Sonntag, 28. Februar 2016

Haben Maschinen eine Seele?


Liebe Freunde meines Lesebuchs,

haben Maschinen eine Seele?

Also, ICH habe die Erfahrung gemacht, dass ich entweder technisch völlig unbegabt bin - oder meine Geräte verhext sind. Die scheinen
ganz genau wissen, wer davor sitzt und auf die Tasten drückt.

Bei meinem Mann parieren sie anstandslos - aber mir spielen sie ständig irgendwelche Streiche... Kein Wunder, dass ich mittlerweile ein sehr gespaltenes Verhältnis zu technischen Geräten entwickelt habe!

Von diesem Phänomen handelt mein heutiger Beitrag.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen und ein entspanntes Wochenende! 
 
Eure Geschichten-Erzählerin


Foto: © Christine Rieger



 
 
Also, dass meine technischen Geräte eine Seele haben, davon bin ich felsenfest überzeugt! Eine rabenschwarze!

Egal, ob es sich um Laptop, Handy, Tablet oder PC handelt, um die Spülmaschine und den Küchenherd, die Waschmaschine oder die Kamera -  alles, was an einem Kabel hängt oder mittels Batterien und Akkus zum Leben erweckt werden muss, widersteht meinen Bemühungen, es mir untertan zu machen. Uns verbindet oft eine jahrelange Feindschaft, die erst endet, wenn das betreffende Teil auf dem Wertstoffhof gestrandet ist… 
 
Der beste Beweis dafür, dass meine These stimmt, ist mein Wäschetrockner. 15 Jahre lang hat er mir treue Dienste geleistet (und sich auch widerstandslos von mir bedienen lassen). Vermutlich hätte er das auch noch länger getan, wenn - ja, wenn ich nicht auf die Idee gekommen wäre, mich beim letzten Besuch in einem Elektronik-Markt  einmal spaßeshalber darüber zu informieren, was es so Neues auf diesem Gebiet gibt. Man mag das nun glauben oder nicht - das alte Gerät muss das mitgekriegt haben. Prompt quittierte  es einen Tag später den Dienst!

Wie oft bin ich schon an meinem Tablet verzweifelt! Beispielsweise, wenn ich im Internet irgend etwas recherchieren will. Ich logge mich ein, klicke mich durch tausend Links, bis ich endlich an der richtigen Stelle bin, will anfangen, den Bericht zu lesen - und PENG!  Wie von Zauberhand fliege ich raus und erhalte die Meldung „Internet  angehalten“. Ohne jede Vorwarnung! Das passiert aber nicht einmal am Tag, sondern alle paar Minuten!

Seltsam daran ist allerdings: Mein Mann kann stundenlang Börsenkurse, Fußerballergebnisse  oder sonstwas verfolgen - ER hat das Problem so gut wie nie! 

Schon als ich noch berufstätig war, kam es mindestens einmal in der Woche vor, dass mein PC sich aufgehängt hat oder total abgestürzt ist. Dann rief ich einen computerbewanderten Kollegen aus dem Büro nebenan zu Hilfe und schaute ihm über die Schulter. Und was geschah? Der Kollege drückte die gleichen Tasten, die ich vorher gedrückt hatte, und bei IHM klappte alles.

Warum bedürfen die Düsen am Drucker immer dann einer Reinigung, wenn ICH  twas ausdrucken will? Oder warum werden die Druckerpatronen gerade dann leer, wenn mein Mann nicht im Haus ist? Dieses Biest scheint zu wissen, dass ich restlos damit überfordert bin, neue Patronen einzusetzen! Was - nebenbei bemerkt - bei unserem Drucker eine Wissenschaft für sich ist! 

Aus welchem unerfindlichen Grund fällt es dem Laptop immer dann ein, dass er gerade jetzt sämtliche Programme updaten muss, wenn ICH  irgend etwas Wichtiges zu erledigen habe? Selbstverständlich inklusive endloser Installation und zeitraubendem Neustart ! 

Ich habe schon öfter vermutet, dass einige meiner Geräte in die Kategorie „Bockige kleine Kinder“ gehören. Wie zum Beispiel „DAS Handy“ oder „DAS Tablet“. Denen kann ich ja ihre Allüren noch nachsehen - Kinder sind nun mal unberechenbar. 

Dann gibt es aber diejenigen, die meiner Überzeugung nach männlich sein müssen. Nun ja, man sagt ja auch:  „DER Computer“, „DER Laptop“, „DER Herd“, „DER Drucker“. Dass sie sich aber nur von zarten männlichen Händen bedienen lassen wollen, gibt einem schon zu denken! 

Zu diesen Kandidaten gehört auch „DER Oscar“.  Zur Erklärung: hierbei handelt es sich um eine Küchenmaschine, mit der man nahezu alles zerkleinern, kneten, rühren und reiben kann. Auch dieses Gerät ist manchmal bockig wie ein alter Maulesel. Es hopst wie ein Karnickel über die Arbeitsplatte und lässt sich nur bändigen, wenn mein Mann die Tasten drückt. 

Am schlimmsten ist aber der Küchenherd. Der ist mein Lieblingsfeind. Mit den Kochfeldern komme ich ja jetzt - nach fast 4 Jahren - einigermaßen zurecht. Aber der Backofen hat es auf mich abgesehen. Egal, wie ich ihn einstelle - entweder ist der Kuchen zu dunkel oder noch halb roh. Ab und zu auch  - damit es nicht so langweilig wird - vorne noch zu hell und hinten verbrannt. Ich gestehe - inzwischen ist mir das Backen vergangen. Denn die Produkte entsprechen selten meinen Erwartungen. Anders ist das, wenn ich „nur“ den Kuchen fix und fertig mache und meinem Mann die Bedienung meines Erzfeindes überlasse. DANN - und nur dann - ist das Backwerk hinterher genießbar… 

Ach ja - und so ganz nebenbei fällt mir ein, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf die Technik beschränkt. Wieso gehen eigentlich immer dann die Glühbirnen kaputt, wenn ICH das Licht einschalten will? Bei meinem Mann passiert das so gut wie nie. Kein Wunder, dass er immer behauptet, ich hätte eine negative Ausstrahlung, die sich auf alles überträgt, was ich anfasse! 

Übrigens hat mir neulich ein ausgewiesener Computerfachmann bestätigt, dass Computer WIRKLICH eine Seele haben! 

Er erzählte von einer Sekretärin, der ständig das Schreibprogramm ausgestiegen ist. Seltsamerweise nur dann, wenn SIE am Computer arbeitete - ihre Kollegin hatte keinerlei Probleme. An dem Computer wurden alle Teile ausgetauscht - selbst das Stromkabel. Ohne jeden Erfolg. Die Computerfachleute waren ratlos, die Sekretärin frustriert - und die Kiste bockte weiter. 

Und nun kommt der Clou: Die betreffende Dame wurde in eine andere Abteilung versetzt. Von diesem Augenblick an machte der Computer keinerlei Probleme mehr. Großes Aufatmen. Aber - zu früh gefreut! In der neuen Abteilung, in der die Sekretärin nun tätig war,  am nächsten Computer, begann das Spielchen von vorne!
 
Wie tröstlich …

 

© Christine Rieger / 2016

Sonntag, 21. Februar 2016

Zwei linke Hände



 
Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
kennt Ihr das auch? An manchen Tagen will einfach nichts klappen. Schon am frühen Morgen fällt einem alles aus den Fingern - und das hört den ganze Tag nicht mehr auf...
 
Die Protagonistin meiner heutigen Geschichte heißt zwar Cornelia - aber es könnte genauso meine eigene Geschichte sein! Ihr müsst nur den Namen in Eurem Kopfkino ändern...
 
Deshalb stelle ich diese Geschichte anstelle meiner Erinnerungen ein - denn ich  bin in dieser Woche leider nicht dazu gekommen, einen neuen Beitrag zu schreiben. Ich bitte um Verzeihung - und wünsche Euch trotzdem viel Spaß.
 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
 
Zwei linke Hände
 
Also, wenn ich mir meine Hände so anschaue, sehen sie eigentlich genauso aus wie die von anderen Menschen. Fünf Finger an jeder Hand, die Daumen innen, die kleinen Finger außen - nicht irgendwie außergewöhnlich. Und doch - irgend etwas stimmt mit ihnen nicht! 

Sie können nämlich nichts festhalten. Alles entfällt ihnen. Schon am frühen Morgen muss ich mich bücken, weil mir die Zahnpasta hinunterfällt, der Kamm, das Handtuch, der Lippenstift. Die Seife flutscht davon und landet in der Badewanne. Es dauert, bis ich mit der Morgentoilette fertig bin.  

Dann geht es zum Kaffeetrinken.  Die Dosenmilch kippt um, hinterlässt Flecken auf der Tischdecke. Gut, dass ich schon seit Jahren eine durchsichtige  Plastikdecke über mein Tischtuch lege - ich käme mit dem Waschen sonst nicht nach. Beim Aufwischen der Schweinerei schubse ich meine gut gefüllte Kaffeetasse. Zu der Milch gesellt sich eine halbe Tasse Kaffee … Eigentlich könnte ich das Ganze umrühren und gleich von der Tischdecke schlabbern … Als nächstes fällt mir das Brot aus den Händen. Mit der Marmeladenseite nach unten. Natürlich. 

Während ich das Spültuch hole, muss ich an meine Mutter denken. Noch heute habe ich ihre Klage im Ohr: „Mein Gott, Du hast wirklich zwei linke Hände“.  Und mein Vater stimmt ein: „Kind, das, was Du nicht kaputt kriegst, ist noch nicht erfunden …“ 

Eigentlich heiße ich ja Cornelia. Aber in den ersten Jahren meines Lebens dachte ich immer, mein Name sei „Tollpatsch“.  Es verging kein Tag, an dem ich diese nette Bezeichnung NICHT zu hören bekam.  Oft waren es nicht einmal zwei Stunden. Und irgendwie hat sich dieses Talent durch mein ganzes Leben gezogen. Bis heute. Dabei habe ich die 60 längst überschritten! 

Es ist zum Heulen. WIRKLICH. Wenn irgendwo in einer Kneipe ein randvolles Bierglas umgeschmissen wird und der Inhalt auf dem Schoß der besten Freundin landet - es waren MEINE Hände, die beim Reden  immer so herumfuchteln. Den abgenagten Hühnerknochen, der  beim Grillfest  unversehens dem Gegenüber  ins Gesicht fliegt, haben MEINE Hände losgelassen. Die Schüssel mit dem fertigen Gurkensalat habe ICH fallen lassen. Auf  den vor einer Woche frisch verlegten, sündteuren Teppichboden. Die Flasche mit dem teuren Olivenöl aus Italien, ein Mitbringsel meiner Schwester vom letzten Urlaub, ist MIR entglitten.  

Leider (oder auch zum Glück, nämlich für die anderen) ist heute niemand mehr da, der meine Missgeschicke beseitigt.  Schon alleine das Aufwischen des schmierigen Olivenöls hat Stunden gedauert … 

Aber es kommt noch schlimmer! Wie oft habe ich schon die Besteckschublade in der Küche zugeworfen, und meine Finger waren noch drin … Oder die Autotür, die ich mit Karacho von innen zugezogen habe, während mein Mann seine Finger noch im Türspalt hatte… Ach ja, und nicht zu vergessen, die peinliche Gelegenheit, als ich meine Patentochter übers Taufbecken hielt und um ein Haar fallen gelassen hätte, als sie anfing zu schreien … Nur der geistesgegenwärtigen Reaktion eines der Ministranten hat Miriam es zu verdanken, dass sie die Taufe ohne größere Schäden überstanden hat. 

Was habe ich nur für komische Hände?  Wieso passieren solche Sachen immer nur MIR? Ich kenne keinen anderen Menschen, der so viel kaputt macht oder hinunterfallen lässt wie ich!  Habe ich vielleicht keine Haltefunkton an meinen Händen? Oder ist die schon von Geburt an so ausgeleiert, dass alles, was schwerer ist als ein Kassenbon vom Supermarkt, ihnen entgleitet?  Nein - das kann auch nicht sein. Sogar die Kassenbons fallen mir regelmäßig runter … 

Eines  aber muss ich erstaunt feststellen: Probleme mit der Wirbelsäule habe ich selten. Die dortigen Muskeln sind allerdings auch gut trainiert. Durchs ständige Bücken …
 

 

© Christine Rieger

 

Montag, 15. Februar 2016

Opa geht aus...


Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
es ist wieder soweit: Es ist Reizwortgeschichten-Tag...Viele von Euch kennen ja inzwischen die Geschichte von Tina und ihrem Opa Friedrich, der nach dem Tod seiner Frau in das Haus von Tinas Eltern eingezogen ist, um nicht ganz alleine zu sein.
 
Das ist jetzt schon eine ganze Weile her, und allmählich kommt Opa Friedrich zu dem Entschluss, dass es Zeit wird, wieder am Leben teilzunehmen. Was aber tut man in so einem Fall, um wieder unter die Leute zu kommen?
 
Nun, man bucht eine Busreise, geht zum Essen oder ins Kino oder - wie Opa Friedrich - wieder einmal ins Theater...
 
 
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen. 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
 
Zu den Beiträgen meiner Mit-Autorinnen geht es hier:
Regina   Lore    Martina   Eva
 
 
 
 
Und nicht vergessen:
Die nächste Reizwort-Geschichte erscheint am Dienstag, den 15. März 2016!  
 
 

Die heutigen Reizwörter lauten:
Pfannkuchen - Schuhcreme - kämpfen - lachen - lila

 
Opa geht aus …

„Guten Morgen, Moni! Gehst du zum Einkaufen?“ Friedrich Hartmann kam - die bereits ausgelesene Samstagszeitung unter dem Arm - die Treppe  herunter. 

„Ich muss. Guten Morgen Papa! Ich will heute Mittag Pfannkuchen backen, aber die Eier reichen nicht mehr,  Brot ist alle,  und für morgen brauche ich noch Kloßteig… Soll ich dir was mitbringen?“  Monika, bereits im Anorak, setzte eine selbst gestrickte  weiße Pudelmütze auf, nahm den Autoschlüssel vom Dielenschränkchen und steckte den daneben liegenden Einkaufszettel in ihre Jackentasche. 

„Kannst du mal schauen, ob du schwarze Schuhcreme kriegst?“ bat Friedrich seine Tochter.  „In der Abstellkammer müsste noch welche sein, ich habe neulich erst eine Tube mitgebracht. Aber wozu brauchst du schwarze Schuhcreme?“ „Zum Schuhe putzen“ antwortete Friedrich trocken. „Was dachtest du denn?“ 

„Papa! Du hast schon seit Monaten keine Schuhe mehr geputzt - und schon gar nicht die schwarzen…“ „Eben. Deshalb wird es ja Zeit.“ Friedrich Hartmann grinste. „Außerdem gehe ich heute Abend ins Theater - da kann ich schlecht in Schnürschuhen aufkreuzen!“ 

„DU? Ins Theater?“ Monika starrte ihren Vater an, als hätte er „Bordell“ gesagt. „Ja du lieber Himmel - ich bin seit dem Tod deiner Mutter nicht mehr ausgegangen. Das ist jetzt eineinhalb Jahre her. Ich denke, jetzt sollte ich langsam aus meinem Schneckenhaus herauskriechen und wieder am Leben teilnehmen! Ich bin schließlich noch keine neunzig!“ 

„Gehst du alleine?“ wollte Monika wissen.  „Das geht dich zwar nichts an - aber ich sage es dir trotzdem. Ich gehe mit Elmar. Du weißt schon - meinem alten Schulfreund. Er hat zwei Karten fürs Schauspielhaus, für eine Komödie. Gestern Abend rief er  mich an, dass seine Frau mit Grippe im Bett liegt und deshalb leider nicht mitgehen kann. Na, und da hat er eben MICH gefragt..“ 

„Bist du sicher, dass es sich bei Elmar nicht vielleicht zufällig um eine Emma handelt?“ fragte eine Stimme vom Flur her. „Guten Morgen, ihr Beiden!“ Ralf, Monikas Mann, kam angeschlappt. Er war um halb fünf Uhr erst ins Bett gekommen und sah entsprechend zerzaust aus. Die Haare hingen ihm ins Gesicht, die Schlafanzughose fast in den Kniekehlen. Er grinste süffisant. In seinem Windschatten schlich seine Tochter Bettina, Friedrichs Enkelin, angelockt durch die Unterhaltung, herbei. 

„Halt bloß die Klappe“ zischte Friedrich seinem Schwiegersohn zu. „Sonst schmiere ich dir heute Mittag Schuhcreme  statt Apfelmus auf deinen Pfannkuchen!“ fügte er drohend hinzu.  

„OPI“ empörte sich Bettina. „Das darfst du nicht, davon wird man doch krank!“ „Keine Sorge, Tina, ich habe bloß Spaß gemacht!“ beruhigte Opa Friedrich seine Enkelin.  

„Also, wenn niemand etwas braucht, fahre ich jetzt los!“ Monika schnappte sich den großen Weidenkorb, der neben der Garderobe bereitstand und den sie immer zum  Einkaufen benutzte. Wenig später klappte die Wohnungstüre zu. 

„Woher weißt DU eigentlich schon wieder, dass ich mit Frau Pfeiffer ins Theater gehe?“ fragte Friedrich seinen Schwiegersohn, nachdem seine Tochter das Haus verlassen hatte.  Ralf grinste. „Ich bin Taxifahrer, vergiss das nicht.  Manche meiner Fahrgäste betrachten mich als so eine Art Beichtvater, und ich erfahre  so einiges, was ich lieber nicht gehört hätte. Aber keine Sorge- dein Geheimnis ist bei mir sicher. Ich habe Schweigepflicht, genau wie die Ärzte!“ 

Friedrich Hartmann - nicht so ganz sicher, ob sein Schwiegersohn ihn nicht veräppeln wollte, hakte nach. „Und Moni? Hast du ihr…“  „Ich habe doch gesagt, ich habe Schweigepflicht! - Nein, Moni weiß nichts davon. Jedenfalls nicht von mir!“ 

Bettina hatte der Unterhaltung zwischen ihrem Vater und ihrem Opa mit großen Augen zugehört. „Opi, heißt das, du willst Tante Emma heiraten?“ fragte sie neugierig. „Kriege ich dann eine neue Oma?“  „Na, so weit sind wir noch lange nicht!“ Friedrich Hartmann musste lachen. Seine Enkelin war doch wirklich… 

„Wie seid ihr euch eigentlich … ähm … näher gekommen?“ wollte Ralf nun wissen. „Schließlich ist Frau Pfeiffer schon unsere Nachbarin, seit wir hier wohnen - und seit fünfzehn Jahren verwitwet…“ 

„Ich war vor drei Monaten bei einer Kunstaustellung in der Stadthalle. Dort haben mehrere noch relativ unbekannte Künstler ihre Werke ausgestellt. Eines davon hat mir so gut gefallen, dass ich es für mein Wohnzimmer kaufen wollte. Aber es war schon zu spät - Frau Pfeiffer war leider schneller...“ „Und da hast du das Bild eben ab und zu bei ihr im Haus angeguckt!“ Ralf zwinkerte seinem Schwiegervater verständnisvoll zu. „So ungefähr“ gab Friedrich Hartmann zu. 

„Na, dann sieh mal zu, dass du es Moni beibringst, bevor sie es von jemand anders erfährt!“ meinte Ralf. „Aber jetzt muss ich machen, dass ich weiterkomme - ich muss um zwei eine Patientin zur Dialyse ins Klinikum fahren. Danach gehe ich gleich auf meine Taxi-Tour.  Ich wünsche dir viel Spaß heute Abend - und grüß Frau Pfeiffer von mir!“ 

Damit verschwand Ralf in Richtung Badezimmer. Opa Friedrich und Bettina blieben alleine zurück. 

„Opi, wenn du Tante Emma heiratest - muss ich dann „Omi“ zu ihr sagen?“ wollte Bettina wissen. „Tina, ich werde Tante Emma nicht heiraten. Wenigstens nicht sofort. Ich weiß doch gar nicht, ob sie überhaupt will!“ „Dann musst du ihr halt einen Heiratsantrag machen!“ 

„Tina - jetzt hör aber auf damit. Wenn es jemals so weit sein sollte, wirst du es schon erfahren! Und jetzt - Pssssst - deine Mutter kommt zurück. Verrate ihr bitte nichts - vorerst ist es noch ein Geheimnis, ja?“ „Bestimmt nicht, Opi“ versprach Tina.
 

Ein paar Stunden später - es war kurz vor sechs - stand Opa Friedrich fix und fertig angezogen in der Diele. Er war fast nicht wiederzuerkennen. Dunkelgrauer Anzug, eine lila Fliege um den Hals, das silberne Haar adrett frisiert. Die schwarzen Schuhe glänzten frisch poliert - kein Stäubchen war darauf zu sehen. 

„Opi, du siehst toll aus!“ stellte Tina begeistert fest. „Das finde ich auch“ sagte Monika anerkennend. „Gut, dass du endlich mal wieder ausgehst - du kannst ja nicht immer nur zu Hause sitzen und dich mit Tina beschäftigen!“ „Ich mache das aber gerne!“ protestierte ihr Vater. „Das weiß ich doch, Papa. Aber jetzt mach, dass du fortkommst - sonst fängt die Vorstellung ohne euch an. Und grüß Frau Pfeiffer herzlich von mir!“ 

Friedrich Hartmann, schon fast an der Türe, blieb abrupt stehen, als wäre er gegen eine Mauer gerannt. 

„Ich … äh … du … Frau Pfeiffer…“ stotterte er verlegen. 

„Papa du brauchst überhaupt nicht rot zu werden!“ Monika kämpfte mit einem Lachanfall. „Hast du wirklich allen Ernstes gedacht, du könntest das geheim halten? Der halbe Ort spricht schon davon!“  

A… a… a…ber   - woher weißt du…?“ 

„Ich habe es schon vor Wochen beim Friseur gehört!“ Monika lachte nun geradeheraus. „Und ich war gespannt, wie lange es wohl dauern würde, bis du endlich damit herausrückst!“ 

„Und - was meinst du dazu?“ Friedrich Hartmann wirkte wie ein Schulbub, der beim Äpfelklauen erwischt worden ist. 

„Papa - du brauchst doch nicht meine Erlaubnis, wenn du wieder heiraten willst! Alt genug bist du doch nun wirklich! Aber - wenn du mich schon fragst - meinen Segen hast du. Emma Pfeiffer ist eine liebenswerte Dame. Ich mag sie sehr, und ich würde mich freuen, wenn ihr beide…“ Weiter kam sie nicht. 

„Ich habe auch nichts dagegen, wenn Opi und Tante Emma heiraten “ unterbrach Tina altklug. „Dann gibt es wenigstens wieder mal ein richtig großes Fest. Aber „Omi“ sage ich nicht zu ihr!“
 

 

© Christine Rieger / 2016

Sonntag, 14. Februar 2016

Mein neues Hobby

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

in der vergangenen Woche habe ich Euch erzählt, wie ich zu meinen Theaterauftritten gekommen bin.
 
Das Theater ist nun seit einem Jahr Geschichte - aber Langeweile kommt bei mir trotzdem nicht auf. Ich habe nämlich vor vier Jahren  ein ganz neues Hobby für mich entdeckt - das Tanzen. Genauer gesagt - Linedance.

 
Ich sehe nun  Eure ratlosen Gesichter vor mir. „Linedance? Noch nie gehört. Was is‘n das überhaupt?“  

Ihr könnt Euch trösten - ICH kannte diese Art zu tanzen auch nicht. Bis ich vor acht Jahren auf der Geburtstagsfeier einer Freundin zum ersten Mal davon hörte… 

Linedance wird - genau wie Squaredance - hauptsächlich zu Country-Music getanzt. Man steht dabei - wie beim Gardetanz im Fasching - in Reihen neben- und hintereinander und tanzt die gelernte Choreographie. Die besteht aus Schrittkombinationen mit englischen Namen - beispielsweise „Coaster Step“, „Shuffle“, Toe - Strut“, „Rock Step“, „Step - Half Turn“, um nur einige zu nennen. Als „Beginner“ (also Anfänger) steht man da erst mal und glaubt, chinesisch rückwärts zu hören!  Aber man bekommt ja die Begriffe erklärt. Und irgendwann weiß man dann ganz genau, was für Schritte man machen muss, wenn man diese „Befehle“ hört. Es dauert allerdings eine Weile! 

Die einfachsten Tänze haben ab 16 „Counts“ (Schritte), dann gibt es welche mit 32, 48, 64 Counts. Die Könner wagen sich dann auch an Tänze mit weit über 100 Schritten. DAZU werden WIR aber wohl nie gehören! 

Wer sich mal anschauen will, wie so etwas aussieht - bei YouTube gibt es jede Menge Filme zu diesem Thema!  

Aber nach so viel Theorie zurück zu unseren Anfängen. 

Nach der Geburtstagsfeier, auf der ich zum ersten Mal von Linedance gehört habe, vergingen noch mehr als 4 Jahre, bis   ich mich für einen Anfängerkurs angemeldet habe. Hauptsächlich deshalb, weil die Beginnerkurse ständig mit den Probenterminen meiner Theateraktivitäten kollidierten.   

Dann - ENDLICH - entdeckte ich in der Zeitung einen Bericht über eine Country-Messe, die hier in Nürnberg stattgefunden hatte. Dabei stand auch die Webadresse einer hiesigen Linedance-Gruppe. Deren Übungslokal war nicht nur in unserer Nähe - sie bot auch einen  Beginnerkurs an, der am Donnerstag Abend stattfand. Als ich mich dazu anmelden wollte, beschloss mein Mann - zu meiner großen Überraschung - mitzukommen… Das war im Herbst 2011. 

Tja - und dann fuhren wir am ersten Abend - (im Januar 2012) hin - und fielen fast vom Stengel! Der große Saal war rappelvoll! Auf der Tanzfläche tummelten sich schätzungsweise fünfzig, sechzig Linedancer! Ohne die Anfänger! Das alleine waren  - wenn ich mich recht erinnere - 28! 

Während der ersten paar Wochen war ich nicht selten drauf und dran, alles hinzuschmeißen. Ich konnte mir die Namen der Schritte nicht merken, erst recht nicht die Reihenfolge, in der sie auszuführen waren, und kam mir vor wie der sprichwörtliche Tanzbär. Ungeschickt, tollpatschig und  einfach nur doof. Erst recht, wenn der Unterricht vorüber war (der fand in einem Nebenzimmer der Gaststätte statt), und wir das   Gelernte dann auf der großen Tanzfläche mit den Fortgeschrittenen umsetzen sollten…  

Der angenehme Nebeneffekt des Tanztrainings war, dass ich im ersten halben Jahr (zusammen mit ein bisschen Ernährungs-Umstellung) 10 kg abgenommen habe! Linedance ist nämlich  eher eine sportliche (und sehr schweißtreibende)  Übung - vergleichbar mit Aerobic oder Zumba. Natürlich sind auch langsame Tänze dazwischen - aber einige haben es durchaus in sich, was die Schnelligkeit und die Schrittfolgen anbelangt! 

Und dann waren da noch die Paartänze! Viele gibt es  davon nicht. Aber ein paar haben wir mittlerweile auch gelernt. Wobei am Anfang - naja - nicht selten der Scheidungsanwalt zwischen uns mitgetanzt hat! 

Mittlerweile gehören wir - nach vier Jahren - schon zu den Fortgeschrittenen. Wir trampeln uns kaum mehr gegenseitig auf die Füße, kennen die Namen der Schritte und der Tänze und können - auch außerhalb des wöchentlichen Trainings - bei Tanzveranstaltungen „auftreten“. Was wir aber eher selten tun. Und nur dann, wenn die Veranstaltungen in Nürnberg stattfinden.
 
Es gibt - man kann es kaum glauben - eine regelrechte „Szene“ für Linedance. Alleine in Nürnberg und der näheren Umgebung gibt es eine ganze Reihe von Vereinen, in denen diese Art zu tanzen gepflegt wird - manche mit, andere ohne Mitgliedsbuch und feste Beiträge. Wobei gegenseitige Besuche bei vereinseigenen Veranstaltungen an der Tagesordnung sind. 

Eines muss ich sagen: Linedance packt einen! Wer einmal erlebt hat, wie hundertfünfzig Tänzer in ihren unterschiedlichen Vereinshemden, Cowboystiefel an den Füßen und Hüte auf dem Kopf, zur gleichen Musik die gleichen Schritte machen, gemeinsam „stompen“ (aufstampfen) und im Takt an der richtigen Stelle klatschen - der vergisst das nie! Vor allen Dingen, wenn man mittendrin steht und mittanzen kann …
 

 

© Christine Rieger / 2016

 

 

 

 

 

Sonntag, 7. Februar 2016

Wie ich zum Theater kam...

 
 
 
Auftritt in einem Biergarten Anfang der neunziger Jahre
                                      
Lange, bevor ich anfing, mich im Internet herumzutreiben, hatte ich einen anderen, ebenso zeitaufwendigen Zeitvertreib: Ich stand 31 Jahre lang bei einem Amateurtheater auf der Bühne. Zu diesem Hobby bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Hätte mir irgend jemand in meiner Jugend vorausgesagt, ich, das schüchterne, maulfaule Kind, das in der Schule und auch sonst nie den Mund aufgemacht hat (außer zum Essen, natürlich),   würde eines Tages Theater spielen - ich hätte lauthals gelacht. 
 
Aber - von Anfang an. 
 
Ende des Jahres 1983 gehörte ich  - ENDLICH - einer größeren Clique an. Bis dorthin hatte ich nie Freunde. Warum - das ist eine andere Geschichte.
 
Einer der Freunde aus dieser Clique spielte Theater, und er - wie alle anderen Vereinsmitglieder auch - schleppte zu den Vorstellungen seinen gesamten Bekanntenkreis mit.  Der Saal musste schließlich gefüllt werden - und soooo bekannt, dass die Presse davon Notiz genommen hätte, war der Verein damals nicht. 
 
Kurz und gut - im Advent führte der Verein jedes Jahr ein Märchen auf, um den Kindern die Vorweihnachtszeit zu versüßen. In dem betreffenden Jahr war es „Dornröschen“. Also marschierte die ganze Clique brav an einem Sonntagnachmittag im Vereinslokal auf,  um den Amateur-Schauspielern zuzusehen. Auch ich.  
 

1990 beim 25-jährigen Vereinsjubiläum als Polizist

in "Die Physiker"

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte - auf jeden Fall nicht SO eine  Vorstellung. Tolle Kostüme, ein sehr realistisches Bühnenbild, klasse Schauspieler - ich war restlos begeistert. Und nicht nur ich! 
 
In der Pause nach dem zweiten Akt unterhielt ich mich mit meinen Tischnachbarn und ließ dabei arglos eine Bemerkung fallen, die meinem bis dato eher langweiligen Leben einen gehörigen Schubs verpasste. Nämlich die, dass es mir vielleicht auch Spaß machen würde, mal auf der Bühne zu stehen. Allerdings ahnte ich nicht im Entferntesten, dass ich an einem Tisch gelandet war, der ausschließlich von Vereinsmitgliedern bevölkert wurde… 
 
Tja, das war es dann. Ich wurde sofort „verhaftet“. Einen Monat später fuhr ich an einem Freitagabend ins Probenlokal. Es wurden gerade die Rollen für en neues Stück vergeben, das im Mai aufgeführt werden sollte.  Schwupps bekam ich vom Regisseur ein Textbuch in die Hand gedrückt. Am Ende des Abends hatte ich meine erste Rolle. Ich, die vom Theaterspielen noch weniger Ahnung hatte als eine Kuh vom Seiltanzen! 
 
Am 19. Mai des gleichen Jahres, wenig mehr als drei Monate später, stand ich zum ersten Mal auf den Brettern, die  angeblich die Welt bedeuten.  
 
Das Stück hieß „Das Verlegenheitskind“. Ein Schwank in drei Akten im Stil von „Komödienstadel“ oder „Thalia-Theater“. Eine typische Bauernkomödie mit Verwechslungen, Liebe, Zank und Streit…
 
 
Meine liebste Rolle - die zänkische Ehefrau...
Mein Gott, war ich aufgeregt! Ein Glück, dass keiner von meinen Bekannten oder Kollegen an diesem Abend anwesend war! Ich hatte zwar allen von meiner Premiere erzählt, aber es hatte niemand Zeit oder Lust zum Zuschauen. Anfangs war ich ziemlich enttäuscht - aber jetzt, während mich das Lampenfieber voll am Wickel hatte, war ich heilfroh, dass niemand meine voraussichtliche Blamage miterleben würde. Einzig mein damaliger Freund - ich habe ihn zufälligerweise im gleichen Monat kennen gelernt, in dem ich meine erste Theaterrolle bekam - hatte versprochen, mich durch seine Anwesenheit zu unterstützen. Er fühlte sich sozusagen moralisch verpflichtet… (Dass wir  uns inzwischen 32 Jahre kennen und fast 27 davon verheiratet sind, sei nur nebenbei erwähnt.)
  
Vor lauter Aufregung musste ich alle fünf Minuten zur Toilette. Dieser Aufstand jedes Mal!  Nicht wegen meines Kostüms - nein, die Toilette war nichts anderes als das Camping-Klo, das unser Techniker aus seinem Wohnwagen mitgebracht und in einem Verschlag über der „Garderobe“ geparkt hatte. Dazu muss ich bemerken, dass der Saal, in dem wir auftraten, vermutlich früher einmal eine alte Scheune war, die man irgendwann zu einem Saal mit angeschlossener Gastwirtschaft ausgebaut hatte. Entsprechend waren auch die Räumlichkeiten hinter der Bühne. Bretterverschläge, dazwischen gelagertes Gerümpel, Eimer, Bauschutt und solcher Kram.  Aber wir waren froh, überhaupt irgendwo auftreten zu können. Eine Toilette gab es da natürlich nicht - aber wir konnten ja nicht in voller Kostümierung quer durch den Saal mit den Zuschauern rennen. Daher also das Camping-Klo über unseren Köpfen, nur über eine baufällige Holztreppe ohne Geländer zu erreichen! 
 
Aber auch die längste Wartezeit hat einmal ein Ende. Nach dem dritten Gongschlag legten wir los. 
 
Der riesige Saal war zum Brechen voll. Einer unserer Mitspieler arbeitete damals bei einem weltweit agierenden Konzern. Wir oft haben wir gelästert, dass er vermutlich jedes Mal zu seinen Auftritten die gesamte Belegschaft zum Zuschauen zwangsverpflichtet hat…
 
2003 als "Gelegenheitsdirne" in
"Die Nächsten - Liebe" 
Um es kurz zu machen: Mein erster Auftritt war ein voller Erfolg. Wider Erwarten vergaß ich weder meine Einsätze noch ließ ich die Requisiten fallen. Ich stolperte nicht über meine Füße, und ich hatte auch die Souffleuse nicht nötig. Ob es daran lag, dass einer der Gründerväter des Vereins vor Beginn der Vorstellung und während der Pause seine Mannen großzügig mit dem Inhalt einer Flasche Kirschwasser versorgte, sei dahingestellt. 
 
Er selber stand zwar nicht mehr auf der Bühne - aber er und seine Frau versäumten nie eine Vorstellung, solange es ihre Gesundheit zuließ- sie waren beide damals schon hoch in den Siebzigern. 
 
Nach Ende der Vorstellung ernteten wir tosenden Applaus. Es dauerte lange, bis wir uns in unsere „Garderobe“ zurückziehen und in die Alltagskleider werfen konnten. 
 
Ich packte meine Kostüme (alles Sachen aus meinem eigenen Kleiderschrank) zusammen und ging dann - wieder in zivil - hinaus in den Saal, um meinen Freund zu begrüßen.  
 
Der stand schon am Bühnenausgang, einen riesigen Blumenstrauß in der Hand, den er mir überreichte. Dann geleitete er mich zu seinem Tisch. Was dann folgte, war der Schock meines Lebens! 
 
An dem endlos langen Tisch saßen alle meine Bekannten. Die gesamte Clique, meine Freundinnen und ein großer Teil meiner damaligen Arbeitskollegen, die angeblich alle keine Zeit hatten, meine Premiere mitzuerleben, waren gekommen! Wie sie es alle fertig gebracht haben, ihre  „Überraschung“ vor zu verheimlichen, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber sie waren da. Dass meine Beine fast nachgegeben hätten und ich dicht davor war, in Ohnmacht zu fallen, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben… 
 
Es wurde eine sehr fröhliche Premierenfeier. Und der Anfang einer über dreißigjährigen Theaterkarriere. 
 
Ich habe in dieser Zeit fast alles gespielt, was das Genre hergibt. Märchen, Komödien, Krimis, Sketche, Bauerntheater, Klassiker. Und nahezu alle Rollen. Angefangen bei Witwe Bolte in „Max und Moritz“ über die Mutter von „Hänsel und Gretel“ über Hexen, Feen, Königinnen, Ehefrauen auf Abwegen. Liebhaberinnen und zänkische Weiber. (Das waren meine Paraderollen - da musste ich mich lediglich selbst spielen). Eine meiner schönsten Rollen war eine biedere Farmerin, die mittels horizontaler Dienste das schmale Haushaltsgeld aufbessert Sogar ein Ritter in einer Rüstung aus Alu-Grillpfannen und diverse Männerrollen waren dabei! 
 
Leider ist das nun alles Vergangenheit. Der Verein hat seine besten Tage hinter sich. Von den einstmals 35 Mitgliedern ist nur eine Handvoll übrig geblieben. Wie fast alle Vereine leidet auch dieser an Nachwuchsmangel. Junge Leute wollen oder können sich nicht mehr fest binden. Sie wechseln den Job und ziehen weg, oder sie scheuen ein festes Engagement. So ein kleiner Verein braucht aber Leute, die zuverlässig sind und nicht kommen und gehen, wie es ihnen gefällt. Theater ist ein Mannschaftsspiel wie Fußball. Wenn auch nur einer aus der Reihe tanzt, geht ein ganzes Stück baden. 
 
Schade, dass es nun voraussichtlich nicht mehr weitergehen wird - im vergangen Jahr hat der Verein noch sein 50-jähriges Bestehen gefeiert.  Aber selbst wenn es eine Zukunft gibt - sie wird ohne mich stattfinden. 
 
Ich war viele Jahre als Schriftführerin im Vorstand tätig. Trotzdem habe ich dem Verein im vergangenen Jahr Lebewohl gesagt. Aus einem einstmals tollen Hobby ist Stress und Zwang geworden, und das wollte ich mir nicht mehr antun. 
 
Es war eine großartige Zeit, die ich nicht missen möchte. Aber ich trauere ihr auch nicht nach. Ich habe neue Hobbys für mich entdeckt, die mich ausfüllen und mir zum Theaterspielen ohnehin keine Zeit mehr lassen würden. 
 
Was mir geblieben ist, sind wunderschöne Erinnerungen, viele Fotos, und - Freunde. Ja, ich habe noch Kontakt zu denen, die zuletzt im Verein waren, und ich besuche - wenn irgend möglich -  einmal im Monat den Theaterstammtisch…
 
Meine letzte Hauptrolle:
Die "Gabrielle" in "8 Frauen"
Das war 2013.
(dazu gibt es auch einen französischen Filmklassiker)

 
 
© Christine Rieger / 2016