Dienstag, 30. Juni 2015

Die Kreuzfahrt


Reizwortgeschichte  

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
mein Urlaub ist inzwischen nichts mehr als eine schöne Erinnerung, die schmutzige Wäsche wieder sauber und dort, wo sie hingehört, und alles geht wieder seinen gewohnten Gang.
 
Wie versprochen, bin ich ab sofort wieder mit von der Partie bei den Dienstags-Geschichten.
 
Die Reizwörter in dieser Woche lauten:
 
Schuh - Kapitel - kurz - verhindert - nachdenken


Und hier geht's zu den Geschichten von
 
 
 
Die Kreuzfahrt

Gnadenlos brennt die Sonne aufs Oberdeck. Nur wenige Passagiere halten sich um die Mittagszeit hier auf - die meisten sind entweder in ihre Kabinen geflüchtet, oder in eine der zahllosen Gaststätten und Bars, die für die Zerstreuung der Gäste auf dem Kreuzfahrtschiff sorgen sollen. Da ist es angenehm kühl - und es gibt Getränke, soviel man will.
 
Genüsslich räkelt Isabel sich in ihrem Liegestuhl. Ihr macht die Hitze nicht das Geringste aus.  Die Markise spendet ihr Schatten. Verdursten muss sie auch hier nicht - der  Steward, der regelmäßig seine Runden dreht, versorgt sie mit allem, was sie sich wünscht. Hier hat sie Ruhe, Zeit zum Nachdenken, und als Dreingabe eine tolle Aussicht. Auch wenn es im Moment nicht viel zu sehen gibt - außer den Möwen, die das Schiff umkreisen und darauf warten, dass irgendwo ein Bissen für sie abfällt. Das nächste Ziel, die Insel Madeira, werden sie erst morgen erreichen. Und damit auch das Ende dieser Reise…
 
Isabel sieht auf, als plötzlich jemand vor ihrer Liege stehen bleibt.  „Sie schon wieder“ seufzt sie genervt. „Und ich dachte, Ihnen ist es zu heiß hier…“ „Ist es auch“. Jochen Abraham wischt sich mit einem Gästetuch, das er im Hosenbund hängen hat, den Schweiß von Gesicht. „Ich wollte Sie fragen, ob…“ „Vergessen Sie’s. Ich rühre mich hier nicht weg! Und nun verschwinden Sie - ich bin verheiratet, und nicht an einer Affäre interessiert. Basta! Nur weil mein Mann leider verhindert ist, mich zu begleiten, bin ich hier kein Freiwild für … Figuren wie Sie!“  Demonstrativ nimmt sie eine Zeitschrift von dem Tischchen neben ihrer Liege und dreht ihm den Rücken zu. 

„Wieso werde ich den Gedanken nicht los, dass wir uns kennen?“ Unbeeindruckt bleibt der Störenfried stehen. „Vermutlich weil sie mir seit Tagen ständig hinterher steigen“ antwortet sie pampig. „Und nun ab mit Ihnen - hier laufen genug attraktive Frauen herum, die nach männlicher Gesellschaft geradezu gieren…“
 
„Aber….“ „Habe ich mich immer noch nicht deutlich genug ausgedrückt? Wenn Sie  nicht in einer Minute weg sind, rufe ich den Steward!“ warnt sie ihn. Das wirkt. Endlich dreht der Kerl ab und verschwindet in Richtung einer der Bars.
 
Aufatmend lehnt Isabel sich zurück. Das ist gerade noch mal gut gegangen! Ein Glück, dass sie morgen das Schiff verlassen kann und diesen Mistkerl dann hoffentlich nie mehr wiedersehen wird! Hätte sie geahnt, dass sie ausgerechnet Jochen Abraham auf diesem Schiff begegnen würde - sie hätte lieber die Reise storniert, als sich ständig mit dieser lästigen Wanze herumärgern zu müssen! 

Wie hatte sie nur jemals auf so einen Blender hereinfallen können?  Klar, er sah gut, aus, war sportlich ein As, seine Eltern hatten Geld wie Heu. Alles Attribute, die einen Mann für Frauen attraktiv machen. Aber Jochen Abraham war ein Weiberheld. Schon in der Realschule,  mit fünfzehn, sechzehn, wechselte er seine Freundinnen wie andere Menschen ihre Unterwäsche. Nur Isabel Koch, die damals noch Edeltraut Berger hieß, hatte sich nie etwas aus ihm gemacht. Und das, so erkannte sie, war vermutlich der Grund, warum er gerade hinter ihr her war. Ablehnung konnte er nicht ertragen - sie kratzte an seinem Ego.
 
Tja, und dann war da diese Theatervorstellung. Die Schüler der Realschule hatten zu ihrer Abschlussfeier ein Theaterstück einstudiert, das sie, Isabel, geschrieben hatte - über die Schulzeit, ihre Erlebnisse dort, die Lehrer und die Mitschüler. Einer der früheren Schüler, der seinen Abschluss schon vor Jahren gemacht hatte und nun als Regieassistent beim Theater arbeitete, übernahm die Spielleitung und verpflichtete nicht nur Jochen Abraham als männlichen Hauptdarsteller,  sondern sie, Edeltraud, sollte die weibliche Hauptrolle übernehmen... 
 
Es kam, wie es kommen musste. Irgendwann, kurz vor der Premiere, trafen sich die beiden Protagonisten bei Jochen, um nochmals den Text zu durchzugehen. Und da war es dann eben passiert…
 
Isabel schämte sich noch heute dafür. Obwohl es nur ein kurzer Augenblick der Schwäche und fast vierzig Jahre her war… Doch die Sache war leider nicht ohne Folgen geblieben. Isabel wurde schwanger. Sie erzählte weder Jochen noch ihren Eltern davon. Gleich nach der Abschlussprüfung zog sie aus, in ein Wohnheim für Frauen in Not, änderte ihren Namen  und blieb unauffindbar. 

Nach der Geburt ihrer Tochter Veronika, die das Schauspieltalent ihres Vaters geerbt hatte, und inzwischen  auf den Bühnen der ganzen Welt zu Hause war, arbeitete Edeltraut als Verkäuferin in einem Schuhgeschäft,  um den Lebensunterhalt für sich und Veronika zu bestreiten. Nebenbei begann sie, Kriminalromane  zu schreiben - unter ihrem neuen Namen, Isabel Koch. So erfolgreich, dass sie irgendwann ihren Verkäuferinnen-Job an den Nagel hängen und sich nur noch ihrer Schriftstellerei widmen konnte… Während einer Leserreise quer durch Deutschland lernte sie ihren jetzigen Mann kennen. Oskar war Autor wie sie -  allerdings schrieb er Romane mit historischem Hintergrund. Ein halbes Jahr später hatten sie geheiratet - und damit war das Kapitel Jochen Abraham endgültig abgeschlossen. Bis sie diesem gewissenlosen Kerl jetzt wieder auf dem Kreuzfahrschiff begegnet war.  

Jochen erkannte sie nicht mehr.
 
Kein Wunder. Die damals dunklen, gelockten Haare sind jetzt  nahezu grau, mit hellblonden Strähnen.  und ganz kurz geschnitten. Sie ist rundlich geworden, trägt eine Brille, und seit sie Jochen zufällig auf dem Schiff entdeckt hat, ständig einen großen Strohhut, den sie abends gegen eine Kopfbedeckung austauscht, wie sie die Filmstars in den sechziger Jahren getragen haben, und die sie in der Schiffsboutique erworben hat. Es könnte höchstens sein, dass ihre Stimme ihn an früher erinnert hat - die kann sie nicht verändern.
 
Inzwischen ist die Sonne unbemerkt hinter dicken Wolken verschwunden. Isabel klaubt ihre verstreuten Sachen vom Tisch, bindet sich ihren Pareo als Rock um die molligen Hüften und macht sich auf den Weg zu ihrer Kabine. Es ist sowieso bald Zeit fürs Abendessen.  

Jochen Abraham wartet vor ihrer Kabinentür. Mit dem Rücken blockiert er den Eingang. Er muss sie beobachtet und abgepasst haben. Offenbar lässt ihm der Gedanke keine Ruhe, sie zu kennen. 
 
„Haben Sie sich verlaufen?“ fragt Isabel obenhin. Nur keine Angst zeigen - das ist das oberste Gebot. Obwohl sie sich im Moment gar nicht wohl fühlt.  Weit und breit ist niemand zu sehen - die Passagiere sind alle in ihren Kabinen, um sich für das Dinner herzurichten,  und das Personal hat hier nichts zu suchen - es sei denn, wenn es gerufen wird.

Jochen grinst süffisant.  „Meine Liebe“ sagt er herablassend  - „Du glaubst doch wohl nicht allen Ernstes, dass ich Dich nicht erkannt habe - Edeltraud Berger? Auch wenn Du alt geworden bist, und  - nebenbei bemerkt - ziemlich fett … Übrigens - Dein Pseudonym ist genauso bescheuert wie Deine Romane!“
 
„Hau ab“. Isabels Stimme klirrt vor Kälte. „Du bist noch genau der gleiche Dreckskerl wie vor vierzig Jahren. Und Du wirst auch nie was anderes sein. Gib sofort die Türe frei!“ Doch Jochen Lehmann denkt nicht daran, so schnell aufzugeben. Er geht zur Seite, packt Isabel bei den Armen, drückt sie gegen die Wand und versucht, sie zu küssen. 

Isabel lässt ihre Strandtasche fallen. Mit einem plötzlichen Ruck schnellt  ihr Bein nach oben, und sie rammt ihm  mit voller Kraft das Knie in die Weichteile. Dort, wo es Männern gemeinhin am meisten wehtut. Ein Aufschrei, und ihre Arme sind frei. Der Angreifer wälzt sich jaulend am Boden. 

Kaltlächelnd sammelt Isabel ihre Habseligkeiten auf, die aus der offenen Tasche gefallen sind, und wirft sie hinein.  

„DAS hätte ich schon vor achtunddreißig Jahren tun sollen - dann wäre mir vieles erspart geblieben!“ bemerkt sie im Plauderton, bevor sich die Kabinentüre hinter ihr schließt.

 
© Christine Rieger / Juni 2015 

 

 


 

 

 

Freitag, 26. Juni 2015

Olympia


Freitags-Geschichte


Liebe Freunde meines Lesebuchs,


leider hat mir die Technik heute einen Strich durch die Rechnung gemacht - und meine Freitagsgeschichte nicht wie geplant um 10.00 h veröffentlicht.

Deshalb kommt sie heute etwas später als sonst. Aber das Wochenende ist ja noch nicht vorüber, und ich hoffe, es klappt dieses Mal…


Aber nun zu meiner Geschichte!

So allmählich fangen schon wieder die Sommerferien an, und sicher werden  manche von Euch ihren Urlaub im Ausland verbringen. Was man dabei alles erleben kann, wenn man unbedarft und abenteuerlustig ist, könnt Ihr in meiner heutigen Freitags-Geschichte lesen - die im Übrigen dieses Mal ein Tatsachenbericht ist …

Viel Spaß, und Euch allen sommerliches, sonniges, Wochenende!

Eure Geschichten-Erzählerin





 
Foto: Copyright Christine Rieger


1988 - also vor 27 Jahren - verbrachten wir unseren Sommerurlaub auf der griechischen Insel Zakynthos, die damals ziemlich fest in englischer Hand war. Demzufolge war es gar nicht so einfach, auf der Insel jemanden mit deutschen Sprachkenntnissen zu finden. In unserem Hotel gab es nur eine einzige junge Frau, die des Deutschen mächtig war - und wenn die gerade keinen Dienst hatte, musste ich mein dürftiges Schul-Englisch auspacken......

Wir gehörten nie zu den Urlaubern, die Tag für Tag nur am Strand in der Sonne liegen. So alle zwei, drei Tage packte uns immer die Neugier, und wir wollten auch etwas von Land und Leuten sehen. An einem dieser Ausflugstage hatte mein Mann es sich in den Kopf gesetzt, die Stadt Olympia besichtigen zu wollen. Er hätte besser auf mich gehört - ich wäre nämlich viel lieber nach Patras gefahren, um dort den Hafen zu besichtigen. Häfen in aller Welt üben auf mich eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Aber nein - es musste Olympia sein.

Schon alleine die Tatsache, um 6:00 Uhr aufstehen zu müssen, und dann ohne Frühstück mit dem Taxi zum Hafen zu fahren, fand ich wenig erfreulich. Noch dazu hatte ich das zweifelhafte Glück, die ganze Tour organisieren zu dürfen - das Englisch meines Mannes beschränkt sich im Wesentlichen aufs Zuhören.

Das Taxi lud uns gegen 7:30 Uhr am Hafen ab. Punkt acht Uhr legte die Fähre ab, die uns aufs Festland bringen sollte. Immerhin wurde ich durch einen herrlichen Sonnenaufgang für den so frühen Sprung aus den Federn belohnt!

Eine gute Stunde später spuckte die Fähre ihre Ladung und die Passagiere - darunter auch uns - in der kleinen Hafenstadt Kyllini aus. Da standen wir nun. Hungrig und durstig - wir hatten ja immer noch kein Frühstück im Magen. Also zuerst einmal irgend etwas Essbares organisieren. Wieder waren meine mickrigen Englischkenntnisse gefragt.

Hinreichend gesättigt, machten wir uns auf die Suche nach dem Bahnhof, und nach jemanden, der uns sagen konnte, wie wir denn nun nach Olympia kämen.

Kurz und gut - mit Hilfe eines englisch radebrechenden Polizisten und des Bahnhofsvorstehers schafften wir es, in den richtigen Zug zu klettern. Was für eine Hitze! Und die Mitreisenden - Bauersfrauen mit Hühnern und Enten im Korb, die irgendwohin zum Markt wollten, brüllende Kleinkinder, Männer mit ekelhaft stinkenden Zigaretten, die lautstark herumschrien - das Ganze erinnerte eher an einen Kriegstransport als an eine Bahnfahrt.

Die wollte auch überhaupt kein Ende nehmen. Stundenlang schepperte und klapperte der altersschwache Zug durch die Landschaft. An jeder dritten Palme - so kam es uns jedenfalls vor - hielt er an, Leute stiegen aus, andere ein, Es dauerte und dauerte - nach dem Motto: Komm ich heute - komm ich morgen - nächste Woche werde ich schon da sein.... Die griechischen Fahrgäste schien das nicht weiter zu stören - offenbar kannten sie es nicht anders. Wir aber waren am Verzweifeln!

Es wurde fast 16.00 Uhr, als wir ENDLICH die Stadt erreichten, der die Olympischen Spiele ihren Ursprung und ihren Namen verdanken.

In der Tourist-Information erfahren wir, dass der letzte Zug an diesem Tag, der uns zurück in den Hafen und damit zur Fähre bringen wird, in 30 Minuten abfährt.....

NA TOLL! Und jetzt? Ratlos stehen wir vor dem Schalter.

Wir haben drei Möglichkeiten:

Die erste: sofort wieder zurück zum Bahnhof rennen und hoffen, dass der Zug NICHT pünktlich abfährt.

Zweite Möglichkeit: In Olympia ein Zimmer nehmen, und erst am nächsten Tag mit der Fähre zurückfahren.

Die scheitert aber an der Tatsache, dass wir nicht genügend Geld bei uns haben - über Kreditkarten verfügten wir damals noch nicht.

Blieb also nur die dritte Wahl: Wir ließen uns von der netten Dame in der Tourist-Info ein Taxi rufen, das uns zurück zum Hafen von Kyllini brachte. Gerade noch rechtzeitig, um die Fähre zu entern, die um 20:00 Uhr den Hafen in Richtung Zakynthos verließ.

Die antiken Sportstätten warten noch heute auf unseren Besuch.

Dass wir auch das Abendessen an diesem Tag abschreiben durften, sei nur ganz nebenbei erwähnt...

Copyright: Christine Rieger



 

Dienstag, 23. Juni 2015

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
zuerst einmal möchte ich mich für die netten Kommentare zu meinen Geschichten der vergangenen Woche bedanken!
 
Leider konnte ich diesmal nicht auf jeden einzelnen Kommentar antworten - ich war nämlich mit meinem Mann für ein paar Tage am Bodensee.


Insel Mainau
Foto: © Christine Rieger
 
 
Deshalb müsst ihr auch heute auf meine Reizwort-Geschichte verzichten - im Auto war leider kein Platz mehr frei, um auch die Muse der Schreibkunst mitzunehmen! Außerdem sind wir am Sonntagabend erst sehr spät nach Hause gekommen, und den Montag habe ich damit zugebracht, Koffer auszupacken und Wäsche zu waschen. Und mich erst mal richtig auszuschlafen - im Urlaub habe ich das leider nie geschafft. Da wollte ich ja was sehen und erleben und nicht den ganzen Tag im Bett liegen!


Die Reizwörter für diese Woche sind:
Vollmond - Wagnis - widerstehen - majestätisch - verführerisch.  
 

Ich bin ganz sicher, die Geschichten von
Eva   Eva V.  Lore   Martina   Regina   Ulla 

werden Euch entschädigen! 


Am nächsten Dienstag bin ich dann wieder mit von der Partie - versprochen!
 
Herzliche Grüße
Eure Geschichten-Erzählerin.

 

Freitag, 19. Juni 2015

Das Paradies


Freitags-Geschichte

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

geht es Euch auch manches Mal so, dass Ihr den Radau in Eurer Umgebung nicht mehr ertragen könnt? Den dauernden Straßenlärm, das Rumoren und Poltern von Baumaschinen, die Musik, die der Nachbar bis zu Schmerzgrenze aufdreht? Dass Ihr Eure Sachen packt und irgendwohin flüchtet, wo es ruhig ist? Dann habt Ihr aber hoffentlich mehr Glück als Ellen in meiner Geschichte...

Viel Spaß beim Lesen, und ein sonniges, erholsames Wochenende!

Eure Geschichten-Erzählerin

  
Eigentlich hatte Ellen den Nachmittag auf ihrem Balkon verbringen wollen - im Liegestuhl. Neben sich einen kalten Drink (oder einen Eiskaffee), ein gutes Buch, ihre angefangene Häkelarbeit und mehrere Paar Socken ihres Mannes, die unbedingt gestopft werden mussten. Hinter sich die kühle Wohnung in die sie jederzeit flüchten konnte, wenn es ihr hier draußen zu heiß wurde.

Aber heute fand sie einfach keine Ruhe. Der Radau auf der Straße, die an ihrem Haus vorbeiführte, schien lauter zu sein als sonst. 150 m weiter wurde die Straße repariert, und der Verkehr war vorübergehend auf zwei Spuren eingeschränkt. Ein ellenlanger Stau hatte sich gebildet. Der Gestank nach heißem Teer und die Abgase der vorüberkriechenden Autos nahm ihr fast den Atem. In diesem Augenblick zwängte sich auch noch ein Löschzug der Feuerwehr zwischen den Autos durch, gefolgt von einem Notarztwagen und zwei Krankentransportern. Der Lärm der Martinshörner war ohrenbetäubend!

Entschlossen klappte sie die Liege zusammen, schnappte sich ihre auf dem Tisch aufgereihten Requisiten und knallte die Balkontür hinter sich zu. Von innen!

Zu ihrem Erstaunen war Martin, ihr Mann, weder im Fernsehsessel eingenickt noch lag er im Bett. Nein, er hatte - eigentlich völlig untypisch für ihn - hektische Aktivität entwickelt. "Mir reicht's jetzt" schimpfte er wütend. "Das ist ja schlimmer als auf der Autobahn am Samstag Vormittag!". "Komm, wir fahren raus aufs Wochenendgrundstück - ich hab schon alles vorbereitet..." Skeptisch beäugte Ellen den Korb mit den "Vorbereitungen"- (Sonst war das ihre Aufgabe). Doch, es war alles da. Getränke, Sonnenmilch, Insektensalbe, belegte Brote, Sonnenbrillen -. auf den ersten Blick fehlte nichts. Sie warf ihre "Requisiten" vom Balkon und ihren zerfledderten alten Strohhut oben drauf, flitzte ins Schlafzimmer und zog sich um. Wenige Minuten später verließen sie die Großstadt - und nach einer halben Stunde Fahrt hatten sie ihre "Ranch" (so nannten sie das Domizil) erreicht. Aufatmend ließ Ellen sich auf ihre Gartenschaukel fallen. WAS FÜR EIN UNTERSCHIED!

Mit allen Sinnen saugte sie ihre Umgebung in sich auf. Übersah den Rasen, der inzwischen zu einer respektablen Höhe herangewachsen war und ihr bis zu den Knien reichte. Übersah auch das Unkraut in den beiden Blumenbeeten, und den getrockneten Schlamm auf dem Boden der Gartenlaube.

Was sie sah, waren Legionen von bunten Schmetterlingen, die um den wilden Thymian ihren Reigen tanzten - kleine weiße, (ihr Vater hatte sie Kohlweißlinge genannt), hellbraune, gemustert wie exotische Teppiche, Zitronenfalter. Dazwischen Bienen, Hummeln und Wespen, auf der Suche nach Nahrung. Unzählige Grashüpfer veranstalteten einen Hoch- und Weitsprung - Wettbewerb. Dazwischen raschelte eine Haselmaus. Urplötzlich hockte sie neben Ellens Füßen, und musterte ohne jede Angst aus ihren großen Knopfaugen die merkwürdige Person, die da in ihr Revier eingedrungen war. Ellen rührte sich nicht. Angst vor Mäusen hatte sie nicht.. Sie wäre höchstens schreiend getürmt, wenn eine Kreuzotter ihre Füße berührt hätte.

Der Geruch der fast reifen Kornäpfel kitzelte ihre Nase. Sie musste unbedingt nachher welche ernten, bevor sie alle von den Ästen oder den Wespen zum Opfer fielen.

Gegenüber, auf der anderen Seite des Tales, weidete eine Schafherde. Ellen musste grinsen, als sie die brummigen Stimmen der Schafböcke hörte, das zarte Quieksen der Lämmer, und dazwischen die Stimmen der Muttertiere. Irgendwo rief ein Kuckuck, und sie musste plötzlich daran denken, wie ihre Mutter früher immer ihren Geldbeutel geschüttelt hatte, wenn sie einen Kuckuck hörte. Angeblich sollte dann das Geld nie ausgehen..... Aber offenbar hatte ihre Mutter irgend etwas falsch gemacht - Geld hatten sie nie genug gehabt!

Sie musste auf ihrer Schaukel eingedöst sein. Leider bemerkte sie diese angenehme Tatsache erst, als lauter Krach vom Grundstück nebenan sie hochriss.

Dieser Idiot! Musste der AUSGERECHNET HEUTE mit der Kreissäge hantieren? Konnte der seine verdammten Dielenbretter nicht mit einer Handsäge zuschneiden? Fluchend sprang sie von der Schaukel, und hätte Martin sie nicht zurückgehalten - sie wäre wie eine Furie in den Nachbargarten geschossen und hätte den Kerl zur Rechenschaft gezogen!

Der Lärm dauerte nicht lange. Eine halbe Stunde vielleicht. Aber die Ruhe und ihr Paradies waren zerstört. Wenigstens für diesen Tag.


© Christine Rieger

Dienstag, 16. Juni 2015

Ausnahmezustand


Reizwortgeschichte   

Reizwörter:  Sekunden - Erdbeeren - wachen - klagen - schlaflos

Heute war wieder einmal die Hölle los. Noch nicht zehn Uhr morgens - und Anja Berger war schon fix und fertig. Sie hatte sich die halbe Nacht schlaflos im Bett herumgeworfen und war erst gegen Morgen endlich eingedöst - um dann um sechs vom Klingeln des Weckers unsanft aus ihren Träumen gerissen zu werden…
Wie sollte sie das  bis zum Feierabend durchhalten?Normalerweise saßen sie zu dritt in diesem Büro. Aber Herta  Bachmann, die "Graue Eminenz", wie sie allgemein genannt wurde, weil sie schon fast 30 Jahre der Firma angehörte, war seit einer Woche im Urlaub. Und die Neue, Lena Herbst, hatte sich heute Morgen krank gemeldet. Wieder einmal. 
Die sechs Telefonleitungen klingelten im Sekundentakt. Zwei davon gehörten zwar eigentlich dem Verkauf - aber wenn dort die Mitarbeiter gerade mit Kunden telefonierten, kamen auch diese Anrufe in der Zentrale an. Heute schien wieder einmal Beschwerde-Tag zu sein. Die Kunden klagten,  weil sie schon seit Wochen vergeblich auf einen  Vertreterbesuch warteten. Oder die vor vier Wochen bestellte Ware noch immer nicht angeliefert worden war. Über den Verkaufsfahrer, der sich vorgestern geweigert hatte, ihnen Ware ohne Bezahlung dazulassen. (Dass die bisherigen Schulden sich bereits auf mehrere Hundert Euro summierten, wurde vorsichtshalber nicht erwähnt). Nicht zu vergessen der wütende Kunde, dem beim Abladen ein schwerer Karton mit Werkzeug auf die Zehen gefallen war, und der aus unerfindlichen Gründen ihre Firma für sein Missgeschick verantwortlich machte. Schließlich der firmeneigene Lieferwagen, der die Luxuslimousine des Betriebsleiters auf dem Gelände des größten Kunden gerammt  hatte. Ach ja, und die pampige Kollegin aus dem Verkauf, die kurzerhand den Hörer aufgelegt hatte… Dabei wusste Anja ganz genau, dass Sabine eine Seele von Mensch war und nur dann zu so einem Mittel griff, wenn sie sich wirklich nicht mehr anders zu helfen wusste. 

Zu allem Unglück  waren auch noch sämtliche Außendienst-Mitarbeiter im Haus, die der Chef für heute Morgen zu einer Besprechung herbeizitiert hatte.  Es verging keine Viertelstunde, in der nicht einer davon mit einem Sonderwunsch neben Anjas  Schreibtisch stand. Neben dem Computer (der vor einer halben Stunde beschlossen hatte, sich hitzefrei zu nehmen und den Dienst zu quittieren), stapelten sich Schmierzettel mit Rückrufwünschen und Aufgaben, die eigentlich SIE zu erledigen hatte. Was aber aufgrund der Tatsache, dass sie ununterbrochen am Telefon hing, nahezu unmöglich war. Gar nicht zu reden von ihrem Chef, der es hasste  wie die Pest, wenn seine Sekretärin nicht sofort zu ihm eilte, wenn er nach ihr rief... 

Auf dem Flur stritten sich zwei der Auslieferungsfahrer. Das Gezeter war durch die geschlossene Türe zu hören. Einer schrie auf Russisch, der andere auf Griechisch, gemischt mit englischen und deutschen Brocken.  Anja war es ein Rätsel, wie man sich überhaupt streiten kann, wenn einer die Sprache des anderen nur unzureichend versteht - aber Iwan und Alexis schafften es nahezu täglich.  Sie lagen in einem dauernden Wettkampf, wer von ihnen den meisten Umsatz brachte, und waren die besten Pferde im Stall ihres Chefs. Keine Chance, dass er sie irgendwann hinauswarf… 

Gerade wollte Anja die Türe aufreißen, um die beiden zur Ordnung zu rufen, als diese von außen geöffnet wurde. Eine Hand wurde hereingestreckt, die ein Körbchen mit Erdbeeren hielt. Danach schob sich der dazugehörige Mensch durch den Spalt. Er hieß Lukas, war nahezu zwei Meter groß, aber schüchtern wie ein kleiner Junge, hatte vor einem Monat als Aushilfskraft im Verkauf  angefangen, und war unsterblich in Anja verliebt. Wann immer er Gelegenheit fand, schlich er sich zu ihr ins Büro und brachte ihr eine Kleinigkeit vorbei. Ein Blumensträußchen, eine Tafel ihrer Lieblings-Schokolade, Bonbons oder - wie heute - die Erdbeeren. Anja mochte ihn, und sie freute sich, wenn er kam - aber seine Einladungen ins Kino oder zu einem Glas Wein hatte sie bisher immer ausgeschlagen.  

Nachdem ihre letzte Beziehung zu einem Fußball-Fanatiker, der sich lieber mit seinen Kumpels auf dem Sportplatz herumtrieb, kein einziges Spiel seiner Mannschaft versäumte und in der wenigen verbleibenden Zeit vor dem Fernseher hing, um Sportsendungen anzuschauen, in die Brüche gegangen war, hatte sie sich geschworen, nie wieder einen Mann in ihr Leben und ihre Wohnung zu lassen. Bisher war sie ihrem Vorsatz treu geblieben... 

„Hallo, Anja, schön, Dich zu sehen!“ Lukas zog die Türe hinter sich zu. „Ich habe schon gehört, dass hier wieder mal die Hölle los ist, und ich dachte… hier, die sind für Dich …“ Er stellte die Erdbeeren auf den Schreibtisch, mitten auf den Stapel mit den vielen Zetteln, die auf Erledigung warteten. 

„Danke, Lukas, das ist lieb von Dir!“ Anja lächelte den Besucher an. „Aber lass Dich hier bloß nicht  erwischen - Du weißt, wenn Napoleon - ähm - ich meine, Herr Gerngroß, reinkommt, gibt’s Ärger!“ Lukas grinste übers ganze Gesicht. „Napoleon weiß, dass ich hier bin. Er hat mich selber geschickt…!“ „Und wozu?“ fragte Anja ungehalten. Ich brauche jemand, der mir bei der Arbeit hilft - und nicht jemand, der mich davon abhält … Oder sollst Du mich überwachen?“ 

„Eher bewachen! Er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf die Türe, hinter der sich noch immer Iwan und Alexis lauthals anschrieen. „Nein - Napoleon hat mich abgeordnet, Dir hier zu helfen, bis Lena ihr abgebrochenes Zehennägelchen kuriert hat …“
Anja lachte lauthals los. „LUKAS! Das sind ja ganz neue Seiten, die ich da an Dir entdecke!“  Sie ging an den verwaisten Schreibtisch Lenas, schubste die ganzen dort aufgestapelten Papiere auf einen Haufen, öffnete die oberste Schreibtisch-Schublade und warf den Packen hinein.  „So, hier kannst Du Dich niederlassen. Telefonieren kannst Du ja, schreiben auch - hoffe ich jedenfalls - und während ich endlich mal die schrecklichen Zettel hier verteile, könntest Du die Anrufe entgegen nehmen. Aber wappne Dich mit guten Nerven - heute halten alle Anrufer die Zentrale für eine Klagemauer! Ich bin gleich zurück - ich will nur dafür sorgen dass der Außendienst nicht arbeitslos wird!“  Bevor sie die Türe öffnete, drehte sie sich nochmals um.  „Verstehst Du zufällig was von Computern?“ wollte sie wissen. 
„Ich hoffe - ich habe Informatik studiert!“ kam die trockene Antwort.  

„Na super. Dann hast Du hier einen Job auf Lebenszeit!“

© Christine Rieger



Und hier kommt  Ihr zu den Geschichten von