Dienstag, 23. Dezember 2014

Reizwortgeschichte Heiligabend


Liebe Besucher meines Lesebuchs,

mit dieser Reizwortgeschichte möchte ich mich für das  Jahr 2014 von Euch verabschieden.

Ich wünsche Euch und Euren Familien ein besinnliches, friedliches und harmonisches Weihnachtsfest, und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Ab dem 06. Januar 2015 geht es dann wieder los mit neuen Geschichten.

Eure Christine


 


Bilderbuch, Vorbereitungen, schneien, freudig, flauschig




Sechs Uhr morgens. Genüsslich räkelt Britta sich in ihrem Bett. ENDLICH mal nicht so früh aufstehen müssen - was für ein Genuss … Sie wirft einen Blick auf die andere Seite des Ehebetts. Leises Schnarchen tönt herüber und verrät ihr, dass auch Alex noch tief und fest schläft. Sie dreht sich auf die andere Seite, kuschelt sich wieder in die Kissen und schließt die Augen. Gerade will sie wieder einschlafen, als die Schlafzimmertüre mit einem Knall gegen die Wand fliegt. Füße trappeln auf dem Parkettboden. Dann springen zwei Gummibälle auf ihr Bett, bedecken ihre Gesicht mit nassen Küssen und schreien rechts und links in ihre Ohren: „Mami, Papi, aufstehen, heute kommt doch das Christkind!“ „Aber doch nicht schon jetzt“ protestiert Britta unwillig. „Erst heute Abend, wenn es dunkel ist! Geht wieder zurück in Eure Betten, es ist noch lange nicht so weit!“ 


Alex, von dem Getöse ebenfalls aufgewacht, stützt sich auf einen Ellenbogen und wirft den Kindern einen strengen Blick zu.  Doch die vierjährigen Zwillinge sehen ganz und gar nicht ein, dass sie jetzt noch schlafen sollen.  „Was sollen wir denn so lange machen, bis das Christkind kommt?“  quengelt Lukas. „Mir ist so langweilig“ jammert nun auch Laura. „Wisst Ihr was? Ich hole Euch Euer Bilderbuch, das könnt Ihr Euch anschauen“ schlägt Britta vor, in der Hoffnung, sich noch ein paar Minuten Ruhe zu erkaufen.“. „Aber nur, wenn Ihr Euch wieder ins Bett legt!“ Gehorsam marschieren die Kinder wieder zurück in ihr Zimmer. Bücher im Bett anschauen dürfen sie sonst nur, wenn sie krank sind.  


Eine Stunde später steht Britta auf. Sie muss noch so viele Vorbereitungen für den heutigen Abend treffen. Außerdem sind die Kinder verdächtig ruhig. Das ist ihr nicht geheuer. Sie kennt schließlich ihre Pappenheimer. Lautlos öffnet sie die Türe zum Kinderzimmer und wirft einen Blick durch den Spalt ins Innere. Doch sie hat sich umsonst Sorgen gemacht - die Zwillinge sind noch einmal eingeschlafen. Auch Alex ist wieder eingedöst. Himmlische Ruhe!

Nachdem Britta geduscht und Kaffee getrunken hat - die Kinder und Alex schlafen immer noch - fängt sie an, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Alex hat ihn gestern Abend noch aufgestellt. Seitdem ist das Wohnzimmer verschlossen, die Glastür mit einer alten Decke zugehängt. Auch vom Balkon aus kann man nicht ins Wohnzimmer spitzen - der dicke Vorhang an der Balkontür verwehrt jeden Blick nach innen. Brittas Eltern haben diese Tradition damals eingeführt – um das Christkind und die Englein nicht bei ihrer Arbeit zu stören. So wurde es den Kindern damals erzählt. Britta erinnert sich noch gut an die Spannung und die Neugier. Wie oft haben sie und ihre Schwester versucht, durchs Schlüsselloch zu linsen - oder durch die Stores an der Balkontüre… Sie schüttelt die Erinnerung ab. Es ist lange her. Ihr Vater ist vor sechs Jahren gestorben. Ihre Mutter wohnt in einem Pflegeheim, ist dement und erkennt ihre engsten Angehörigen nicht mehr. Aber ihre Tradition lebt weiter. 

Britta hat gerade die letzten Kugeln an den Weihnachtsbaum gehängt, den goldenen Stern auf der Spitze befestigt, und ist nun dabei, die Geschenke unter dem Baum zu arrangieren, als es im Kinderzimmer laut wird. Hastig sperrt sie das Wohnzimmer wieder zu. Die Lichterkette muss Alex später noch anbringen. Das Mittagessen wird heute im Eiltempo abgehandelt – es gibt  Pfannkuchen mit selbstgemachtem Apfelmus. Danach zieht Alex mit den Kindern zum Spielplatz, damit Britta in Ruhe das Abendessen vorbereiten kann. Doch lange halten es die Drei nicht aus. Es ist lausig kalt draußen, und außerdem hat es angefangen zu schneien. Schon nach einer Stunde sind sie zurück. Durchnässt, durchgefroren, quengelig. Kurz entschlossen lässt Britta heißes Badewasser einlaufen, damit die Kinder sich aufwärmen können.. Während Laura und Lukas, eingehüllt in eine flauschige Decke und mit heißem Kakao vor sich am Küchentisch sitzen, und Alex sich eine heiße Dusche gönnt, fegt Britta zwischen Kühlschrank, Herd, Besteckkasten und Geschirrschrank  hin und her, schält Kartoffeln für den Salat, schnippelt die Zutaten, paniert das Fischfilet und bewacht die Suppe, in der die Innereien der Weihnachtsgans vor sich in köcheln. Die Suppe gibt es nachher als Vorspeise,  danach gebackenem Fisch mit Kartoffelsalat, und als Nachtisch Schokoladenpudding, den die Kinder besonders lieben. Nebenbei muss auch noch der Tisch im Esszimmer gedeckt und festlich geschmückt werden. Britta weiß bald nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Zumal die Kinder auch langsam anfangen, ungeduldig zu werden. „Mami, wie lange dauert es denn noch? Das Christkind soll jetzt endlich kommen“ quengelt Lukas. „Ja, und ich muss dringend aufs Klo“ stimmt Laura umgehend ein. „Zuerst müssen wir noch zu Abend essen“ erklärt Alex, der  gerade mit einem Handtuch um die Hüften aus der Dusche kommt und die letzten Worte seiner Tochter gehört hat. Er nimmt sie bei der Hand, um mit ihr zur Toilette zu gehen. 
In diesem Augenblick läutet es an der Haustür.  „Mach bloß die Türe nicht auf!“ Britta kommt aus der Küche gerannt. „Wenn es am Heiligen Abend klingelt und man öffnet, geschieht ein Unglück!“ „So ein Quatsch. Wer hat Dir denn das erzählt!“ Kopfschüttelnd geht Alex öffnen, immer noch in seiner relativ unzulänglichen Bekleidung. Entsetzt flüchtet Britta in die Küche. Eigentlich ist sie gar nicht so abergläubisch. Aber sie hat noch die Worte ihrer Mutter in den Ohren: „Wenn man am Heiligen Abend die Türe öffnet oder zwischen Weihnachten und Neujahr Wäsche auf die Leine hängt, dann stirbt im darauffolgenden Jahr jemand aus der Familie …“ Auf dem Flur erklingen Stimmen. Unbekannte Stimmen. Angst kriecht in Britta hoch. Niemand macht doch um diese Zeit irgendwo einen Besuch, weil alle beim feierlichen Abendessen oder schon bei der Bescherung … Die Küchentüre wird aufgerissen. Eine Gestalt in einer dicken Felljacke, mit zerzausten blonden  Haaren fällt Britta um den Hals. „JENNY! Ja, um Himmels Willen, wo kommst DU denn jetzt her?“ „Direkt vom Flughafen. Meine Güte, bin ICH froh, dass wir es gerade noch rechtzeitig geschafft haben. Wir wollten doch unbedingt mit Euch zusammen Weihnachten feiern, und unser Überlandflug hatte Verspätung, und …“ „Jenny, Schwesterlein, nun halt erst mal die Luft an!“ Alex kommt gemächlich durch die Türe geschlendert, das Badetuch immer noch um seine Taille geknotet. „Du wirst doch sicher nicht in fünf Minuten wieder abreisen, oder?“ Jennifer ist die jüngere Schwester von Alex. Kurz vor Weihnachten im vergangenen Jahr hat sie geheiratet - einen Arzt aus Los Angeles, den sie im Urlaub kennen gelernt hat. Seitdem lebt sie mit ihrem Mann in Kalifornien.  „Wieso hast Du denn nicht vorher angerufen?“ Der leise Vorwurf in Brittas Stimme ist nicht zu überhören. „Und wie geht es Steve?“ „Du kannst ihn selber fragen“ gibt Jenny zur Antwort. Im selben Moment kommt ihr Gatte durch die Türe. Ein großer, schlanker Mann mit einem Cowboyhut, einer dicken, karierten Holzfällerjacke und Wildleder-Boots an den Füßen. Niemand, der ihn so sah, hätte ihn für einen Arzt gehalten. Mit einem Revolver in der Hand und einem Pferd am Halfter wäre er die Idealbesetzung für einen Western. Lukas starrt den Mann völlig entgeistert an. „Mami, ein Cowboy“ schreit er los. „Geh weg, der schießt bestimmt gleich!“ Schallendes Gelächter. Angelockt durch den Lärm, purzelt Laura in die Küche. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Hosen sind um die Knie gewickelt, ihr nacktes Hinterteil leuchtet unter dem weißen T-Shirt. „Mami, ist das der Sheriff?“ Ängstlich drückt sie sich an ihrem Vater vorbei, der noch immer nicht dazu gekommen ist, sich ordentlich anzuziehen. Das Badetuch löst sich, und nun steht auch Alex da, wie Gott ihn geschaffen hat - pudelnackt… Auf einmal fängt es an, fürchterlich zu stinken. „Um Gottes Willen, unser Abendessen!“ Britta wendet sich dem Herd zu. Doch es ist zu spät. In der Bratpfanne finden sich nur noch ein paar verkohlte Reste. 

Tja, da stehen sie nun. Statt freudiger Erwartung ein verdorbenes Essen, das ohnehin nicht für alle gereicht hätte. Ein nackter Ehemann, eine halbnackte Tochter, ein Cowboy ohne Colt und eine Schwägerin, die sich vor Lachen am Boden krümmt.  Britta dagegen ist zum Heulen zumute. „Und was machen wir jetzt?“ fragt sie hilflos. „Wir feiern Weihnachten“ meldet sich Steve zu Wort. Sein Deutsch ist noch ein bisschen holprig, aber das fällt in diesem Augenblick niemandem auf.  

Britta reißt sich zusammen. Sie zieht ihrer Tochter die Hosen hoch und  scheucht ihren Mann ins Schlafzimmer, damit er sich endlich anzieht. Gleichzeitig muss sie Lukas daran hindern, mit den Fingern im Kartoffelsalat herumzurühren. Der Fisch ist nicht zu retten. Aber sie hat zum Glück noch Würstchen im Kühlschrank, die sie hastig in heißem Wasser aufwärmt. In der Zwischenzeit legt sie zwei zusätzliche Gedecke im Esszimmer auf und richtet schnell noch einen gemischten Salat an. Den sollte es eigentlich erst am zweiten Feiertag geben - aber das ist nun nicht zu ändern.  Schließlich versammeln sich alle am Esstisch, nun korrekt angezogen. Und sehr hungrig. Doch es werden alle satt.  

Nach dem sehr verspäteten Abendessen verschwindet Alex heimlich im Wohnzimmer, um mit dem Läuten des goldenen Glöckchens am Weihnachtsbaum das Signal zur Bescherung zu geben. „Ihr könnt kommen, ich habe gerade das Christkind hinausfliegen sehen“ ruft er nach draußen. Gespannt rennen die Kinder ins Wohnzimmer. Die Erwachsenen folgen etwas langsamer. Im Wohnzimmer ist es stockdunkel. Wie vom Donner gerührt, bleibt Britta stehen. Keine Kerze erleuchtet den Weihnachtsbaum. Wahrscheinlich ist in der Lichterkette irgendwo ein Kurzschluss … Heute geht aber auch alles schief! Sie langt zum Lichtschalter. Die Deckenleuchte flammt auf. Und dann … „Mami, guck mal“ schreit Lukas. „Das Christkind hat uns einen nackten Baum gebracht! Da sind ja gar keine Kerzen drauf!“

Es wurde ein unvergesslicher Heiliger Abend! 





 © Christine Rieger

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Dienstag, 16. Dezember 2014

Reizwortgeschichte Advent



Tannenbaum – Weihnachten – schenken – heimlich - golden

Advent

Mami, wie lange dauert es denn noch, bis Weihnachten ist?“
Bettina kam in die Küche gelaufen, wo ihre Mutter am Tisch saß und sich bemühte, aus einem Haufen Tannenzweigen, die ihr Vater gestern aus dem Wald mitgebracht hatte, einen Adventskranz zu binden. Der Tisch war übersät mit Tannennadeln und abgeschnittenen Ästchen. Blumendraht, eine Rosenschere und ein Karton mit Dekorationsartikeln lagen mittendrin. „Noch vier Wochen, Schätzchen“ antwortete Monika. „Schau, wir haben heute den 1. Advent, da zünden wir die erste Kerze an, und dann jeden Sonntag eine weitere, bis es vier sind. Und dann, am 24. Dezember ist der Heilige Abend“. „Ja, ich weiß, Mami“. Bettina rührte mit dem Zeigefinger in den Tannennadeln herum. „Wir haben doch im Kindergarten das Gedicht gelernt „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt …“ „Na siehst Du“. Monika hätte am liebsten laut geflucht. Das, was da unter ihren relativ ungeschickten Händen entstand, sah nicht gerade wie ein Adventskranz aus. Eher wie ein zerrupfter Besen. Es war das erste Mal, dass sie selbst sich daran versuchte. Früher hatte immer ihre Mutter den Kranz gebunden, aber sie war im Frühjahr ganz plötzlich gestorben. Sie fehlte Monika sehr. Und nicht nur wegen des Adventkranzes …
Die Küchentüre öffnete sich, und Opa Friedrich kam herein, Monikas Vater und Bettinas geliebter Opi. Kopfschüttelnd betrachtete er das angefangene Werk. „Ich weiß, ich habe kein Talent zu sowas“ seufzte Monika, noch ehe ihr Vater einen Ton gesagt hatte. „Man kann doch nicht alles können“ tröstete er. „Komm, lass es mich mal versuchen. Du kannst ja inzwischen die anderen Dekorationen anbringen“. „Danke, Papa, das ist lieb von Dir!“ Monika drückte ihrem Vater einen Kuss auf seine silberne Haarpracht und verdrückte sich aus der Küche, froh, dieser ungeliebten Aufgabe entkommen zu können. Friedrich band sich ein Handtuch um die Taille, um seine Hosen vor dem Baumharz zu schützen und machte sich an die Arbeit. „Du, Opi – bringt das Christkind heuer wieder einen Weihnachtsbaum?“ wolle Bettina von ihrem Großvater wissen. „Ich denke schon, Tina“ antwortete der.
„Aber wie kann es das denn schaffen? Alle Kinder auf der Welt bekommen doch einen Tannenbaum, das ist doch eine Menge Arbeit?“ Opa Friedrich überlegte. Wie erklärte man einem fünfjährigen Mädchen, dass das Christkind durchaus irdische Helfer hat? Schließlich wollte er seiner Enkelin nicht ihren kindlichen Glauben und damit den Zauber der Weihnachtszeit nehmen. „Na ja, weißt Du, Tina, das Christkind macht das natürlich nicht alles alleine“ sagte er schließlich. „Und wer hilft ihm dabei? Die Engel?“ „Nein, die Bäume fällt der Förster im Wald. Und dann stellt er sie an verschiedenen Sammelplätzen ab, wo sie das Christkind holt und an die Menschen verteilt“. „Ja, und wer hängt dann die bunten Kugeln dran, und die Kerzen, und die goldenen  Glöckchen, und das Lametta? „Auch da hat das Christkind Menschen, die ihm behilflich sind. Manchmal sind es Mamis und Papis, oder Omas und Opas…
„Gibt es denn das Christkind dann überhaupt?“ wollte Tina nun geradeheraus wissen. Opa Friedrich kratzte sich am Kopf. Nun steckte er wirklich in der Falle!
„Natürlich gibt es das Christkind!“  Die Stimme kam von der Küchentüre und gehörte Ralph, Tinas Vater. „Am nächsten Mittwoch habe ich frei, und dann gehen wir mal alle zusammen auf den Weihnachtsmarkt. Da kannst Du es sehen!“ „Wirklich, Papi?“ Tina sprang vom Stuhl und flog ihrem Papa in die ausgebreiteten Arme. „Hat es auch goldene Flügel, und lange goldene Haare, so wie in meinem Bilderbuch?" Ihre Frage nach der Existenz des Christkinds war vergessen. „Das wirst Du dann schon sehen“. Ralph warf seinem Schwiegervater heimlich einen verschwörerischen Blick zu und zwinkerte mit den Augen. Opa Friedrich fiel ein dicker Felsbrocken vom Herzen. Gerade noch gerettet! Vor lauter Dankbarkeit beschloss er auf der Stelle, seinem Schwiegersohn, einem erklärten Eishockey-Fan, zu Weihnachten Eintrittskarten für ein Heimspiel seiner Mannschaft zu schenken.
Als Monika zwei Stunden später die Küche wieder betrat, um Kaffee zu kochen, stand auf dem Tisch ein ordentlich gebundener Adventskranz, geschmückt mit goldenen Schleifen, roten Kerzen und kleinen Kiefernzapfen. Rings herum saßen „ihre Drei“, hatten einen Teller mit Plätzchen zwischen sich stehen und knabberten zufrieden vor sich hin.


© Christine Rieger

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Montag, 15. Dezember 2014

Es weihnachtet sehr...

Auch wenn ich mit Weihnachten eigentlich nicht mehr viel am Hut habe - so ganz ungeschoren komme ich dann doch nicht davon. Und das nicht einmal so ungern.............
 
 


Es dürfte jetzt ungefähr 10 Jahre her sein, dass ich angefangen habe, meine Glückwunschkarten zu Geburtstagen, Weihnachten, Hochzeiten oder sonstigen Gelegenheiten selber "herzustellen". Nicht nur, weil die gekauften Karten alle irgendwie gleich sind, sondern in der Hauptsache, weil es mir Spaß macht.
 
Die Anfänge waren noch bescheiden. Es begann mit Fotos, auf dem PC ausgedruckt, Zeichnungen von Hand (da musste ab und an mein Mann aushelfen, weil es mit meinem Zeichentalent nicht allzu weit her ist ), ausgeschnittenen Blumen und Pflanzen aus Prospekten, Buchstaben-Nudeln und Gewürzen aus der Küche, wie Zimt, Curry und Paprika. Und mit Bunt- und Filzstiften, natürlich. So nach und nach wurden die Methoden verfeinert. Ich entdeckte in 1-Euro-Shops farbigen Tonkarton, selbstklebende Folie, Stickers, Perlen, Glitterkleber, Bast und Geschenkbänder. Ich schnitt aus Geschenkpapier Motive aus, druckte Glückwünsche am PC und verwendete alles, was mir so vor die Finger kam. Es gibt eigentlich nichts, was ich nicht sammle, um es irgendwann für meine Glückwunschkarten-Bastelei zu verwenden.
Und nun sieht es in meiner Küche kurz vor Weihnachten immer aus wie in einer Werkstatt. Auf der Eckbank kann schon wochenlang vor Weihnachten niemand mehr sitzen - alles ist mit meinen Bastelsachen vollgestapelt. Nur der Platz an der Schmalseite, auf dem ein Mann beim Essen sitzt, bleibt verschont. Anfangs hatte ich EINEN Schuhkarton mit Material - inzwischen besitze ich einen Werkzeugkasten aus dem Baumarkt für die ganzen Perlchen und Kügelchen, und mehrere Obstkisten und Schuhkartons...... Gott sei Dank toleriert mein Mann das mit meinem Hobby verbundene Chaos. Er lästert nur ab und zu mal, weil man noch wochenlang nach Beendigung meiner Tätigkeit in der ganzen Wohnung Papierschnipsel, Glitterkram und heruntergefallene Perlen findet.
 
Aber so ist das nun mal - wo gehobelt wird, da fallen Späne......

 

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Weihnachtsfeen


 
„In diesem Jahr werde ich wohl nicht dazukommen, Weihnachtsplätzchen zu backen“ verkündete Monika am Freitag vor dem ersten Advent, als die Familie sich zum Nachmittagskaffee im Wohnzimmer versammelt hatte.

„Och, schade. Warum denn  nicht, Mami?“ wollte die fünfjährige Bettina wissen.„Weil ich jetzt vor Weihnachten nicht nur die ganze Woche, sondern auch  jeden Samstag  bis zum Abend arbeiten muss“ antwortete Monika. „Verena ist gestern gestürzt und musste ins Krankenhaus. Sie ist operiert worden und wird mehrere Wochen ausfallen… Na ja, und so schnell findet meine Chefin natürlich keinen Ersatz!“ 
Vor einigen Monaten hatte Monika durch Zufall  den Job in einer Boutique in der Fußgängerzone gefunden, der ihr sehr viel Spaß machte. Anfangs nur als Aushilfe, aber inzwischen war sie zur Filialleiterin avanciert. Es kam so gut wie nie vor, dass eine Kundin den Laden verließ, ohne irgendetwas gekauft zu haben. Und wenn es nur eine Kleinigkeit war - ein Schal, ein Paar Strümpfe, ein Halstuch oder eine Kette. Meistens jedoch verließen die Kundinnen mit prall gefüllten Einkaufstüten und leerem Geldbeutel den Laden. Zum Schrecken ihrer Ehemänner  - aber zur großen Freude der Geschäftsführerin der Boutique. Jetzt, in der Vorweihnachtszeit, war natürlich Hochkonjunktur. Jede Kraft wurde gebraucht,   um Ware auszupacken, mit Preisetiketten zu versehen, auf Bügel zu hängen und dann hübsch ansehnlich im Laden zu präsentieren. Und für den Verkauf, natürlich.
Monika war dieses „Zubrot“ sehr willkommen - das Einkommen ihres Mannes war alles andere als üppig, und wenn Opa Friedrich nicht jeden Monat einen bestimmten Betrag als „Miete“ bezahlen würde, wären sie wohl kaum über die Runden gekommen. „Vielleicht backen ja die Weihnachtsfeen die Plätzchen“ meinte Opa Friedrich augenzwinkernd. „Papa, Du sollst doch Tina nicht immer solche Geschichte erzählen“ tadelte Monika ihren Vater. „Am Ende glaubt sie wirklich noch, die Heinzelmännchen machen hier die Arbeit! Weihnachtsfeen gibt es nicht!“ „Das stimmt doch gar nicht“ protestierte Tina energisch. „Ich weiß doch, dass DU immer die Plätzchen gebacken hast, weil ich Dir dabei geholfen habe!“ „Nun gut, dieses Jahr gibt es halt mal keine. Wenn Du älter bist, kannst DU das ja übernehmen …“
Sie schob ihre leere Kaffeetasse beiseite und stand auf, um schnell noch die Waschmaschine anzustellen. Morgen musste sie sehr früh aus dem Haus. Die Boutique öffnete um neun Uhr, aber vorher war noch eine Lieferung mit Pullovern auszuzeichnen und in die Regale zu räumen, bevor der Ansturm der Kunden begann. Monika schlief schlecht in dieser Nacht. Schon um fünf Uhr stand sie auf, deckte den Frühstückstisch für ihren Vater und Tina, kochte Kaffee, und nachdem alles bereit war, fuhr sie um sieben Uhr los zu ihrer Arbeitsstelle. Friedrich Hartmann hörte seine Tochter wegfahren. Schon wenige Minuten später tappte seine Enkelin die Treppe nach oben. Monika hatte ihrer Tochter eingeschärft, ja  keinen Krach zu machen, wenn sie aufwachte. Ihr Mann arbeitete als Taxifahrer und war erst gegen Morgen nach Hause gekommen. Er brauchte seinen Schlaf. 
„Und was machen wir heute?“ wollte Tina beim gemeinsamen Frühstück mit ihrem Opa in der Küche wissen.„Wir backen Plätzchen“ gab Friedrich Hartmann zur Antwort. „Und dann erzählen wir Mami, dass die Weihnachtsfeen da waren“ jubelte Tina. „Aber - kannst Du denn überhaupt Plätzchen backen?“ Ihr Gesicht war ein großes Fragezeichen.„So schwer kann das doch nicht sein. Es gibt schließlich Rezepte, in denen drinsteht, wie man es machen muss“ meinte Friedrich. „Und wenn Du mir hilfst, dann schaffen wir es schon!“ „Ich weiß, wo Mami ihre Rezepte hat“. Tina sprang so hastig von ihrem Stuhl, dass sie fast die Tasse mit dem heißen Kakao umgeworfen hätte. „Langsam, Tinchen! Wir haben den ganzen Tag Zeit! Und sei bitte nicht so laut, damit wir Deinen Papa nicht stören, ja?“
Nachdem der Frühstückstisch abgeräumt war, holte Tina den  Holzkasten, in dem Monika ihre sämtlichen Rezepte aufbewahrte, säuberlich auf Karteikarten geschrieben.   Auf einem alten Briefumschlag notierte Friedrich Hartmann die Zutaten für Buttergebäck, Kokosmakronen, Vanillekipferl  und  Schokoladenplätzchen. „So, jetzt müssen wir erst mal zum Einkaufen, und wenn wir zurück sind, fangen wir an“ meinte er schließlich. Kurze Zeit später machte er sich, mit Tina an der einen Hand und einem großen Einkaufskorb in der anderen, auf dem Weg zum nächsten Supermarkt. Eine gute Stunde später kehrten die beiden Bäckergesellen voll bepackt zurück.
Und während Monika und ihre beiden Kolleginnen in der Boutique von den Kunden schier überrannt wurden und kaum Zeit zum Luftholen fanden, vergnügten sich Tina und ihr Opa zu Hause in der Küche. Friedrich Hartmann knetete Teig, formte Vanillekipferl, die erst nach länger Übung eine halbwegs ansehnliche Form bekamen, schob Blech um Blech  in den Ofen und hievte sie, geschützt  mit dicken, gepolsterten Küchenhandschuhen wieder heraus.Tina wälzte die Kipferl in Zucker, stach Plätzchen aus, bemalte sie nach dem Abkühlen hingebungsvoll mit Schokoladenglasur – und nicht wenige fanden zwischendurch gleich den Weg in ihren Mund. Vor lauter Eifer vergaßen die beiden Bäcker sogar das Mittagessen. Was aber niemandem auffiel. Plätzchen sättigen ja schließlich auch.
Am Spätnachmittag standen im Wohnzimmer auf dem Tisch mehrere große Teller mit fertigem Weihnachtsgebäck. Opa hatte aus dem Garten noch ein paar Zweige von der großen Fichte geholt und dazwischen drapiert. Wunderschön sah es aus! Nur die Küche war ein einziges Schlachtfeld. Ralf, Tinas Vater, fiel aus allen Wolken, als er gegen vier Uhr aufwachte und die Bescherung entdeckte. Aber er nahm es mit Humor. „Donnerwetter“ bemerkte er grinsend. „Backen können sie ja, die Weihnachtsfeen - aber  von Ordnung halten sie nicht sehr viel …“ Genüsslich schob er sich zwei Vanillekipferl in den Mund und schob die anderen zusammen, so dass die Lücke auf dem Teller nicht auffiel. „Schmeckt prima“ stellte er anerkennend fest. „Aber nun müssen wir zusehen, dass wir hier wieder Ordnung schaffen.  Mami trifft der Schlag, wenn sie nach Hause kommt, und sieht diesen Saustall …“ Zu dritt machten sie sich darüber her, die Unordnung zu beseitigen. Zwei Stunden später war keine Spur mehr von der Tätigkeit der beiden Bäcker zu finden. Selbst das schmutzige Geschirr war abgespült und stand wieder im Schrank.
Es war schon fast halb neun Uhr abends, als Monika endlich nach Hause kam. Sie fiel fast um vor Müdigkeit, ihre Füße brannten wie Feuer. Hunger hatte sie auch. Vor lautet Hektik hatte sie nicht einmal Zeit gehabt, sich ein Brötchen von Bäcker zu holen… Sie schleuderte ihre Schuhe in die Ecke, warf den Mantel einfach über einen Küchenstuhl und die Handtasche daneben. Im Wohnzimmer brannte Licht, Der Fernseher lief, irgendeine Musiksendung. „Leise rieselt der Schnee“ klang es ihr entgegen. Der Tisch bog sich unter Tellern mit Plätzchen. Tina. ihr Vater und Opa Friedrich saßen einträchtig auf der Couch. Alle drei schliefen tief und fest. Monika lächelte. Liebevoll strich sie ihrer Tochter das zerzauste Haar aus dem Gesicht und drückte ihrem Mann einen Kuss auf die Nasenspitze. Opa Friedrich gähnte laut und öffnete die Augen. „Na, habt Ihr einen schönen Tag gehabt?“ fragte Monika.
 
„Hallo, Mami“ murmelte Tina verschlafen. „Hast Du schon gesehen? Es gibt DOCH Weihnachtsfeen. Auch wenn Du es nicht glaubst…“

 

© Christine Rieger

Dienstag, 9. Dezember 2014

Reizwortgeschichte: Klassentreffen

Schlankheitskur – Schönheitswahn – hungrig – zerzaust – dumm

Klassentreffen

Sie hatten sich zur Abschlussfeier der Mittleren Reife zum letzten Mal gesehen. 50 Jahre war das her. Und nun wollten sie sich nach dieser langen Zeit wieder treffen. heute Abend, in einem Edelrestaurant mitten in der Stadt.
Sicher hatten sich ihre ehemaligen Klassenkameradinnen alle sehr verändert. Ob sie wohl jemanden wiedererkennen würde? Und was sollte sie zu diesem Anlass nur anziehen? Ratlos stand Margit vor ihrem Kleiderschrank und inspizierte den Inhalt. Schließlich wollte sie ja nicht unangenehm auffallen… weder im positiven noch im negativen Sinn.
Die Kleiderbügel mit den Hosen schob sie gleich auf die Seite. Die meisten davon passten ihr nicht mehr. Sie hatte in den letzen Jahren etliche Kilos zugenommen  und fühlte sich darin wie eine zu fest gestopfte Blutwurst. Also zu den Röcken. Aber auch da war die Auswahl sehr eingeschränkt. Die meisten waren einfach nur praktisch - Gummibund, gedeckte Farben, Blumen- oder Karomuster. Für einen solchen Anlass denkbar unpassend. Der einzige Rock, der in Frage kam, war ein schwarzer, wadenlanger Glockenrock.  Wenn sie darüber ihre neue Longbluse trug, und das Ganze mit ordentlich Schmuck garnierte, müsste es gehen. Sie nahm den Rock vom Bügel und stieg hinein. Das heißt – sie versuchte es. Aber der Bund ließ sich noch nicht einmal über die Hüften ziehen. Geschweige denn, dass der Knopf zu schließen war …
„Hölle und Verdammnis“ fluchte sie laut, riss sich den Rock wieder herunter und warf ihn aufs Bett.  Wie viele Schlankheitskuren hatte sie schon ausprobiert! Sie hatte sich tagelang nur von harten Eiern und Weißwein ernährt, Bananen und Würstchen gegessen, bis sie keine mehr sehen konnte,  Trennkost und Weight Watchers ausprobiert - mit dem  Ergebnis, dass ihr Geldbeutel immer dünner und sie selber immer dicker wurde. Denn nach jeder Diät hatte sie mehr zugenommen als sie vorher abgespeckt hatte… Sie wandte sich ihren Kleidern zu. Viele hatte sie nicht – aber dann entdeckte sie in der hintersten Ecke ein schwarzes Schlauchkleid. Sie hatte das Teil vor Jahren mal spottbillig im Ausverkauf erstanden, dann aber mangels Gelegenheit nie getragen. Jetzt zog sie es über den Kopf, zerrte es über die Hüften hinunter, strich es glatt und beäugte sich misstrauisch von allen Seiten im Spiegel. Sie erinnerte sich, dass es beim Kauf sehr weit gewesen war. Jetzt saß es hauteng und gab sämtliche Speckpölsterchen gnadenlos den Blicken des Betrachters preis.
„Verdammter Schönheitswahn“ schimpfte sie. „Wer zum Kuckuck hat bloß die Devise ausgegeben, dass nur spindeldürre Hungerhaken mit Storchenbeinen, bei denen man die Rippen durch die Bluse zählen kann, als schön durchgehen? Diese vermaledeiten Modeschöpfer mit ihren „Musen“ waren schuld daran, dass sich Legionen von Frauen hungrig durch den Tag quälten, keine Freude mehr am Leben hatten und jedes Gramm, das die Waage zu viel anzeigte, als Super-Gau empfanden … NEIN! So dumm bin ich nicht mehr!  Plötzlich fiel ihr Blick auf ihre Armbanduhr. Heißer Schrecken fuhr ihr in die Glieder. Schon sechs! Um halb acht war das Klassentreffen angesetzt, und sie stand immer noch in ihrem hautengen Schlauch vor dem Spiegel!  Hastig riss sie einen dünnen, türkisfarbigen  Pullover  mit Lochmuster aus dem Schrank. Der hatte lange Ärmel und reichte ihr bis weit über die Hüften. Sie zog ihn über das Schlauchkleid. Perfekt. Die Rettungsringe waren getarnt. Jetzt noch ein Seidenschal, der die Falten am Hals verdeckte, schwarzer Modeschmuck, große Ohrringe … Sie raste ins Bad. Entsetzt starrte sie ihr Spiegelbild an. Die schulterlangen, kastanienbraun getönten  Haare waren vollkommen zerzaust - sie hätte problemlos als Hexe im Theater auftreten können! Für eine  Generalsanierung der Frisur war es nun zu spät. Kurzerhand  band sie ihre Haare mit einem Zopfgummi zum Pferdeschwanz, steckte ihn auf dem Hinterkopf zu einem lockeren Knoten zusammen und zupfte ein paar Strähnen heraus, um die Strenge abzumildern. Großzügig Haarspray drüber und fertig. So, nun noch die Schminke. In ihrer Hektik rutschte sie mit der Wimperntusche ab. Das Zeug brannte höllisch in den Augen. Schwarze Bäche rannen ihr die Wangen hinunter. Am liebsten hätte sie geheult. Kurz entschlossen wischte sie die ganze Schminke wieder ab. 
„Ist doch sowieso schon alles egal“ dachte sie wütend.  „Sollen doch meine Klassenkameradinnen von mir denken, was sie wollen - die werden ja auch nicht mehr so jung und knackig sein wie in unserer Schulzeit!“
Zehn Minuten nach acht betrat Margit das Restaurant. Ein Kellner führte sie zu dem Tisch, an dem ihre früheren Mitschülerinnen sich versammelt hatten. Vierzehn Augenpaare sahen ihr entgegen und musterten sie neugierig. Langsam trat sie an den langen Tisch. Das konnte doch nicht sein – war sie hier überhaupt richtig? Kein einziges der Gesichter kam ihr bekannt vor. Sie hatte das Gefühl, im Café eines Senioren-Wohnstifts gelandet zu sein. Die Frauen, die dort am Tisch saßen, waren ALT. Es gab keinen anderen Ausdruck dafür. Faltige, ungeschminkte Gesichter. Müde Augen. Graue Dauerwellen, teilweise mit Lila-Stich, graue Schnittlauchlocken.  Rundliche Figuren. Bandagierte Beine in Gesundheitssandalen. Eine der Damen saß im Rollstuhl. Neben einer anderen war ein Rollator geparkt. Dabei waren sie doch alle erst Mitte 60!
Eine der Damen stand auf, als sie den Tisch erreicht hatte, und reichte Margit die Hand. „Schön, dass Du gekommen bist“ sagte sie. „Falls Du Dich nicht mehr an mich erinnern kannst: Ich bin Anita - Deine Banknachbarin …“  

© Christine Rieger

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Dienstag, 2. Dezember 2014

Reizwortgeschichte: Überraschungsbesuch

Herzlich willkommen auf meinem neuen Blog "Christines Lesebuch".

Ich freue mich sehr, dass Du hierher gefunden hast und hoffe, dass meine Geschichten und Märchen Dir Freude machen werden.



Hier kommt nun meine erste Reizwort-Geschichte mit dem Titel "Überraschungsbesuch".

Viel Spaß beim Lesen!



Herzliche Grüße



Christine

Speck, Idee, armselig, wischen, wütend


Überraschungsbesuch


Brrrrrt.… Brrrrrt ….Brrrrrt ….Brrrrrt …Brrrrrt ….

Das blecherne Gekreische des Telefons riss Martin aus dem Tiefschlaf. Wütend strampelte er die Bettdecke zur Seite, rappelte sich auf und stolperte fluchend in die Diele, wo das nervende Ungetüm unbeirrt auf einem Tischchen vor sich hin plärrte. Sein Blick fiel auf das Display des Telefonhörers. ZEHN Uhr morgens. Und das an einem Samstag! Wo, verdammt noch mal, war denn Conny bloß? Das konnte doch nur  ihre Mutter sein, die zu dieser unchristlichen Zeit anrief. 
Wie fast alle älteren Leute litt seine Schwiegermutter an seniler Bettflucht, hatte spätestens um acht gefrühstückt und steckte nun voller Tatendrang, den sie austobte, indem sie alle Verwandten telefonisch aus dem Schlaf riss, um sich nach ihrem werten Befinden zu erkundigen …
„Berger“ schrie er in den Hörer. Er hasste es wie die Pest, wenn er noch vor  der ersten Tasse Kaffee vollgequasselt wurde. Noch dazu, wenn er - wie letzte Nacht - erst gegen drei Uhr früh ins Bett gekommen war. 
„Oh weh, da hat aber jemand noch gar nicht ausgeschlafen“ ertönte eine muntere Stimme aus dem Hörer. Eine männliche.  Also nicht seine Schwiegermutter. Martin schlurfte, den Telefonhörer in der Hand, zurück ins Schlafzimmer. Mit den Zehen angelte er unter dem Bett nach seinen Pantoffeln, die sich irgendwo darunter verkrümelt hatten, fand sie nicht und ließ sich kurzerhand wieder in die Kissen  fallen. 
„Wer is’n da überhaupt?“ nuschelte er. 
„Na ich bin‘s, Jochen“. Der andere hüstelte. „Nun sag bloß noch, Du kannst Dich nicht mal an Deinen eigenen Bruder erinnern!“ 
„Doch. Aber nicht am Samstagmorgen um Zehn. Da schlafe ich nämlich noch“ brummte Martin. 
„Dann wird’s Zeit, dass Du aufstehst!“ Martin sah seinen Bruder förmlich durch den Hörer grinsen. „Wir sind nämlich gerade auf dem Weg nach Süden in den Urlaub und wollten Euch mal wieder besuchen!“ 
Martin seufzte abgrundtief. Er liebte seinen Bruder wirklich, aber musste der immer so überfallartig hier aufschlagen? 
„Na schön“ knurrte er gnädig. „Aber viel zu essen haben wir nicht mehr da - Conny ist noch nicht zum Einkaufen gekommen…“
„Macht nichts“ meinte Jochen. „Dann gehen wir eben ins Restaurant.  Also,  wir sind auf dem Weg, in zwei Stunden kommen wir!“ 
Noch ehe Martin etwas erwidern konnte, wurde der Anruf beendet. Was nun? Jochen kam aus Hannover, hatte schon mindestens fünf Stunden Fahrt hinter  sich und mit Sicherheit einen Bärenhunger. Verfressen war er auch - er konnte Portionen verdrücken, die ihm und Conny für drei Tage reichen würden! CONNY! Wo war die überhaupt? Martin hievte sich wieder aus dem Bett, bugsierte den Telefonhörer auf die Ladestation, angelte seine Hausschuhe unterm Bett hervor und schlappte in die Küche, um den Inhalt des Kühlschranks zu inspizieren. 
Was er vorfand, war einfach nur armselig. Drei Scheiben Wurst, die vermutlich sogar der Dackel des Nachbarn verschmähen würde. Ein Joghurt mit längst abgelaufenem Verfalldatum. Ein schäbiges Restchen ranzige Butter. Im Gemüsefach ein Bund Radieschen mit welken Blättern. Ein halb leeres Glas mit Marmelade. Sonst nichts. 
Damit seinen gefräßigen Bruder und dessen Frau abzufüttern, war ein Ding der Unmöglichkeit.  Während er noch überlegte, ob er sich dem Besuch nicht lieber durch sofortige Flucht entziehen sollte, schepperte es an der Wohnungstüre. Die Türe wurde mit Karacho aufgeschubst und knallte gegen die Wand. Durch die entstandene Öffnung zwängte sich Conny, beladen wie ein Packesel. Sie schleppte einen riesigen Einkaufskorb, vollstopft mit Lebensmitteln. In der anderen Hand einen Sack Kartoffeln und eine Plastiktüte, aus der oben Grünzeug heraushing, das schrecklich gesund aussah. Unter den Arm hatte sie eine Großpackung Toilettenpapier geklemmt.
„Mahlzeit, mein Schatz“ lachte sie fröhlich. „Ich dachte schon, Du stehst heute erst zur Tagesschau auf“.
„Jochen kommt“ knurrte Martin statt einer Begrüßung,  in einem Ton, als wolle er einen Todesfall verkünden. „In zwei Stunden!“.
„Na, dann haben wir ja Glück, dass ich schon zum Einkaufen war“ meinte Conny.“Aber nun - husch, husch, sieh zu, dass Du endlich in die Puschen kommst!“
Sie scheuchte ihren Gatten mit einer Handbewegung aus der Küche und begann, ihre Einkäufe aufzuräumen. Während sie die schäbigen Reste aus dem  Kühlschrank in der Mülltonne entsorgte, kam ihr schon eine Idee für das Mittagessen. Bohneneintopf mit Speck. Den konnte sie mit  Kartoffeln so strecken, dass er für alle reichte. NUR mit den Bohnen würde sie  nicht mal Jochen alleine satt bekommen. Sie kannte seinen ungeheuren  Appetit, der sie immer an Bud Spencer in seinen Filmen erinnerte.  Aus dem Vorratsschrank holte sie die beiden Dosen mit Bohnen, die schon seit langem darinstanden. Martin musste die mal gekauft haben - sie selber mochte keine Hülsenfrüchte. Speck hatte sie vom Metzger mitgebracht. Dazu frisches Weißbrot, einen gemischten Salat, und als Dessert Eis mit Sahne. Das konnte sie mit ihrer Küchenmaschine im Nu selbst herstellen. Eigentlich müsste das reichen. In Windeseile machte sie sich an die Arbeit. 
Als Martin eine halbe Stunde später aus dem Bad kam, und sich seinen ersten Kaffee einverleibte, war das Mittagessen bereits in Arbeit. Kurz nach zwölf Uhr fuhr Jochens klappriger Renault, den nur noch der Rost und jede Menge Schmutz vor dem Auseinanderfallen bewahrten, vor dem Haus vor. Der Tisch war gedeckt, der Bohneneintopf stand auf der Herdplatte zum Warmhalten, das Eis im Gefrierschrank. Hastig wischte Conny noch einmal mit dem Küchenhandtuch über die Arbeitsplatte, warf einen kurzen Blick in den Spiegel, um eine herunterhängende Haarsträhne zu befestigen und lief dann hinter Martin her, um die unerwarteten Gäste willkommen zu heißen.


© Christine Rieger

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