Freitag, 29. Mai 2015

Zwei Schwestern




Freitags-Geschichte 


Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 


in meiner heutigen Freitags-Geschichte geht es um Juliane und Beate - zwei sehr unterschiedliche Schwestern, die sich treffen, um gemeinsam zu einer Familienfeier zu fahren ...
 
Ich wünsche Euch gute Unterhaltung und ein erholsames Wochenende!
 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 


Zwei Schwestern

Niemand, der die beiden Frauen aus dem Zug steigen sah, wäre auf die Idee gekommen, Schwestern vor sich zu haben. Auf dem Weg zum Ausgang würdigten sie sich keines Blickes. Und doch hatten sie dasselbe Ziel. Sie waren auf dem Weg zu ihren Eltern, um deren Goldene Hochzeit zu feiern...

Juliane, die ältere der beiden, winkte ein Taxi heran, stieg auf den Beifahrersitz, nannte dem Fahrer die Adresse und überließ es Beate, mitzufahren - oder es bleiben zu lassen. Sie drehte sich nicht um, als die hintere Türe geöffnet wurde und ihre Schwester sich auf den Sitz fallen ließ.

Ihre Eltern wohnten auf einem kleinen Dorf, fernab von der Großstadt. Hierhin fuhr der Bus nur zweimal am Tag - morgens zur Stadt und abends zurück. Sie hatten eine längere Fahrt vor sich.

Juliane schloss die Augen, blendete ihre Umwelt aus. Ihre Gedanken glitten in die Vergangenheit.

Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der sie und Beate Freundinnen gewesen waren. Wie lange war das her? Dreißig Jahre? Oder noch länger? Sie waren unterschiedlich wie Tag und Nacht. Kaum zu glauben, dass sie den gleichen Vater und die gleiche Mutter hatten!

Beate, die jüngere, war das, was man eine Lebenskünstlerin nennt. Chaotisch, schlampig, liebenswert. Ihre Kleidung sah immer so aus, als hätte sie irgend etwas, das zufällig im Flur herumlag, über sich geworfen. Bunt wie ein Papagei, dachte Juliane abschätzig. Nicht selten hatte sie sich für ihre Schwester geschämt... Zum Friseur ging sie nie - was ihr an Haaren ins Gesicht hing, säbelte sie mit der Schere ab. Der Rest hing wie ein wallender Vorhang über ihren Rücken und verdeckte gnädig einen Teil ihrer schrägen Klamotten. Auch heute noch. Nur waren ihre Haare nicht mehr dunkelblond, sondern nahezu grau.  Erstaunlicherweise war Beate überaus beliebt. Sie hatte Freunde in halb Europa. Wo immer sie auftauchte, war sie ein gern gesehener Gast. Trotz Löchern in den Strümpfen, abgerissenen Sandalen, die sie sommers wie winters trug, und gelegentlich üppigem Körpergeruch!

Sie, Juliane dagegen hätte von Kopenhagen bis nach Neapel reisen können, ohne jemanden näher kennenzulernen. Warum nur? Sie legte sehr viel Wert auf ihre äußere Erscheinung. Ungeschminkt aus dem Haus zu gehen, war undenkbar. Regelmäßige Besuche beim Friseur, der Kosmetikerin und im Nagelstudio gehörten zu ihrem Pflichtprogramm. In Jogginghosen zum Bäcker? Niemals!

Im Gegensatz zu Beate, die mit 16 die Schule geschmissen hatte, um als Küchenhilfe auf einem Kreuzfahrtschiff zu jobben, hatte Juliane als Immobilien-Kauffrau Karriere gemacht, einen Banker geheiratet und residierte in einem Bungalow mit großem Garten, Swimming-Pool und jeder Menge Hauspersonal. Aber Freunde - wirkliche Freunde hatte sie nicht...

"So, meine Damen, wir sind da!" Unsanft riss die Stimme des Taxifahrers Juliane aus ihren Gedanken.  Sie nahm aus ihrer eleganten Krokotasche einen roten, ledernen Geldbeutel, reichte dem Fahrer einen Geldschein und nahm gnädig seinen Dank für das großzügige Trinkgeld entgegen. Dann stieg sie aus, ergriff ihren großen Überseekoffer, den der Chauffeur aus dem Kofferraum gehievt hatte, und zog ihn hinter sich her zum Gartentor, an dem ihre Eltern warteten.

Beate zerrte ihren schmuddeligen Rucksack, dessen ursprüngliche Farbe nur noch ansatzweise zu erkennen war, vom Sitz und warf ihn neben dem Eingang ins Gras, unbekümmert darum, dass eine der schon sehr maroden Nähte nachgab, das prallgefüllte Ungetüm platzte, und ein großer Teil des hineingestopften Inhalts ihrer Schwester vor die Füße flog.

Juliane musste sich umdrehen. Niemand sollte sehen, dass ihr die Tränen hinunterliefen, als ihre Eltern Beate liebevoll in die Arme schlossen...

 

© Christine Rieger

Dienstag, 26. Mai 2015

Der Umzug


Reizwortgeschichte
 
Reizwörter: 
Projekt - Schlafmütze - mürrisch - bedauernswert - stopfen

Der Umzug 
 
Pling-pling-pling-pling-pling ….. pling-pling-pling-pling-pling …..  pling-pling-pling-pling-pling….. Das allmählich lauter werdende, nervtötende Gebimmel des Weckers riss  Nina aus dem Tiefschlaf. Mürrisch langte sie zum Nachttisch, verpasste dem Störenfried einen Klaps, drehte sich zur anderen Seite und wollte gerade wieder eindösen, als das Biest aufs Neue anfing zu klingeln.  Pling-pling-pling-pling-pling ….. pling-pling-pling-pling-pling ….. pling-pling-pling-pling-pling…..
 
Erbost wollte sie dem Wecker einen weiteren Hieb verpassen, als ihr mit einem Schlag einfiel, warum das Biest schon so früh am Morgen Krawall machte. Der Umzug! Heute wollte sie doch mit Dennis, ihrem Herzallerliebsten, in die erste gemeinsame Wohnung ziehen... Um zehn Uhr  würde der Möbelwagen vorfahren, jetzt war es acht, und sie hatten noch nicht mal alles zusammengepackt! Weil sie gestern Abend in der Musikkneipe um die Ecke versumpft und erst gegen drei Uhr nachts nach Hause gekommen waren… 
 
Panik machte sich breit. Jetzt mussten sie sich beeilen! Energisch zog Nina ihrem Freund, der auf einer Luftmatratze am Boden noch friedlich schlief,  die zerfledderte Wolldecke weg. „Steh auf, Du Schlafmütze, wir haben noch jede Menge Arbeit, bis der Möbelwagen kommt!“
 
Während Dennis sich fluchend aus der Decke befreite, ergriff Nina den nächstbesten leeren Karton, von denen noch einige an der Wand lehnten, und begann wahllos Bücher, Schuhe, Ordner, Vasen, Strümpfe und Unterwäsche hineinzustopfen. Alles, was herumlag und ihr in die Finger fiel, flog in die Kiste. Ihr zerzaustes Haar hing ihr ins Gesicht, das kurze T-Shirt, das ihren Körper nur notdürftig bedeckte, rutschte nach oben und gab den Blick auf ein weißes Spitzenhöschen frei.  Kein Wunder, dass Dennis sich sofort animiert fühlte, seine Freundin zu sich auf die Luftmatratze herunterzuziehen. Aber da hatte er kein Glück. Heute nicht. „Hör auf mit dem Quatsch“ zeterte Nina. „Hilf mir lieber, den Kram einzupacken - der Möbelwagen wartet nicht. Für alles andere haben wir später noch Zeit genug!“  Damit sprang sie auf die Füße, ließ den bedauernswerten Dennis einfach liegen und warf weiter wahllos herumliegende Gegenstände in die schon randvolle Umzugskiste. 

Seufzend rappelte sich nun auch Dennis auf. Sie hatte ja Recht. Wenn sie nicht rechtzeitig fertig waren, mussten sie den ganzen Kram später in ihrem Privatauto transportieren - und das war nicht nur winzig, sondern obendrein ziemlich altersschwach. Wer weiß, ob es so einen Transport überhaupt durchstehen würde… „Komm, lass mich das machen!“ sagte er beim Anblick des Tohuwabohus, das Nina in dem Karton angerichtet hatte. „So, wie Du das Zeug da reinwirfst, finden wir nachher nichts mehr wieder. Geh lieber Kaffee kochen, und sieh nach, ob noch irgendwas Essbares aufzutreiben ist!“ Er gab ihr einen Klaps auf den Po und scheuchte sie in die Küche, die nur noch aus einem ausrangierten Gaskocher, einer uralten Kaffeemaschine und einem asthmatisch röchelnden Kühlschrank bestand - alles Leihgaben von Freunden. Die alten Küchenmöbel hatten vor drei Tagen ihre Reise zum Wertstoffhof angetreten - sie waren beim Abbau schon fast auseinandergefallen. Ihre Einbauküche, ein Geschenk von Ninas Eltern zum Einzug, war bereits in der neuen Wohnung aufgestellt worden.
 
Kopfschüttelnd kippte Dennis den Karton, den Nina „gepackt“ hatte, aus und begann ihn neu zu füllen. Diesmal mit System. Auf den Deckel kam ein Zettel mit einer groben Angabe des Inhalts. Dennis war bereits mehrfach umgezogen und kannte das Chaos, das jedes Mal enstand, wenn die Kartons einfach irgendwo abgestellt wurden und dann die Sucherei nach Esslöffeln, Zuckerdose,  Kaffeetassen oder Schreibpapier losging. Er - von Natur aus ein ziemlicher Pedant -  hasste Unordnung in jeder Form. Nina dagegen sah alles nicht so eng. Bei ihr kam es schon mal vor, dass benutztes Geschirr so lange in der Küche geparkt wurde, bis kein sauberes mehr im Schrank stand und dann eine Drei-Stunden-Spül-Aktion erforderlich machte.  Oder dass getragene Socken zwei Wochen lang unterm Bett lagen (bis Nina sie das nächste Mal anziehen wollte), statt in den Wäschekorb zu wandern. Hausarbeit war Ninas Sache nicht. Staub wischen oder putzen waren ihr ein Greuel. Gekocht wurde selten - und wenn, dann Nudeln in allen Variationen. Wozu gab es schließlich Pizzabäcker und Dönerbuden? Die Wäsche wusch die Maschine, und die Klamotten wurden im Notfall zerknittert angezogen,  wenn Nina wieder einmal weder Zeit noch Lust gehabt hatte, das Bügeleisen zu schwingen. 

Dafür konnte sie wunderbare Bilder malen, erfand kleine Geschichten und Märchen, die sie „ihren“ Kindern im Kindergarten erzählte, sie spielte Gitarre und Akkordeon und sang dazu - wie konnte man da erwarten, dass sie auch noch den Haushalt auf Vordermann brachte? Dennis ahnte, dass da einiges auf ihn zukommen würde. Aber Nina war erst neunzehn - sie würde schon noch lernen, dass das Leben nicht nur aus Vergnügen bestand. Dennis kam sich dagegen mit seinen 27 Jahren schon richtig alt und erfahren vor.
 
Der dritte Karton war endlich voll und verschlossen, als Nina ihn zum „Frühstück“ rief. Das bestand aus schwarzem Kaffee (Milch war alle, Zucker unauffindbar), labbrigem Toastbrot mit welligen Rändern und ohne Butter  (Der Toaster war bereits eingepackt), und drei Schokoriegeln, die Nina zufällig in ihrem Cityrucksack gefunden hatte, und die sie sich nun brüderlich teilten. Tisch und Stühle gab es natürlich auch nicht - aber Nina hatte eine Fußbank aus Holz mit einem nicht allzu sauberen Geschirrtuch bedeckt und einen provisorischen „Tisch“ daraus gezaubert. An dem hockten sie nun wie Nomaden in ihrem Zelt. Nach ihrem frugalen Mahl machten sie sich wieder an die Arbeit, um das „Projekt Wohnungsauflösung“ rechtzeitig zu beenden. Und sie schafften es.  

Als um zehn Uhr Fäuste an die Türe hämmerten - die Glocke war schon seit Wochen defekt, worauf ein entsprechendes Schild hinwies - stand alles zum Abtransport bereit. Zwei Männer von der Umzugsspedition, die aussahen wie Preisboxer, schnappten sich die aufgetürmten Kisten und schleppten sie vors Haus. Zwei andere fingen an, die wenigen Möbel abzubauen - einen Kleiderschrank,  Ninas Bett (es sollte im zukünftigen Kinderzimmer als  Gästebett dienen), eine Gründerzeit-Kommode mit verschnörkelten Griffen, die Bücherregale,  und nicht zuletzt die alte Singer-Nähmaschine mit Tretmechanismus. Nina hatte sie von ihrer Mutter „geerbt“  als diese sich vor einigen Jahren eine neue elektrische Maschine kaufte.  
 
Nina liebte dieses alte Möbel. Fast alle Kleidungsstücke, die sie besaß, hatte sie mit dieser alten Maschine selbst genäht - oder auf dem Flohmarkt gekaufte billige Sachen für sich geändert. Eine schiere Notwendigkeit - Nina hatte nie viel Geld zur Verfügung gehabt. Es reichte gerade so für das Nötigste - Miete, Essen, Telefon, Stromanschluss, ab und zu ein Friseurbesuch. Aber dadurch hatte sie ein Talent entwickelt, aus den abgelegten Kleidern anderer Leute schicke Sachen für sich selbst zu schneidern, und damit das Geld für teure Klamotten zu sparen…
 
Die Möbelpacker hatten endlich das letzte Teil in ihrem Auto verladen. Die Plane wurde heruntergeklappt und gesichert. Der Fahrer setzte sich ans Steuer, und wenig später schwankte das Gefährt mit seiner Last um die nächste Ecke, dem neuen Zuhause von Nina und Dennis entgegen.
 
Noch einen letzten Blick warf Nina auf ihr nun leeres Junggesellen-Appartement, in dem sie während des letzten Jahres gelebt - oder besser - gehaust hatte. Wie würde ihr neues Leben nun aussehen? Konnte das überhaupt gut gehen - sie, die  Chaotin,  die mehr oder weniger alles dem Zufall überließ, und Dennis, der Pedant, der Ordnungsliebende, der ohne detaillierten Plan nicht einmal imstande war, den Frühstückstisch zu decken, und der nie in Urlaub fuhr, ohne vorher eine seitenlange Checkliste abgearbeitet zu haben, auf der so interessante Dinge wie „Wasser abstellen“, Anrufbeantworter ausschalten“, Werbungs-Schild im Briefkasten umdrehen“ zu finden waren? 

„He, Schatz, wo bist Du denn? Bereust Du es jetzt schon, dass Du Deine alte Wohnung aufgegeben hast?“ riss sie die Stimme ihres Freundes aus ihren Gedanken. 

„Ich nicht“ gab sie trocken zurück. „Ich befürchte eher, DU wirst schon bald bereuen, dass Du Dich mit mir eingelassen hast“. 

Sie gab der alten Türe einen kräftigen Tritt. Mit einem Knall fiel diese zu - und in handlichen Einzelteilen auf der anderen Seite in die leere Ein-Zimmer-Wohnung.

 „Es kann losgehen!“ verkündete Nina unternehmungslustig.

 
© Christine Rieger

Und hier geht es zu den Geschichten von

 
 

 

Freitag, 22. Mai 2015

Fridolin


Liebe Leser,

Fridolin, der Gartenzwerg ist eigentlich schuld daran, dass es diesen Blog überhaupt gibt. Oder anders gesagt - ihm habe ich meine "Karriere" als Autorin zu verdanken...

Ich habe diese Geschichte im vergangenen Jahr im Rahmen der "Schreibwerkstatt" bei SENIORBOOK veröffentlicht. Lore ist darauf gestoßen und hat mich gefragt, ob sie diese Geschichte als Gastbeitrag in ihrem Blog verwenden darf. Deshalb werden einige von Euch Fridolin bereits kennen.

Irgendwann später - nach weiteren Kurzgeschichten, die Lore von mir veröffentlichte - hat sie mir angeboten, hier bei ihr, Regina, Martina und Eva als Nummer fünf "mitzuspielen".

Nun ja, ich gebe zu, dass ich anfangs gezögert habe. Aber die Herausforderung, jede Woche eine Geschichte mit fünf Reizwörtern zu verfassen, hat mich nicht losgelassen - und dank Reginas tatkräftiger Unterstützung ging im November 2014 "Christines Lesebuch" an den Start.

Nachdem nun am kommenden Wochenende Pfingsten ist (und in der Geschichte von Fridolin gerade die Pfingstrosen blühen), dachte ich mir, es wäre eine gute Gelegenheit für einen neuen Auftritt von Fridolin...

Ich wünsche Euch viel Vergnügen beim Lesen und erholsame, sonnige Pfingstfeiertage.

Eure Geschichten-Erzählerin




Fridolin


Die Pfingstrosen standen in voller Blüte - sehr früh in diesem Jahr. Die Stengel, viel zu dünn für die schweren roten Blüten, bogen sich so tief herunter, dass sie fast den Boden berührten - und Fridolin nun gar nichts mehr sehen konnte.

Schon seit Wochen stand er nun hier unter den Büschen im hinteren Teil des Hauses. Lieblos dort abgestellt, geradezu versteckt von der Hausherrin. Madeleine, so war ihr Name (und so sah sie auch aus), hasste Gartenzwerge wie die Pest. Und dann hatte ihr - welcher Frevel - ein Besucher zu ihrem letzten Grillfest so ein scheußliches Etwas als Präsent verehrt.

Madeleine war zu vornehm, um dem Besucher sein Geschenk ins Gesicht zu werfen. Also hatte sie den Gartenzwerg mit spitzen Fingern entgegen genommen, dem Spender ein Haifischlächeln zum Dank geschenkt und das verhasste Ungetüm dann unter den Pfingstrosenstrauch verbannt, wo weder sie selbst noch einer ihrer hochwohlgeborenen Gäste ihn jemals zu Gesicht bekamen.

Dabei war Fridolin (so hatte ihn der Gärtner getauft, der eines Tages mit dem Rasenmäher gegen ihn gestoßen war und dabei seine schöne blaue Schürze beschädigt hatte), keineswegs hässlich.

Er hatte rote Pausbacken, ein fröhliches Lächeln im Gesicht und ein sonnengelbes Hemdchen an.

In der Hand trug er einen Strauß Veilchen, der aber inzwischen vollkommen verwelkt war.

Fridolin langweilte sich tödlich. Tag um Tag sah er nur den kurz gestutzten Rasen und Madame Madeleine, die - selbst wenn sie im Garten nur Petersilie holen wollte - immer aufgetakelt war wie ein Dreimastschoner. Mit Miniröckchen, Stöckelschuhen und einem Ausschnitt bis zu den Knien. Von dem Goldschmuck, der ihr pfundweise überall hing, gar nicht zu reden. Tja, und nun sah er durch die tiefhängenden roten Pfingstrosenblüten nicht einmal mehr das.

Doch dann, eines Abends, sah er von Ferne zwischen den dicken Blüten hindurch, etwas blitzen. Gleich darauf krachte es ohrenbetäubend. Wind kam auf, und dann begann es zu regnen. Aber nicht sanft und zart - nein, es schüttete wie aus Kübeln. Als hätte irgendwo jemand ein Schleusentor geöffnet.

Fridolin spürte, wie der Boden unter ihm nachgab. Das Wasser schoss wie eine Sintflut durch den Garten, riss ihn von den Füßen und mit sich fort. Er stieß sich an Wurzeln, Steinen, rumste mit dem Kopf gegen den Gartenzaun, drehte sich wie ein Brummkreisel und wusste schon nach kurzer Zeit nicht mehr, wo oben oder unten war.

Das Wasser stieg und stieg, riss den Gartenzaun mit sich, und Fridolin sauste wie auf der Achterbahn in das kleine Bächlein, der hinter Madeleines Grundstück dahinfloss und inzwischen zu einem breiten Strom geworden war. Und immer weiter wurde Fridolin mitgerissen, verlor jedes Gefühl für die Zeit. Endlich - er konnte sich hinterher nie erinnern, ob Stunden oder Tage vergangen waren - wurde er von einer Welle hochgehoben, wieder fallen gelassen und landete weich und sanft auf einem großen Haufen Sandsäcke, den irgendein Hausbesitzer vor seiner Türe aufgestapelt hatte, um das Wasser daran zu hindern, ins Haus zu gelangen.

Da lag er nun, zerzaust, zerrupft, schnappte nach Luft und versuchte, Inventur zu machen.

In diesem Augenblick öffnete sich die Haustür einen winzigen Spalt, und der blonde Schopf eines keinen Mädchens lugte heraus.

"Sonja", mach sofort die Türe zu, sonst kommt doch das Wasser rein" rief eine energische Frauenstimme von drinnen.

"Mami, guck doch mal, schnell, der arme Gartenzwerg, er ertrinkt doch, wenn wir ihn nicht holen" rief das Kind zurück.

Die Türe wurde wieder zugeklappt, und gleich daneben ging ein Fenster auf. Das Fensterbrett lag gerade noch über dem Wasserspiegel. Ein Arm langte heraus, packte Fridolin und holte ihn ins Trockene.

"Och, Mami, schau mal, der Ärmste, seine Mütze ist kaputt, seine Schürze auch, und er ist ganz dreckig" sagte das kleine Mädchen. "Meinst Du, Opa kann ihn wieder reparieren? Opa kann doch alles wieder ganz machen!"

"Ich denke schon" antwortete die Mutter des Mädchens.

Opa konnte. Er putzte Fridolin mit einem weichen Lappen sauber, bastelte aus Spachtelmasse und Leim eine neue Mütze und strich Fridolin dann mit neuer Farbe an.

Als das Hochwasser sich zurückgezogen hatte, bekam Fridolin einen Ehrenplatz. Direkt am Gartenteich, mit Blick auf Seerosen, Frösche und einen bunten Bauerngarten mit vielen Blumen. Und was das Schönste war: Er war nicht mehr alleine. Denn in dem Garten standen viele, viele andere Gartenzwerge, in allen Farben und Größen, mit und ohne Werkzeug, und alle liebevoll gepflegt und bewundert von der ganzen Familie.

Fridolin war endlich zu Hause.

©  Christine Rieger

Dienstag, 19. Mai 2015

Außer Spesen nichts gewesen ...



Reizwortgeschichte

 

Reizwörter:  Lexikon - Karte - zeichnen - berühren - wunderbar


 

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

zuerst einmal ein herzliches Willkommen an unsere neue Mit-Autorin Sophie Wortklug. Sie feiert heute ihre „Premiere“ mit den Reizwörtern:

Lexikon - Karte - zeichnen - berühren - wunderbar

Liebe Sophie, wir freuen uns, Dich in unserer Mitte begrüßen zu dürfen und wünschen Dir viel Erfolg und gute Ideen! 


 

Und hier geht es zu den Geschichten von



 


Foto: © Christine Rieger
 

 

Außer Spesen nichts gewesen…
 

Dass dieses Wochenende definitiv auf die Verlustliste gesetzt werden musste, stellte sich erst am Sonntag heraus. Noch nicht einmal der Biergartenbesuch am Samstag nach dem Flohmarkt  konnte dieses verkorkste Wochenende noch retten.  Aber  - von Anfang an...
 

Samstagmorgen, sechs Uhr. Wolkenloser Himmel - aber es ist noch lausig kalt. Nicht mal sieben Grad zeigt das Thermometer an. Also  -  dicke Jacke und Stirnband, warme Socken und geschlossene Schuhe sind angesagt. Wenn man sich wenig bewegt, friert man leicht.

Heute wartet keine lange Schlange vor der Einfahrt zum Parkplatz, auf dem allmonatlich der große Flohmarkt stattfindet. Offenbar  hat der Zerberus, der die Eingangskontrolle durchführt, heute seinen guten Tag. Manchmal wartet man eine Viertelstunde, bis man endlich  das Tor passieren darf! Sie sind sehr früh dran. Die drei Plätze neben ihnen, die Freunde gebucht haben, sind noch leer. Routiniert laden Christa und Hannes das vollgepackte Auto aus. Sie verkaufen seit nahezu dreißig Jahren auf Flohmärkten und sind ein eingespieltes Team. Hannes baut die Tapeziertische auf. Dann steigt er ins Auto, um irgendwo einen Parkplatz zu suchen - eine Nervenprobe in diesem Viertel. Aber Hannes hat einen Riecher dafür - er findet immer irgendwo einen Stellplatz. Meistens fährt gerade vor seiner Nase jemand aus einer Parklücke… Währenddessen fängt Christa an, ihren Kleiderständer und die Tische mit der „Ware“ zu bestücken. Was da alles zum Vorschein  kommt! In der ersten Umzugskiste findet sich neben alten Büchern mit Goldrand und einem Lexikon auch eine Schachtel mit bunten Ansichtskarten aus aller Herren Länder. Ihre verstorbene Mutter hat sie alle gesammelt. Was war das noch für eine schöne Zeit, als man aus dem Urlaub an Freunde und Verwandte zu Hause eine Karte  geschrieben hat - heutzutage bekommt man ja höchstens noch eine SMS oder ein Foto per Handy - wenn überhaupt. Nachdenklich zieht sie einen dicken, braunen Umschlag aus dem Karton. Als sie ihn öffnet, fällt ein Stapel Papiere auf den Tapeziertisch. Bilder, die ihr  längst verstorbener Vater gemalt hat… Er konnte wunderbar zeichnen  - Pflanzen, Tiere,  Landschaften.   Nein, DIE kann sie nicht verkaufen. Hastig verstaut sie die Zeichnungen wieder im Umschlag und legt ihn beiseite, um ihn später zu Hause in Ruhe durchzusehen. Vielleicht kann sie das eine oder andere Bild rahmen lassen und …
 
„Guten Morgen, Chrissilein!“ reißt  eine männliche Stimme sie aus ihren Gedanken. „Seid Ihr schon lange da? Und wo ist Hannes?“ „Hallo, Freddy“  begrüßt Christa den Angekommenen. Freddy heißt eigentlich Alfred, ist der beste Freund ihres Mannes,  und hasst seinen Namen wie der Teufel das Weihwasser.  „Wir sind auch noch nicht lange hier. Hannes ist auf Parkplatzsuche - aber wo hast Du denn Molly heute gelassen?“ Molly ist seine Frau, ihr richtiger Name ist Monika - aber Molly passt - ihrer kleinen, rundlichen Figur wegen - viel besser zu ihr. Ein  gemeinsamer Freund hat sie vor Jahren in leicht angesäuseltem Zustand so tituliert - und der Name ist an ihr hängen geblieben. Aber Molly nimmt das nicht übel - es gibt sowieso nicht viel, das sie aus  der Ruhe bringen kann. „Molly hat Montezumas Rache erwischt“ erzählt Freddy. „Aber sie wollte partout nicht, dass ich ihr Gesellschaft leiste -  zum einen war das Auto schon beladen, und zum anderen gehe ich ihr bloß auf den Geist, wenn ich bei ihr  bleibe. Behauptet sie jedenfalls.“
 
Christa muss grinsen. Aber für weitere Unterhaltung bleibt den beiden momentan keine Zeit. Die ersten Schnäppchenjäger  stürmen den Eingang und die erst halb aufgebauten Verkaufsstände. Ein jüngerer Mann fängt an, in den aufgestapelten Kisten und Tüten herumzukramen. Gleichzeitig erkundigt sich ein anderer nach dem Preis für das Lexikon, während eine ältere Frau die vorläufig  auf einem Campingstuhl  geparkte  Bettwäsche durchwühlt und den Stapel beinahe zum Einsturz bringt. Stress pur! 
 
Freddy verschwindet, um seinen Stand aufzubauen, während Christa versucht, mit allen drei Kunden (und noch einigen mehr, die sich inzwischen eingefunden haben), fertig zu werden.  Wenn doch Hannes nur endlich zurückkäme! Aber das dauert heute. Vermutlich sind wieder alle Straßen im Umkreis von zwei Kilometern rettungslos zugeparkt. Als Hannes nach fünfundzwanzig Minuten endlich kommt, ist der erste Ansturm vorüber. Das Lexikon hat einen Käufer gefunden, ebenso mehrere Handtücher und zwei Badeanzüge, die Christa ausrangiert hat, weil sie schon ziemlich ausgeleiert waren. Dann aber ist erst einmal Flaute. In aller Ruhe können die beiden ihren Stand fertig aufbauen. Leere Kisten und Kartons werden in einer Ecke aufeinander gestapelt, die beiden Campingstühle zurechtgestellt. Jetzt ist auch Zeit für ein Schwätzchen mit den Nachbarn rechts und links hinter den Ständen. Aber nicht lange.

Die Kunden kommen - wie der Wahnsinn - in Schüben. Entweder ist gar nichts los - oder aber es drängen sich ganze Pulks von Neugierigen um die Tapeziertische. Manche Gegenstände werden ständig angefasst, begutachtet, wieder hingelegt. Wie zum Beispiel Christas schwarze Lederjacke. Nicht einer der Kunden geht, ohne sie beäugt, angegrapscht oder  gar anprobiert zu haben. Doch sie bleibt liegen wie Blei  . Vielleicht ist sie zu teuer? Aber 15 Euro für eine echte Lederjacke … Dann eben nicht. Runtergehen wird sie nicht mit dem Preis - lieber nimmt sie das Teil wieder mit nach Hause!
 
Der Vormittag zieht sich. Nach der Hektik am frühen Morgen läuft das Geschäft zäh. Obwohl doch eigentlich ideales Wetter ist, um über den Flohmarkt zu bummeln und nach Schnäppchen zu suchen… Selbst in all den Jahren, die Christa und Hannes jetzt schon hier stehen, sind sie nie dahinter gekommen, warum die Kunden gerade an schönen Tagen ausbleiben, während das Geschäft bei Regenwetter brummt. Sie haben diese Erfahrung schon oft gemacht - aber die Logik bleibt ein Geheimnis.
 
Gegen Mittag läuft Hannes zum nahen Bäcker, um belegte Brötchen zu holen - die Imbissbude direkt am Flohmarkt ist  viel zu teuer. Außerdem wartet das Essen oft sehr lange auf Hungrige - verbrannte Bratwürste und zähe Schweinesteaks zwischen labbrigen Brötchenhälften sind keine Offenbarung. Auch nicht mit Ketchup!  Die belegten Brötchen aus der Bäckerei sind nicht wesentlich besser. Aber der Hunger sorgt dafür, dass sie dort landen, wo sie hingehören - im Magen. Christa macht Kassensturz, während sie lustlos an ihrem Essen mümmelt. Die Einnahmen sind kläglich - sie decken noch nicht einmal die Standmiete. Na toll!
 
Zum Zeitvertreib beobachtet sie die wenigen Leute, die jetzt  noch an den Ständen vorüber bummeln. Gegenüber stöckelt eine junge Frau mit nicht gerade schlanken Beinen, aber einem popokurzen, schwingenden Miniröckchen. Bücken darf die sich nicht, muss Christa denken. Genau DAS wünschen sich aber die beiden Männer am Stand von Freddy, die sich gerade noch für die alten Filmmagazine interessiert haben. Und das nicht einmal leise! 

Kopfschüttelnd dreht sie sich zu Hannes um. Der hat ihr Handy aus dem Einkaufskorb gefischt, in dem sie alles transportieren, was sie im Laufe des Tages brauchen könnten - Getränke, Wäscheklammern, Sonnenmilch, Baseballkäppis und Sonnenbrillen, Batterien zum Vorführen von Elektrogeräten, einen Taschenspiegel, damit Kunde oder Kundin sich darin mit dem neuen Hut bewundern können …  Hannes ist in das Studium der Bundesligaspiele vertieft und nicht ansprechbar. Also vertieft Christa sich wieder in ihre Betrachtungen.
 
Foto: © Christine Rieger
 

Seltsam, was die Leute alles brauchen können! Bücher oder Schallplatten, Antiquitäten, alte Bilder, Zinnkrüge mit und ohne Deckel, einzelne Geschirrteile, Stickbilder ohne Rahmen, Knöpfe, Besteck, Spielzeug, Schuhe, skurrile Hüte,  Gardinen,  unechter Schmuck und längst aus der Mode gekommene Kleidungsstücke wechseln den Besitzer. Niemals wäre es Christa eingefallen, getragene Unterwäsche, Büstenhalter oder  Bikinis  auf dem Trödelmarkt zu kaufen! Oder die kitschigen Heiligenbildchen, die  ihre Nachbarin auf der rechten Seite feilbietet. Und doch finden auch solche Dinge ihre Liebhaber.
 
Christa ist so in ihre Beobachtungen vertieft, dass sie nicht merkt, wie Freddy sich von hinten anschleicht. „Und, wie geht das Geschäft?“ fragt er neugierig.  Erschrocken springt sie auf, fährt  herum und schlägt in der Bewegung ihrem Mann das Handy aus den Fingern, das er ihr eben zurückgeben will. Es fliegt auf den Asphalt. Als Hannes es wieder aufklaubt, ist das Display in tausend Scherben zersprungen. Bingo.
 
„Menschenskind, kannst Du denn nicht aufpassen!“ schreit Christa ihren Mann an. „Wieso ich? DU bist doch gerade in dem Moment herumgefahren, als ich Dir das Handy geben wollte!“ „Und woher soll ich das wissen? Ich habe schließlich hinten keine Augen!“ Bevor die Diskussion in einen handfesten Ehekrach ausarten kann, schreitet Freddy ein. „Hört auf, Euch anzugiften“ sagt er. „Das Handy ist jetzt schon im Eimer - es nützt also nichts, wenn Ihr auch noch einen Scheidungsanwalt bemüht! Also seid friedlich!“ 

Er hat ja recht. Aber der Tag ist gelaufen. Wortlos verlässt Hannes den Verkaufsstand, um das Auto zu holen, während Christa anfängt, die Kleider zusammenzulegen und wieder in den Umzugskartons und Koffern zu verstauen.  Als er wiederkommt, präsentiert er Christa auch noch einen Strafzettel - wegen Parkens im Halteverbot. 
 
„Na, DAS  hat sich ja gelohnt“ konstatiert Christa sarkastisch. Diese neuerliche Pleite kann sie nun auch nicht mehr berühren.  „So, und zur Feier dieses verkorksten Tages gehen wir jetzt in den nächsten Biergarten und verfressen die nicht getätigten Einnahmen.  Kommst Du mit, Freddy?“ „Logisch! Euch kann man doch nicht alleine lassen - sonst geht Ihr vielleicht doch noch mit Messern aufeinander los, und am Montag steht Ihr dann als Schlagzeile in der örtlichen Tageszeitung… Also - ab mit Euch, reserviert mir einen Platz, und wenn ich komme, hätte ich gerne, dass ein Bier und ein großes Schnitzel vor mir steht. Mit Pommes und Salat!“

 
 
© Christine Rieger

 
 
 
 
 

 
 

 
 

 

 

 

 

 

Freitag, 15. Mai 2015

Vielen Dank ...


Liebe Freunde meines Lesebuchs,

 

Ihr habt ja gestern die Geschichte von Marianne gelesen, die aus dem Urlaub direkt in ihr häusliches Chaos gekommen ist. Nun, so ging es mir gestern auch. Und genau wie Marianne habe ich mich gefragt: "Warum bin ich eigentlich zurückgekommen?"
 

 Foto: © Christine Rieger

 
Zuerst einmal möchte ich mich bei Euch allen für die Kommentare bedanken - nicht nur zur Freitags-Geschichte, sondern auch zu meiner Geschichte „Die Fluchtburg“ vom letzten Dienstag. Ja, dorthin wäre ich am liebsten gestern Abend noch geflüchtet!  Oder aber auf der Stelle zurück an unseren Urlaubsort - dort war es soooo viel schöner!
 

 
 Foto: © Christine Rieger

 
Sonst beantworte ich eigentlich immer die Kommentare - aber diesmal hat mir einfach die Zeit gefehlt. In meinem Urlaubsquartier hatte ich leider keine WLAN-Verbindung, und tagsüber waren wir unterwegs - ohne Handy und Tablet. WELCHE ERHOLUNG!
 

Bevor ich mich nun ins Wochenende verabschiede, möchte ich noch ganz herzlich unsere neue Mitautorin Sophie Wortklug begrüßen - sie wird am kommenden Dienstag ihre erste Reizwort-Geschichte bei uns veröffentlichen.
 

Herzlich willkommen, liebe Sophie - und viel Spaß und Erfolg!

 

Eure Geschichten-Erzählerin

 


 

Die Heimkehr


Freitags-Geschichte 




Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 


so allmählich fängt ja wieder die Urlaubszeit an. Vielleicht waren einige von Euch schon verreist (so wie ich), andere haben ihre Ferien noch vor sich und sind gerade mitten in der Planung.


Meine heutige Freitags-Geschichte handelt von Marianne, die gerade aus dem Urlaub zurückgekommen ist. Genau wie ihr ging es mir gestern Abend ...

 
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen und ein wunderschönes, sonniges Wochenende!
 
Eure Geschichten-Erzählerin 

 
 

Foto: © Christine Rieger




Die Heimkehr
 
 
Wieso war sie eigentlich wieder nach Hause gekommen?

Missmutig starrte Marianne auf das Chaos in ihrem Gästezimmer. Zwei Koffer, ein riesengroßer, den ihr Mann immer als "Überseekoffer" bezeichnete (das war ihrer) und einer, der kaum größer war als ihre Handtaschen. Der gehörte Gerhard. Das, was dort hineinging, würde ihm problemlos auch für eine dreimonatige Weltreise reichen. Behauptete er jedenfalls.

Vor dem Kleiderschrank lagen zwei Reisetaschen. Eine davon offen. Wie aus einem überfüllten Bauch quollen Badeanzüge und Handtücher heraus. Auf dem Bett stapelten sich Rucksäcke, Handtaschen und Kleinkram, gnädig zugedeckt von einem ehemals weißen, jetzt aber ziemlich angeschmuddelten Bademantel. Und das Schlimmste: Neun Stapel Wäsche, nach Farben sortiert, starrten sie vorwurfsvoll an. Sie alle warteten darauf, gewaschen, gebügelt und wieder in den Schrank geräumt zu werden....

Marianne hob mit spitzen Fingern eine blaugestreifte Socke auf, die neben dem Gästebett notgelandet war, warf sie auf einen der Wäschestapel, verließ das Gästezimmer und klappte die Türe hinter sich zu. Sie holte sich aus der Küche ein Glas und einen Piccolo, der seit Wochen im Kühlschrank kalt stand, und marschierte damit auf den Balkon. Vorbei an ihrem Gatten, der - wie so oft - im Fernsehsessel eingeschlafen war und leise vor sich hin schnorchelte.

Der weiße Plastikstuhl hätte dringend abgewischt werden müssen - aber es war ihr egal. Sie ließ sich einfach hineinfallen, schenkte sich ihren Sekt ein, schloss die Augen, um die Bushaltestelle und die vorbeifahrenden Autos auszublenden. und kehrte in Gedanken zurück an den Ort, an dem sie bis gestern Abend so glücklich gewesen war...

Vor ihrem geistigen Auge erschien ein weißer Sandstrand, mit Pinien bestanden, in denen Legionen von Zikaden ein Konzert gaben. Der Motorenlärm der vorbeifahrenden Autos verwandelte sich in Meeresrauschen. Die Sonne strahlte von einem blauen Himmel, mit weißen Wölkchen getüpfelt. Sie brauchte nur die Beine auszustrecken, um die Zehen ins Wasser tauchen zu können... Kinder in niedlichen Badehöschen - manche trugen sogar noch Windeln - spielten im flachen Wasser und versuchten die winzigen Fischchen zu fangen, die in ganzen Schwärmen vorbeischwammen. Größere bauten mit Unterstützung ihrer Eltern Sandburgen, spielten Wasserball und ließen sich jauchzend von den Wellen davontragen. Die Erwachsenen genossen - genau wie sie und ihr Mann - lesend, schlafend oder mit Kopfhörer auf den Ohren - im Liegestuhl das Strandleben.

Ein Kellner aus dem Hotel brachte einen großen Eisbecher, den er neben sie auf das kleine Tischchen stellte. Am Strand entlang liefen die unvermeidlichen fliegenden Händler, die kleingeschnittene Melonen, frisches Gebäck, bunte Badetücher oder Strandkleider verkaufen wollten und beim Auftauchen einer Polizeistreife blitzartig ihre Waren zusammenrafften und sich unsichtbar machten. Der Handel hier am Strand war verboten - aber darum kümmerten sich die fliegenden Händler wenig.

Was war das doch für ein herrliches Leben! Konnte es nicht immer so sein?  Abends würden sie - wohlig entspannt - in ein aufgeräumtes Zimmer mit glänzend geputztem Bad kommen und sich in schicke Garderobe werfen, um dann das üppig bestückte Büffet zu plündern. Und - wenn sie Lust hatten (oder besser gesagt, wenn Gerhard Lust hatte) - in eine der vielen Standbars zum Tanzen gehen.....

Sie wurde abrupt aus ihren Träumen gerissen, als hinter ihr die Balkontür mit einem Ruck geöffnet wurde. "Ach, hier bist Du, Marianne", sagte Gerhard. "Ich habe Dich gesucht - was gibt's denn heute zu essen? Ich falle um vor Hunger!"

Aus der Traum. Nun würde sie in die Küche gehen und irgend etwas aus den im Kühlschrank herumliegenden Resten zusammenrühren. Einkaufen konnte sie erst morgen wieder, heute war Sonntag. Ab sofort war SIE wieder für alles zuständig. Kein freundliches Hauspersonal würde ihr die verhassten Hausarbeiten abnehmen. Kaffee kochen, Frühstück machen, das Bad putzen, fürs Mittagessen sorgen, Wäsche waschen, bügeln, Einkaufen, aufräumen, abgerissene Knöpfe annähen, verschusselte Schlüssel und Geldbörsen suchen und - und - und.......

Wieso war sie eigentlich wieder nach Hause gekommen ?



© Christine Rieger