Freitag, 27. November 2015

Novembertag

Freitags-Geschichte 

Liebe Freunde meines Lesebuchs,


wenn das Wetter draußen so richtig ungemütlich und nasskalt ist - eben "novembermäßig", ist es zu Hause besonders gemütlich. Findet zumindest Marietta. Wolfgang dagegen langweilt sich zu Tode. Um ihren Mann  zu beschäftigen, schlägt Marietta ihm verschiedene Tätigkeiten vor, die schon längst hätten erledigt werden sollen.

DAS hätte sich aber besser nicht tun sollen! Warum? Lest bitte selbst...

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende und einen besinnlichen 1. Advent.
 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
 
 
Ein Wetter ist das heute - einfach scheußlich!“ Missbilligend starrt Wolfgang durch das Fenster, an dem der Regen schon seit dem frühen Morgen wie ein Sturzbach hinunterläuft. Es ist eisig kalt geworden, und obendrein weht ein heftiger Sturm, der einem das Gefühl gibt, am Nordpol zu  Hause zu sein. 
„Was willst Du – wir haben schließlich November, da ist das ganz normal“ stellt seine Frau gleichmütig fest. „Ich hasse es trotzdem!“ schimpft Wolfgang. „Nichts kann man machen - weder Wandern noch eine Radtour,  im Garten kann man auch nicht arbeiten, und selbst zum Shopping hat man keine Lust!“ „Zum Shoppen hast DU doch nie Lust  - da kann das Wetter noch so schön sein“ bemerkt Marietta trocken. 
„Ja, aber was soll man denn den ganzen Tag machen, wenn man nicht raus kann?“ „Och – da gäbe es viele Möglichkeiten“ meint Marietta. „MAN“ könnte zum Beispiel den Keller aufräumen – der hätte es bitter nötig. Die Fahrräder passen doch kaum noch rein.  Oder – „MAN“ könnte mal seine ganzen Papiere ordnen, bevor der Schreibtisch  zusammenbricht und der Laptop unter dem ganzen Wust nicht mehr auffindbar ist.  „MAN“ könnte aber auch das längst versprochene Bücherregal bauen. Unsere Bücher stapeln sich im Gästezimmer schon fast bis zur Decke.“ „Ist ja schon gut, ich gehe ja schon, bevor  Madame noch mehr Arbeit einfällt, die sie mir aufhalsen kann“  knurrt Wolfgang.  
„Na, DU hast Dich doch beschwert, dass Du nicht weißt, was Du mit Dir anfangen sollst“ stellt Marietta fest. „Ich habe Dir lediglich Vorschläge gemacht, was Du gegen Deine Langeweile tun könntest…“ Das aber hört Wolfgang schon nicht mehr. Brummend entfernt er sich. Einige Zeit später hört Marietta ihren Mann im Keller rumoren. 
Befriedigt geht sie zu der großen Schublade, in der sie ihr Nähzeug und die reparaturbedürftigen Kleidungsstücke aufbewahrt. Sie nimmt den Stapel heraus, etabliert sich damit auf der Couch und legt eine CD mit ihrer Lieblingsmusik ein. Wolfgang hasst Country-Music, die kann sie immer nur hören, wenn er nicht da ist. 
Johnny Cash beginnt zu singen. Sie dreht die Musik lauter, um die Regentropfen zu übertönen, die nach wie vor an die Fensterscheibe hämmern, und zerrt ihr Lieblings-T-Shirt aus dem Stapel. Der Halsausschnitt ist zerfranst, und während sie sie bemüht, den Schaden mit Hilfe eines Paillettenbandes zu reparieren, geht ihr die Frage durch den Kopf, wieso eigentlich so viele Menschen den November derart abgrundtief hassen, dass sie in Depressionen verfallen oder gar ihrem Leben ein Ende setzen… 
Marietta - ihren außergewöhnlichen Vornamen  hat sie einem Buch zu verdanken, das ihrer Mutter während der Schwangerschaft in die Hände gefallen ist -  scheint irgendwie aus der Art geschlagen. Sie liebt diesen Monat. Sie liebt den Regen, die Feuchtigkeit und die Morgennebel, die oft so dicht in den Straßen wabern, dass die Häuser  gegenüber auf der anderen Straßenseite nur noch als vage Schemen zu erkennen sind Ja, sie liebt sogar die wilden Novemberstürme, denen die letzten bunten Blätter, die sich bis dorthin noch an den Ästen festklammert haben, zum Opfer fallen.  
Warum das so ist, hätte sie nicht sagen können.  Vielleicht ist es einfach die Zeitspanne zwischen Sommer und Winter. Wenn der Sommer noch in den letzten Zügen liegt, der Winter sich aber noch nicht zu seiner vollen Kraft entfaltet hat. Dann kehrt Ruhe ein. Ruhe vor dem hektischen Advent mit seiner Geschenkejagd, der Plätzchenbäckerei und den leidigen Familientreffen, die gerade in der Vorweihnachtszeit Hochkonjunktur haben.   
Ein anderer Grund ist, dass sie nun endlich keine Ausrede mehr erfinden muss, wenn sie keine Lust hat, sich aufs Rad zu schwingen, einen bleischweren Rucksack durchs Gebirge zu schleppen oder den Gartengrill nach einer ausgiebigen Fete zu schrubben. Sie ist gerne zu Hause. Die ständigen Verpflichtungen, die schönes Wetter nun einmal mit sich bringen, sind ihr eher lästig. Nein, das regnerische, nasse Novemberklima hat unbestritten seine Vorteile!  
Das T-Shirt ist repariert und wirkt durch die glitzernden Pailletten wie neu, richtig edel. Als nächstes nimmt sie ein Paar Socken ihres Mannes in Angriff, um sie zu stopfen. Auch wenn ihre Freundinnen das spießig finden und niemand in ihrem Bekanntenkreis so eine alberne Tätigkeit noch ausübt. Socken sind schließlich spottbillig. Doch Marietta hatte in ihrem Leben oft mit so wenig Geld auskommen müssen, dass es eine schiere Notwendigkeit war, zerrissene Sachen nicht gleich wegzuwerfen. Diese Gewohnheit hat sie beibehalten.  
Inzwischen ist die CD abgelaufen. Bevor sie aufstehen und Kenny Rogers eine Chance geben kann, sie mit seiner Musik zu erfreuen, wird die Wohnzimmertüre aufgerissen. „Marietta, ich brauche Dich.“ Wolfgang  wischt seine völlig verdreckten Finger seelenruhig an seiner hellen Hose ab. „Ich hab den Keller ausgemistet, und jede Menge zum Wegwerfen gefunden. Das steht jetzt alles im Gang. Wir müssen zum Wertstoffhof fahren …“ „Jetzt?“ fragt Marietta völlig entgeistert. „Bei diesem Sauwetter?“ „Es geht nicht anders. Sonst kommt kein Mensch mehr in seinen Keller!“ 
„Na super!“ Marietta wirft den halbfertigen Strumpf aufs Sofa.  „Vielleicht hättest Du doch lieber den Garten umgraben sollen!“
 
© Christine Rieger / 2014
 

 

Dienstag, 24. November 2015

Weihnachten fällt aus ...


Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
Weihnachten rückt unaufhaltsam näher - man sieht es schon  an den Schaufenstern und in den Straßen. Überall wird die Weihnachtsdekoration angebracht, teilweise leuchten schon die Sterne und die Engelchen. Naja - immerhin ist am kommenden Sonntag schon der erste Advent!
 
Aber nicht für jeden ist dieses Fest eine wahre Erholung. Manche Familien reiben sich auf mit den Vorbereitungen, damit JA an den Feiertagen alles klappt.
 
Gaby und Simon haben in diesem Jahr allerdings andere Pläne...  
 
Aber lest selbst.
 
 
 
Und hier findet Ihr die Beiträge der meiner vier Mit-Autorinnen:
Regina   Lore    Martina   Eva V.
 
 
Reizwortgeschichte 

Reizwörter:  Nachttischlampe - Bleistiftstummel - hecheln - stoßen - offen
 

Mit einem Ruck fährt Simon in die Höhe - und flucht laut. Nicht nur, weil ein unerträglicher Schmerz durch seinen Rücken fährt  - nein,  zum soundsovielten Mal ist er mit dem Kopf an das blöde Regalbrett gestoßen, das direkt über dem Ehebett angebracht ist.  Gaby wollte es unbedingt haben - weil neben den Betten kein Platz für ein Nachttischchen mehr war. Dabei ist dieses dämliche Regal so überflüssig wie ein Blinddarm. Nicht nur, weil es offen  ist und ständig Staub darauf liegt - es beherbergt lediglich eine Menge unnützen Kram. Gebastelte Geschenke von den Kindern (die inzwischen alle längst verheiratet sind und selber Kinder haben). Kitschige Reisemitbringsel. Abgerissene Knöpfe. Verschrumpelte Kastanien vom vorletzten Herbst. Eine Plastikdose mit Ohrstöpseln. Zwei benutzte Papiertaschentücher … 

Simon tastet nach der Nachttischlampe. Das Kabel mit dem Einschaltknopf ist wieder mal unterm Bett verschwunden. Endlich kann er es hervorangeln. Er drückt auf den ewig klemmenden Knopf. Im nächsten Moment wird es  fast taghell im Zimmer.  Geblendet schließt Simon die Augen bis auf einen kleinen Schlitz. Gabys Bett ist leer. Die Anzeige des Radioweckers, der bezeichnenderweise neben seinem Bett auf dem Boden steht, zeigt halb vier. 

Seufzend stemmt Simon sich in die Höhe. Seit gestern hat er einen Hexenschuss, und das Aufstehen ist eine Qual. Reuevoll denkt er daran, dass sie bei der Anschaffung des Schlafzimmers DOCH die höheren Betten hätten nehmen sollen. Oder zumindest auch für ihn eine elektrisch verstellbare Matratze. Gaby hat sich so eine geleistet…  Aber er selbst - nie hätte er daran gedacht, so ein „Senioren-Attribut“ einmal zu benötigen…
 
Eine Hand in das schmerzende Kreuz gedrückt, schlurft er barfuß in die Küche. Gaby sitzt auf der Eckbank, eingehüllt in ihren flauschigen blauen Bademantel mit den weißen Sternen drauf. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Blatt Papier, auf dem sie mit einem winzigen Bleistiftstummel, den ihre Finger kaum mehr halten können, Notizen macht. „Was treibst du denn hier zu nachtschlafender Zeit?“ fragt Simon neugierig. „Ich konnte nicht mehr schlafen. Also habe ich angefangen, meine To-Do-Liste für Weihnachten zu schreiben…“ „Jetzt schon? Wir haben doch noch nicht mal den ersten Advent“ sagt Simon entsetzt.

„Damit kann man nie früh genug anfangen!“ seufzt Gaby. „Wenn ich bloß dran denke, was DAS wieder für einen Stress bedeutet… wochenlang durch die Geschäfte hecheln auf der Jagd nach Geschenken, die dann doch wieder nicht richtig sind und nach den Feiertagen umgetauscht werden. Berge von Stollen und Plätzchen backen. Weihnachtsbaum besorgen, die ganze Dekoration anbringen. Das Haus muss geputzt und Zimmer für die  Übernachtungsgäste hergerichtet werden. Klaus und Gitta bleiben mit Sicherheit mit ihren Familien bis Silvester hier.  Für die lohnt sich doch sonst die weite Anreise gar nicht. Das bedeutet acht Schlafplätze. Selbst wenn wir die Kinder bei Elke oder Frank einquartieren - die Organisation bringt mich um. Ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste…
 
„Schatz, du machst viel zu viel Theater um das Weihnachtsfest. Lass dir doch wenigstens von Frank und Elke helfen - die wohnen hier am ‚Ort und…“  „…haben selber genug zu tun!“ unterbricht Gaby. 

„Dir ist wirklich nicht zu helfen“ bemerkt Simon resignierend. „Aber - könntest du vielleicht deine Vorbereitungen mal unterbrechen und mir den Rücken einreiben? Ich werde noch verrückt vor lauter Schmerzen…“ 

„Leg dich wieder ins Bett, ich komme gleich! Am besten gehst du in meins - da kannst du den Lattenrost verstellen, so wie es dir am bequemsten ist - nur vorübergehend natürlich, bis es dir besser geht“ schränkt sie sofort ein. Schließlich kennt sie  ihre Pappenheimer! Wenn Simon erst mal festgestellt hat, wie komfortabel der  verstellbare Lattenrost ist …  Wenige Minuten später rückt sie im Schlafzimmer mit der Heilsalbe und einer gefüllten Wärmeflasche an, die sie ihrem Gatten nach erfolgter Einreibung ins Kreuz legt. Fürsorglich deckt sie ihn zu, knipst in der Küche das Licht aus und kuschelt sich in Simons verlassenes Bett. 

„Weißt Du was?“ sagt sie plötzlich. „In diesem Jahr lassen wir Weihnachten ausfallen!“
 
„WAS?“ Um ein Haar wäre Simon zum zweiten Mal gegen das Regalbrett über seinem Kopf gerannt. 

 „Jawohl. Weihnachten fällt aus dieses Jahr!“ wiederholt Gaby entschlossen. „Aber das kannst du doch nicht! protestiert Simon. „Oh doch - ich kann!“ Gaby lässt sich nicht beirren. „Wir haben VIER Kinder. Seit  Jahren kommen ALLE mit Ehepartner, Kind und Hund an den Feiertagen zu uns. Niemand fragt danach, ob es uns überhaupt  recht ist. Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass Mama und Papa sich um alles kümmern. Dass sie für die Herrschaften kochen und sie bedienen. Wie oft habe ich meinen Gänsebraten erst essen können, als er fast kalt war - weil ich dauernd herumrennen musste und mich um Lätzchen für die Kinder, Mineralwasser für Elke oder Bier für Klaus kümmern durfte. Einer hat nach Klößen geschrien, der andere nach Soße. Eins von den Enkelkindern  hat todsicher sein Getränk umgekippt und Oma ist nach Putzlappen gerannt - NEIN. DIESMAL NICHT!“ 

„Ja - aber … wie willst du das den Kindern beibringen?“ „Ganz einfach. Ich sage es ihnen!“ meint Gaby trocken. „Dieses Jahr gibt es weder Weihnachtsschmuck noch Christbaum, keine Plätzchen und keine Geschenke. Und keine Einladung!“

„Und was willst du stattdessen machen?“ fragt Simon überrumpelt.
 
„Verreisen. Ich habe vor zwei Tagen in der Zeitung eine Anzeige von einem Vier-Sterne-Hotel im Bayerischen Wald entdeckt. Weihnachten mit Fünf-Gänge-Menü und Feier mit der Hoteliers-Familie. Silvester mit Musik und Tanz. Eigenes Hallenbad mit Whirlpool, Sauna, Ruheraum und allen Schikanen. Jeden Tag ein üppiges Frühstücksbüffet.  plündern. DAS werden wir in diesem Jahr machen. Uns mal so richtig nach Strich und Faden verwöhnen lassen. Und zwar so lange, bis einer von unseren Nachkommen auf die Idee kommt, UNS einmal einzuladen. Einverstanden?“ 

„Grandiose Idee! Könnte fast von mir sein“ sagt Simon grinsend. „Das gönnen wir uns in diesem Jahr! Nur eins ist schade“   fügt er nach einer kurzen Pause hinzu - „Dass wir die Gesichter unserer Ableger nicht sehen können, wenn wir ihnen die gute Nachricht übermitteln…“
 

 

© Christine Rieger / 2015

Freitag, 20. November 2015

Neuanfang


Freitags-Geschichte 

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
in dieser Woche gibt es wieder einmal eine  Geschichte mitten aus dem Leben - passend zum Novemberwetter, das sich nun doch noch eingestellt hat. 
 
Ich freue mich sogar darüber - es ist MEIN Wetter. Je mehr es draußen stürmt und tobt, um so wohler fühle ich mich zu Hause...
  
Ich wünsche Euch gute Unterhaltung und ein erholsames Wochenende - möglichst ohne Schnee und Glatteis!
Eure Geschichten-Erzählerin

 

Ihre Stimmung ist genauso mies wie das Wetter draußen. Wut erfüllt sie, wie der tosende Sturm, der die Bäume und Sträucher vor dem Fenster bis zum Boden drückt. Trauer, wenn sie an die vergangenen Zeiten denkt. Angst vor einer ungewissen Zukunft. Und doch - sie muss es tun. So kann sie nicht weiterleben!

Er hatte ihr so oft versprochen, damit aufzuhören. Und sie glaubte ihm. Weil sie ihm glauben wollte. Einmal, zweimal, dreimal. Über Wochen und Monate hinweg. Immer wieder hatte sie die Zeichen bemerkt und verdrängt. Doch dieses Mal war es einmal zu viel gewesen. Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte...

Während des gemeinsamen Frühstücks heute Morgen - der Samstag war der einzige Tag in der Woche, an dem sie sich dafür Zeit nahmen - hatte sein oberster Chef angerufen, um ihm mitzuteilen, dass er am Montag für eine Pressekonferenz zwingend die Umsatzzahlen des letzten halben Jahres benötigte. Selbstverständlich hatte Werner sofort sein angebissenes Brötchen auf den Teller gelegt, die Serviette auf den Tisch geworfen, seiner Frau einen schnellen Kuss auf die Nase gedrückt und war mit der Bitte, sie möge doch unbedingt den abgerissenen Knopf an seinen Mantel nähen, in sein Auto gesprungen, um in die Firma zu fahren.

Claudia nahm es hin wie den Regen, der gegen die Fensterscheiben trommelte. Es war ja doch nicht zu ändern - die Firma würde IMMER an erster Stelle stehen. Nicht sie. Soviel hatte sie in den 20 Jahren ihrer Ehe gelernt.

Sie beendet das Frühstück alleine, räumt den Tisch ab, stellt das benutzte Geschirr in die Spülmaschine und holt dann den dunkelblauen Mantel ihres Mannes, um ihn - wie befohlen - wieder in Ordnung zu bringen. Der abgerissene Knopf findet sich in der rechten Manteltasche. Aber nicht nur der Knopf. Neben einem noch unbenutzten Papiertaschentuch fördert sie auch einen Zettel zutage. Besser gesagt, ein Stück von einem alten Briefumschlag.

Das Papier ist nicht zusammengefaltet. Automatisch erfassen ihre Augen eine Zahl. Eine Telefonnummer. Dahinter zwei Buchstaben: H. B. Im ersten Augenblick ist sie versucht, den Zettel einfach wegzuwerfen. Wieder die Augen vor dem Offensichtlichen zu verschließen. So zu tun, als hätte sie nichts bemerkt. Aber diesmal gelingt es ihr nicht. Die Telefonnummer gehört ihrer besten Freundin. Helen Berger.

Wut steigt in ihr auf. Sinnlose, mörderische Wut. So ist das also! Deshalb hatte Helen vergangene Woche keine Zeit, mit ihr ins Kino zu gehen. Weil sie mit Werner, der angeblich ein firmeninternes Seminar besucht hat ... Die blinde Wut weicht einer eiskalten Entschlossenheit. Diesmal ist es zu viel. EUCH werde ich es zeigen!

"Was für eine Ironie" schießt es ihr durch den Kopf. Am 20. November vor 21 Jahren hatten sie sich kennen gelernt. Auf der Geburtstagsparty von Werner. Helen hatte sie dorthin mitgeschleppt. Sie kannte Werner noch aus ihrer Studentenzeit. Genau ein Jahr später traten sie vor den Traualtar. Mit Helen als Trauzeugin. Werner hatte den Termin ausgewählt. "Damit ich nie unseren Hochzeitstag vergessen kann", so sein Argument. Claudia hatte lachend zugestimmt.

Und jetzt, 20 Jahre später, ist das Ende ihrer Ehe gekommen. Heute. Am 20. November.

Sie geht zum Telefon und ruft den Schlosser an. Den gleichen, der vor einigen Jahren die ganzen Türschlösser im Haus erneuert hat. Sie weiß, dass er auch samstags arbeitet, und bittet ihn, wenn möglich noch heute bei ihr vorbeizukommen. Die Ausrede, sie habe ihren Schlüssel verloren, und befürchte nun, jemand könnte ihn unberechtigt benutzen, glaubt er sofort. Derartige Aufträge sind sein tägliches Brot.

Während sie wartet, holt sie aus dem Keller einen kleinen Koffer. Packt hinein, was Werner für die nächsten paar Tage benötigen wird. Wäsche, Schuhe, Anzug, einige Hemden, Waschzeug. Sonst nichts.

Der Schlosser klingelt. Er hat sein Geschäft nur ein paar Straßen weiter. Eilig stellt Claudia den fertig gepackten Koffer in den Kleiderschrank. Der geht den Schlosser nichts an.

Das Türschloss auszuwechseln, dauert nicht lange. Eine knappe Stunde später schleppt Claudia den Koffer in ihr Auto. Ihr Inneres ist kalt. Eiskalt und gefühllos. Sie spürt weder den Regen, der ihr übers Gesicht läuft noch den Wind, der die ohnehin eisigen Temperaturen noch kälter erscheinen lässt.

Der große Firmenparkplatz ist leer. Natürlich. Niemand arbeitet am Samstag, wenn er nicht unbedingt muss. Wie erwartet, steht auch der Wagen ihres Mannes nicht hier. Sie läutet an der Pforte. Ein bärbeißiger älterer Mann, der sich hier am Wochenende ein paar Euro neben seiner Rente verdient, steckt seinen Kopf durch die Luke. Knoblauchduft weht ihr ins Gesicht. Aber er lächelt. Claudia ist hier bekannt - immerhin gehört Werner der Geschäftsleitung an.

"Ihr Mann ist nicht hier" sagt er.  "Ich weiß, Herr Kröger." Mit einer ungeduldigen Handbewegung schiebt sie eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. "Aber er hat mich gebeten, einen Koffer zu packen und in sein Büro zu bringen, weil er am Abend nach London fliegen muss und vorher nicht mehr nach Hause kommt". Die Lüge fließt ihr glatt über die Lippen. "Sie kennen ja den Weg". Der Pförtner drückt den Summer und sie passiert mit dem Koffer den Eingang.

Werners Büro in der obersten Etage - von den niederen Chargen als "Häuptlings-Rennbahn" verspottet - ist, wie erwartet, leer. Claudia legt den Koffer mitten auf den Schreibtisch. Aus dem Papierschacht des Druckers nimmt sie ein weißes Blatt.  "Das war's dann wohl" schreibt sie mit grünem Filzstift darauf. "Viele Grüße an Helen. Wir sprechen uns beim Anwalt!" Nun kommen ihr doch die Tränen. Aber sie wischt sie energisch mit dem Jackenärmel ab. Zu viel hat sie schon geweint.

Der Sturm tobt noch immer um die Häuser, als Claudia das Bürogebäude verlässt. Auch der Regen rauscht ungebrochen vom Himmel. Doch als sie die Pforte passiert und Herrn Kröger zum Abschied zuwinkt, geht in ihrem Inneren die Sonne auf.




©  Christine Rieger / 2014

 

Dienstag, 17. November 2015

Die Ausstellung




Liebe Freunde meines Lesebuchs,  

in diesen Tagen habe ich zwei Dinge zu feiern:  

Mein "Kind"  lernt allmählich das Laufen - es feiert nämlich seinen  ersten Geburtstag! Genauer gesagt, am 22. November 2014 ist meine allererste Geschichte hier in meinem Blog erschienen! 

Und: Am Freitag, den 13. November habe ich die 10.000er Marke an Klicks überschritten… 

Ich denke, es ist eine gute Gelegenheit, einmal „DANKE“ zu sagen. Erstens an Lore, die mich ermutigt hat, hier mitzuschreiben. Ohne sie hätte ich mir das niemals zugetraut! Sie war es auch, die mir den Kontakt zu Regina vermittelt hat.  

Mein nächster Dank gilt Regina, die den Blog für mich eingerichtet und mir geduldig erklärt hat, was ich machen muss, damit meine Geschichten pünktlich jeden Dienstag hier erscheinen.
 
Nicht vergessen möchte ich auch die anderen Mit-Autorinnen, die ihre Beiträge mit meinem vernetzen, mir immer wieder durch ihre Kommentare ein Feedback geben und mich ermutigen, weiterzumachen.

Und nachdem wir schon einmal dabei sind: Was wäre ein Blog ohne EUCH, die Leser und Leserinnen? Ihr seid doch diejenigen, die durch Euer Interesse an meinen Geschichten mein „Lesebuch“ am Leben erhalten. 

Es ist wie beim Theater: Ohne Zuschauer keine Aufführung. Und ohne Leser kein Blog… 

Vielen herzlichen Dank an Euch alle.
Eure Geschichten-Erzählerin 
 

Aber nun zu meiner heutigen Reizwortgeschichte!
 
Und hier geht es zu den Beiträgen meiner Kolleginnen:
Regina   Lore    Martina   Eva V.


„Guten Morgen, Lona. Hast du Lust, mich morgen zu der Kunstausstellung im „Loft“ zu begleiten? Bitte melde dich. Gruß Elke“. 

Kopfschüttelnd liest Ilona Hauser die SMS ihrer besten Freundin, als sie ihr Handy an diesem Vormittag zum ersten Mal einschaltet. An absonderliche Einfälle ihrer Freundin ist sie ja gewöhnt, aber - Kunstausstellung? 

Kurz entschlossen greift sie zum Telefonhörer und ruft ihre Freundin an. „Sag mal, bist du jetzt komplett durchgeknallt?“ fragt sie, als Elke sich meldet. Was willst DU denn bei einer Kunstausstellung?“  Es hört sich an wie „Käsefabrik“.  

„Jeder redet jetzt davon, im Büro, am Stammtisch, im Freundeskreis - und nun will ich halt mal sehen, was da geboten wird. Um mitreden zu können!“ meint Elke unbefangen. „Hm. Auch ein Grund, um eine Kunstaustellung zu besuchen. Damit du hinterher sagen kannst, ich  war da und hab den Kram begutachtet…“ 

„Ach, sei doch nicht immer so negativ!“ Elke lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Komm einfach mit. Wenn‘s uns nicht gefällt, gehen wir halt wieder“. Kurze Pause. „Also, ich verspreche dir, wenn du mitgehst, fahre ich nächsten Dienstag mit dir ins Thermalbad!“  „Okay, überredet! Wann und wo soll ich erscheinen?“ 

„Morgen um zehn am Eingang. Du weißt, wo das „Loft“ ist?“ „Natürlich. Ich habe ja lange genug da gearbeitet!“  

Kurz vor zehn am nächsten Morgen steht Ilona am Eingang der Ausstellungshalle.  In einem dieser Gebäude hat sie ihr halbes Leben verbracht - im Büro eines großen Maschinenherstellers, der früher hier ansässig war. Nachdem die Firma Konkurs anmelden musste  - was Ilona ihren Arbeitsplatz gekostet hat - stand die Fabrik jahrelang leer - bis eine Gruppe von Künstlern sich hier eingerichtet hat und die Gebäude als Ateliers, für Konzerte und Ausstellungen nutzt.   

Erstaunt stellt sie fest, dass schon eine ganze Reihe von Besuchern auf Einlass wartet. Sie reiht sich in die Schlange ein, um eine Eintrittskarte zu erwerben. Wenige Minuten später kommt Elke angehastet. „Gut, dass du noch nicht dran bist“ sagt sie statt einer Begrüßung. „Kaufst du für mich eine Karte mit?“ Sie reicht ihrer Freundin einen zerknüllten Geldschein, den sie aus ihrer Jackentasche gefischt hat, und sieht sich neugierig um. „Ob die wohl auch alle bloß da sind, damit sie morgen mitreden können?“ flüstert sie hörbar ihrer Freundin zu und erntet dafür entsetzte bis böse Blicke. Ilona kann nicht antworten, weil sie an der Reihe ist.  

Nachdem sie das schmiedeeiserne Eingangstor passiert haben, folgen sie den Pfeilen, die zu der Ausstellung führen, und betreten den ersten Raum. Irritiert bleiben sie am Eingang stehen. 

Der Raum ist groß und hoch. Ilona erinnert sich, dass hier früher einmal Turbinen für Schiffe  zusammengebaut wurden. Jetzt ist er mit schwarzen Tüchern verhüllt, was dem Ganzen den Eindruck einer Aussegnungshalle verleiht. Nur die Blumen und das Gestell für den Sarg des Verblichenen fehlen. Dafür stehen überall - seltsam verloren -  Podeste, auf denen die Künstler ihre Werke ausgestellt haben. Kopfschüttelnd betrachten die Freundinnen das, was hier als „Kunst“ betrachtet wird.  

Auf einem der Podeste liegt in einem Bett aus Styroporflocken eine Kugel.  Ziemlich groß, knallbunt, wie aus zusammengemixter Knetmasse. An einer Seite hängt ein Stück Schnur heraus, das mit Wäscheklammern gespickt ist. Der Titel heißt „Drachenflug“. 

Ilona und Elke fangen wie auf Kommando an zu wiehern. „Das muss ein Drache aus der chinesischen Mythologie sein“ japst Elke, als sie wieder Luft bekommt. „Ich verstehe ja nichts von Physik - aber wenn DAS Ding fliegen kann, will ich ab jetzt „Nutella“ heißen!“ 

Das ist künstlerische Freiheit“ tadelt ein Besucher, der die Bemerkung von Elke zufällig gehört hat. „Haben sie denn keine Phantasie?“ „ICH schon“ gibt Elke zurück. „Aber die reicht leider nicht aus, mir vorstellen zu können, dass eine Kugel mit Wäscheklammern dran zu fliegen imstande ist!“

Sie schlendern weiter und kommen zu einem Bild. Es hängt aber nicht an der Wand, wo es eigentlich hingehört. Es zeigt eine nackte Frau und  steht auf einem aus Kaninchendraht gefertigten Gestell. Wenn man die Frau ansehen will, muss man einen Kopfstand machen -  denn das Bild ist verkehrt herum befestigt. Es heißt „Auf den Kopf gestellt…“ „Wie passend“ bemerkt Ilona süffisant. „Der Künstler  hat einen irgendwie eigenartigen Humor, findest du nicht?“

„Den haben sie hier wohl alle!“ stellt Elke trocken fest. „Hier - sieh dir das mal an!“ Sie deutet zum nächsten Exponat. Auf einem Haufen willkürlich hingeworfener Getreidesäcke sind leere Zigarettenschachteln aufgetürmt. Quer durch alle Marken, wie auf einem Abfallhaufen. Oben drin steckt - sozusagen als Krönung - ein Strohbesen mit einer lila Schleife um den Stiel. 

„Ich fasse es nicht - Recycling der Moderne“ johlt Elke. „Wahrscheinlich hat der „Künstler“ zuerst mit dem Besen die Straße gefegt, dann den zusammengescharten Mist hier aufgestapelt und  den Besen reingesteckt - damit er ihn nicht mit nach Hause nehmen muss!“ „Hihihihi - und weißt du, wie er diese „Kunst“ nennt?  - Ordnungsliebe!“ wiehert Ilona, die das aufgestellte Schild entdeckt hat. 

„Hilfe - wo sind wir denn da nur hingeraten?“ fragt Elke belustigt. „Ob es wohl irgend jemand gibt, der so was kauft und sich ins Wohnzimmer stellt?“ „Bestimmt. Verrückte, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, gibt es reichlich. Aber komm - gehen wir weiter. Ich habe lange nicht so viel gelacht!“

Das Glanzstück der „Ausstellung der Moderne“ steht neben dem Eingang zum nächsten Raum. 

Knapp unterhalb der Decke ist ein abgesägter Ast befestigt. Daran hängen absonderliche Gegenstände -  Korken von Weinflaschen, leere Joghurtbecher, Legosteine, Heftpflasterstreifen, Bierdeckel, Coladosen, Schraubverschlüsse von Gurkengläsern, Schuhsohlen, auf Draht gefädelte Makkaroni, Schraubenmuttern, zu Ringen geknotete Schnürsenkel, Kronenkorken von Bierflaschen... Die Installation reicht von einer Wand zur anderen und trägt den Titel „Vorhang“. Dahinter ist die Türe zum nächsten Ausstellungsraum. 

„Also, ich glaube, mir langt es jetzt!“ stellt Elke empört fest. „Für so einen Schwachsinn auch noch Eintritt zu verlangen, ist ja das Allerletzte!“ 

"Was erlauben sie sich eigentlich“  fährt ein kleines Männlein mit Baskenmütze auf, das neben der „Vorhang-Installation“ auf einem Schemel sitzt  und zwischen all dem aufgehängten Sperrmüll bisher noch niemandem aufgefallen ist. „Wenn sie nichts von Kunst verstehen, dann bleiben sie doch zu Hause!“ Empört springt er von seinem Hocker hoch und reckt das Kinn in die Höhe. Was ihm aber wenig nützt - trotzdem reicht er Elke nicht einmal bis zur Brust. Die beiden Frauen mustern ihn von oben herab wie ein lästiges Insekt.

„WIR verstehen durchaus etwas von Kunst“ sagt Ilona herablassend. „Aber für mich ist Kunst etwas, bei dem ich nicht erst überlegen muss, wo oben und unten ist. Und Ihre Sperrmüll-Installation  hat mit Kunst so viel gemeinsam wie ein Fischkutter mit einem Kreuzfahrtschiff. Guten Tag!“ Die beiden Frauen wenden sich zum Gehen. 

„Also, ich habe ja schon oft gehört, dass Kunst  „bereichernsoll“ bemerkt Elke spöttisch, als sie den Ausgang erreicht haben -  aber die hier hat mich höchstens ärmer gemacht - im Geldbeutel“ 
  

© Christine Rieger / 2015




Liebe Leserinnen und Leser,
ich möchte mich  hiermit bei Euch entschuldigen, weil die Schriftgrößen in meiner Geschichte so unterschiedlich ausfallen.
Ich habe mehrfach versucht, sie anzugleichen - aber das Programm wollte nicht so wie ich...

Ich hoffe, beim nächsten Mal ist das nicht wieder so ein Chaos!



Freitag, 13. November 2015

Mein Herbst ... Ein Gedicht von Eva-Maria Büttner

 
 
Liebe Freunde meines Lesebuchs,

wie bereits am Dienstag angekündigt, habe ich  heute eine Überraschung für Euch!

Statt der gewohnten "Freitagsgeschichte" werde ich Euch den Beitrag eines lieben Gastes präsentieren - ein Herbstgedicht, das  mich sehr beeindruckt hat.

Noch einmal ein herzliches "Dankeschön" an Eva-Maria Büttner für die Erlaubnis, ihr Gedicht hier veröffentlichen zu dürfen!
 
 
 

 
Foto: © Christine Rieger

 
 
 
 
Mein Herbst

Der Herbst hat ein besond'ren Reiz mit seinem Farbenspiel.
Doch weckt in mir die Jahreszeit so oft Melancholie.
Ich schau hinaus in die Natur, und werd dabei versonnen.
Die schönsten Jahre sind vorbei, auch mein Herbst hat begonnen.

Die Luft ist kühl, der Morgen klar: Ein Bild ganz Ohnegleichen.
Nur Nebel ziehen durch das Tal, die bald der Sonne weichen.
Die Strahlen fall'n mir ins Gesicht durch bunt gefärbtes Laub.
Sie blenden mich mit ihrem Glanz und strahlend hellem Licht.
Der Wald verliert nun bald sein Kleid, der Herbststurm tut das Beste.
Trist wird die Wiese, Feld und Wald. Es bleiben kahle Äste,
die sich nun Scherenschnitten gleich zum Himmel hin erstrecken,
und bald wird sie der erste Schnee wie Zuckerguß bedecken.

Ich fühle nun der Winter naht, so wie in meinem Leben.
Doch es wird in der Natur, einen neuen Sommer geben.
Ob nun die letzte Jahreszeit für mich hat milde Tage,
oder der Frost mich schütteln mag, das bleibt die große Frage.

Vielleicht fall'n Strahl'n mir ins Gesicht und wärmen mich mit ihrem Licht
auf meine alten Tage.
 
Copyright: Eva-Maria Büttner
 
 
 
 

Dienstag, 10. November 2015

Paketpost


Ankündigung

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

am kommenden Freitag habe ich eine Überraschung für Euch!

Statt der gewohnten "Freitagsgeschichte" werde ich Euch den Beitrag eines lieben Gastes präsentieren - ein Herbstgedicht, das  mich sehr beeindruckt hat, und das ich dank der Erlaubnis der Verfasserin, Eva-Maria Büttner, hier veröffentlichen darf.

Ich bedanke mich schon einmal im Voraus bei Eva-Maria und hoffe, dass Euch das Gedicht genauso gut gefällt wie mir!




So, und nun zu meiner  Reizwortgeschichte!

Reizwörter:   Lebensgeschichte - Käfig - entscheiden - clever - verdächtig



Mozartstraße 14. Mit einem Ruck hält der helle Kleintransporter eines Paketdienstes vor der Haustür. Die Fahrertüre wird aufgerissen. Eilig springt eine blonde Frau heraus, hastet zum Heck und reißt die Klappe auf. Immer diese Hektik! Viel zu viele Pakete, zu wenig Zeit. Und das Gehalt  - naja, Schwamm drüber. Immerhin noch besser als arbeitslos! 


Fünf Pakete hat sie heute für dieses Haus. Für vier verschiedene Adressaten. Hoffentlich erwischt sie die alle - es kostet Zeit, in jeden Briefkasten einen Zettel zu werfen, der den Empfänger über die vergebliche Zustellung informiert. Zeit, die sie nicht hat…

Einer der Kartons ist bleischwer. Eigentlich zu schwer, obwohl Carola Hönig alles andere als schwächlich ist. Aber es hilft nichts - es ist nun mal ihr Job.

Endlich hat sie die Pakete zur Haustüre geschleppt und klingelt. Doch niemand öffnet. Die Leute sind vermutlich alle in der Arbeit -  oder sie schlafen noch. Sie versucht es noch einmal. Wieder ohne Erfolg. Bleibt nur noch Konstanze Stadelbauer. Die alte Dame wohnt im Parterre und ist ihre letzte Hoffnung. Gerade will sie auf den Klingelknopf drücken, als ein lautes Quietschen hinter ihr ertönt. Carola grinst. Das kann nur Dimitri sein. Sein alter Lieferwagen ist längst schrottreif - aber einen neuen kann er sich nicht leisten. Er fährt  - genau wie sie - Pakete aus. Als Subunternehmer  für eine Konkurrenzfirma. Schnaufend stellt er zwei größere Kartons neben der Haustüre ab. 

„Guten Morgen, Carola!“  grüßt er freundlich. „Wieder niemand zu Hause?“
 
Die beiden kennen sich gut. Nicht nur, weil sie bei ihren täglichen Fahrten öfter aufeinandertreffen - nein, sie wohnen zufällig im gleichen Haus.  „Immer das Gleiche“ seufzt Carola. „Die Leute kaufen die Versandhäuser leer - aber wenn dann die Lieferung kommt, sind sie nicht zu Hause…“ 

„Was ist mit Frau Stadelbauer?“ fragt Dimitri. Die ältere Dame ist bei allen Paketdiensten nicht nur bekannt, sondern oft die einzige Anlaufstelle. Ihr Flur gleicht ab und an einem Postamt. Sämtliche Zusteller haben es sich zur Gewohnheit gemacht, bei ihr zu läuten, wenn sonst niemand öffnet.  „Ich wollte gerade bei ihr klingeln!“ sagt Carola. Das tut sie nun auch. Doch niemand rührt sich. Sie läutet noch einmal, lange und aufdringlich. Nichts. 

„Irgendwie kommt mir das verdächtig vor!“ bemerkt Dimitri. „Sie hat schon gestern die Türe nicht aufgemacht, und das ist sehr ungewöhnlich!“

„Hm, wirklich komisch!“ bestätigt Carola. „Ob sie wohl verreist ist?“ „Sicher nicht!“ Dimitri schüttelt entschieden den Kopf. „Sie hat das Haus kaum noch verlassen, seitdem ihr Mann vor drei Jahren verstorben ist. Und jetzt kann sie es auch nicht mehr. Jedenfalls nicht ohne Hilfe“. „Woher weißt du das so genau?“ fragt Carola neugierig. „Hat sie dir ihre Lebensgeschichte erzählt?“   

„Quatsch. Oben in der zweiten Etage wohnt ein Freund von mir. Seine Frau schaut ab und zu nach Frau Stadelbauer und kauft auch für sie ein. Denn seit einem schweren Sturz vor ein paar Monaten kann die alte Dame nur noch mit Hilfe eines Gehwagens ein paar Schritte machen… „Och, die Ärmste“ sagt Carola mitleidig. „Hat sie denn keine Kinder?“ „So viel ich weiß, nicht. Nur einen Papagei. Der Käfig steht im Flur, und ich habe das Vieh ab und zu fürchterlich fluchen hören!“  Dimitri grinst. „Der Vogel hat ein Vokabular, das einer Hafendirne die Schamröte ins Gesicht treiben würde! -  Aber was machen wir denn nun? Wir können ja nicht ewig hier herumstehen. ICH jedenfalls nicht. Ich bin sowieso schon wieder im Verzug mit meinen Lieferungen!“ 

„Ich auch!“ Carola langt in ihre Tasche und zieht einen Block heraus, um den Empfängern ihrer Sendungen eine Nachricht in den Briefkasten zu werfen.  In diesem Moment wird von drinnen die Haustüre geöffnet. Eine junge Frau, die einen widerstrebenden Rauhaardackel an der Leine hinter sich her zerrt, kommt heraus. In der freien Hand hat sie ein Smartphone, auf dem sie hektisch herumtippt. 

„Entschuldigen Sie - wissen Sie, warum  Frau Stadelbauer die Türe nicht aufmacht?“ spricht Dimitri die junge Frau an. „Keine Ahnung. Ich kenne keine Frau Stadelbauer. Ich wohne  hier nicht - ich führe nur den Hund von Herrn Sommer Gassi, solange der  im Urlaub ist. - Aber - sorry, ich muss los, ich hab’s eilig!“ Weg ist sie.  

Dimitri schüttelt den Kopf. Diese jungen Leute - interessieren sich für gar nichts mehr. Außer für ihre blöden Handys, natürlich… Trotz seiner Zeitnot nutzt er die Gelegenheit, springt  die wenigen Treppenstufen hinauf, die ins Parterre führen, und legt sein Ohr an die Türe von Frau Stadelbauer.  

„Carola, kannst du schnell mal kommen, ich glaube, ich höre da was…“ 

Die Angesprochene lässt ihren Schreibblock fallen, rennt nach oben und lauscht ebenfalls an der Türe. Ganz deutlich hören beide nun eine Stimme, die schwach um Hilfe ruft. Die beiden Paketzusteller wechseln einen kurzen Blick.  „Ruf den Rettungsdienst an!“ sagt Dimitri kurz. „Ich versuche, die Türe zu öffnen. Hoffentlich hat sie nicht abgeschlossen!“  

Carola stellt keine Fragen, Sie ist froh, dass jemand anderes entscheidet, was nun zu tun ist. Während sie den Notruf ihres Handys betätigt und mit der Rettungsleitstelle telefoniert, zieht Dimitri eine Scheckkarte aus seinem Geldbeutel. Erstaunt beobachtet Carola, wie er sie in den Türspalt schiebt. Innerhalb von Sekunden ist die Wohnungstüre offen. 

Vorsichtig betreten die beiden die Wohnung. Dimitri drückt auf den Lichtschalter. Frau Stadelbauer liegt im Flur, ihr rechtes Bein unnatürlich verrenkt,  das Telefon zwei Meter von ihr entfernt  am Boden. Offenbar hat sie noch versucht, Hilfe zu rufen. Im schwachen Licht der trüben Deckenlampe ist ihr Gesicht kalkweiß.  Aber sie lebt und ist bei Bewusstsein. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich, wenn auch nur schwach. „Gott sei Dank, dass sie kommen“ Die Stimme der alten Dame klingt sehr leise. 

„Wir haben sie um Hilfe rufen hören!“ sagt Dimitri. „Ich habe die Türe öffnen müssen. Der Rettungsdienst ist schon unterwegs. Wie ist das passiert? Haben sie Schmerzen?“ Die Verunglückte kann nicht mehr antworten. Ihre Kräfte sind erschöpft.  

Von draußen sind Sirenen zu hören. Blaulicht flackert irrlichternd vor dem Fenster. Sekunden später stürmt der Notarzt in die Wohnung, gefolgt von zwei Sanitätern mit einer Krankentrage. 

Carola und Dimitri treten zur Seite, um Platz zu machen. Der Arzt verabreicht Frau Stadelbauer eine schmerzstillende Spritze und legt  eine Infusion, bevor  er das Bein verarztet. „Wird sie durchkommen?“  fragt Carola besorgt, nachdem die Sanitäter mit  Frau Stadelbauer  die Wohnung verlassen haben. „Dank ihrer schnellen Hilfe - ja. Das Bein ist gebrochen und sie ist völlig dehydriert,  aber sie wird es schaffen.“   

„Hoffentlich kriege ich keinen Ärger, weil ich die Wohnung quasi aufgebrochen habe!“ meint Dimitri.  „Sicher nicht. Das war schließlich ein Notfall“ beruhigt der Arzt.  „Wie haben sie das überhaupt so schnell geschafft? Normalerweise sind nur Einbrecher so clever, eine Wohnungstüre in Sekundenschnelle zu knacken!“ „Nicht nur!“ Dimitri grinst. „Mein Bruder hat einen Schlüsseldienst. Ich habe früher für ihn gearbeitet!“
 
„Was für ein Glück für Frau Stadelbauer! Sie haben ihr vermutlich damit das Leben gerettet! - So, ich muss weiter. Der nächste Alarm!“  Der Arzt langt in seine Jackentasche und zieht ein Kästchen heraus, nicht viel größer als ein Smartphone.   Nach einem kurzen Blick auf das Display schnappt er sich seinen Notfallkoffer. Im Laufschritt rennt er die Treppen hinunter und aus dem Haus. Sekunden später rast er mit Blaulicht und Martinshorn davon.  

Die beiden Paketboten bleiben ratlos im Flur der kleinen Wohnung stehen. „Und was machen wir nun mit unseren Paketen?“ fragt Carola ziemlich konfus. „Und mit dem Papagei?“ „Wir nehmen beides mit!“ antwortet Dimitri trocken. „Die Damen und Herren Paketempfänger  werden sich dazu bequemen müssen, ihre Lieferungen ausnahmsweise selbst abzuholen, und den Vogel nehme ich vorerst mit nach Hause. Vielleicht schaffe ich es ja, ihm  seine Schimpfwörter abzugewöhnen, bis Frau Stadelbauer aus dem Krankenhaus entlassen wird!“ 

„Na, dann viel Spaß!“ Carola geht hinunter, um ihre aufgestapelten Pakete wieder ins Auto zu schaffen. Dimitri nimmt den Vogelkäfig. Mit der freien Hand zieht er Frau Stadelbauers Wohnungstüre hinter sich ins Schloss.  

Sie will gerade losfahren, um ihre unterbrochene Tour fortzusetzen, als ihr Kollege mit dem Vogelbauer aus dem Haus kommt. 

„Du blöder, alter  Affe!“ hört sie noch, bevor sie grinsend Gas gibt.  
 

©   Christine Rieger  / 2015




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