Freitag, 18. Dezember 2015

Die Zeit - Ein Gedicht von Eva-Maria Büttner



Liebe Freunde meines Lesebuchs, 

wie bereits am Dienstag angekündigt, habe ich noch einmal ein Gedicht von Eva-Maria Büttner für Euch - über das „Phänomen Zeit“ - von der ja gerade jetzt die meisten von uns viel zu wenig haben.


 
Leider hat mir die Technik einen Streich gespielt, so dass die Veröffentlichung erst mit Verspätung erfolgt ist... Ich bitte um Entschuldigung!


Ich bedanke mich ganz herzlich bei der Autorin für die Genehmigung, ihr Gedicht in meinem Blog veröffentlichen zu dürfen! 

Damit schließe  ich mein Lesebuch für dieses Jahr. 

Ich wünsche Euch, den Leserinnen und Lesern, meinen Mit-Autorinnen  Lore, Regina, Martina und Eva und nicht zuletzt Eva-Maria Büttner - ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest - mit viel Zeit für Familie und Freunde, zum Entspannen und neue Kräfte tanken. 

Rutscht gut und unfallfrei ins neue Jahr hinüber - und bleibt vor allen Dingen gesund! Denn -  wie schon Arthur Schopenhauer wusste - "Gesundheit ist gewiss nicht alles - aber ohne Gesundheit ist alles nichts…" 

In diesem Sinne - herzliche Grüße, und auf ein Wiedersehen am 15. Januar 2016 mit einer neuen Reizwort-Geschichte!  

Eure Geschichten-Erzählerin 
 
 



Die Zeit


Eine Stunde, ein Tag, ein Monat, ein Jahr,
die Zeit hat ihre Zeit, das ist sonnenklar.
Doch es gibt auch eine gefühlte Zeit,
ob du jung oder alt, stets ein anderes Kleid.

Warum vergeh`n die schönsten Stunden so schnell?
und die Traurigen rühr`n sich nicht von der Stell?
Mit 18 kann alles nicht schnell genug geh`n.
Es ist alles so spannend, was wird noch gescheh`n?

Doch wie schnell bist du 30 und du denkst daran,
an die verlorene Jugend, die doch gerade begann.
Mit 40 hast du Beruf und Familie geformt.
Nun wär`s an der Zeit, dass die Zeit wär genormt.

Doch die Zeit hat keine Zeit, eilt der 50 entgegen.
Jetzt ziehst du Bilanz, oft seltsam verwegen.
Willst die letzte Chance nutzen neue Wege zu beschreiten.
Auch wenn auf dem Weg dich will Keiner begleiten.

Ab 60 scheint die Zeit Flügel zu haben.
Auch wenn du dir wünschst, sie möge doch lahmen.
Eine Stunde, ein Tag, ein Monat, ein Jahr-
die Zeit fliegt dahin und dir wird schmerzhaft klar:
jeden Tag zu genießen in vollen Zügen
und sich von der Zeit nicht lassen unterkriegen.

Auch mit 70 bist du noch nicht alt.
Banales läßt dich schon lange kalt.
Bist tolerant, brauchst nichts mehr beweisen.
Würdest gern noch versäumte Ziele bereisen.

Du bist zwar in Rente, doch hast niemals Zeit.
Ein Phänomen, dass bekannt ist wohl weit und breit.
Und hast du die 80 gesund erreicht,
dann bist du dankbar und denkst -
vielleicht werd ich auch noch 100 und komme dann
im Feulleton gleich nach dem Wetter dran.

Ich wünsch dir die Zeit zum wachsen und staunen
und nicht nach der Zeit auf die Uhr zu schauen,
denn die Jahre vergehen schneller als du denkst
pass auf, dass du die Zeit nicht verschenkst.

 
Copyright:  Eva-Maria Büttner

 

 

 

Dienstag, 15. Dezember 2015

Erstens kommt es anders ...

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

 

mit der heutigen Reizwortgeschichte verabschieden wir - das heißt, meine vier Kolleginnen und ich - uns in die Weihnachtsferien.  Wir alle haben eine schöpferische Pause dringend nötig - und auch die Muse der Schreibkunst, die das ganze Jahr über hektisch von einer zur anderen eilen musste, ist ganz bestimmt froh, wenn sie einmal Zeit zur Entspannung hat! 
 
Aus diesem Grund haben wir auch beschlossen, im nächsten Jahr etwas kürzer zu treten, und nur noch einmal im Monat eine Reizwort-Geschichte zu veröffentlichen.
  
Damit dieser Tag für alle leichter zu merken ist - sowohl für Euch, die Leser, als auch für uns, die Autorinnen -  werden wir jeden Monat, immer am 15., eine Reizwort-Geschichte veröffentlichen. Die erste gibt es also genau heute in vier Wochen, am 15. Januar 2016. 
 
Natürlich sind unsere Seiten in der Zeit dazwischen nicht „stillgelegt“. Es hat ja jede Autorin jederzeit die Möglichkeit, andere Beiträge einzustellen. 
 
Liebe Freunde meines Lesebuchs, ich hoffe, Ihr seid nicht allzu enttäuscht  und bleibt uns trotzdem auch in nächsten Jahr treu! 
 
In diesem Sinne - herzliche Grüße 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
 
Ankündigung:
Am Freitag, den 18.12.2015  habe ich noch einmal ein Gedicht für Euch, verfasst von Eva-Maria Büttner  über das „Phänomen Zeit“. Es passt gerade jetzt so gut - weil die meisten von uns in der Vorweihnachtszeit viel zu wenig davon  haben…
 
 
 


Aber nun zu meiner letzten Reizwortgeschichte für dieses Jahr!

Die Reizwörter sind: Schlitten - Glocken - bimmeln - gesichert - überrascht
 
 
Und hier geht es zu den Geschichten meiner Kolleginnen  
 Regina   Lore    Martina   Eva V.
 
In diesem Jahr beschlossen Marion und Gerd, dem alljährlichen Weihnachtsrummel zu entgehen und sich dem Ansturm der Verwandtschaft durch Flucht zu entziehen. Schon vor langer Zeit  hatten sie diesen Vorsatz gefasst - aber dann war immer wieder etwas dazwischen gekommen… 
 
Vor vier Jahren  - der Aufenthalt auf einer Hütte in den österreichischen Alpen war bereits fest gebucht - fiel Marion eine Woche vor Weihnachten mit einer randvollen Wanne frisch gewaschener Bettwäsche die Kellertreppe hinunter, zog sich einen komplizierten Wadenbeinbruch zu und verbrachte die Feiertage im Krankenhausbett.  

Im darauffolgenden Jahr lag Gerd ab Mitte Dezember mit einer schweren Lungenentzündung darnieder, von der er sich nur sehr langsam wieder erholte.  

Ein weiteres Jahr später machte ihre Tochter sie zu Großeltern von Drillingen. Was zwar einerseits eine Riesenfreude war, denn Nicole hatte die fünfunddreißig überschritten und mit Nachwuchs eigentlich nicht mehr gerechnet. Schon gar nicht mit dreifachem! Aber nun wurden die Großeltern allzu dringend gebraucht, als dass sie sich einfach während der Feiertage abseilen konnten. 

Tja - und beim letzten Versuch im vergangenen Jahr - sie hatten bereits die Koffer gepackt - starb völlig überraschend zwei Tage vor Weihnachten Marions Mutter… 

In diesem Jahr hatte es nun ENDLICH  geklappt. 

Das Hotel im Bayerischen Wald, das sie sich ausgesucht hatten, war wirklich ein Glücksfall. Sicher - billig war es nicht. Aber es hielt in jeder Hinsicht, was der Reiseprospekt versprochen hatte. Große, freundlich eingerichtete Zimmer, nette Atmosphäre, ein neu gestalteter Wellnessbereich mit einem riesigen Schwimmbecken, Whirlpool, verschiedenen Saunen, Ruheräumen… Und dann das Essen! Schon alleine das üppige Frühstücksbüffet setzte sich schon nach kurzer Zeit auf den Hüften fest - von dem alltäglichen 5-Gänge-Menü am Abend mit dem kaum überschaubaren Salatbüffet ganz zu schweigen… 

Das Schönste war aber der gestrige Weihnachtsabend. Die ganze Hoteliersfamilie feierte zusammen mit ihren Gästen - angefangen bei den Großeltern, die das Hotel früher betrieben hatten, über die drei Töchter, deren Ehemänner, und die beiden Enkelkinder.  Gedichte, Geschichten  und Weihnachtslieder, begleitet vom Klavierspiel der ältesten Tochter, in deren Händen jetzt die Geschicke des Hotels lagen. Ein exquisites Weihnachtsessen und am späteren Abend Glühwein und Plätzchen.  Genießen statt Hektik - ein ganz neues Weihnachtsgefühl! 

Nachdem der offizielle Teil vorüber war und die meisten Gäste sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten, überreichte Gerd seiner überraschten Frau noch ein Geschenk: Er hatte für den zweiten Weihnachtsfeiertag eine Fahrt mit dem Pferdeschlitten durch die verschneite Winterlandschaft gebucht! 

Marion freute sich riesig - gehörte doch so eine Fahrt zu ihren langgehegten, aber nie in Erfüllung gegangenen Träumen.  Das Problem war nur - es lag kein Schnee! DAS konnte Gerd aber im Oktober nun wirklich nicht wissen, als er diese Fahrt gebucht hatte! 

Was nun? Die Hotelchefin beruhigte sie.  „Die Fahrt findet auf jeden Fall statt - auch ohne Schnee. Schließlich gibt es ja Kutschen mit Rädern“ meinte sie augenzwinkernd.  

So kletterten Marion und Gerd am zweiten Weihnachtsfeiertag - zusammen mit weiteren  Gästen - in eine mit dicken Fellen ausgelegte Kutsche. Gott sei Dank war sie überdacht - denn es regnete in Strömen. Trotzdem waren die Felle in kürzester Zeit klatschnass - der Wind fegte die Nässe durch die unverglasten Seitenwände der Kutsche.  Auch die abgenutzten Pferdedecken, mit denen der Kutscher seine Fahrgäste verhüllt hatte, nützen nicht viel. Sie kratzten nur - und wenig später kratzten sich auch die Fahrgäste! 

Immerhin - der Kutscher hatte vorgesorgt. Er ließ eine Flasche mit selbst gebranntem Birnengeist herumgehen. Der wärmte nicht nur innerlich - er sorgte auch dafür, dass sich unter den Fahrgästen eine geradezu euphorische Stimmung ausbreitete. Irgendwer stimmte „Am Brunnen vor dem Tore“ an - was zu den auf das Dach prasselnden Regentropfen perfekt passte. Genau so perfekt wie das vom Kutscher beigesteuerte  „I‘m dreaming of a white Christmas“. Weniger gut kam dagegen „Alle meine Entchen“ an - das einzige Lied, das der jüngste Passagier, ein Dreijähriger“ zu singen imstande war. Leider konnte man ihm nicht einmal mit Birnengeist zu einer fröhlicheren Stimmung verhelfen - so quengelte und jammerte er fast ununterbrochen. 

Mit fröhlich bimmelnden Glocken und laut singenden Passagieren an Bord kurvte die Kutsche durch den Matsch. 

Endlich hielt sie an - vor einem mit  einem dichten Staketenzaun gesicherten Blockhaus. Hier wurden sie bereits erwartet.

„Alle Mann aussteigen - Endstation“ kommandierte der Kutscher. Er war heilfroh, sich jetzt auch einmal ein bisschen aufwärmen zu können - schließlich war das heute schon seine dritte Tour. Nicht einmal einen Birnengeist durfte er trinken - aber das würde er heute Abend, nach der letzten Kutschfahrt, nachholen, schwor er sich. 

Er bugsierte seine durchnässten, aber  - dank des hochprozentigen Gesöffs, das er ihnen eingetrichtert hatte - immerhin   sehr lustigen Fahrgäste ins Innere der Hütte. Hier warteten nicht nur ein bullernder Kachelofen, sondern auch jede Menge Glühwein, Tee und Gebäck auf die Angekommenen. 

Marion und Gerd ließen sich direkt auf der Ofenbank nieder, den Rücken an die warmen Kacheln gelehnt. Die Wirtin der Blockhütte brachte ihnen heißen Punsch und einen Teller mit selbstgebackenen Lebkuchen. 

„Gar nicht so schlecht!“ meine Marion kauend. „Ich habe mir zwar eine Schlittenfahrt im Schnee immer ein bisschen anders vorgestellt, aber ...“
 
Sie unterbrach sich. Ein sehr ungewohntes Geräusch, das hier überhaupt nichts zu suchen hatte, machte sich in ihrer Hosentasche bemerkbar. Das Kreischen von Seemöwen.  Ihr Handy. 

Sie drückte ihrem Mann das fast leere Glühweinglas in die Hand, fingerte das Telefon heraus und meldete sich.
 
„Mami, ich bin’s, Nicky. Könnt Ihr bitte so schnell wie möglich nach Hause kommen?“ 

„Um Himmels Willen, Kind, warum denn?“ fragte Marion alarmiert. 

„Ich bin im Krankenhaus. Ich hatte einen Unfall …. Nein, nein, es ist nichts Schlimmes, nur eine Gehirnerschütterung und ein gebrochener Arm. Ich werde morgen schon entlassen - aber ich stecke vom Handgelenk  fast bis zur Schulter in Gips, und Stefan muss ab übermorgen wieder arbeiten… ich kann doch mit EINEM Arm nicht DREI Kinder bändigen…“ Sie war den Tränen nahe. 

„Ist schon in Ordnung, Kleines“ beruhigte Marion.  „Heute schaffen wir es zwar nicht mehr“ fügte sie im Hinblick auf den Alkoholpegel  hinzu, den sie beide schon intus hatten,  „aber wir fahren gleich morgen früh hier los, dann sind wir abends zu Hause!“ 

„Ich glaube“ sagte sie zu Gerd, während sie resigniert ihr Handy in der Hosentasche verstaute „wir sollten es uns ein für alle Mal abgewöhnen, über Weihnachten verreisen zu wollen!"  

 

© Christine Rieger / 2015
 


 

Freitag, 11. Dezember 2015

Frühschicht

Freitags-Geschichte 
Liebe Freunde meines Lesebuchs,

viele von Euch haben vermutlich - wie ich - eine Tageszeitung abonniert. Aber wer denkt schon an die (oder den)  freundlichen Zeitungsausträger, der jeden Tag zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett springt und dafür sorgt, dass wir zum Frühstück  unsere Lektüre genießen können?

Meine heutige Freitags-Geschichte handelt von Ina. Sie ist eine von denen, die - sich trotz aufkommender Erkältung - am frühen Morgen aus dem Bett schwingt, um ihre freiwillig übernommene Pflicht zu erfüllen. Dass sie bei ihrer heutigen Tour etwas besonderes erlebt, weiß sie natürlich noch nicht.

Aber Ihr werdet es wissen, wenn Ihr diese Geschichte gelesen habt!

Ich wünsche Euch gute Unterhaltung - und einen besinnlichen 3. Advent!

Eure Geschichten-Erzählerin
 

Ihr Job machte Ina Spaß. Sie war von Natur aus Frühaufsteherin, und daher störte es sie keineswegs, dass ihr Wecker sie schon um halb vier aus dem Schlaf riss. Im Gegenteil. Sie genoss es, unterwegs zu sein, wenn die meisten anderen Menschen noch im Tiefschlaf lagen. Wie oft hatte sie schon einen wunderbaren Sonnenaufgang erlebt ...

Natürlich gab es auch Tage, an denen sie ungern aus ihrem warmen Bett kroch. Solche wie heute zum Beispiel. Nicht nur, weil ihr Hals kratzte und eine Erkältung ankündigte - nein, auch das Wetter war nicht dazu angetan, freudig aus den Federn zu springen.

Aber es half nichts. Spätestens um halb sieben warteten die Leute auf ihre Morgenzeitung - manche noch früher. Sie hatte einen Abonnenten auf ihrer Tour, der schon ab halb sechs am Fenster stand, und - sobald sie sich mit ihren Zeitungen unterm Arm der Haustür näherte - an den Briefkasten stürzte und die Zeitung, die sie von außen hineinsteckte, am anderen Ende herauszerrte. Wie hatte sie sich erschrocken, als ihr das zum ersten Mal passiert war!

Als Ina an diese Begebenheit dachte, musste sie lachen. Sie krabbelte aus dem Bett, lief in die Küche, um Kaffee aufzusetzen, und dann ins Bad. Schnell Hände und Gesicht waschen, gestrickte Strumpfhosen und Jeans drüber, Fleece--Shirt an, fertig. Haare kämmen fiel aus - bei dieser Kälte zog sie sowieso die Pudelmütze über den Kopf. Die Dusche würde sie sich gönnen, wenn sie zurück war - dann konnte sie sich wenigstens wieder aufwärmen.

Im Stehen kippte sie zwei Tassen Kaffee hinunter - auf dem Rückweg kam sie ohnehin beim Bäcker vorbei und konnte frische Brötchen fürs Frühstück mitnehmen.

Schon in ihrem dicken Skianorak, schlich Ina nochmals zurück ins Schlafzimmer, drückte ihrem leise vor sich hin schnorchelnden Ehemann einen Kuss auf die Stirn und machte sich auf den Weg zum Supermarkt an der Ecke. Dort wurden jeden Morgen die Zeitungen deponiert, die sie auszutragen hatte. Sie packte die für ihre Tour bestimmten Exemplare in den Einkaufstrolley, den sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hatte und für den Transport benutzte, und machte sich auf den Weg.

In der Nacht hatte es heftig geschneit, und der Schnee lag mehrere Zentimeter hoch. Gut, dass sie ihre Wanderschuhe mit dem dicken Profil trug - um diese Zeit war kaum irgendwo Schnee geräumt.

Niemand begegnete ihr, und trotz des teilweise verwehten Schnees kam sie gut voran. Prima. Dann konnte sie sich nach dem Frühstück noch ein Stündchen ins Bett legen - sie fühlte sich heute gar nicht gut!

Vor ihr lag das Mehrfamilienhaus, in dem der Frühaufsteher wohnte - der, der sie ganz am Anfang ihrer Tätigkeit einmal so erschreckt hatte. Ob er wohl heute auch wieder im Treppenhaus auf sie wartete?

Ina trat zu den Briefkästen, die in die Haustür eingelassen waren. Einen nach dem anderen klappte sie auf und steckte die Zeitung hinein. Dann der Name "Hofmann". Doch heute zog niemand am anderen Ende an der Zeitung. Merkwürdig! Dabei brannte doch im Hausflur das Licht ... Sie presste das Gesicht an die Milchglasscheibe. Irrte sie sich - oder war da ein Schatten? Unten, neben der Treppe? War der Mann wie immer heruntergekommen, um sich die Zeitung zu holen, und dann gestürzt? Verflixt - wenn sie doch nur etwas sehen könnte! Sie konnte doch um diese Zeit auch nicht bei irgendeinem Nachbarn klingeln ... Ach was - ich gehe einfach weiter. Vielleicht täusche ich mich ja auch ...

Sie wandte sich bereits zum Gehen, um ihre Runde weiterzudrehen und endlich nach Hause zu kommen. Aber es ließ ihr keine Ruhe. Wenn mit dem Mann doch irgend etwas wäre ...

Kurz entschlossen lehnte sie ihren Einkaufstrolley an die Hauswand und drückte auf einen der Klingelknöpfe. Einmal, zweimal, dreimal. Beim vierten Mal knurrte jemand durch die Sprechanlage.

"Sind Sie verrückt geworden? Was fällt Ihnen ein, hier mitten in der Nacht ..."

"Bitte entschuldigen Sie vielmals" antwortete Ina - aber könnten Sie mich ins Haus lassen? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, im Flur liegt jemand..."

"So ein Quatsch" fauchte der aus seiner Nachtruhe Gerissene ungnädig. "Hauen Sie ab, bevor ich die Polizei rufe!"

"Nicht nötig - das mache ich selber" rief Ina zurück. Gerade wollte sie ihr Handy aus der Tasche nehmen, um den Notruf zu wählen, als die Türe von innen aufgerissen wurde. Vor ihr stand ein junger Mann, zerzaust, im Schlafanzug, darüber einen Bademantel geworfen, dessen Gürtel auf dem Boden schleifte.

"Kommen Sie rein" sagte er. "'Und entschuldigen Sie - Sie hatten Recht!" Er trat zur Seite, und nun sah sie es. Neben der Treppe lag tatsächlich ein Mann.

"Ich habe den Notarzt schon angerufen, er wird jeden Moment hier sein" sagte der Mann im Bademantel. "Bleiben Sie mal hier, ich hole schnell eine Decke, die Fliesen sind eiskalt!"

Ina beugte sich über den am Boden liegenden. Seine Brust hob und senkte sich, Er lebte also. „Können Sie mich hören?" fragte Ina. "Sind Sie verletzt?"

Der Angesprochene versuchte, sich zu bewegen. Doch außer einem Stöhnen gab er keine Antwort. In diesem Augenblick kam der junge Mann mit einer Wolldecke zurück, die er über den Gestürzten breitete. Gleichzeitig hielt der Rettungswagen mit kreischenden Bremsen vor dem Eingang. Das flackernde Blaulicht erleuchtete gespenstisch die Szene.

Zwei Sanitäter mit einer Trage, gefolgt von einem Notarzt, rannten herein, die sich sofort um den Verletzten kümmerten. Wenig später war der Verunglückte auf dem Weg ins Krankenhaus, und Ina konnte ihre morgendliche Tour beenden.

Einen Tag später, als Ina wieder vor dem Supermarkt ihre Zeitungen in den Einkaufstrolley packte, sprang ihr von der Titelseite des Blattes eine Schlagzeile entgegen:

"Herzinfarkt im Treppenhaus - Zeitungausträgerin rettet einem Abonnenten das Leben..."

 

© Christine Rieger  / 2015

 
 



 
 
 
 
 



Dienstag, 8. Dezember 2015

Hansi und Mathilde

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
in  der heutigen Reizwortgeschichte gibt es ein Wiedersehen mit Tina und ihrem Opa Friedrich, die am zweiten Adventssonntag eine besondere Überraschung erwartet …
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen.
 
 
Die heutigen Reizwörter sind:
Tanne - Nase - süß - sammeln - kriechen
 
Und hier geht es zu den Geschichten, die sich meinen Kolleginnen   Regina   Lore    Martina   Eva V.
zu diesen Reizwörtern ausgedacht haben.  
 
In diesem Jahr war der zweite Adventssonntag ein ungewöhnlicher Tag. Von Winter und weihnachtlicher Stimmung war nichts zu spüren. Dazu war das Wetter viel zu schön. Schon am frühen Morgen schien die Sonne von einem kobaltblauen Himmel, und gegen Mittag kletterte das Thermometer auf erstaunliche zwölf Grad.
 
Die Terrassentüre stand weit offen, um frische Luft hereinzulassen, während Monika das benutzte Geschirr vom Mittagessen in die Spülmaschine räumte. Ralf, ihr Mann, hatte sich mit der Samstagszeitung in sein Arbeitszimmer zurückgezogen - den einzigen Raum im Haus, in dem er seine Ruhe hatte. Vor allem vor seiner sechsjährigen Tochter. Er hatte ihr untersagt, hier hereinzukommen, nachdem sie einmal im Alter von zwei Jahren unbemerkt seinen Computer eingeschaltet, darauf herumgespielt und dabei wichtige Dateien gelöscht hatte. Unter anderem seine Steuererklärungen und die Abrechnungen seiner Taxifahrten. Es hatte ihn zwei Wochen mühsamer Arbeit gekostet, die ganzen Daten neu zu erfassen. Seitdem war sein Büro für Tina „off limits“. 
 
Gähnend überflog Ralf die Börsenkurse. Nichts Neues. Der Dax war im Sinkflug - schon seit Tagen. Aber ihm konnte es egal sein - er besaß keine Aktien. Sein Gehalt und der Zusatzverdienst  seiner Frau reichten gerade so, um den normalen Lebensunterhalt zu sichern und die Raten für das Häuschen abzuzahlen. Und auch das nur, weil sein Schwiegervater … 
 
Ralf war erst gegen fünf Uhr morgens von seiner Taxischicht nach Hause gekommen. Er  musste wohl ein bisschen eingedöst sein und erschrak heftig, als die Stimme seiner Tochter durchs Haus hallte. 
 
„Opi, kannst Du mal schnell kommen?“ schrie Tina. Es klang, als stünde das Haus in Flammen. 
 
Ralf ließ die Zeitung fallen, riss die Bürotür auf und stürmte ins Wohnzimmer. Gleichzeitig mit ihm kamen seine Frau und sein Schwiegervater herbeigerannt. Monika hatte sich nicht einmal Zeit genommen, den schmutzigen Teller, den sie gerade in der Hand hatte, zur Seite zu stellen. Opa Friedrich, Monikas Vater, trug keine Schuhe. Sein Hemd war aus der Hose gerutscht und die Haare zerzaust, als käme er direkt aus dem Bett. Offensichtlich hatte er gerade seinen Mittagsschlaf gehalten, als Tinas Alarmruf durchs Haus schallte. 
 
„Um Himmels Willen, was ist denn passiert? Warum schreist du denn so?“ fragte Monika alarmiert. Tina deutete durch die offene Terrassentür hinaus in den Garten. „Da draußen sitzen zwei Vögel“ antwortete Tina. „Ein gelber und ein blauer. Da, oben in der Tanne!“ „Na und? Das ist doch kein Grund, das halbe Haus zusammenzuschreien!“ tadelte Ralf. „Wir sind zu Tode erschrocken!“ „Aber das sind keine normalen Vögel!“ verteidigte sich Tina. „Solche habe ich noch nie im Garten gesehen!“ 
 
„Tina hat Recht!“ Opa Friedrich fingerte seine Brille aus der Hemdtasche,  bog sie zurecht und setzte sie auf. Das Metallgestell hatte die Angewohnheit, immer irgendwie schief zu hängen, wenn er mit der Brille auf der Nase eingeschlafen war. Was ihm regelmäßig vor dem Fernseher passierte.  
 
„Das sind Wellensittiche!“ erklärte er, nachdem er die beiden gefiederten Besucher genauer in Augenschein genommen hatte. 
 
„Wie kommen DIE denn auf die Tanne?“ fragte Monika verblüfft. „Vermutlich sind sie raufgeflogen“ antwortete Ralf trocken. „Die Leiter steht im Keller - da kommen sie nicht ran!“  „Sehr witzig!“ Monikas Stimme besagte genau das Gegenteil. „Aber wem gehören sie? Und wie kriegen wir sie da runter?“ „Gute Fragen!“ Ralf kratzte sich an der Nase. Mit diesem Problem war er sichtlich überfordert.  
 
„Wir können wenig tun!“ Friedrich Hartmann stopfte sein Hemd zurück  in den Hosenbund.  Trotz der relativen Wärme zog es empfindlich um die Hausecke, und sein Rücken war ohnehin nicht der gesündeste.   „Der Baum ist zu hoch, da reicht die Leiter nicht hin. Außerdem würden sie todsicher davonfliegen, wenn wir ihnen zu nahe kommen.“ 
 
„Aber wir können sie doch auch nicht da oben sitzen lassen!“ protestierte seine tierliebe Enkelin. „Da erfrieren sie doch in der Nacht!! Können wir nicht die Feuerwehr anrufen?“ „Ich glaube kaum, dass die wegen zweier entflogener Vögel mit der Drehleiter hier anrücken“ gab Opa Friedrich zu bedenken. „Wir können höchstens versuchen, sie herunter zu locken!“ 
 
„Und wie?“ Drei ratlose Gesichter starrten ihn fragend an.
 
„Wartet einen Augenblick. Ich gehe mal nachsehen, ob im Keller …“ Mit dieser rätselhaften Bemerkung  ging er ins Haus. Wenig später kam er zurück, derbe Schuhe an den Füßen und einen dicken Pullover in der Hand, den er sich im Gehen über den Kopf zog. Ohne ein Wort zu sagen, steuerte er den kleinen Geräteschuppen an, der den Garten am anderen Ende begrenzte, um kurz darauf mit einem leeren Vogelkäfig wieder aufzutauchen, den er triumphierend schwenkte. „Wusste ich‘s doch, dass der noch da sein muss!“ stellte er befriedigt fest.
 
Er reichte den Käfig an seine Tochter weiter. „Mach ihn doch mal ein bisschen sauber, Moni. Da drin kann man ja niemanden wohnen lassen!“ 
 
Angewidert und mit spitzen Fingern nahm Monika das reichlich verschmuddelte Vogelheim und verschwand damit im Haus. Wenig später hörte man aus dem offenen Badfenster die Dusche rauschen. 
 
„Tina, komm, wir scheuen mal nach, ob hinter dem Schuppen noch irgendwo Vogelmiere wächst. Die sammeln wir  und legen sie in den Käfig.  Da hinten geht es so eng zu - da kann mit meinem Rücken nicht mehr herumkriechen sagte er, seine Enkeltochter mit sich ziehend.  
 
Ralf blieb unentschlossen stehen und beobachtete die beiden gestrandeten Vögel. Die kümmerten sich wenig um den Aufruhr, den sie verursachten. Schnäbelnd hockten sie auf einem ziemlich dünnen Zweig, der unter ihrem Gewicht gefährlich  schwankte. 
 
Monika, ihr Vater und Tina kamen fast gleichzeitig zurück. Der Käfig war nun einigermaßen gesäubert und mit einem alten Putzlappen trockengewischt worden. Opa Friedrich streute eine Handvoll feinen Quarzsand, den er aus seiner Werkstatt geholt hatte, auf den Boden, legte die paar gefundenen  Zweiglein Vogelmiere hinein, und steckte einen Apfelschnitz zwischen die Gitterstäbe. Mit einer Wäscheklammer befestigte er noch ein Salatblatt, das er aus der Biotonne gefischt und abgespült hatte. Dann stellte er den Käfig auf die kleine Mauer, die den Garten von der Terrasse trennte.
 
„So, jetzt gehen wir ins Haus zurück“ ordnete er an. „Solange wir hier herumstehen, trauen sie sich bestimmt nicht her. Außerdem kann es eine Weile dauern, bis der Hunger sie vom Baum herunter treibt.“ 
 
Gesagt, getan. Die ganze Familie verschwand im Haus. Monika schloss die Terrassentüre bis auf einen kleinen Spalt, damit sie beim Öffnen nicht quietschen konnte. Dann legten sie sich im Wohnzimmer auf die Lauer. Abwechselnd  bezog ein Familienmitglied Posten am Fenster, um sofort Alarm auszulösen, falls die Vögel den Käfig in Besitz nahmen. 
 
Die Zeit verging. Es wurde drei, halb vier. In spätestens einer Stunde würde die Sonne untergehen. Doch die beiden Wellensittiche machten keine Anstalten, ihren Aussichtspunkt zu verlassen. Ihnen schien es dort oben zu gefallen.
 
Kurz vor vier rief Monika ihre Nachbarin an und bat sie, ihre Katze vorerst  nicht aus dem Haus zu lassen. Wenn die die beiden Vögel erwischte … Annemarie versprach, ihren Stubentiger einzusperren, bis der Alarm aufgehoben wurde. 
 
Keine fünf Minuten später rief Opa Friedrich, der gerade „“Wachdienst“ hatte, mit gedämpfter Stimme nach den anderen.  „Psssst - ich glaube, sie kommen!“ flüsterte er.  
 
Gebannt beobachteten die vier, wie zuerst der blaue Wellensittich seinen Hochsitz und seine Partnerin verließ und zwei Etagen tiefer hüpfte. Vorsichtig äugte er nach unten, hüpfte wieder ein Stück weiter. Und noch ein Stück. Zweiglein für Zweiglein. Bis er den untersten erreicht hatte. Der Vogelkäfig mit den verlockenden Köstlichkeiten war nur noch zwei, drei Meter von ihm entfernt. Noch einmal lugte er nach allen Seiten, und als er keine Gefahr bemerkte, flog er los und landete zielsicher auf der offenen Käfigtüre. Sofort schlüpfte er ins Innere und begann an dem Salatblatt herumzupicken. 
 
Die vier hinter der Fensterscheibe hielten den Atem an. Was würde der andere Vogel nun machen? 
 
Sie mussten nicht lange warten. Schon wenige Minuten später kam auch der gelbe Wellensittich ohne Umwege heruntergeflogen, landete auf dem Käfig und verschwand im Inneren. Geschafft! 
 
Opa Friedrich legte den Zeigefinger an die Lippen, den anderen damit Schweigen gebietend, und schlich zur Terrassentüre. Lautlos öffnete er sie, tappte geräuschlos zum Käfig, klappte das Türchen hoch und verriegelte es. Dann trug er triumphierend seine „Beute“ ins Wohnzimmer. 
 
„Och, sind diiieeee  süüüüüß rief Bettina begeistert aus, als sie die beiden Vögel endlich aus der Nähe betrachten konnte. 
 
Das waren sie wirklich. Dicht nebeneinander hockten sie  auf der obersten Stange, zwitscherten leise und beäugten neugierig die fremde Umgebung, in der sie da gelandet waren. 
„Dürfen wir die jetzt behalten?“ fragte Bettina. „Bitte!“ 
„So einfach ist das leider nicht, Tina!“ meinte Opa Friedrich. „Die beiden sind mit Sicherheit irgendwo entflogen. Jemand hat vermutlich aus Versehen  den Käfig offen gelassen, und die beiden sind durchs Fenster ausgebüxt. Jetzt sitzt da vielleicht eine Oma oder ein kleines Mädchen wie Du und weint sich die Augen aus dem Kopf… - ich werde morgen früh beim Fundbüro anrufen und im Tierheim. Vielleicht sucht sie ja der Besitzer schon ganz verzweifelt.“
 
„Und wenn nicht?“ 
 
„Dann ist es normalerweise so, dass wir die beiden erst einmal behalten dürfen. Wenn sich nach einem Jahr der rechtmäßige Besitzer noch nicht gemeldet hat, dürfen die beiden bei uns bleiben!“ erklärte Ralf seiner Tochter.
 
„Ein Jahr?“ Für Bettina war diese Zeit eine Ewigkeit. „Schätzchen, Dein Vater hat Recht!“ sagte Monika. „Wir müssen wirklich erst mal warten, ob derjenige, dem die Tiere gehören, sich meldet."
 
„Aber einen Namen dürfen wir ihnen doch geben?“ wollte Tina wissen. „Natürlich, das dürfen wir. Wenigstens so lange sie bei uns sind. Auch wenn sie vermutlich schon einen haben.“ 
 
„Hansi“  schlug Opa Friedrich vor. „Für den Blauen. Und wie nennen wir den anderen?“ 
 
„Mathilde“ rief Tina wie aus der Pistole geschossen. 
 
„Wie kommst Du denn auf so einen Namen?“ fragte ihre Mutter konsterniert. „Und außerdem -  können das doch auch zwei Männchen sein!“ 
 
„Sind sie ganz bestimmt nicht“ stellte Tina entschieden fest. “So, wie DIE oben im Tannenbaum herumgeknutscht haben…“
 
 
© Christine Rieger / 2015