obwohl es ja damals noch vergleichsweise ruhig und friedlich zuging - immerhin ist das mehr als 40 Jahre her.
 
Trotzdem - wenn ich mir vorstelle, dass ich diese Unterkunft noch mit jemandem hätte teilen sollen - um Himmels Willen! Ich lernte später andere Bewohnerinnen des Hauses kennen, von denen viele aus Kostengründen zu zweit in so einem Raum lebten. Und auch wenn sie nur zum Schlafen da waren (tagsüber gingen sie ja arbeiten) - ständige Kleinkriege um Haare im Waschbecken, den spärlichen Platz im Kleiderschrank oder die nicht geputzte Spüle waren an der Tagesordnung.
 
Immerhin - diese Behausung hatte den Vorteil, nur zehn Minuten von meiner Arbeitsstelle entfernt zu sein. Es gab zum Glück auch sonst alles, was man damals als nötig erachtete.
 
Die Zimmer waren im Quadrat angeordnet. In der Mitte des Quadrats war die „Nasszelle“ - soll heißen, es gab da drei Duschen und drei Toiletten, die für alle Bewohnerinnen einer Etage da waren. Immerhin - wir mussten sie nicht selber putzen. Dafür gab es eine Zugehfrau.
 
Im Keller stand obendrein eine Badewanne. EINE. Für das ganze neunstöckige Gebäude und alle Bewohnerinnen.  Wobei - zugegeben - in der obersten Etage gab es keine Zimmer mehr - da war der Aufenthaltsraum mit Tischtennisplatte, Fernsehzimmer  und einer Dachterrasse, von der man einen grandiosen Blick über die Stadt hatte. Und nicht nur über die Stadt. Auch der auf der linken Seite vorbeiführende Güterbahnhof mit seinen ewig kreischenden Bremsen war gut zu sehen. Und zu hören! Auf der anderen Seite des Wohnheims führte eine Allee mit vielen Bäumen vorbei, die eine darunter hindurchführende Hauptverkehrsstraße gnädig verdeckte. Leider nicht den  Verkehrslärm!
 
Gemütlich war die Dachterrasse nicht - aber ich saß dort trotzdem oft mit einem Buch, wenn mir die Enge in meinem Zimmerchen auf die Nerven ging.
 
Die Badewanne zu benutzen war - naja - nur bedingt ein Vergnügen. Man musste sich vorher beim Pförtner anmelden und konnte dann - bewaffnet mit Waschzeug, Wäsche zum Wechseln und - DEM ALLERWICHTIGSTEN  - Scheuerpulver und Putzlappen!  - seiner Badefreude nachgehen.  Wen wundert’s, dass ich lieber die halbwegs saubere Dusche benutzte und das Baden auf die Wochenenden verschob - zu Hause bei meinen Eltern?
 
Das Fernsehzimmer war auch so eine Sache. Ein alter Schwarzweiß-Fernseher, eine Menge Wirtshaustische mit den dazu passenden Stühlen - und fertig. Wer zuerst da war, bestimmte das Programm - und wer irgendwann dazukam und Pech hatte, durfte ganz weit hinten Platz nehmen. Sehr praktisch. Vor allem, wenn man - wie ich - sehr kurzsichtig ist… Meine allererste Anschaffung war denn auch ein kleiner Schwarzweiß-Fernseher für mein Zimmer!
 
Meine Wäsche - die wenigen Sachen, die ich damals besaß, passten problemlos in einen einzigen Koffer - konnte ich im Keller waschen. Da gab es einen Waschraum mit zwei großen, gemauerten Becken, einer Wäscheschleuder und zwei Waschmaschinen.    Die konnte man gegen Gebühr benutzen - was ich allerdings  - aus Kostengründen - nur in Anspruch nahm, wenn ich Unterwäsche und Handtücher zu waschen hatte. Alles andere wurde mit der Hand gewaschen, durch die Schleuder georgelt und dann nebenan zum Trocknen aufgehängt.
 
Dieser Raum war kahl, finster, ungemütlich und wenig einladend. Aber er  war ein Kommunikationszentrum allerersten Ranges. Wie oft habe ich dort unten mit einer Mitbewohnerin geratscht, während wir nebeneinander am Waschbecken standen und unsere Handwäsche bearbeiteten!
 
In diesem Raum habe ich auch meine allererste Freundin kennen gelernt. Sie war zwar ein Jahr jünger als ich, aber äußerst unternehmungslustig und jedes Wochenende - sofern sie es nicht bei ihrer Familie verbrachte - in den einschlägigen Tanzlokalen unterwegs. Sie kannte sie fast alle - und nahm mich immer häufiger dorthin mit.
 
So kam es, dass ich nicht nur jede Menge neue Leute kennen lernte, sondern auch anfing zu rauchen.  Mit einundzwanzig! Dass meine Besuche bei meinen Eltern demzufolge immer seltener wurden, sei nur nebenbei erwähnt. 
 
Übrigens: Die Freundschaft hält bis heute. In diesem Jahr sind es genau 42 Jahre. Auch wenn wir in derselben Stadt wohnen und uns völlig entgegengesetzt entwickelt haben - wir telefonieren immer noch ab und zu, und ein- zweimal im Jahr gegen wir gemeinsam essen.   Mit zwei weiteren Freundinnen aus dieser Anfangszeit und den dazugehörigen (Ehe)-Partnern.
 
Wenn man es ganz genau nimmt,  habe ich dieser Freundin - auf mehreren Umwegen - sogar meinen Mann zu verdanken. Wenn sie nicht darauf bestanden hätte, an einem bestimmten Tag…
 
Aber nein - das ist eine andere Geschichte, die ich Euch demnächst erzählen werde!
 
 
© Christine Rieger / 2016
 
 

 

 

Dienstag, 15. März 2016

Schwarze Schatten

Liebe Freunde meines Lesebuchs, 

wir schreiben den fünfzehnten März, und das bedeutet:  es ist Reizwortgeschichten-Tag! 

Heute geht es um die Reizwörter

Kajak - Straße - knirschen - bewegen - glasklar
 

Von mir gibt es diesmal einen Kurzkrimi. Und hier geht es zu den Geschichten, die sich meine Kolleginnen
 
 
Regina   
Lore   
Martina   
 
 
zu diesen Reizwörtern ausgedacht haben. 


Ich wünsche Euch, den Leserinnen und Lesern, und auch meinen vier Mit-Autorinnen ein schönes Osterfest mit Euren Lieben - bei hoffentlich sonnigem, warmem Wetter und viel Entspannung. 

Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
Schwarze Schatten
 
Die Nacht ist mondlos und so dunkel, wie sie nur sein kann. Schwere Regenwolken hängen am Himmel. Kein Stern ist zu sehen.  Langsam, lautlos gleiten die beiden Kajaks über den Fluss, jedes besetzt mit vier Männern. Sie tragen schwarze Taucheranzüge und Masken, das wenige, was von ihren  Gesichtern zu erkennen ist, mit schwarzer Farbe getarnt. Selbst die Paddel der Kajaks sind mit schwarzer Farbe gestrichen. Eigentlich unnötig - um zwei Uhr früh treibt sich niemand in dieser Gegend herum. Aber sicher ist sicher. 
 
Tagsüber ist das Wasser des Flusses glasklar. So klar, dass man jeden einzelnen Stein erkennen kann. Doch jetzt wirkt es wie schwarze Tinte. Dichtes Gestrüpp an beiden Ufern sorgt dafür, dass selbst die geringe Bewegung des Wassers, wenn die Männer die Paddel eintauchen, nicht zu sehen ist.
  
Der  Fluss verläuft in Windungen in westlicher Richtung. Nach einigen hundert Metern geht er in eine Krümmung um fast 90 Grad über, um dann in südlicher Richtung weiterzufließen. In diesem Rechteck, von zwei Seiten vom Wasser umgeben,  liegt eine alte Mühle, die noch heute in Betrieb ist. Hauptsächlich als Attraktion für die Gäste des Restaurants, das vor einigen Jahren ein findiger Gastwirt hier eröffnet hat. Im Sommer ist der Biergarten gut besucht. Viele Ausflügler und Radfahrer kommen hierher, um eine deftige Brotzeit zu genießen. Auch für Motorradfahrer ist die Mühle ein Paradies - die angrenzende Uferstraße mit den vielen Kurven ist bei ihnen äußerst beliebt.  
 
Jetzt, im Winter, wirkt das Gelände wie ausgestorben. Und doch herrscht Leben im Inneren des alten Gebäudes… 
 
Die Männer in ihren Kajaks haben ihr Ziel erreicht. Sie manövrieren ihre Boote ganz nahe ans Ufer, so dass sie trockenen Fußes aussteigen können. Die Steine knirschen leise, als sie die Gefährte aus dem Wasser ziehen und dann im Gebüsch verstecken. 
 
Niemand spricht ein Wort. Es ist nicht nötig. Sie haben das Szenario oft geprobt. Jeder weiß genau, was er zu tun hat. 
 
Auf der anderen Seite des undurchdringlichen Gestrüpps führt ein schmaler Sandweg entlang, der direkt zur Rückseite des Mühlengebäudes führt. Dahinter erhebt sich eine mehr als drei Meter hohe Mauer, in früheren Zeiten einmal als Hochwasserschutz errichtet. Doch die Mauer ist löchrig geworden, der Putz teilweise herausgefallen. Für ihren ursprünglichen Zweck würde die Mauer heute nicht mehr taugen. Aber sie bietet immer noch Schutz vor ungebetenen Gästen, zumal das schwere Eisentor am Haupteingang gewöhnlich verschlossen ist und nur im Sommer für die Restaurantgäste geöffnet wird. Im Winter wirkt das Ganze wie eine mittelalterliche Burg.  
 
Im Gänsemarsch bewegen die Männer sich vorwärts.  Alle paar Meter lässt der Anführer  für einen Sekundenbruchteil eine  Taschenlampe aufblitzen, um sich zu orientieren, den Lichtschein mit einer Hand gegen die Mühle abschirmend, obwohl es wenig wahrscheinlich ist, dass auf der anderen Seite der Mauer jemand Wache steht. 
 
Sie kommen nur langsam vorwärts. Doch endlich haben sie ihr Ziel, das Mühlrad, erreicht. 
 
Wieder lässt der Anführer seine Taschenlampe aufblitzen. In ihrem Schein wird ein Abflussrohr sichtbar, gerade breit genug, dass ein sehr schlanker Mensch hineinkriechen kann.   Dieses Abflussrohr ist die Achillesferse der Mühle - und das Ziel des nächtlichen Unternehmens. Es führt unterhalb der Mauer in das Innere und dient im Sommer dem Gastwirt dazu, seine Abwässer in den Fluss zu leiten. Legal ist das nicht - aber ein entsprechendes Bakschisch an den Verantwortlichen bei der Gemeinde hat dafür gesorgt, dass dieser beide Augen zudrückt. 
 
Der Anführer tritt zur Seite. Er ist nicht schlank genug, um durch das Abflussrohr zu kriechen. Es ist verabredet, dass er - sobald der letzte seiner Leute in das Rohr gekrochen ist, um die Mauer herum zum Haupteingang läuft. Einer seiner Leute wird ihm dann das Eisentor aufschließen und ihn hereinlassen.  
 
Einer nach dem anderen kriechen die Männer in ihren Tauchanzügen in das Abflussrohr. Es sind nur wenige Meter. Das Rohr endet auf der anderen Seite der Mauer im Inneren des Gebäudes, genau neben der jetzt unbenutzten Küche. Dieser Raum dient im Sommer als Getränkelager. Einige leere Bierfässer stehen darin und tarnen perfekt die illegale Entsorgungsstation. Gut, dass die Gäste, die sich hier tummeln, diesen Raum niemals zu Gesicht bekommen… 
 
Aus dem Hauptraum der Mühle, das als Restaurant dient, sind mehrere Stimmen zu hören.  Es hört sich nach einem Streit an. Das schrille Organ einer Frau durchschneidet das Stimmengewirr. Eine Männerstimme antwortet, leise, in dem Versuch beruhigend zu wirken. Doch die Frau schreit noch lauter.  Dann eine weitere Männerstimme . Es müssen also mindestens drei Leute sein. 
 
Niemand hört die schwarz gekleideten Gestalten, die einer nach dem anderen aus dem Wasserrohr kriechen, sich sofort lautlos verteilen und das Restaurant umstellen. Einer von ihnen schleicht aus dem Haus zum Haupteingang, um den Anführer hereinzulassen. 
 
Plötzlich fällt draußen ein Schuss. Und dann geht alles ganz schnell. 
 
Die Haustüre wird aufgerissen, und ein dunkelhaariger  Mann stürzt herein, der offenbar vor dem Eingang Wache gestanden hat.  
 
„Überfall“ schreit er schrill und reißt die  Türe auf, die ins Lokal führt. Gleichzeitig mit ihm springen zwei der Angreifer in den Raum. Einer  schubst den Schwarzhaarigen, so dass er das Gleichgewicht verliert und  auf eine der Bänke fällt. Der andere springt mit vorgehaltener Pistole zum Tisch, um den die  Streithähne versammelt sind, deren Stimmen sie vorhin gehört haben. 
 
„Hände hoch, Polizei!“
 
Nach und nach betreten drei weitere Polizisten in die Gaststätte, Pistolen in der Hand. Einer fesselt den Mann auf der Bank. Die anderen entwaffnen die beiden Männer und die Frau am Tisch. Keiner leistet Widerstand. Sie wissen, dass sie geschlagen sind. Dann klicken die Handschellen. 
 
Auf dem Tisch türmt sich das, weswegen die ganze Aktion heute Nacht gestartet wurde. Münzen. Brillanten. Edelsteine aller Art. Teure Handys. Gold- und Silberschmuck. Diebesgut. Erbeutet bei Überfällen, Einbrüchen, Trickdiebstählen, dazu bestimmt, unauffällig jenseits der Grenze verkauft zu werden. In einem Karton kleine Tütchen mit weißem Pulver. Rauschgift. 
 
„Nicht schlecht! Einmal quer durchs Strafgesetzbuch!“ Einer der Polizisten nickt anerkennend. „Mit dem Diebesgut haben wir ja gerechnet - dass ihr auch noch dealt, setzt dem Ganzen die Krone auf!“
 
„Wie habt Ihr uns gefunden?“ fragt der Anführer der Gefangenen, ein vierschrötiger Glatzkopf mit tätowierten Armen und einem nietenverzierten Gürtel um den dicken Bauch. Unverkennbar aus der Rockerszene.
 
Statt einer Antwort zieht sich einer Schwarzgekleideten die Tauchermaske vom Gesicht. Darunter kommt eine junge Frau mit raspelkurzen schwarzen Haaren zum Vorschein. 
 
„Linda - DU? Ich fasse es nicht! DU hast uns verraten? Meine eigene Schwester ein Polizeispitzel… !“ Die Stimme des Mannes auf der Bank ist dunkel vor Wut.
 
 
„Überläufer" korrigiert Linda kalt. „Ihr hättet besser  nicht versuchen sollen, mich um meinen Anteil zu betrügen!“
 
 
© Christine Rieger / 2016