Dienstag, 29. September 2015

Hausputz


Reizwortgeschichte  

Die heutigen Reizwörter lauten: 

Maulwurf - Schürzentasche - verschwinden - mulmig- sorgfältig
 

Und hier könnt Ihr lesen, was
Lore    Regina   Martina   Eva    Eva V.  
 zu den Reizwörtern eingefallen ist!

 
 
Viel Spaß!
 

 
„Morgen will ich Fenster putzen“ verkündet Sonja kurz nach dem Abendessen. „Schon wieder?“ protestiert Manfred. „Du hast sie doch erst vor ein paar Wochen geputzt!“ „Vor mehr als 52 Wochen“ berichtigt Sonja trocken. „Da klebt noch der Blütenstaub vom Frühjahr dran!“ „Und du schämst  dich nicht mal, das laut zu sagen?“ Manfred grinst wie ein Honigkuchenpferd.

„Du… du… du…“ setzt Sonja zu einer Schimpfkanonade an. Weit kommt  sie nicht. „Armleuchter“ unterbricht  Manfred trocken. „Aber ich hab schon verstanden.  - Hau morgen bloß ab und steh mir nicht im Weg rum!“ Er grinst noch immer. „Aber keine Sorge, ich wollte sowieso mal wieder mit Heinz zum Angeln. Ich ruf ihn gleich an!“ Er springt aus dem Fernsehsessel, hängt sich ans Telefon und kommt drei Minuten später mit der frohen Botschaft zurück, dass er morgen spätestens um halb acht verschwinden wird.

„Fall nicht von der Leiter“ neckt Manfred seine Frau am nächsten Morgen, bevor er  - bewaffnet mit seinem Angelzeug,  einem Berg belegter Brote und drei Flaschen Bier zu Heinz ins Auto steigt „Denk dran - heute ist Freitag, der Dreizehnte!“

„Pass DU lieber auf, dass du nicht in den Teich fällst - oder dir die Angelschnur um den Hals wickelst!“ gibt Sonja trocken zurück.  Sie drückt ihrem Mann einen Kuss auf den Mund und klappt die Wagentür hinter ihm zu. Heinz grinst amüsiert. Das Geplänkel der beiden macht ihm einen Heidenspaß. Schade, dass er mit seiner Waltraud nicht auch so reden kann. Aber die ist immer gleich eingeschnappt - offenbar wurde am Tag ihrer Geburt gerade kein Humor verteilt. Umso mehr genießt er die kleinen Sticheleien seiner Freunde.

Sonja geht ins Haus zurück. Ohne Umstände macht sie sich an die Arbeit. Sie muss die Zeit nutzen. Saubermachen  kann  sie am besten allein. Wenn Manfred im Haus ist, steht er ihr ständig im Weg. Er  nimmt ihr die Leiter weg, weil er unbedingt schnell einen Nagel in die Wand klopfen muss (das Bild, das er aufhängen will, lehnt seit fünf Wochen an der Kommode im Gästezimmer).  Er muss IN DEM MOMENT dringend zur Toilette, wenn sie den Fußboden aufgewischt hat, fängt an, die Abstellkammer leerzuräumen und den Inhalt im Flur aufzustapeln, während sie Staub saugt, und kriegt ausgerechnet dann Hunger, wenn sie bis zu den Ellenbogen im Putzwasser steckt. Stress pur!

Als erstes räumt sie im Wohnzimmer die zahllosen Blumentöpfe von den Fensterbrettern um sie sorgfältig auf dem Bügelbrett aufzureihen. Schließlich müssen sie hinterher in genau derselben Reihenfolge wieder aufs Fensterbrett. Da ist Manfred pingelig. Natürlich fällt ihr der größte davon hinunter. Feuchte Erde, kleine Kieselsteinchen und eine abgerissene Blüte verteilen sich dekorativ auf dem Teppichboden.   Immerhin - der Topf ist ganz geblieben. Er ist aus Plastik. Sonja verwünscht sich selber. „Warum muss ich auch fünf Stück auf einmal nehmen!“ schimpft sie, während sie die Schweinerei beseitigt.  

Erneuter Anlauf. Endlich sind alle Pflanzen abgeräumt. Jetzt kommen die Gardinen an die Reihe. Die Suche nach einem Schraubendreher dauert. Manfreds „Werkstatt“ ist ein Sammelsurium von allem, was einschlägige Baumärkte aufzubieten haben (nur nicht so ordentlich sortiert). Aber den Schraubendreher braucht sie - die Gardinenstangen sind an der Wand festgeschraubt. UND WIE. Nach einer halben Stunde hat Sonja es bereits geschafft, die erste Stange  abzumontieren. Sie zieht sie heraus - und kriegt das ganze Arrangement mitsamt den einstmals weißen, jetzt aber eher ins Mittelgrau changierenden Stores auf den Kopf. Die Halterung hat sich gleich mit gelöst.

„Verdammte Schei….“ flucht Sonja inbrünstig. Und einiges, das in keinem Lexikon steht. Gut, dass sie alleine im Haus ist… Manfred liebt es nicht wirklich, wenn sie ihren „Hafendirnen-Slang“ auspackt. 
 
Endlich hat sie sich hustend und spuckend befreit, schleppt die Stoffberge zur Waschmaschine und stopft sie hinein. Das Waschmittel ist leer. Natürlich. Also ab in den Keller, Nachschub holen. Spätestens, als beim Öffnen des Kartons eine Seitenwand aufreißt und sich ein großer Teil des Pulvers auf den Boden ergießt, löst ihr Gehirn Warnstufe „Rot“ aus. 
 
Heute ist ja Freitag, der Dreizehnte.  Kein Wunder, dass alles schief geht! Dabei ist Sonja keineswegs abergläubisch. Jedenfalls war sie es bis jetzt nicht.

Endlich ist das Waschpulver aufgekehrt, die Maschine ist gefüttert und tut ihre Pflicht.

Sonja holt sich die große Leiter von der Terrasse. Manfred hat sie gestern noch benutzt, um die Dachrinne sauberzumachen. Leider hat er das bei der Leiter versäumt. Abgeschnittene Ästchen und trockene Blätter rieseln auf den Teppich,  als Sonja das Monstrum aufstellt. Egal. Sie muss nachher sowieso hier Staub saugen.

Bewaffnet mit  Scheuermilch, Spülmittel, einem halben Dutzend Putzlappen und dem vollen Wassereimer  steigt sie nach oben. Jetzt wünscht sie sich eine der Kittelschürzen ihrer Mutter. In den Schürzentaschen  könnte sie die ganzen Utensilien mühelos unterbringen! Aber die hat sie nach deren Tod alle in den Kleidercontainer verfrachtet.  Weil es nämlich vollkommen egal ist, ob man ein T-Shirt oder eine Kittelschürze waschen muss…

Sie kann sich eines mulmigen Gefühls nicht erwehren, als sie den Fensterrahmen scheuert. Nicht wegen des heutigen Datums - nein, sie fühlt sich nie richtig wohl, wenn sie ohne Halt auf der obersten Stufe arbeiten muss.  Aber es hilft nichts. Leider ist sie nicht so groß wie ihr Sohn -  der misst nahezu zwei Meter und kann zur Decke langen, ohne sich anstrengen zu müssen. Aber ihn extra zum Fensterputzen aus Florida einzufliegen, wäre entschieden zu kostspielig. Selbst wenn es nur einmal im Jahr …

Das Telefon klingelt. Laut und aufdringlich. AUSGERECHNET JETZT!  Sonja spielt mit dem Gedanken, es einfach läuten zu lassen. Wieso ist überhaupt der Anrufbeantworter wieder ausgeschaltet?  

Der Anrufer gibt nicht auf. Sonja wirft ihre Putzlappen aufs Fensterbrett, springt von der Leiter. Beinahe hätte sie den Wassereimer mitgerissen, kann ihn gerade noch daran hindern, seinen Inhalt auf den Boden zu entleeren. Sie spurtet zum Telefon, drückt auf den grünen Knopf … zu spät. Aufgelegt! So allmählich steigt Wut in ihr auf. Kann denn heute ÜBERHAUPT NICHTS klappen? Sie knallt das Mobilteil auf die Ladestation zurück und macht kehrt,  um an ihre Arbeit zurückzugehen. Auf halbem Wege klingelt es wieder. Diesmal an der Türe. Jetzt kann Sonja endlich die Leute verstehen, die das heutige Datum fürchten wie der Teufel das Weihwasser - oder hassen. Oder beides. 

„Himmelkreuzdonnerwetter, jetzt langt es aber!“ schreit sie ihren Frust heraus. „Könnt ihr mich denn nicht in Ruhe lassen?“

Sie hastet zur Haustür. Draußen stehen zwei ältere Damen, stadtbekannte Zeuginnen Jehovas auf Missionstour. Die haben Sonja gerade noch gefehlt. In wenig freundlichem Ton weist sie die Damen darauf hin, dass sie  weder Zeit noch Lust hat, sich „bekehren“ zu lassen. Jetzt nicht - und morgen auch nicht. ÜBERHAUPT NICHT!  BASTA!  Zack, fliegt die Türe ins Schloss zurück. Wenig später sieht sie die beiden zur nächsten Haustür trippeln. Na, viel Erfolg! 

ENDLICH kann sie weiterarbeiten. Das Putzwasser ist mittlerweile kalt geworden. Dreckig ist es auch. Also ab ins Bad, frisches holen. Ein kurzer  Blick in den Spiegel. Ihre Haare sehen aus wie ein Krähennest. Und SO  war sie an der Haustüre! Shocking!  Schnell  mit der Bürste drüber. Frisches Wasser in den Eimer und weiter geht’s.

Nach geschlagenen zwei Stunden ist sie endlich mit dem Fenster fertig und gönnt sich eine Kaffeepause.  Die Waschmaschine orgelt immer noch. Eigentlich müsste sie längst fertig sein. Hoffentlich macht DIE nicht schlapp - betagt wie sie ist, wäre das kein Wunder! Auch nachdem die Kaffeetasse leer ist, leiert die Trommel noch eintönig vor sich hin. Da kann doch was nicht stimmen? Sonja schlurft ins Bad. Ihre Beine tun weh, und die Putzwut hat sie längst verlassen. 

Um die Anzeige auf dem Display lesen zu können, muss sie in die Knie gehen. Die Brille stört sie heute auch. Das Gestell ist wieder mal völlig verbogen und drückt an beiden Ohren.  Sie nimmt sie ab, legt sie neben sich auf die Badematte und studiert mit zusammengekniffenen Augen die Anzeige auf ihrer Waschmaschine. Nochmal dreißig Minuten! Nein, das kann nicht sein.

Sonja stemmt sich in die Höhe, um den Aus-Schalter zu drücken. Unwillkürlich macht sie einen Schritt zurück. 

Krcchchcchch!

Verdammte Schei….. - sie ist auf ihre Brille getreten! Damit ist der Putztag beendet. Ohne Brille ist sie blind wie ein Maulwurf.

Dass ihr beim Aufräumen doch noch der Eimer mit dem schmutzigen Wasser von der Leiter fällt, sei nur nebenbei erwähnt. 
 

Ach ja - es ist ja Freitag, der Dreizehnte!

 


©  Christine Rieger / 2015

Freitag, 25. September 2015

Böse Überraschung



Freitags-Geschichte


Liebe Freunde meines Lesebuchs,

schon ist die Woche wieder vorüber, und damit wird es Zeit für meine Freitags-Geschichte.
Auch heute habe ich wieder einen Krimi für Euch.

Spannende Unterhaltung!

Eure Geschichten-Erzählerin

 

Irgend etwas ist anders, als sie an diesem Abend von ihrem Stammtisch nach Hause kommt...

Sie hat doch noch nie vergessen, die Wohnungstüre abzuschließen, wenn sie das Haus verlassen hat. Doch heute ist die Türe nur in Schloss gezogen worden. Seltsam. Sollte Bernd schon von seiner Kartelrunde zurück sein? Mit einem mulmigen Gefühl drückt sie auf den Lichtschalter im Flur und sieht sich um. Ihre Jacken hängen an der Garderobe. Die Türe zur Abstellkammer ist von einer Batterie Schuhe blockiert -  ihre Schuhe. Ein ständiges Ärgernis für ihren Mann. Ihr Rucksack liegt auf dem Wäschekorb neben dem Garderobenschrank. Daneben, am Boden, eine Plastiktüre. Alles wie immer.  Die Zimmertüren sind alle geschlossen. Nur die zum Wohnzimmer steht offen. Aber es dringt kein Lichtstrahl heraus. Bernd muss schon ins Bett gegangen sein.

Sie will die Türe zum Gästezimmer öffnen, um ihre Sachen dort auf die Couch zu werfen. Aufräumen kann sie morgen, jetzt ist sie viel zu müde dazu. Aber die Türe geht nicht auf. Irgend etwas liegt dahinter.

Mit aller Kraft stemmt sie sich dagegen. Und schafft es. Zentimeter für Zentimeter. Knipst das Licht an. Und dann sieht sie es. Hinter der Türe liegt ein Mensch. Ein Mann. IHR Mann. Mit einem lauten Schrei, der im ganzen Haus zu hören ist, stößt sie die Türe ganz auf. Beugt sich über Bernd. Sieht, dass er noch atmet.

Sie macht kehrt, rast zum Telefon, wählt die Notrufnummer. Erklärt in kurzen Worten die Situation, nennt ihre Adresse, öffnet die Wohnungstüre für den Notarzt und rennt zurück zu ihrem Mann. Sie beugt sich erneut über ihn. Langsam, ganz langsam schlägt er die Augen auf. Sieht sie an. " Einbrecher" bringt er mühsam hervor. "Zwei. ...... Balkontür ...... offen ......"

Von fern hört man das Martinshorn. Erst leise, dann immer lauter. Der Krankenwagen. Dann noch eins. Das Auto mit dem Notarzt. Kreischende Bremsen. Blaulicht flackert vor dem Fenster.

Dann sind sie da. Gerade noch rechtzeitig...

 

©  Christine Rieger / 2014

 

Dienstag, 22. September 2015

Obdachlos


 
Liebe Freunde meines Lesebuchs, 
 
In dieser Woche geht es um die Reizwörter:
 
Armut - Verzweiflung - ärgern - besitzen - verwelken.
 
Angesichts der derzeitigen Lage in Europa sollte man meinen, es wäre einfach, zu diesen Wörtern eine Geschichte zu schreiben. Aber das ist es nicht. Als diese Reizwörter "ausgegeben" wurden, war in keinster Weise absehbar, welche Brisanz sie nunmehr haben würden. 

Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich diese Problematik in Worte fassen kann, ohne in irgendeiner Form Partei zu ergreifen. Aber das ist mir nicht möglich. Weder ist dieses Thema für eine harmlose Geschichte geeignet, noch gar für eine Satire.

Deshalb habe ich mir eine andere Geschichte einfallen lassen - genauso problematisch, aber nicht so tagesaktuell...

 
Liebe Grüße bis zur nächsten Woche!

Eure Geschichten-Erzählerin

 

Und hier geht es zu den Geschichten meiner Mit-Autorinnen:
Lore    Regina   Martina   Eva    Eva V.  



Obdachlos 


Henry legt den Kopf zurück, schließt die Augen und genießt die Mittagssonne. Gar nicht so schlecht, dieses Leben, denkt er. Zumindest bei so einem Wetter wie heute. Doch lange wird das wohl nicht mehr so bleiben. Der Wetterbericht meldet Regen für die nächsten Tage. Regen, und die ersten Herbststürme. Wohin soll er dann gehen? Ein Obdachlosen-Asyl kommt für ihn nicht in Frage. Lieber lebt er weiter auf der Straße - so wie schon in den letzten Monaten. Seit er Anita an seinen besten Freund verloren hat und seine geordnete  Welt völlig aus den Fugen geraten ist… 

Armut war nie ein Thema in seinem Leben.  Niemals wäre es Henry in den Sinn gekommen, dass er eines Tages auf einer Parkbank würde schlafen müssen. Sein Vater  hinterließ ihm eine gutgehende Bäckerei, die er auch lange Zeit erfolgreich weiter führte. Doch dann schossen immer mehr dieser Billig-Backbuden wie Pilze aus dem Boden. In jedem Supermarkt stand ein Automat, in dem die Kunden für billiges Geld ihre Brötchen selber aufbacken und nach einem schrillen Klingelton entnehmen konnten. Niemand wollte mehr SEIN Gebäck - obwohl sich alle Kunden darüber einig waren, dass das Zeug aus den Supermärkten nach Sägemehl schmeckte. Aber es war eben billig. Und das allein zählte.
 
So hatte er sich eines Tages schweren Herzens entschlossen, den Laden aufzugeben. Der Verkaufserlös hätte gereicht, um ihm und Anita ein relativ sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Wenn -  ja, wenn nicht ein halbes Jahr später seine Frau mit seinem besten Freund auf und davon gegangen wäre -nicht, ohne vorher die gemeinsamen Konten leerzuräumen. Noch heute könnte er sich schwarz ärgern, weil er die Kontovollmacht nicht widerrufen hatte. Wie hätte er aber auch ahnen können, dass Anita ohne jede Vorwarnung - und dann noch ausgerechnet mit  Franz … Und nun war es zu spät.

Die Scheidung lag gut drei Jahre zurück. Sein Elternhaus, in dem er mit Anita gelebt hatte, war verkauft worden- weit unter Wert. Die Immobilienpreise  dümpelten damals  im Keller herum, das Haus war alt und renovierungsbedürftig - sie mussten froh sein, es überhaupt loszuwerden. 
 
Sein Anteil aus dem Verkaufserlös ermöglichte es ihm, eine kleine Zweizimmer-Wohnung  zu mieten. Dort hatte er gelebt, bis ihm vor zwei Monaten  seine Vermieterin kündigte. Angeblich, weil ihr Sohn die Wohnung benötigte. Angeblich. Doch stattdessen wohnte jetzt … 
 
NEIN, er will darüber nicht nachdenken.  Zumal er weder die Energie noch das Geld hat, die Frau zu verklagen. Sein verbliebenes Geld ist inzwischen fast aufgebraucht. Zum Sozialamt zu gehen - das verbietet ihm sein Stolz. Und die Aussicht, dort wie der letzte Dreck behandelt zu werden. Ein anderer Obdachloser hat ihm da so verschiedene Geschichten erzählt - NEIN, DANKE.

Natürlich hat Henry versucht, eine neue Bleibe zu finden. Vergeblich. Der Wohnungsmarkt ist leergefegt. Allenfalls große Wohnungen gibt es - zu horrenden Preisen. Der Fluch der Großstadt.  Außerdem - wer will schon einen Mieter, der kein geregeltes Einkommen vorweisen kann? Rente bekommt er frühestens in drei Jahren - und die ist mit Sicherheit nicht üppig. 

Die Sonne ist inzwischen hinter dicken Wolken verschwunden. Ein kühler Wind treibt die ersten herabgefallenen Blätter über die Kieswege. Die Dahlien  - noch vor wenigen Tagen in voller Blüte stehend - fangen an zu verwelken. Der Sommer ist unwiderruflich vorüber. Zum Glück hat er gestern auf „seiner“ Parkbank eine Jacke gefunden. Einen warmen, pelzgefütterten Anorak. Irgend jemand muss ihn liegen gelassen haben - ein Tourist vielleicht, oder ein Betrunkener. Bis zum Einbruch der Dunkelheit hat Henry  gewartet, ob der Besitzer nicht vielleicht doch zurückkommt, weil ihm aufgefallen ist, dass er seine Jacke nicht mehr hat. Doch es kam niemand.
 
Nur kurz überlegt er, ob er das Fundstück nicht bei der Polizei abgeben soll. Doch dann siegt die Verzweiflung. Die Nächte sind schon jetzt sehr kalt. Auch tagsüber klettern die Temperaturen kaum mehr über 10 Grad. Schon bald ist mit Nachtfrost zu rechnen. Mit sehr schlechtem Gewissen nimmt Henry  das Kleidungsstück an sich. Immerhin könnte es auch jemandem gehören, dem es noch schlechter geht als ihm selbst. Der dunkelblaue Anorak ist ihm zu groß. Kein Wunder - er hat abgenommen in den letzten Monaten. Nur einmal am Tag leistet er sich eine Kleinigkeit zu essen. Meist im nahe gelegenen  Seniorenstift. Dort gibt  es für wenig Geld mittags eine warme Mahlzeit. Hin und wieder steckt ihm ein mitleidiger Passant ein Geldstück zu - oder Susanne, die Streetworkerin, die auf ihrer Runde regelmäßig vorbeikommt. Jedes Mal versucht sie, ihn zu überreden, wenigstens eine Notschlafstelle aufzusuchen, damit er nicht im Freien schlafen muss. Aber das ist für ihn nur die allerletzte Option…
 
Henry muss eingeschlafen sein. Aber das bemerkt er erst, als ihm dicke Regentropfen ins Gesicht klatschen. Fluchend rappelt er sich auf und greift nach der Sporttasche, die neben ihm auf der Bank steht. Sie enthält alles, was er noch besitzt.  Viel ist es nicht.  Zwei, drei T-Shirts, Unterwäsche, ein Pullover, Strümpfe. Und das für ihn Wertvollste: Die Taschenuhr seines Großvaters, die sein Vater über den Krieg gerettet hat. Seine Mutter gab sie ihm kurz vor ihrem Tod. Materiellen Wert hat die Uhr nicht. Aber sie ist die einzige Erinnerung an seinen Großvater, den er nie kennen gelernt hat. Deshalb würde er diese Uhr auch niemals verkaufen.

Im strömenden Regen flüchtet er in eine Einkaufspassage. Auf einer leeren Bank lässt er sich nieder. Niemand beachtet den einsamen Mann mit der Sporttasche.  Vielleicht deshalb, weil Henry wie ein ganz normaler Kunde wirkt, der sich hier nur eine kurze Pause gönnt. Weder ist er unrasiert noch ungekämmt, noch sieht seine Kleidung verwahrlost aus. Dazu lebt er noch nicht lange genug auf der Straße.  Noch achtet er auf sein Äußeres. Weil er immer noch hofft, irgendwann wieder eine kleine Wohnung zu finden. 
 
Die Menschen hasten und jagen, rennen von einem Geschäft ins nächste, kommen vollbepackt mit Taschen und Tüten wieder heraus, hetzen weiter. Wohlstandsbürger, die keinen Blick für  ihre Mitmenschen haben. Die junge Frau mit den lila gestreiften Haaren, die ein widerspenstiges, lauthals plärrendes Kind hinter sich her zerrt, wirkt genervt. Eine alte Dame schiebt ihren Rollator vorüber. Auch sie scheint es eilig zu haben. Plötzlich bleibt eine elegant gekleidete Frau mittleren Alters neben der Bank stehen. 

„Was für ein Zufall, Herr Koch! Darf ich mich einen Augenblick setzen? Ich suche Sie schon seit Tagen in der ganzen Stadt…“
 
„Sie - mich?“ fragt Henry überrascht. „Kennen wir uns?“ „Sie erinnern sich nicht?  Mein Name ist Konstanze Becker. Ich bin…“ „Die Anwältin meiner Ex-Frau? - Ich - hätte Sie nicht wieder erkannt. Sie …“ Er spricht nicht weiter. Diese Frau hatte er ganz anders in Erinnerung. „Ich habe mich ziemlich  verändert seit Ihrer Scheidung.  Ich habe nicht nur eine andere Frisur, sondern auch ein paar Kilo mehr auf den Rippen…“
 
„Und weshalb suchen Sie mich?“ unterbricht Henry. "Ich habe etwas für Sie. Von Ihrer Ex-Frau“. Die Anwältin kramt in ihrer riesigen Handtasche herum und fördert ein gefüttertes braunes Kuvert zutage, das sie Henry reicht. „Ich habe Ihnen den Brief per Post zugestellt - aber er kam zurück mit dem Vermerk „unbekannt verzogen!“ sagt sie entschuldigend. "Niemand wusste, wo Sie zu finden sind. Und jetzt treffe ich Sie ganz zufällig hier…“ 
 
„Und wieso kommt Anita nicht selbst zu mir?“ fragt Henry misstrauisch.
 
„Sie wissen es also noch nicht?“ fragt Konstanze Becker.
 
 „Was weiß ich nicht?“ 
 
Die Anwältin räuspert sich. „Ihre Ex-Frau ist tot. Sie hat sich vor zwei Wochen das Leben genommen. Einige Tage vorher war sie  bei mir und bat mich, Ihnen diesen Umschlag zu geben, falls ihr „irgend etwas passieren würde“. Ja, so hat sie sich ausgedrückt“.  Niemand hat etwas geahnt. Sie ging aus dem Haus - und ein paar Stunden später fand man sie. Auf … den Bahngleisen. Sie hat sich vor einen Zug geworfen…“
 
Entsetzt starrt Henry die Anwältin an. „Aber - aus welchem Grund? Und was ist mit Franz? Dem Mann, dessentwegen sie mich verlassen hat?“ „Ich weiß es nicht. Aber vielleicht  finden Sie in dem Umschlag eine Erklärung. Ich muss jetzt leider wieder los - in einer guten Stunde habe ich einen Termin mit einem Klienten.“ „Warten Sie, Frau Becker. BITTE!“ Henrys Stimme nimmt einen flehenden Klang an. „Sie werden doch auch wissen wollen…“ Konstanze Becker nickt.  

Mit fliegenden Fingern öffnet Henry den Briefumschlag. Ein Mäppchen mit zwei Schlüsseln, eine Plastikhülle mit mehreren Dokumenten und ein blauer Briefbogen fallen heraus. 

Das Schreiben ist kurz. Anita teilt ihrem Ex-Mann mit, dass Franz, ihre große Liebe, von einem Tag auf den anderen mit unbekanntem Ziel verschwunden ist.  
 
„Lieber Henry, wenn du diese Zeilen bekommst, werde ich nicht mehr da sein. Ich kann mit der Schuld nicht länger leben. Ich habe dich mit meiner unbedachten Handlungsweise ins Unglück gestürzt. Aber ich will wenigstens teilweise wieder gutmachen, was ich dir angetan habe. Anbei mein Testament - ich habe dich zu meinem Alleinerben eingesetzt. Sonst habe ich ja niemanden mehr. Die Schlüssel gehören zu meiner Wohnung. Ich habe bei meinem Vermieter dafür gesorgt, dass du darin wohnen kannst.  Dass ich dich verlassen habe, war der größte Fehler meines Lebens.
 
 
Leb wohl.
Deine Anita
 
 
Erschüttert lässt Henry das Schreiben sinken. „WARUM?“ fragt er. Nur dieses eine Wort.   

Der Anwältin, die ihm beim Lesen über die Schulter geschaut hat, stehen die Tränen in den Augen. Sie schüttelt stumm den Kopf.
 
Wortlos steht sie auf, dreht sich um und geht. Ihr nächster Klient wartet.
 
 
©  Christine Rieger / 2015
 
 
 

 

Freitag, 18. September 2015

Die Mine


Freitags-Geschichte

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

in dieser Woche habe ich wieder etwas Spannendes für Euch.

In einer Mine hat sich eine Methangas-Explosion ereignet. Neun Kumpel wurden bei diesem Unglück verschüttet und sind unter der Erde gefangen. Noch leben sie - aber leben sie lange genug, bis Rettung naht? 

Viel Spaß beim Lesen und ein schönes Wochenenden wünscht Euch 

Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
Die Mine

Sie waren neun. Neun von zweiunddreißig, die zu Schichtbeginn in die Grube eingefahren waren. Was aus den anderen geworden war, nach der schweren Methangas-Explosion, wussten sie nicht.  Sie konnten nur hoffen, dass die Kumpel irgendwie nach oben gelangt waren. Sie selbst hatten es nicht mehr geschafft. Immerhin konnten sie in einen der Schutzräume flüchten, von denen es hier unten mehrere gab.
Wie lange sie schon hier im Finstern saßen,  hundertvierzig Meter unter der Erde, konnte niemand von ihnen sagen. Dunkelheit umgab sie wie ein schweres, schwarzes Leichentuch. Sie wussten nicht einmal, ob es Tag oder Nacht war. Längst war auch die Notbeleuchtung ausgefallen. Der Generator hatte irgendwann den Geist aufgegeben. Eine Uhr hatte keiner von ihnen Wozu auch? Stets hatte ein lautes Signal den Beginn und das Ende der  Schicht und der Pausen verkündet.
Anton, der Älteste von ihnen und gleichzeitig der Schichtführer, hatte immerhin noch eine Stablampe. Aber die gab er nicht aus der Hand, hütete sie wie seinen Augapfel und setzte sie nur in Gang, wenn es nicht zu vermeiden war. Wenn einer von ihnen ein dringendes Bedürfnis verspürte, zum Beispiel. Dann wurde kurzfristig die schwere Türe geöffnet, die den Schutzraum von der eigentlichen Mine abschottete. Der Betreffende erledigte draußen sein Geschäft (andernfalls wäre der Gestank in den kleinen Raum unerträglich geworden), und die Türe wurde wieder geschlossen.  Es war einfach zu gefährlich, sich länger draußen aufzuhalten. Niemand konnte vorhersagen, ob sich nicht noch eine weitere Explosion ereignete. Oder ein Wassereinbruch. Hier waren sie immerhin relativ sicher.
Zu essen hatten sie schon lange nichts mehr.  Der Schichtführer hatte die vorhandenen Frühstücksbrote, Kekse, Schokolade, Würstchen  rationiert, damit sie möglichst lange reichten. Aber nun war längst alles aufgegessen. Lediglich zwei Mineralwasserflaschen waren noch da, an denen sie abwechselnd ihre Lippen befeuchteten.
Anfangs war die Stimmung noch fast euphorisch - als sie hofften, dass sie in kürzester Zeit von ihren Kollegen geortet und gerettet werden würden. Doch mit jeder Stunde, mit jedem Tag sank auch die Stimmung tiefer. Jetzt war sie nahe am Nullpunkt. Der Schichtführer hatte alle Mühe, verbale und handgreifliche Streitereien zu unterbinden. Ohne ihn und seien besonnene Art hätte es vermutlich schon Verletzte gegeben.
Jetzt stand er von der Eckbank auf, die seit unbestimmter Zeit sein Sitzplatz war, nahm einen Vorschlaghammer, der griffbereit neben ihm gelegen hatte, schaltete seine Stablampe ein und schlug damit gegen die Wand. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. Das internationale Morsezeichen für „SOS“.  Dreimal „sendete“ er. Dann legte er den Hammer wieder auf die Bank. Alle hielten den Atem an und warteten auf ein Zeichen, dass irgendjemand ihren Hilferuf gehört hatte. Vergeblich.
„Ich habe Angst! Ich will hier raus! JETZT! SOFORT!“ Die Stimme des Jüngsten von ihnen schrillte urplötzlich wie eine Kreissäge in der Stille.
„Halts Maul“ brüllte ein anderer genervt. „Das wollen wir alle“.„Sei still, Roland!“ sagte der Schichtführer energisch zu dem Älteren. „Benni ist das erste Mal in so einer Situation. Denk doch mal dran, wie es Dir beim ersten Mal gegangen ist!“
Dann wandte er sich an Benjamin. Der Junge war gerade zwanzig geworden, seit ein paar Wochen verheiratet, und seine junge Frau erwartete ihr erstes Kind. Kein Wunder, dass er so am Boden war. „Wir haben alle Angst, Benni“  sagte er. „Aber davon dürfen wir uns nicht beherrschen lassen. Sonst drehen wir durch, und das dürfen wir nicht. Versuch einfach an etwas Schönes zu denken. Und gibt die Hoffnung nicht auf. Sie WERDEN uns finden!“ In welchem Zustand sie dann sein würden, behielt er lieber für sich. Lange konnten sie nicht mehr durchhalten, ohne Essen und fast ohne Wasser…
„Psssst“ zischte plötzlich einer, der genau neben der Türe saß. „Ich höre irgendwas“.
Atemlose Stille senkte sich über den kleinen Raum. Dann hörten sie es alle. Klopfzeichen. Leise, sehr weit entfernt, aber unverkennbar Klopfzeichen. Der Schichtführer lauschte hochkonzentriert. Dann knipste er seine Lampe an, ergriff den Vorschlaghammer, morste eine Antwort, lauschte wieder. Niemand sprach. Das Klopfen von oben hörte plötzlich auf. Die Stille war mit Händen zu greifen.
„Was ist? Haben sie uns endlich gefunden?“ Bernd, ein kleiner, stämmiger Mann mit krausen schwarzen Locken wagte endlich die Frage zu stellen, die allen auf der Seele brannte.
Anton holte tief Luft. „Ja, sie haben uns geortet“. Er hob die Hand, um den aufbrandenden Beifall abzuschneiden. „Aber es wird noch dauern, bis sie uns rausholen können. Durch die Explosion ist über uns alles verschüttet. Sie werden erst einmal einen Versorgungsschacht bohren, damit sie uns Lebensmittel und Getränke herunterlassen können, und gleichzeitig einen Rettungsschacht. Bis der allerdings fertig ist, können noch Tage oder Wochen vergehen!“
Er schaltete seine Lampe wieder aus und setzte sich.  Ernüchterung machte sich unter den Kumpeln breit. Sie wussten alle, was das hieß. Doch die Hoffnung überwog. Was bedeuteten noch ein paar weitere Tage hier unten, wenn die Rettung in Sicht war?
Um es kurz zu machen: Es dauerte genau vier Tage, bis ein Versorgungsschacht nach unten in den Schutzraum gelegt war. Schmal, im Durchmesser nicht größer als ein dickes Wasserrohr. Aber es genügte. Nach und nach wurden, luftdicht verpackt, Getränkeflaschen und Dosen mit Essbarem zu ihnen heruntergelassen. Sogar Seife und Zahnpasta waren dabei. Dass die Eingeschlossenen zum Waschen Mineralwasser benutzen mussten, störte niemanden. Jetzt war ja der Nachschub gesichert.
Zettelchen mit Nachrichten von Angehörigen, Tageszeitungen, Grüße von Politikern und Medienvertretern aus aller Welt fanden den Weg nach unten. Auf dem Rückweg schrieben die Kumpel an ihre Frauen, Freundinnen, Familien. Auf diesem Weg erfuhren sie nicht nur, dass ihre Kollegen, die mit ihnen in den Schacht eingefahren waren, alle unversehrt die Mine verlassen konnten, sondern auch, dass  Benni, der Jüngste, inzwischen Vater eines Zwillingspärchens geworden war…
Fünf ganze lange Wochen mussten die Kumpel ausharren, bis sie endlich von oben die Meldung erhielten, dass der Rettungsschacht  nun fertig war, und in Kürze der erste Rettungskorb zu ihnen hinuntergelassen würde.  
Und dann kam er. Ein einfacher Drahtkorb, wie ein runder Hundekäfig, gerade groß genug, dass ein Mann Platz darin fand. Es gab kein Gerangel. Sie hatten so viel miteinander durchgestanden, dass es jetzt auch nicht mehr darauf ankam, wer von ihnen zuerst nach oben fahren durfte. Ohne ein Wort schoben sie den jungen Benjamin in den Korb, verriegelten ihn und wünschten ihm „Glück auf!“
Anton, der Schichtführer, war der letzte. Wie es sich für einen guten Kapitän gehört. Er wickelte einen dicken Draht um den Eingang des Gehäuses - verriegeln konnte er  es von innen nicht - und gab das Zeichen, ihn nach oben zu ziehen.  Langsam, ganz langsam glitt der Korb durch den engen Schacht in Richtung Freiheit. Nur noch wenige Meter, dann hatte auch er es geschafft.

Ein ohrenbetäubender Krach zerriss urplötzlich die Luft. Der Korb begann gefährlich zu schwanken, stieß gegen die Wand des Schachts. Ein Ruck. Und dann fiel der Korb mit rasender Geschwindigkeit nach unten. Anton merkte nichts mehr davon.

 

 

©  Christine Rieger  / 2015

 

 

Dienstag, 15. September 2015

Genug ist genug

Reizwortgeschichte   

Die heutigen Reizwörter lauten:
Abschied - Urlaub - singen - langweilig - pink

 

Und hier geht's zu den Geschichten von
Lore    Regina   Martina   Eva    Eva V.  

 

 
 
 
Genug ist genug! 

„Maaaaami, mir ist so langweilig!“jammerte Tina. „Was soll ich denn jetzt bloß machen?“ „Bist du denn mit deinem Malbuch schon fertig?“ fragte ihre Mutter. „Och, schon lange. Außerdem ist Malen doof. Das ist was für Babys.  Ich will endlich lesen lernen!“ „Na, es dauert ja nicht mehr lange!“ tröstete Monika.  „Wenn wir aus dem Urlaub zurück sind,  dauert es nur noch ein paar Tage, dann kommst du in die Schule.“ 
 
„Kannst du mir nicht was vorlesen, Mami?“ Monika seufzte. So ging das nun schon seit Tagen. Am späten Samstagnachmittag war die kleine Familie bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel hier angekommen. Monika  hatte die Koffer ausgepackt. Und  dann - als wolle Petrus sie verhöhnen - bezog sich der Himmel mit Wolken. Eine halbe Stunde später fing es an zu schütten, als hätte irgendwo jemand ein  Schleusentor geöffnet.  Vielleicht war es ja auch so. Heute war Dienstag - und es regnete immer noch ununterbrochen.

Nun ist ja ein Urlaub im Gebirge an sich wunderschön. Aber nicht bei Dauerregen, wenn man tagelang auf einer einsamen Berghütte festsitzt. Da kann das Feriendomizil noch so komfortabel eingerichtet sein - irgendwann kommt unweigerlich Langeweile auf, wenn man kaum vors Haus gehen kann. Monika wäre ohnehin viel lieber in einen Kurort gefahren. Vom Bergwandern hielt sie nicht viel - das war Ralfs Idee gewesen. Und dann spielte natürlich auch das Geld eine Rolle. Zwei Wochen in einen Kurort zu reisen (wie Monika es sich gewünscht hatte), gaben die Finanzen nicht her.  Das Haus, das sie kurz vor Bettinas Geburt  gekauft hatten, war noch lange nicht abbezahlt. Zum Glück war Monikas Vater nach dem Tode seiner Frau bei ihnen eingezogen und zahlte Miete für die Dachgeschosswohnung. So kamen sie einigermaßen über die Runden. 

Seit sechs Jahren hatten sie keinen richtigen Urlaub mehr gemacht. In diesem Jahr waren sie nun endlich wieder einmal verreist - und dann DAS! Was nützten der Brötchen-Service und die frischen Eier von Berta, der hauseigenen Henne (und ihren zahlreichen Artgenossinnen), wenn sie kaum vor die Haustür treten und  vor lauter Regenschnüren nicht einmal die Häuser im Tal sehen konnten - geschweige denn die Berge? 

„Mami, was ist denn, liest du mir jetzt was vor?“ riss Tina ihre Mutter aus ihren Gedanken. „Schätzchen, ich kann jetzt leider nicht, ich muss das Mittagessen vorbereiten. Aber du darfst ein bisschen fernsehen. Am Vormittag kommt doch bestimmt irgendwo ein Märchen…“ „Das geht nicht, Mami. Papi guckt schon wieder Fußball!“

Na toll. Das wurde ja immer besser.

„Ich rede mit Papi“ sagte Monika. Wutentbrannt stürmte sie  in die „Gute Stube“, wo ihr Mann, Füße auf dem Tisch und ein Bier neben sich, in dem einzigen Fernsehsessel lümmelte. „Na, du lässt es dir ja richtig gut gehen!“ Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus. „Du flegelst dich hier im Sessel herum, gehst deinen Interessen nach, und ich darf - genau wie zu Hause - den Putztrampel mimen, in der Küche herumwursteln, dem gnädigen Herrn sein Essen servieren und nebenbei auch noch Tina beschäftigen. Ihr ständiges „Maaaaami, mir ist so langweilig“ kann ich schon vorwärts und rückwärts singen!“ „Ich habe schließlich Urlaub“ gab ihr Gatte ungerührt zurück.

„Ach was. ICH etwa nicht?“ Nun rastete Monika aus. „Ich habe genauso viel Anspruch auf Erholung wie du. Ich gehe schließlich auch das ganze Jahr über arbeiten! Vielleicht könntest du dich ja gütigst herablassen, dich wenigstens mal um Tina zu kümmern. Sie ist ja schließlich auch DEINE Tochter. Und wenn du dazu schon nicht fähig bist, dann gib zumindest den Fernseher frei, damit Tina mir nicht ununterbrochen am Rockzipfel hängt. Und überhaupt - mir reicht es allmählich. Seit drei Tagen hocken wir hier in dieser  Einöde. Der nächste Ort ist fünf Kilometer entfernt, und nur über eine grässliche Serpentinenstraße zu erreichen.   Und selbst da ist nichts los. NICHTS. Außer einer Dorfkneipe und der Kirche sind in diesem öden Kaff   bloß Bauernhöfe mit Kühen und Schweinen…“

„Du hast den Dorfladen vergessen!“ bemerkt Ralf ironisch. „In dem DU immer deine Zigaretten und dein Bier holst. Stimmt! Sag mal - denkst du auch mal an was anderes als an deine Bedürfnisse?“ Monika schrie es fast. „Gelegentlich. Aber selten im Urlaub. Und schon gar nicht, wenn du so herumschreist!“

„Gut. Dann sage ich es dir jetzt in aller Ruhe!“ Monika Stimme wurde scharf wie ein Damaszenerschwert.  „Ich habe jetzt die Nase gestrichen voll. Es geht mir auf den Zeiger, dass es seit Tagen nicht aufhört zu regnen. Dass ich keine   Möglichkeit habe, hier wegzukommen, um wenigstens mal einen Ort zu besichtigen und einen Kaffee zu trinken, weil du den Autoschlüssel bewachst wie die Goldbarren in Fort Knox. Dass ich hier genau wie zu Hause arbeiten und herumbuckeln darf, während  ihr - du und Papa - euch von vorne bis hinten bedienen lasst…“ „Willst du mich vielleicht jetzt noch für das schlechte Wetter verantwortlich machen?“ wollte Ralf wissen.

„Idiot“ schrie Monika. „Ich gehe auf der Stelle nach oben, packe meine Sachen und reise ab. Was IHR macht, ist mir egal. ICH halte es in dieser netten, freundlichen Atmosphäre keine Minute länger aus!“ „Und wie willst du hier wegkommen?“ Ralfs Stimme triefte vor Spott.

„ICH GEHE. Wenn es sein muss, zu Fuß!“ Monika warf ihrem Mann einen Blick zu, der einen Stier hätte töten können. Sekunden später knallte die Türe ins Schloss, dass das Haus in seinen Grundfesten erzitterte.

„Kinder, was ist denn hier los? Habt ihr Ehekrach? Oder weswegen schreit ihr euch so an, dass ich oben fast aus dem Bett falle? Denkt doch mal an Tina! Das Kind sitzt in der Küche und ist völlig verschreckt!“

Friedrich Hartmann, Monikas Vater, stand plötzlich in der "Guten Stube". Ralf hatte ihn nicht herunterkommen hören, obwohl die Holztreppen so laut knarrten, dass man oft Angst bekam, sie würden das Gewicht des Benutzers nicht mehr tragen.
 
„Monika will abreisen!“ antwortete Ralf. „Das wundert mich nicht. Ich kann allmählich nachvollziehen, wie die Gefangenen von Alcatraz sich gefühlt haben müssen.  Das hier ist ein Gefängnis - mit einem Unterschied: Das Wasser kommt von oben... Hier MUSS  man ja Depressionen kriegen! -  Ich hege übrigens die gleiche Absicht wie Monika. Gepackt habe ich schon. Nichts gegen die Berge - aber ich möchte sie auch ab und zu mal sehen können!“ 

„Haut doch alle ab!" schrie Ralf unbeherrscht. „dann habe ich hier wenigstens meine Ruhe!“

„Das reicht!“ Friedrich Hartmann nahm seinem Schwiegersohn die Fernbedienung aus der Hand und schaltete den Fernseher aus. Seine Stimme war ruhig - aber das war um so schlimmer. 
 
„ Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Die eine davon ist: Wir fahren ins Bäderdreieck- das sind von hier aus gute zwei Stunden. In  Bad Griesbach oder Bad Birnbach kriegen wir mit Sicherheit noch Zimmer. Ich kenne da mehrere nette Pensionen, in denen ich früher mit Lotte Urlaub gemacht habe. Dort kann auch Monika sich erholen - nötig hat sie es. Es gibt in dieser Ecke mehrere Thermalbäder, und in Bad Füssing kann man wunderbar bummeln, Kaffee trinken…“

„Und wer soll das bezahlen? Du weißt ganz genau, dass unsere Finanzen auf Kante genäht sind. Ganz abgesehen davon - was wird aus der Ferienwohnung hier?“

„Ich regle das. Mit dem Vermieter und auch mit den Finanzen. Die zweite Möglichkeit wäre, nach Hause zu fahren. Es gibt natürlich noch eine dritte: Ich reise mit Monika und Tina ab - und du kannst hier deine Ruhe genießen. Überleg es dir - ich rede mal mit dem Vermieter. Tina nehme ich mit - sie wollte mal den Hühnerstall sehen!“ Damit verließ er die „Gute Stube“. Die Dielenbretter ächzten erbärmlich, als Friedrich Hartmann durch den Gang zur Küche lief, um seine Enkeltochter zu holen. 

Ralf  blieb  allein zurück.  Ihn plagte plötzlich das schlechte Gewissen. So ganz unschuldig war er ja nicht an der verfahrenen Situation, wie er sich selber eingestand.  Er hatte es sich seit ihrer Ankunft wirklich sehr bequem gemacht, und seiner Frau die ganze Hausarbeit überlassen. Zumindest hätte er ja mal mit seiner Tochter spielen können, um sie zu entlasten.  

Gedankenverloren zupfte er ein paar heraushängende Fäden aus dem pinkfarbigen Kissenbezug, der in dieser altmodischen Stube wie ein Fremdköper wirkte. Was sollte er nun machen? Oben hörte er seine Frau herumlaufen. Schranktüren quietschten, Ein Stuhl wurde  über die Dielen geschoben, Kofferdeckel klappten. Sie schien also wirklich entschlossen zu sein, notfalls zu Fuß … 

Er rappelte sich auf, begrub seinen Stolz und ging nach oben. Kleinlaut klopfte er an die Türe des Schlafraumes. „Lass mich in Ruhe“ rief Monika. „Du kannst mich nicht überreden, hierzubleiben. Ich fahre nach Hause!“ „Wir fahren alle“ gab Ralf zurück. „Aber nicht nach Hause!“ Er hatte Mühe, sich durch die Türe zu zwängen. Überall standen Gepäckstücke herum. Eine große Reisetasche mit den Sachen, die eigentlich zum Wandern gedacht waren, blockierte den Eingang.
 
„Was soll das heißen?“ fragte Monika unwirsch. Sie war immer noch wütend. „Das soll heißen … wir hätten nie hierher fahren sollen. Ich hätte daran denken müssen, dass es hier auch tagelang regnen kann, und Tina dann vor Langeweile umkommt. Und dass du hier ja genauso den Haushalt versorgen  musst wie zu Hause auch. Aber - du kommst jetzt doch noch zu deinem Badeurlaub. Dein Vater  ist schon dabei alles zu arrangieren. Wenn du mit dem Packen fertig bist, fahren wir los. In Richtung Bad Füssing. Und heute Abend bekommst du ein Fünf-Gänge-Menü serviert. Dafür werde ich sorgen!“

Herr Obermayr, der Besitzer der Unterkunft, hatte Verständnis für ihren Wunsch, den Urlaub abzubrechen. „Für ein Kind ist das wirklich nicht so ideal, noch dazu bei so einem Wetter“ sagte er zu Friedrich Hartmann. Er machte keine Schwierigkeiten.

Der Abschied fiel ihnen leicht. Drei Stunden nach dem heftigen Familienkrach machten sich die beiden vollbeladenen Autos auf die Reise - zum nächsten Ziel. Als sie das Dorf hinter sich ließen, hörte es auf zu regnen. Eine halbe Stunde später kam die Sonne hinter den Bergen hervor…
 

 

©  Christine Rieger / 2015